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Türkisch-islamische Kultur und Heavy-Metal? (31.08.2009)

Dies ist eine sehr persönliche Geschichte über einen praktizierenden Muslim, der Heavy-Metal-Musiker aus Leidenschaft war. Also:

Als diesem Muslim und zweien seiner Kumpels in jungen Jahren im Englischunterricht in der neunten Klasse mal langweilig war, kamen sie auf die Idee eine Heavy-Metal-Band zu gründen. Die großen Vorbilder hießen Manowar, Blind Guardian, Iron Maiden und Metallica. Sie brachten sich selbst das Musizieren bei: Der Muslim schnappte sich eine E-Gitarre, der Österreicher (zugleich Atheist) sang und der Deutsche (Christ) setzte sich an die Drums. Gemeinsam schrieb man in stundenlangen Songwriting-Sessions lange und komplizierte Lieder, die so kompliziert waren, dass ihre ungeübten Finger es kein einziges Mal schafften einen Song fehlerfrei zu spielen. Aber die Songs hatten auf sie eine geradezu magische Wirkung auf sie, so blickte man über technische Probleme vorerst bereitwillig hinweg…
Man traf sich wöchentlich im Proberaum des örtlichen Jugendhauses, musizierte, sprang durch die Gegend und träumte von ersten Auftritt, der dann tatsächlich auch stattfand, auch wenn sich Lead-Sänger und Gitarrist einen Tag zuvor einen roten Ausschalg zuzogen und nunmehr gepudert spielen mussten…

Pandemonium im Jahr 1998

Der Muslim hatte glücklicherweise niemanden in seinem Umfeld, der ihm diese Musik hätte ernsthaft ausreden wollen – bis auf einen Cousin, der ihm aus der Türkei einen Brief schrieb, er möge doch bitte dieses imitierende Gehabe sein lassen, einem Osmanenenkel stünde das nicht. Imitation? Was für eine Imitation? Das war schon längst ein fester Bestandteil seiner Kultur, seines Denkens, seiner ganzen Emotionswelt geworden. Religiös gesehen war die Sache aber den meisten Büchern zufolge in der Tat zumindest mal ambivalent…

Also haram (verboten)? Oder vielleicht doch halal (erlaubt)? Oder einfach nur indifferent (mubah) – oder vielleicht gar empfohlen (mustahab)? Eine fundierte Entscheidung musste her. Aber das Ilmihal (der Katechismus im Regal) gab nur Antworten, die ihm nicht so schmecken und einleuchten wollten. Antworten, die nach einer weiteren Auseinandersetzung schrien.

Ob es wohl auch andere Antworten gab? Von zeitgenössischen Theologen, Mystikern, oder gar praktizierenden Musikern? Ob er es evtl. sogar in Kauf nehmen sollte sich unter Berufung auf die Barmherzigkeit Allahs und das eigene Unvermögen über ein eventuelles Musikverbot – da nicht so zentral – sanft hinwegzusetzen? Schließlich war man ja auch sonst nicht immer der ideale Muslim. Und es gab ja viel Schlimmeres als Musik, Dinge, von denen er sich ja stets fernzuhalten versuchte. Zudem war er ja einigermaßen praktizierend und betete fünfmal am Tag (naja, eher viermal oder weniger, da zumindest das Morgengebet aufgrund Tiefschlafes öfters auf eine lichtere Stunde verschoben wurde), und das sprach doch sicher für ihn, gilt doch das rituelle Gebet als Dreh- und Angelpunkt islamischer Religiösität schlechthin…

Der Muslim musste die Antwort offensichtlich sich selbst geben, einzig und allein verantwortet vor seinem Gewissen und Allah. Ja, das schien es zu sein…
Nach einer langen Rechnung kam er zum Ergebnis, dass er die Musik fortführen würde. Die haram-Argumente schienen ihm irgendwie schwach und quellenmäßig nicht sicher genug. Auch wenn die religiöse Legitimität nie ganz gesichert war: Für ihn stand fest, dass er dieser Musik, die er ja schon vor der Band seit Jahren konsumierte, sehr viel verdankte. Sie war für ihn ein wirksames Mittel zu einem höheren Zweck, nämlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst, Gott und der Welt, in einem Schloss, weit jenseits des Eingriffs von unerbetenen Eindringlingen… Und sie bereitete große Freude… Und sagte nicht auch der Koran irgendwo “Sucht Wege zu Allah”? So ähnlich argumentieren ja auch die islamischen Mystiker. Diese Musik, so schloss er weiter, war für ihn offensichtlich unschädlich, oder zumindest nicht in bemerkbarem Ausmaß gefährlich (die Hauptsorge der haram-Vertreter)…

Er sah, dass der Rock’n’Roll ihn weder zu Unmoral, noch zu Alkohol anleitete… dass die Musik ihn womöglich vor Schlimmerem beschützte… dass es für sein Verständnis keine eindeutigen Quellen gab, die die Musik in der Intention, die er hatte, und für die Situation, in der er sich befand, definitiv verbat… erst recht nicht im Koran… dass diese Musik ihm vielmehr ein unterhaltsames kulturelles Korrelat zum tafakkur (Nachdenken über Gott und die Welt) bot… dass die Musik ihn nicht daran hinderte, sein geliebtes Gebet (allerdings in der orthodox gesehen kürzest möglichen Form) zu verrichten, das er in Absprache mit dem Jugendhaus in leeren Proberäumen oder im leeren Mädchenzimmer, so gut es halt ging, zu verrichten versuchte, ohne jemanden zu stören… dass die Musiker um ihn herum intellektuell mächtig was drauf hatten und man mit ihnen auch außerhalb der Musik stundenlang diskutieren und streiten konnte… dass diese Musik für ihn der perfekte Weg war innere und äußere Konflikte zu verarbeiten, und dass der Christ und der Atheist in seiner Band komischerweise sehr ähnlich zu fühlen schienen… Was wollte man mehr?

Die Schülerzeitung war auf die Band (die übrigens ‘Pandemonium’ hieß) aufmerksam geworden. So wurden Pandemonium interviewt und sie erzählten der Zeitung lang und ausführlich von den Hintergründen der Texte, die sich zwischen Fantasy- und Philosophiethemen hin- und herbewegten… Um die ganze Schule zu beeindrucken posierten die drei mit bösem Blick und mit der Hand zum Metalzeichen geformt für eine Foto, das die ganze Schule sehen sollte – das Dumme war nur, dass dieses ‘Metalzeichen’ in Wirklichkeit der Satansgruß war! Nur wusste die drei das nicht. Noch nicht.Eines Tages kam die Lateinlehrerein zum Muslim… sie erzählte ihm, dass sie sich Sorgen mache, dass sie das Foto in der Schülerzeitung gesehen habe… dass sie der Auffassung sei, dass die drei sich auf einem gefährlichen Weg befinden würden… dass sie womöglich in den Satanismus abdriften könnten…

Sata-was!?

Ja, Satanismus!

Sie wies den verwirrten Muslim auf den Satansgruß hin, mit dem sie ja für die Schülerzeitung abgebildet wurden. Völlig beschämt erklärte der Muslim, dass sie die Bedeutung dieses Zeichens nicht gekannt hätten, dass sie dachten, dies wäre nur das Zeichen für die Musik, die sich machen… dass er doch ein gläubiger Mensch, und Satan doch sein größter Feind sei… Sie glaubte es ihm – und die Musik ging weiter… ab jetzt aber ohne ‘Satansgruß’…

Die Musik der drei braven Buben war in der Tat mehr als Zeitvertreib. Sie war hoch ernste Mystik, gesamtheitliche Selbst-und Welterschließung, die Transzendierung alles Materiellen, kurzum der totale Kick…

Am unspektakulärsten fiel in der Band wohl der Kampf der Kulturen aus (der damals noch nicht so populär war)… Der Muslim hatte mal in einem religiösen Moment einen Song namens “The Secret Book of Endless Knowledge” geschrieben und wollte diesen nun zum Bandgut machen. Der Atheist fragte skeptisch “Du meinst damit aber nicht ein bestimmtes Buch, oder?” Und der Muslim erwiderte (unter schelmischem Grinsen): “Nö, nö… Kannst jedes Buch reinsetzen, das dir gefällt” Der Atheist wusste natürlich, dass das nicht stimmte… Trotzdem sang er den Text munter und überzeugt… Und der Muslim sang dafür die background vocals zu einem Sauflied, das der Atheist geschrieben hatte… Das Lied nannte sich “The Drunken Druid Inn” Der Muslim hatte noch nie gesoffen. Soweit so gut. Doch auch der Atheist und der Christ hatten praktisch nie gesoffen! Dennoch sangen alle gemeinsam das Sauflied… Eine echt harte Nuss war Pandemonium…

Was waren das für Zeiten! Sie hielten sich insgeheim für die Kings of Metal, fast noch einen Schritt vor Manowar – bis sie von einigen älteren Bands darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie den einen oder anderen Riff (z. B. aus dem Sauflied) von Pandemonium aus ihren eigenen Songs kannten… Naja gut, aber waren nicht alle großen Bands, war nicht jede Musik, ja überhaupt jede Idee durch irgendwen inspiriert? Man deutete den Songklau dankenswerterweise als Anerkennung, und so war die Sache geregelt…

Die Metaller, Punks und Hardcore-Leute im Jugendhaus waren ein eingeschworener Haufen, der trotz unterschiedlichster Weltanschauungen durch eine laute, für Außenstehende schier unerträgliche Musik zusammengehalten wurde. Ein zehnköpfiger Vorstand, zu dem der Muslim auch gehörte, organisierte Konzerte, und sie wurden in der lokalen Szene schon bald sehr bekannt. G.R.U.N.Z. hieß die Musikerinitiative – und ihr Maskottchen war eine dicke fette Rock-Sau mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren.

Aber wie in jeder großen Band kam es nach paar Jahren zu musikalischen Reibereien zwischen dem Leadsänger und dem Gitarristen… Der Leadsänger wollte softere Songs schreiben, da dies mehr Mädchen auf die Konzerte ziehen würde… Der Muslim sah dies als Stilverrat und wollte lieber bei den düster-melancholischen Hymnen bleiben… Der Stern von Pandemonium war am sinken…

Auf einem ihrer letzten Konzerte standen die Jungs auf einer Bühne im Stadtzentrum. Ein gefährlicher Ort, zumindest insofern, als dass sich der Muslim hier dem Blick aller Passanten darbot, auch wenn diese zufällig aus dem türkisch-religiösen Umfeld kamen, die ihn womöglich als den braven Buben kannten, der ihren Kindern Nachhilfe erteilte und selber fleißig in der Schule war…

Nun stand er da, der muslimische Rocker, und griff mit seinen Jungs in die Saiten, und sie sangen im Chor “On a ship of glory, sailing far away, into glorius times, we’re sailing night and day… we shall never fail”. Hinter ihnen prangte die fette Rock-Sau von G.R.U.N.Z., mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren. Ausgerechnet in diesem sensiblen Moment lief Ibrahim abi mit seiner Frau, die ein Kopftuch trug, und den Kids an der Bühne vorbei – ein religiöser Muslim mit Bart war das, der seine Kinder zum Metaller in die Nachhilfe schickte. Nicht, dass die Muslime in seinem Umfeld das Doppelleben des Gitarristen nicht kennen würden, aber so in Montur mit Gitarre und Sau hatte ihn bis dato wohl keiner von ihnen gesehen. Auf der Bühne wurde es dem muslimischen Gitarristen langsam eng. Er versuchte den Blickkontakt zu vermeiden, doch schwupp – war es schon geschehen, und man hatte sich mit einem höflichen Kopfnicken aus der Weite gegrüßt: “Selamun aleyküm”, “Aleyküm selam”.

Schluck. Hoffentlich, dachte sich der Muslim, war wenigstens die fette Sau hinter ihm nicht so deutlich zu sehen. So drehte er ich sich langsam um, doch was musste er erblicken: Die fette Rock-Sau mit der Sonnenbrille und den Ledermanschetten an allen Vieren grinste im hellen Bühnenlicht gemeiner als je zuvor…

Zeiten vergingen. Nachdem die Band sich in gegenseitigem Einvernehmen bis auf Weiteres aufgelöst hatte, ging die Musik jedoch weiter. Der Muslim wurde nunmehr auch zu türkischen Hochzeiten eingeladen, um mit einem Sazspieler Sketche vorzuführen, und einmal erschien er sogar mit einem kleinen, spontan zusammen gewürfeltem Knabenchor auf einer religiösen Veranstaltung zum Geburtstag des Propheten, diesmal aber ohne die fette Rock-Sau…

Interessanterweise wurde der Muslim in der türkisch-islamischen Community auch während seiner Bandzeit nie wegen seiner E-Gitarre oder seinem Metal-Tick persönlich kritisiert, auch wenn sich der eine oder andere mal über die Sinnlosigkeit weltlicher Musik mokierte. Immer, wenn er sich im muslimischen Kreis rechtfertigen wollte, hieß es, “Ist schon gut, ich habe kein Problem damit, mach ruhig weiter, es gibt bei uns eh viel zu wenig Musiker” Leicht machte man es ihm. Was sie sich wohl dachten? Wenn es nach der orthodoxen Theorie ging, war Musizieren zumindest mal etwas Unübliches. Aber wenn es dann einer doch tat, ohne den Hurra-bin-endlich-auch-modern-Türken herauszuhängen, dann war das plötzlich toll und interessant und den Leuten fielen eine Menge Gründe dafür ein, warum es an sich gut ist Musik zu machen.

Machten die Leute das, weil man ihn für unheilbar verrückt hielt? Oder weil er schon immer so komisch ‘deutsch’ war? Wussten sie vielleicht, dass er mit der Musik auch dann nicht aufgehört hätte, wenn die Leute ihn verurteilt hätten? Oder tolerierten sie sein Verhalten, weil er vieles aus beiden Kulturen auf relativ ungewöhnliche Weise verband, gar miteinander im Schmelztiegel vereinte, ohne sich in ein enges, monokulturelles Korsett zwängen zu lassen? Steckte hinter dieser Toleranz vielleicht die Sehnsucht vieler muslimischer Konservativer, eigentlich auch gerne so manches als gegensätzlich Wahrgenommenes miteinander verbinden zu wollen, während sie sich jedoch vor Kritik aus den Reihen der Vertreter der türkisch-islamischen und deutschen Monokulturen scheuten? Lag die Toleranz vielleicht daran, dass der Gitarrist demonstrierte, dass man sogar in der Metalszene seinen eigenen Weg gehen konnte, ohne die Grundfeste eines einigermaßen ‘islamischen’ Lebens gegen die “Ausschweifungen” des Rockerlifestyles (oder Möchtegern-Rockerlifestyles) austauschen zu müssen?

Denn eines war unübersehbar: Die Metal-Musik faszinierte ihn, und ihr Pathos und ihre Metaphern hatten sein ganzes Denken umgriffen – er war jedoch nie ‘Metaller’ im klassischen Sinne (mit Bier und so) geworden. Für die mystischen Freuden und die schöne gemeinsame Zeit unter den Musikern war das aber offensichtlich nicht nötig!

Diese Einsicht war eine seiner wichtigsten Entdeckungen in diesen Jahren, eine Entdeckung, die ihn wohl ein für allemal von der Idee und Praxis Deutschland überzeugte… ein Deutschland, das einen Grundkonsens erzwingen konnte, aber darüber hinaus die verrücktesten Kombinationen ermöglichte – eine Entdeckung, die eindeutig mit noch mehr Metal-Musik gefeiert werden musste…

Aber wer sollte all das religiös begründen, rechtfertigen und aus den Quellen herleiten? Wer sollte diesen Mischmasch in Einklang bringen mit der so überschaubaren Welt der Monokulturen? Oder war dieser Mischmasch vielleicht gar keiner, sondern eine eigene dritte Kultur, die Individuen unter günstigen Bedingungen hervorbringen können, und die einmal entstanden nie wieder den Weg zurück in die Zahnpastatube finden?

In jedem Fall waren die Fakten jeglicher Theorie zuvorgeeilt.

Das war gerade das Schöne an dieser Musik: Man konnte mittendrin sein, unter den Leuten aufgehen, aber sich trotzdem nur das herausnehmen, was einem gefiel. Hauptsache die Kommunikation stimmte und jeder wusste im Zweifel, woran er war. War das gegeben – und das war es in der Tat – dann sah man unter den Musikern über alle Differenzen hinweg. Und man mochte sich so sehr, dass man stolz auf die gemeinsame Teilidentität war…