Der Langstreckenläufer

Die folgende Kurzgeschichte habe ich vor über zwanzig Jahren geschrieben. Heute möchte ich sie allen Langstreckenläufern da draußen widmen.

I.

Sein Herz pochte nahezu im Takt mit seinem Lauf. Jahrelang hatte er sich auf diesen Wettkampf vorbereitet, der eben mit dem Startschuss eröffnet wurde. Seine Bewunderung für die Ausdauer und Entschlossenheit der Langstreckenläufer hatte sich im Laufe der Zeit in eine regelrechte Besessenheit verwandelt. Einst hieß es noch „Laufen hält gesund“, und man konnte sich mit ihm viel über die Vitalität, die so ein intensiver Sport mit sich bringt, unterhalten. Aufmerksame Zeitgenossen wussten jedoch zu berichten, dass er in den letzten Tagen viel weniger als sonst redete. Wenn man ihn darauf ansprach, verwies er stets auf sein mentales Training. Nur unter Dauerbeschuss mit vielen Fragen konnte einer seiner Bewunderer ihm ein bruchstückhaftes Bekenntnis entreißen: „Ich habe bislang Unerreichtes vor. Schaut mir morgen zu und seht, was Laufen heißt.“ Die bewundernden, ja ehrfurchtvollen Blicke der Zuschauer waren das, was ihn am meisten antrieb. Alle Muskeln und Hirnareale arbeiteten heute für einen beispiellosen Sieg. Und in Wirklichkeit war jede noch so lange Distanz kurz. Die Mitstreiter um ihn herum würde er alle schon bald hinter sich lassen. Er hatte nicht jahrelang gearbeitet und seinen Körper allen erdenklichen Torturen unterzogen um hier über einen zweiten oder dritten Platz zu spekulieren. Er wusste, er würde gewinnen, mit erhobenen Armen durch das Ziel stürmen. Seine Stirn wurde geziert von Schweißperlen, die manchmal sanft seine Wangen herunterliefen. Unermessliches Glück – das war es, was er seit langem suchte und in diesem Wettkampf zu finden hoffte.

Seine Energiereserven teilte er sich sorgsam für die Etappen des Laufes ein, wobei er stets einen Teil seiner Kräfte für seine geistige Aktivität reservierte. Damit motivierte er sich und feierte jetzt schon seinen in Aussicht stehenden Ruhm. Für Bescheidenheit war in diesem Wettkampf in der Tat kein Platz. Zuschauermassen sah er an sich vorbeifließen, schöne, große Augen, die ihn neugierig und voller Ehrfurcht musterten und ihn schließlich wieder in die Ferne entließen. Und er spürte, wie sein Herzschlag langsam stärker wurde. Das gehörte dazu, waren diese dumpfen Schläge doch die Vorboten des unvergleichlich süßen Stimmungshochs, das einen guten Lauf begleitete. Mittlerweile hatte der Langstreckenläufer die meisten Mitstreiter schon abgehängt, da fiel ihm plötzlich der Läufer mit der Nummer 39 ins Auge. Unglaublich. Nummer 39 war ihm als Spitzensportler der Region nur zu gut bekannt. Bei bislang jedem gemeinsamen Wettkampf hatte ihm Nummer 39 im letzten Moment den Rang abgelaufen. Heute war es endlich soweit ihm all diese Niederlagen mit einem klaren Sieg heimzuzahlen. Der Langstreckenläufer positionierte sich genau so, dass er an Nummer 39 vorbeilaufen konnte. Mit ernster Mine und einem unbeschreiblichen Glücksgefühl zog er wie ein Panther an ihm vorbei und genoss die Vorstellung, wie Nummer 39 ihm hinterherblicken würde. Ja, heute war der Tag des Langstreckenläufers. Doch das war erst der Anfang. Denn dies sollte der Lauf seines Lebens werden.


II.

Die große Traube der Läufer floss immer weiter auseinander, während die Abendsonne die Fassaden der Stadt in ein sanftes Orange tauchte. „Na warte, Sonne. Dich werde ich auch noch einholen“, ging es dem Langstreckenläufer kurz durch den Kopf. Er musste schmunzeln, denn die Sonne wäre als Gegner wohl doch eine Nummer zu groß gewesen. Merkwürdigerweise sah man in diesem Teil der Strecke viel weniger Zuschauer als am Anfang. Von den Läufern war ohnehin nicht mehr viel zu sehen, hatte er die meisten ja schon hinter sich gelassen. Aber er merkte auch, wie seine Beine langsam schwerer wurden und er eine Atempause gebrauchen könnte. „Nein!“, stieß er aus, und versuchte gegen die sich anbahnende Müdigkeit anzukämpfen. Die Sonne war mittlerweile hinter dem Horizont verschwunden und dem Langstreckenläufer war der kurze Anflug von Größenwahnsinn nun unangenehm peinlich. Dabei hatte das mit der Sonne doch gar nicht ernst gemeint. Warum konnte er das nicht einfach vergessen? Während sein Körper geradezu mechanisch weiterlief, verlor er sich in weiteren wirren Gedanken, und ohne dass er etwas merkte, war es schon dunkel geworden. So sehr muss er mit inneren Rechnungen beschäftigt gewesen sein, dass er nun nicht mehr wusste, ob, und wenn ja, wie viele Läufer vor ihm waren. Wie lange war er auf dem Weg abwesend? Zehn Minuten, fünfzehn oder dreißig? Oder waren es gar Stunden? Als er sich beim Lauf umdrehte, sah er weit hinter sich helle Flecken, die langsam das Pflaster entlangkrochen. Das waren sicherlich die mittlerweile schon ermüdeten Mitstreiter. Nummer 39 war bestimmt auch unter ihnen. War der Langstreckenläufer auch über dieses Pflaster gelaufen? Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Vermutlich war er dort noch in Gedanken versunken und hatte deshalb nicht viel registriert. Wie auch immer: Der Langstreckenläufer war offensichtlich mit großem Abstand erster. Aber – warum war das Ziel immer noch nicht in Sicht, obwohl doch eine so große Strecke hinter ihm lag? Und wieso lief er hier ohne jeden Zuschauer oder Mitstreiter? Verlaufen konnte man sich auf dieser Strecke ja nicht. „Wo sind sie?“, murmelte er leise vor sich hin.

Während er an geradezu surrealistisch anmutenden Bäumen vorbeilief, spürte er ein zunehmendes Unbehagen der Brust. Warten. Sollte er warten? Oder würde das seine klare Siegeschance gefährden? Was, wenn die Läufer ihn einholten? Aber was, wenn… – hier überkam ihn ein kalter Schauer – was, wenn sie gar nicht mehr kämen? Keine Spur war mehr von den Menschen zu sehen, deren Konkurrenz und Bewunderung ihn doch zu Übermenschlichem angefacht hatten. Er, der aller Welt etwas beweisen wollte, der sich unbedingte Anerkennung durch einen grandiosen Sieg erkämpfen wollte, hatte sich in eine seltsame Einsamkeit verrannt. Erschüttert und angewidert von diesen Gedanken blieb er ruckartig stehen und atmete mit geschlossenen Augen zweimal langsam durch. Dann öffnete er die Augen ganz weit und blickte zaghaft um sich. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. In was für einer bizarren Welt war er nur angekommen? Es gab nur eine Erklärung: Diese düstere Gegend gehörte zur Laufstrecke dazu. Und er war bereit dieses vorübergehende Abseits für seinen Ruhm in Kauf zu nehmen. Er holte tief Luft, ballte die Fäuste und stieß einen lauten Kampfschrei aus. Das vertrieb alle Unsicherheit und ließ die Bäume um ihn herum geradezu zusammenzucken. Dann holte er aus, drückte sich mit dem rechten Fuß ab und lief entschlossen und mit neuer Energie aufgeladen weiter. Und wie er lief! Wie in alten Zeiten, dachte sich der Langstreckenläufer.


III.

Alte Zeiten – in der Tat verfloss die Zeit schneller als man meinen könnte. Er durchlief bei allen erdenklichen Wetterbedingungen zahllose Straßen und Städte. Überall begegnete er neuen Menschen, an denen er wie ein Wirbelwind vorbeifegte, und hinterließ dabei stets eine Spur des Mystischen und Geheimnisvollen. Die Legende des einsamen Langstreckenläufers sprach sich schnell herum. „Ein Verrückter!“, meinten manche. Andere sagten, er sei unsterblich und liefe schon seit Jahrhunderten ohne einmal stehengeblieben zu sein. Als das Schicksal allem und jedem einen Anfang und ein Ende zuwies, sei er unbedacht geblieben, meinten wiederum andere. Deswegen sei er seit Ewigkeiten auf der Suche nach seiner Bestimmung. Er glaubte oft, dass er endlich über die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Zu seiner großen Überraschung stellte er jedoch jedes Mal fest, dass er sich geirrt hatte. Denn immer folgte der zurückgelegten Strecke nochmals eine, die noch länger war. Er zählte oft seine Schritte, aber brach das Zählen wieder ab. Manchmal, weil er an Menschen vorbeilief, die ihn an gute alte Zeiten erinnerten, an all die großen, schönen Augen, für die er bereit war alles zu geben. Sogar an Nummer 39 musste er oft denken. Manchmal aber brach er ab, weil er sich die übergroßen Ziffernkolonnen nicht merken konnte. Auf was für eine verfluchte Strecke war er nur gestoßen! Geradezu wehmütig blickte er den vorbeiziehenden Menschen ins Gesicht, die den Langstreckenläufer zwar aus den Legenden kannten, aber wohl nie erfahren würden, wer er wirklich war.


IV.

Was würde ihnen der Langstreckenläufer erzählen, wenn sie ihn fragten, was ihn denn so umhertrieb? Wären sie enttäuscht zu erfahren, dass hinter der Legende des unsterblichen Langstreckenläufers ein verbittert gealterter Jüngling steckte, der einst aufbrach um erster zu werden – in einem Wettkampf, dem weder Publikum noch Mitstreiter treu geblieben waren? Ausgerechnet als der Langstreckenläufer dabei war bislang Unerreichtes zu erreichen, waren sie alle verschwunden und hatten ihn damit der Chance beraubt ihnen zu beweisen, dass er wirklich uneingeschränkten Ruhmes würdig war. Aber er wusste, er würde nie stehen bleiben, nie wieder aufhören, immer weiterlaufen, so wie er es sich vorgenommen hatte. Eine Odyssee war dies, nur mit dem Unterschied, dass Odysseus nach zehn Jahren der Irrfahrt nach Hause zu seiner Frau Penelope zurückgekehrt war. Doch der Langstreckenläufer hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, auch kehrte er nicht siegreich aus einem Trojanischen Krieg zurück. Manche sagten, er wäre der Geist eines Verstorbenen, der auf der Flucht vor etwas Schrecklichem umgekommen war. Er war in der Tat auf der Flucht – einst geflohen vor den Wänden, die ihn tagtäglich zu erdrücken schienen, und vor den Menschen, die ihn nicht zu verstehen wussten. Doch mittlerweile floh er geradezu vor sich selbst und seiner Einsamkeit, dem letzten Begleiter, der ihm in diesem Lauf geblieben war. Er floh vor der Erinnerung an alte Zeiten, an Zeiten, in denen ihm seine Haut nicht schlaff von den Knochen hing, in denen er noch jung und voller Leben war und glaubte die ganze Welt bezwingen zu können. Jetzt aber begann er zu humpeln, lief nicht mehr, sondern taumelte, keuchte ächzend in die Nacht. Die Sterne bezeugten seine Kapitulation vor der stillen Macht der Vergänglichkeit. „Weiter, Weiter!“, murmelte er, als er auf dem Boden lag, kauernd wie ein hilfloses Baby. Tränen zierten nun die Wangen und die ergrauten Schläfen dieses Sisyphus, der sich eigenhändig einen unbezwingbaren Gegner ausgesucht hatte. Ein Wettlauf ohne Ziel, zu lang für endliche Wesen, zu hart für Wesen, die der Liebe bedurften. Er sammelte seine letzten geistigen Kräfte und malte sich aus, das Ende der Strecke liege kurz vor ihm, er würde gleich aufstehen und glücklich durch das Ziel gehen, und er und seine Welt wären wieder heil. Aber dieser gealterte Löwe, dieser gebrochene Mann wusste nur zu gut, dass er in Wirklichkeit wieder nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Denn der Langstreckenläufer wusste sich verflucht. Er selbst hatte sich verflucht. Zum ersten Mal seit dem Startschuss beschloss er hier etwas aufzugeben. Er sah etwas sanft aus seinen Händen gleiten, etwas, das sein ganzes bisheriges Leben ausgemacht hatte. Er ließ los.

Interpretation durch ChatGPT