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„Wo bleibt bei den Muslimen die Freude und das Lachen?“ (23.10.2010)

Vor kurzem meinte ein deutscher Bekannter zu mir: „Wir lernen unsere ganze Schulzeit über nichts über die Lebensweise der Muslime. Und dann erwartet man von uns, dass wir uns ein Urteil darüber bilden.“ Treffender könnte man die Situation vieler Deutscher, wenn es um den Islam geht, kaum ausdrücken. Nicht nur die muslimischen, sondern auch die deutschstämmigen Bürger stehen heute unter einem massiven Druck Stellung zum Islam, zu den Muslimen, zur Scharia oder zu sonst etwas islamisch und fremd Klingendem beziehen zu müssen.

Dieser Druck wird vor allem von den Medien, von Intellektuellen und von ihnen nacheifernden Politikern ausgeübt – von Stellen, die uns heute einen künstlichen Zeitgeist aufreden, statt nüchtern die Zeichen der Zeit zu lesen. Statt eine Aufklärung über die Muslime bzw. über das pluralistische Deutschland zu befördern, schreiben viele von ihnen einen sehr negativen Islam-Mythos weiter, der wirksam einer kulturellen Selbstüberhöhung dient, aber durch den man keinen realistischen Eindruck von den echten Lebensweisen der Muslime Deutschlands und ihren Denk- und Gefühlswelten bekommen kann.

Mittlerweile sind wir schon so weit, dass jede öffentliche Rede  über die neutralen oder gar positiven Aspekte arabischer, iranischer, türkischer oder einfach islamisch geprägter Kulturen Gefahr läuft als Blauäugigkeit und Schönreden von Missverhältnissen abgestempelt zu werden. Die Wirklichkeit sehe ja ganz anders aus. Die Muslime – zumindest die religiösen – seien brutal, intolerant, frauenverachtend und wahrscheinlich auch ein bisschen dumm. Die übliche Abstempelungsrhetorik eben.

Wenn diese Klischees wirklich das generelle Klima des Inneren z. B. der türkisch-islamischen Community wiedergeben würden – warum bitte identifiziert sich dann selbst das Gros der integrierten und gebildeten türkischstämmigen Bürger noch so sehr mit ihren kulturellen wie religiösen Wurzeln? Muss da nicht noch viel mehr sein, als der oft unterstellte Gruppenzwang zur innerislamischen Loyalität? Also Sinnstiftendes, Schönes oder einfach nur Erheiterndes? Und ob!

Um mal ein weniger bekanntes Beispiel zu nennen: Nicht nur das Deutsche und Europäische kennt die Faszination für das universelle Schöne, Gute und Erhabene. Diese Eindrücke sind auch ein wichtiger Bestandteil muslimischen Empfindens. So lässt sich nach islamischer Auffassung überall in der Natur die abstrakte, aber doch auch sehr nahe Schöpfermacht Gottes studieren. Entsprechend ist für viele Muslime der Anblick eines zarten Lebewesens, einer schönen Landschaft oder des Sternenhimmels immer wieder den Ausspruch eines maşallah (türkisch: „wie Gott es wollte“) wert. Diese religiös motivierte und spirituell durchdrungene Begeisterungsfähigkeit für alles noch so Gewohnte oder Kleine in der Natur ist ein wesentlicher und großartiger Bestandteil islamischen Fühlens, wie es schon im Koran abermals thematisiert ist, und wie es auch westliche Denker wie Goethe zum Freund des Islam gewann.

Vor Jahren erzählte mir jemand von einer türkischen „Magierin“, die Ratsuchenden ausgesuchte Koranverse und andere religiöse Texte auf Arabisch in Form von Talismanen verkaufte – natürlich ohne deren Bedeutungen zu kennen. Als sie nach vielen Jahren dieser „Dienstleistung“ zum ersten Mal eine Koranübersetzung laß, soll sie gesagt haben: „Was ist denn das für ein seltsames Buch, das da ständig von Bäumen, Tieren und dem Sternenhimmel spricht?“ Gerade in der heutigen Zeit, in der selbst Muslime bei öffentlichen Stellungnahmen im Zusammenhang mit dem Islam fast nur noch über Probleme reden, sollten sie sich überlegen, ob sie dabei nicht auch wie die genannte Magierin die islamische Begeisterung für die Schönheit der Bäume, Tiere und des Sternenhimmels bereitwillig übersehen oder übergehen. Wenn dies zu den Grundthemen der sehr umfangreichen mekkanischen Passagen des Koran gehört, dann ist es doch als ein durch und durch islamisches Thema aufzufassen, oder etwa nicht?

Ein weiteres Beispiel. Eine gegenüber dem Islam sehr kritisch eingestellte Deutsche fragte mich mal: „Wo bleibt bei den Muslimen eigentlich die Freude und das Lachen?“ Mal abgesehen davon, dass sie Muslime fast ausschließlich aus Medienberichten kannte – könnte es wirklich sein, dass wir nach außen manchmal ein viel zu ernstes, oder gar griesgrämiges Bild abgeben? Müssten wir unsere Freuden und unser Lachen nicht viel gelassener und selbstbewusster auch nach außen tragen? Ernsthaftigkeit gilt unter Muslimen oft als Tugend. Aber gilt im Islam nicht auch das Lächeln als gottgefällige Geste?

Diese Dinge zu artikulieren ist nicht unwichtiger als die muslimischen Stellungnahmen zu den kritischen Anfragen der Öffentlichkeit. Beides gehört zur Realität, und beides ist wichtig. Und wenn heute Mut und Überwindung dazu gehören auch über diesen normalen oder gar schönen Islam zu sprechen, dann hilft es vielleicht zu bedenken, dass dies nicht im Widerspruch zu einem selbstkritischen und problembewussten Selbstverständnis stehen muss. Im Gegenteil: Erst diese Würdigung der positiven Aspekte islamischer Kultur verleihen einem Islamverständnis so etwas wie ein glaubhaftes und nachvollziehbares Profil. Mit einer ganz einfachen Frage kann man das hier Gesagte auf den Punkt bringen: Wenn der Islam nur aus Problematischem und Überwindungsbedürftigem bestünde – warum sollte da ein Mensch von Vernunft sich noch zum Islam bekennen?

So wäre es nun eine interessante Hausaufgabe sich als Muslim zu überlegen, was es im eigenen Leben Positives gibt, das man direkt oder indirekt dem Islam verdankt. Die Summe dieses Positiven ist nun genau das, was ich zu den positiven Bestandteilen eines Islamprofils zählen würde. Angesichts der Freigebigkeit der Öffentlichkeit beim Kritisieren des Islam sollte man hier als Muslim keinesfalls zu knauserig sein – schließlich heißt es ja auch im Koran:

„Und was deines Herrn Wohltaten anlangt, sprich darüber!“ (Sure 93, Vers 11)