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Vor dem Tribunal der Kulturwächter (10.10.2010)

Es vergeht mittlerweile kaum eine Woche, in der nicht ein neuer Streit um die Muslime in Deutschland vom Zaun gebrochen wird. Eine der Fragen, die ich mir dabei stelle, lautet: Wie wirken sich diese hoch erregten Debatten eigentlich auf das Verhältnis der Muslime Deutschlands zur Mehrheitsgesellschaft aus? Von vielen muslimischen Bürgern – auch von jenen, die als integriert und säkular gelten – ist in solchen Zeiten zu hören, dass sie sich schon seit langem nicht mehr so türkisch, muslimisch oder einfach nur fremd in Deutschland gefühlt haben. Auch wenn dies emotional nachvollziehbar ist – ist das im Grunde nicht eine Fluchtreaktion? Eine Reaktion, die alles, wofür zahllose Deutsche wie Türken seit Jahrzehnten gemeinsam gearbeitet haben, auf einen Schlag für gescheitert erklärt?

Um dieser emotionalen Reaktion Alternativen entgegensetzen zu können, muss man wohl etwas weiter ausholen. An mir selbst erkenne ich z. B. Folgendes: Bis vor wenigen Jahren hatte ich mich im Kontext Islam fast ausschließlich mit eher theoretischen Themen befasst, sprich mit Fragen der Metaphysik, der Erkenntnistheorie und den Möglichkeiten einer Integration von Islam und Moderne. Die gesellschaftliche Realität da draußen samt ihren Problemen im Zusammenleben und der gegenseitigen Wahrnehmung ihrer Bürger kannte ich zwar gut – aber irgendwas hinderte mich lange daran dazu schriftlich Stellung zu beziehen. Da war offensichtlich eine internalisierte Zensur am Werk.

Im türkischen Umfeld – so ist zumindest mein Eindruck – wird die öffentliche ideelle Auseinandersetzung mit der deutsch-türkischen Lebenswirklichkeit in Deutschland oftmals gemieden. Dahinter steckt meist die Angst massiv angefeindet zu werden, oder zu viel von einer eventuell türkisch-zentrierten Weltanschauung aufgeben zu müssen. Aber dieses Konzept des Meidens und Ignorierens kann für die Zukunft der jungen Generation keine Option mehr sein.

Hat man sich die Unmöglichkeit einer als rein türkisch (oder deutsch) angesetzten Identität für türkischsstämmige Jugendliche in Deutschland einmal eingestanden, dann erkennt man viel leichter die Massen junger Leute, die ein eigenes Profil entwickelt haben – Profile, von dem weder die deutschen, noch die türkischen Gemeinplätze einen echten Begriff haben. Ich bezeichne dieses Profil als deutsch-türkisch-islamische Identität, wohl wissend, dass dies nur eine spezielle, aber doch relevante Gruppe umfasst. Wir müssen der Realität einen Namen geben – und wenn wir es nicht tun, dann tun es andere für uns, und das leider zu selten in unserem Interesse.

Unser Verhältnis zum Deutschen, zum Türkischen und zum Islamischen ist nichts Unabänderliches, sondern etwas Dynamisches, für das wir zunehmend selbst Verantwortung übernehmen müssen. Ja, es ist hier etwas völlig Neues entstanden, auch wenn es viele nicht so recht fassen wollen: Wir sind keine „Türken“ im Sinne unserer Eltern mehr. Aber es ist viel Türkisches in uns, viel Gutes, aber eben auch Problematisches. Wenn nicht wir dies thematisieren, dann machen das andere, abermals nicht in unserem Interesse.

Unser Islamverständnis wiederum hat die Lehre der klassischen Islamgelehrten in vielen Punkten längst überholt. Es haben sich neue Formen islamischer Religiösität entwickelt, zwar aus den alten Formen heraus, aber anlässlich der neuen Lebenswirklichkeit – also jener Wirklichkeit, die nur wir kennen und mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Wieder müssen wir selbst bestimmen, wie wir uns zu den tradierten und den neuen Islamverständnissen positionieren, und ob der Islam überhaupt etwas für uns bedeutet, und wenn ja, was. Dies sind Fragen, die viel Wissen und Gewissen voraussetzen. Fragen, die uns im Moment hoffnungslos zu überfordern scheinen.

Wenn wir sie jedoch nicht beantworten, oder zumindest daran arbeiten, dann werden es unsere Kinder eines Tages machen müssen. Womöglich wird es dann jedoch viel schwieriger werden als heute, wo man sich noch blind darauf verlassen kann, dass die chronische Verstimmung einer anonymen Öffentlichkeit nicht unmittelbar in unser Leben eingreift. Es ist höchste Zeit zu realisieren, dass wir, oder zumindest die Minderheiten, denen wir auch angehören, zu einem der brisantesten Streitthemen in Europa geworden sind. Aber dass unsere Stimmen immer noch nahezu unhörbar sind. Ich finde das manchmal unheimlich. Aber ohne jetzt pathetisch klingen zu wollen: Ist das nicht auch die einmalige Gelegenheit selbst den Verlauf der europäischen und islamischen Geschichte mitbestimmen zu können?

Es ist die selten bewusst aufgearbeitete deutsche Stimme in uns, die die türkischen und islamischen Elemente in uns selektiert, formt, kürzt, erweitert und in eine andere Prioritätenabfolge bringt – es ist nichts von außen Herangetragenes, nein, es ist ein Teil von uns. Und man sollte den Mut haben dies klar und deutlich auszusprechen, ohne die Absicht zu hegen die einen zu vergraulen oder sich bei den anderen anbiedern zu wollen: Wir sind – nicht nur, aber auch – ein deutscher Teil der deutschen Gesellschaft, mit vielen unserer Freuden, Werte und Sorgen. Wir sind oft so unvorstellbar inländisch in unserem Denken, Genießen und  Verhalten, aber dennoch oft versucht uns als „echte“ Türken zu fühlen. Und die Gesellschaft bestätigt uns dann unser Türke-Sein auch noch regelmäßig. Einen schlimmeren Gefallen könnte sie uns wohl nicht tun. Und was passiert, wenn wir uns mal in der Türkei aufhalten? Wenn man uns an jeder Bewegung, an jedem verschüchterten Zögern, und an jedem deplazierten Vorspringen anmerkt, dass wir Almancıs (zu deutsch: Deutschländer) sind?

Nein, hier fühle ich mich wohl und hier bin ich zu Hause. Und ich denke nicht im Traum daran, quasi als Rache für die öffentlichen Türkenschelten, mich hier fremd zu fühlen. Nenne dies Haltung „deutsch“, nenne sie „Gewohnheit“, nenne sie wie du willst – es ist mein Deutschland, und ich wünsche mir, dass alle Mitglieder von Minderheiten, die in diesem Land leben, daran so teilhaben können. Die türkische Minderheitendialektik erfordert nun eigentlich eine Gegenantwort der Form: „Sie akzeptieren dich doch gar nicht! In allen Medien wirst du angegriffen. Deine Herkunft, deine Religion, deine Kultur – gegen all das verspüren und versprühen die Deutschen doch nur Verachtung. Wie kannst du dich da in Deutschland heimisch fühlen?“

Vorsicht, hier begeht man womöglich einen Kategorienfehler. Denn was in den Medien läuft, hat allem Anschein zum Trotz praktisch nie etwas mit mir oder dir persönlich zu tun. Oft läuft dort dann ein hochgradig emotionalisierter und schnell auch verkorkster Diskurs, dem zwar reale Probleme zugrundeliegen, die jedoch im Handumdrehen zum Stellvertreterkonflikt für Identitätsfragen der autochton Deutschen werden. Wenn sich dann hetzerische Trittbrettfahrer hinzugesellen, dann weiß ich selber nicht mehr, ob ich bei einer solchen „Debatte“ überhaupt noch mitreden will. Die Alternative ist es dann aber nicht wegzulaufen, sondern sich im eigenen Umfeld für eine konstruktive Klärung der Verhältnisse einzusetzen. Viele Deutsche sind zwar belesen, aber aufgrund einer sehr einseitigen Wissensvermittlung in nahezu allen Bildungsstätten wissen die meisten fast gar nichts über uns, unser Denken und unsere Lebensweisen. Ist es nicht unsere Pflicht ihnen hier authentische Einblicke zu geben, ohne Beschönigung, aber auch ohne Scheu und Minderwertigkeitskomplexe?

Auch wenn ich weiß, dass es auch andere Erfahrungen gibt, die nicht minder ernst genommen werden dürfen als meine: In meinem Umfeld mache ich fast nur positive Erfahrungen mit Deutschen aus allen Altersstufen und Gesellschaftsschichten, selbst in Zeiten schärfster Islam- und Integrationskritik. Und das seit vielen Jahren. Nie hat jemand von mir verlangt, dass ich meine Wurzeln und persönlichen Überzeugungen verleugne. Ich wiederum akzeptiere die Deutschen so, wie sie sind, versuche ihre Sichtweisen nachzuvollziehen und bringe der deutschen Kultur, die ich zu großen Teilen auch als meine Kultur ansehe, den gebührenden Respekt entgegen. Und ich freue mich jedes Mal, wenn türkischstämmige Freunde von ähnlichen positiven Erfahrungen berichten. Ausgerechnet in den Tagen der Sarrazin-Debatte meinte eine junge Muslimin mit Kopftuch zu mir, dass sie Zeit ihres Lebens fast nur positive Erfahrungen mit Deutschen gemacht hätte. 

Das Deutschland, von dem ich rede, gibt es also doch!

Nachdem ich diese positiven Erfahrungen immer wieder und wieder gemacht habe, bin ich nicht bereit, für die wenigen negativ verlaufenen Begegnungen in meinem Leben, die Gesamtheit verantwortlich zu machen oder beleidigt auf Deutschland zu sein. Ebensowenig bin ich bereit vor den öffentlichen Hetztiraden professioneller Türkenhasser und Moslemverachter und ihren medialen Multiplikatoren zusammenzuzucken. Im Gegenteil: Genau das ist doch der Moment, in dem ich meine Loyalität zum deutschen Anteil meiner Identität erproben kann. Ich bin nicht probeweise „deutsch“ für „die da“, quasi im Sinne eines kulturellen Kuhhandels der Form: Wenn du Respekt vor meiner türkisch-islamischen Kultur zeigst, dann zeige ich Respekt vor deiner deutscher Kultur. Weit gefehlt!

Ich bin einfach zu egoistisch, um das Deutsche in mir bei jedem islam- und türkenfeindlichen Ausfall da draußen in Frage zu stellen. Auch bin ich überzeugt davon, dass die professionellen Türkenhasser und Moslemverachter in Deutschland nach wie vor eine lautstarke Minderheit darstellen, und dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Auch wenn sie manchmal großen Einfluss zu haben scheinen und viel Applaus bekommen: Bei einer näheren Untersuchung würde sich zeigen, dass die meisten Deutschen bei weitem nicht bereit wären die meist unterschwellige, menschenverachtende Ideologie der verhinderten Deutschlandretter als Ganzes zu billigen. Es geht vielen Deutschen meist nur um bestimmte inhaltliche Aspekte der öffentlichen Stimmungsmacher, die sie für berechtigt halten – Aspekte, die selbst ich und die meisten Türken in meinem Umfeld zu manchen Teilen für berechtigt halten. Da stellt sich die Frage: Warum engagieren wir uns nicht für die Beseitigung dieser Probleme? Warum bekämpfen wir nicht selbst Missstände in der türkisch-islamischen Community, sondern warten darauf, bis sich Hetzer darauf stürzen und diese für ihre erbärmliche Propaganda instrumentalisieren? Wir wissen selbst sehr wohl, welche Traditionen und Islamkonzepte unvernünftig oder verwerflich sind. Lasst uns also den Islamkritikern mit Analysen und Lösungen zuvorkommen! 

Ja, die Mehrheit der Deutschen ist nicht islamfeindlich, sondern aus nachvollziehbaren Gründen islamskeptisch. Folglich sollten auch wir nicht die Rolle des Opferkindes einnehmen, sondern die des geduldigen Zuhörers und des entschiedenen Vermittlers. Ich bin bereit für meine vermittelnde, aber in beide Richtungen bestimmte Haltung zu lernen, zu streiten, und auch eigene Meinungen aufzugeben, wenn sie sich als falsch erweisen. Aber sollte diese Bereitschaft nicht für jeden vernünftigen Menschen selbstverständlich sein? 

Wer ich bin, was ich glaube, und wie ich lebe ist einzig und alleine meine Entscheidung. Jeder Mensch sollte das Recht auf eine solche Entscheidung besitzen. Eine Entscheidung, die durch andere sicherlich mitgeprägt wird, die aber letztlich von mir geprüft und beglaubigt, oder verworfen werden muss. Diese Entscheidungen müssen aber weder willkürlich, noch unberechenbar sein. Meine Arbeitshypothese ist ganz einfach: Wenn der Islam eine im Kern vernünftige Religion ist – wovon ich mich selbst überzeugt habe -, und wenn die europäische Aufklärung eine liberale, sich bewährende und im Kern vernünftige Weltanschauung ermöglicht hat – wovon ich mich ebenfalls selbst überzeugt habe -, dann stehen mir zahllose, individuelle Möglichkeiten neuer Synthesen offen.

Ist das denn nicht herrlich?

Ist das denn nicht viel besser als die ideologischen, schwarz-weiß-malerischen Spinnereien rhetorisch brillanter, aber intellektuell wie emotional minderbemittelter Prediger und Demagogen des Kulturkampfes?

Ja, das ist es! Wir sind diese Synthese!

Wir müssen jedoch akzeptieren, dass unsere in Entwicklung befindlichen Lebenskonzepte nicht erst von allen Seiten applaudiert und beglaubigt werden müssen, damit sie gut und legitim sind. Selbstbewusstsein definiert sich zu großen Teilen aus dem Vermögen sich selbst die Bestätigung dafür zu geben, dass das, was man nach reiflicher Abwägung tut, in Ordnung ist. Dass man als Mensch vor Gott und seinem Gewissen gerechtfertigt ist. Und dass man nicht als verunreinigter Schuldiger auf die Absolution durch das Tribunal von deutschen oder türkischen Kultur-, und Identitätswächtern warten muss.

Wir allein sind das Tribunal! Jeder über sich selbst!

Und erst, wenn man keinen Groll mehr gegen die Hetzer und Unverständigen verspürt, und wenn der Eifer allen etwas beweisen zu wollen einer toleranten Gelassenheit gewichen ist, kann man sagen, dass das unbefriedbare Tribunal da draußen überwunden wurde. Es hat dann seinen Schrecken verloren und ist zu einem Stück Normalität, zu einem Umstand unter vielen zusammengeschrumpft. Es steht auf Augenhöhe mit mir – nicht darunter, nicht darüber, sondern auf Augenhöhe…

In diesem Sinne…