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Von Islamfreunden, Islamfeinden und Islamskeptikern (05.01.2010)

Bei aller Komplexität der Zusammensetzung von Muslimen wie Nichtmuslimen in Deutschland, könnte man, wenn man am Aspekt der Gesprächsbereitschaft der Deutschen mit den Muslimen in ihrer Rolle als Muslime interessiert ist, drei Haltungen unter den Deutschen  unterscheiden. Ich weiß, dass solche Klassifizierungen sehr gewagt, da grob vereinfachend sind, aber ich gehe an dieser Stelle das Wagnis ein, weil es für manche Zwecke ausreichend ist. Die erwähnten Haltungen, die ich unterscheiden möchte, sind die islamfreundliche, die islamfeindliche und die islamskeptische. Diejenigen Deutschen, die sich von all dem nicht betroffen fühlen, passen natürlich in keine dieser Kategorien. Auch geht es mir hier nicht in erster Linie um die Rolle des Islam als Religion, sondern um die Rolle der Muslime als Minderheit in Deutschland. Den Begriff Islam verwende ich hier in der Weise, wie er des Öfteren im öffentlichen Diskurs verwendet wird, nämlich als das, wovon viele Nichtmuslime glauben, dass die Muslime daran glauben würden, oder theoretisch sollten, wenn sie sich als Muslime verstehen – ich weiß, eine schreckliche Definition, aber auf diesem Niveau läuft heute ein großer Teil der Debatte über den „Islam“. Mit Islamfreunden etc. meine hier daher Leute, die Muslimen freundlich gesinnt sind und zusätzlich noch Positives mit dem Begriff Islam verbinden. Ich möchte hier auch nicht auf Unterschiede im Islamverständnis der Muslime eingehen.

Am entspanntesten, sozusagen am islamfreundlichsten, ist das Verhältnis wohl dort, wo sich Muslim wie Nichtmuslim persönlich gut kennen, einiges miteinander teilen und auf diesem Weg Freunde geworden sind. Das ist die in der abstrakten Öffentlichkeit wenig wahrgenommene, aber im individuellen Leben nach wie vor intensivste Form von Freundschaft und Vertrauen zwischen „Islam“ und „Westen“ – ich setze das bewusst in Gänsefüßchen, da wir es hier eigentlich mit einer Freundschaft von Individuen und nicht von abstrakten Religionen oder Kulturen zu tun haben. Meines Erachtens ist dieser Dialog zwischen Muslimen und „Westlern“ viel wichtiger und realistischer als ein abstrakter Dialog zwischen „Islam“ und „Westen“ – ein Dialog, der verheißungsvoll klingt, aber in der Praxis aus konzeptuellen Gründen nie realisierbar war, ist und sein wird. Eine etwas ernüchternde Beobachtung ist zudem wohl die, dass die Gruppe derjenigen Deutschen, die sich ohne große Vorbehalte auch als Freunde des Islam als Religion und Lehre verstehen, zugegeben klein ist – aber ist das bei dem Bild, das die islamische Welt und manche Muslime hierzulande abgeben, wirklich verwunderlich? Zudem in einer säkularen Gesellschaft, in der selbst das ureigene Christentum und ihre kirchlichen Vertreter immer wieder unter Beschuss geraten, ausgiebig kritisiert, beleidigt und gedemütigt werden? Offen gesagt: Nein!

Die gute Nachricht lautet aber: Die Gruppe der unversöhnlichen Islamfeinde (oder –gegner) ist auch klein, und zwar wesentlich kleiner, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Sie machen viel Lärm und beanspruchen im Namen einer schweigenden Mehrheit zu sprechen – in Wirklichkeit instrumentalisieren und ideologisieren sie jedoch nur die diffuse Skepsis und Angst in der Bevölkerung, die bei weitem nicht so scharfe ideologische Konturen trägt wie die Anschauungen ihrer selbsternannten Anwälte. Sie bezeichnen sich meistens als Islamkritiker. Die meisten agieren anonym, die Mutigen von ihnen offen. Leider sind nur die wenigsten von ihnen sachliche Kritiker. Viele – zu viele – von ihnen vermischen sachliche Kritik, der man selbst als Muslim zu großen Teilen zustimmen könnte, mit billigem Populismus und genau jenem Schwarz-Weiß-Denken, das sie doch eigentlich den Muslimen nachweisen wollten.  Der Mangel an kompetenten Vertretern von Gegenpositionen, und das noch zu geringe mediale Interesse am Durchschnittsmuslim in Deutschland erleichtert es ihnen die Lufthoheit in Sachen Islam für sich zu beanspruchen. Als echte oder scheinbare Tabubrecher ziehen sie viel Aufmerksamkeit auf sich – aber diese ist definitiv nicht zu verwechseln mit einer uneingeschränkten Zustimmung des Volkes. Mir sind immer wieder Deutsche begegnet, die meine Meinung über manche dezidiert islamfeindliche Autoren wissen wollten. Meistens hatte ich das Gefühl, dass sie ernsthaft an einer muslimischen Meinung dazu interessiert waren. Was jene Autoren und Blogger betrifft, komme ich oft zum Ergebnis, dass sie in vielen Dingen recht haben und gute Beobachter sind. Leider versagt ihr Scharfsinn oft gerade am wichtigsten Punkt, nämlich wenn es darum geht diese Beobachtungen in einen realistischen und vernünftigen Deutungsrahmen zu setzen. Für sie ist einfach der Islam das Problem. Punkt. So vulgarisiert man den Diskurs und macht weitere Gespräche überflüssig. Von gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontexten, die erst bestimmte Praktiken und Islamdeutungen begünstigen, wollen sie nichts wissen. Aber: Solange sie in ihren verschiedenen Deutungsrahmen nicht erklären können, warum es gläubige und praktizierende Muslime gibt, die im Westen weitgehend integriert und absolut friedfertig sind, bleibt bei vielen mein Verdacht der ideologischen Islamfeindlichkeit bestehen. Und das ist nach meinen Begriffen nun mal mehr als nur Islamkritik.

Durchaus größer als die Gruppe der Islamgegner unter den Deutschen ist die Gruppe derjenigen, die – teils aus völlig nachvollziehbaren Gründen – den Muslimen und ihrer Religion gegenüber skeptisch eingestellt sind, aber dennoch bereit sind für Differenzierung, Gespräche, Klärung offener Fragen und dem Abbau von Vorurteilen. Sie nehmen – im Gegensatz zu den Islamfeindlichen – die Muslime als Gesprächspartner ernst und sind bereit für Diskurse auf Augenhöhe. Aber sie fordern auch, dass die Muslime, die sie aus dem eigenen Alltag oft kaum persönlich kennen, ihnen mehr Anlässe zur Differenzierung geben. Ich weiß, dass es die meisten Muslime leid sind immer wieder und wieder dieselben Dinge erklären zu müssen. Ich weiß, dass sie der Meinung sind anständige Bürger dieses Landes zu sein, und dass es sie manchmal an den Rand der Verzweiflung treibt, wenn sie mit dem Islambild der Öffentlichkeit konfrontiert werden. Die meisten von ihnen fühlen sich von der islamkritischen Stimmung im Lande völlig überfordert. Aber ich bin mir sicher: Der unter Muslimen zunehmend verbreitete Eindruck eines ständigen Eindreschens der Deutschen auf ihre Muslime täuscht. Die realen Erfahrungen der meisten Muslime, die ich kenne, mit den Deutschen, sprechen eine differenzierte und überwiegend positive Sprache. Warum sollte ich mich da trotz besseren Wissens der Kulturkampfrhetorik der Dauerpessimisten anschließen?

Nach wie vor ist die rechtliche Lage der Muslime in Deutschland exzellent, ebenso die theoretischen Möglichkeiten, die den Muslimen zum Aufstieg, zur Neuorientierung in Deutschland und zur angemessenen Artikulation in der Öffentlichkeit offenstehen. Das Problem ist schlicht und ergreifend, dass den Muslimen jegliche Strukturen fehlen in den öffentlichen und politischen Diskursen mitzuhalten, geschweige denn überhaupt nachzuvollziehen, worum es den meisten Deutschen wirklich geht. Darum bleiben die meisten dieser Möglichkeiten ungenutzt. Unsere Passivität in jeglicher Hinsicht trägt massiv dazu bei, dass viele Deutschen keinen Anlass vorfinden ihr Bild von Muslimen auszudifferenzieren.

Darum möchte ich vor allem die Muslime darum bitten jene große Gruppe der Mehrheitsgesellschaft, die ungeduldig auf Klarheit wartet, nicht in einen Topf zu werfen mit den sagen wir mal Türkenhassern und Moslemverachtern. Und man schaue bitte genauer hin: Selbst die konservativen, dialogbereiten Deutschen scheitern am Dialog mit diesen – ich meine damit noch nicht einmal die Linksliberalen, sondern durchaus auch Teile der Konservativen. Ich erinnere mich da nur an die Schelten und Verleumdungen, die Wolfgang Schäuble für seine Islamkonferenz einstecken musste.

Es wäre ein fataler Fehler auf muslimischer Seite, wenn sie sich in ihren Stellungnahmen in Ton und Substanz den Islamgegnern angleichen würden. Jeder Versuch sie mit ihren eigenen rhetorischen Mitteln zu schlagen, würde noch mehr Spannung und Konflikt erzeugen – jedoch überzeugen würden sie niemanden damit. Ich finde: Wir sollten es besser machen als sie, sowohl im Ton, als auch in der Substanz. Das heißt: Ja zur sachlichen Gegenkritik und Zurückweisung von Verleumdungen – aber nicht in dem widerlichen Kampfsprech der vom Hass Zerfressenen und Panikstifter. Wenn man also als Muslim einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten möchte, dann sollte man stets die Mehrheit der Deutschen vor Augen halten, also diejenigen, die ebensowenig an einem Kampf der Kulturen interessiert sind wie die Muslime.