Das neue Freibad

Es war an einem grauen Samstag. Seit Wochen schon verfinsterten schwere Gewitterwolken den Himmel über Stuttgart. Doch Felix spürte, dass  es nicht das Wetter war, das ihn so unruhig machte. Es musste ein Augenblick der Unachtsamkeit gewesen sein, in dem etwas Fremdes in die Straßen Stuttgarts gedrungen war. Felix vermochte es nicht zu benennen. Doch er konnte fühlen wie es mittlerweile begann an seinen Kräften zu zehren. Außer ihm schienen die Stuttgarter aber glücklicher denn je zu sein. Ganze Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen zogen selbst bei Sturm und Regen tanzend und singend durch die Straßen - ohne einen ersichtlichen Grund. Felix schien immun gegen jeden Anflug dieser neuen Laune zu sein. Dabei hatte er allen Grund glücklich zu sein. Herr Ruwen, der Chef der Marketingabteilung, hatte ihm vor zwei Tagen die Verantwortung für ein internationales Projekts übergeben, was eine  besondere Ehrung für einen Neuling wie ihn war.

Doch heute saß Felix grübelnd am Frühstückstisch, als ihn das plötzliche Läuten der Hausklingel in die Realität zurückholte.

Hi, Felix!“, strahlte ihn sein alter Kumpel Florian durchnässt vom Regen an.

 Endlich mal wieder jemand, auf den man sich freut!“, begrüßte ihn Felix.

Beim Frühstück redeten sie über Felix neuen Auftrag und über Florians Verlobte bis sein Handy klingelte.

Hallo Corinna… Ja, ich machen heute den Eröffnungssprung im Freibad… Ja, das Wetter ist ideal… Die Veranstalter erwarten an die zweitausend Leute… Grüß die anderen von mir. Bis dann.“

Felix musterte Florian mit fragenden Augen.

Was für eine Freibaderöffnung?          

Wie? Ach so. Da drüben auf dem Schloßplatz macht heute ein neues Freibad auf. Ich habe in einer Verlosung gewonnen und darf das 5-Meter-Brett einweihen. Kommst du mit? Paar Schülerinnen von mir kommen auch.

Felix beugte sich weit zu Florian vor und fragte mit ungläubigen Augen:

Wir haben das wohl beschissenste Weiter seit der Sintflut und jemand eröffnet gerade jetzt ein neues Freibad? Wer soll da denn hin?

Florian schüttelte verständnislos den Kopf.        

Mann, bist du ein Spießer! Das Freibad ist schon auf meinem Weg hierher rammelvoll gewesen. Das Wetter ist doch perfekt: Nass werden wir sowieso. Das Freibad gibt dem Ganzen halt einen würdigen Rahmen. Um 16.00 Uhr werde ich meinen Köpfer vom 5-Meter-Brett machen. Komm mit, dann siehst du, was geht. Ich warte auf dich.

Mal schauen. Wenn vor der Haustür ein Schlauchboot vorbeifährt, überlege ich es mir vielleicht.

Das war nicht zu fassen. Jetzt war auch Florian auf diesem Party-trotz-Gewitter-Trip. Wahrscheinlich wollte er damit nur vor seinen Schülerinnen protzen. Lust auf diesen Schabernack hatte Felix jedenfalls nicht. Vielleicht war das Geschwätz von Florian auch nur Teil eines SWR3-Gags oder so. Schließlich gab es immer wieder Leute, die so ein Massenrollenspiel initiierten.

Es regnete Niagarafälle als Felix am Nachmittag widerwillig den vom Chef empfohlenen Managementratgeber beim Wittwer abholen ging. Wann, wenn nicht am Wochenende sollte er sich da schon einlesen? Er watete in seinem blauen Regenmantel durch den peitschenden Regen und stand kurz vor dem Buchhandel, als sein Blick auf eine große, halbnackte Menschenmasse auf dem Schloßplatz fiel.

Ne, du!“ entfuhr es ihm. Da standen doch tatsächlich hunderte Menschen dicht gedrängt in Badeklamotten auf dem Platz und amüsierten sich trotz Gewitter offensichtlich prächtig. Unter einer großen Abdeckung spielte eine Liveband krachige Musik, die Felix im Regen kaum heraushören konnte. War es also doch wahr, was Florian ihm erzählt hatte. Wahnsinnig mussten die sein. Staunend ging er auf die Leute zu und bemerkte, dass im Zentrum des Getummels eine große Fläche freistand. Vorsichtig fragte er eine rot gebräunte ältere Dame neben ihm, was dies denn sei.

Das ist das neue Becken.

Wie, Becken? Ich sehe da kein Becken.

Schauen Sie doch. Da schwimmen schon lauter junge Leute.

Doch es standen zu viele Menschen im Blickfeld des ohnehin etwas kleinen Felix. Also stellte er sich auf die Fußspitzen, stütze sich mit Fingern auf einen kräftig gebauten Mann vor ihm und hüpfte paarmal. Dass er Unmut bei ihm erwecken könnte, kümmerte ihn auf einen Schlag nicht mehr. Was er da sah, war einfach zu absurd.

Da robbte ein Dutzend junger Leute in Badehosen auf dem Betonpflaster, das mit einem blauen Seil in Kniehöhe abgegrenzt war. Manche lagen auf dem Bauch, andere auf dem Rücken und schlugen Arme und Beine auf den Boden. Er war sich sicher, dass es er genau gesehen hatte. Ihre Ellenbogen waren schon weit aufgeschürft. Beim nächsten Hüpfer tat sich ihm das Grauen endgültig auf. Zwei junge Männer lagen blutüberströmt auf dem Beton und rührten sich kaum noch. Florian blickte ratlos mit zitternden Lippen um sich, als plötzlich Applaus losging.

Am Rand der Betonfläche stand ein Gerüst, das jemand in großen Schritten hochkletterte. Felix kannte diesen athletischen Rücken. Das war Florian.

Was hat der vor?“, fragte Felix beunruhigt einen jungen Mann mit Glatze.

Das ist der Gewinner der Verlosung. Der wird das 5-Meter-Brett einweihen.

Väter nahmen ihre Kinder auf die Schultern, damit sie den Sprung verfolgen konnten. Felix spürte, wie ihn langsam eine tiefe Angst überkam.

Will der jetzt wirklich springen?

Ja, was denn sonst?

Habt ihr einen Knall? Da ist doch nur steinharter Beton!

Ich glaub‘ du bist blind. Hast du noch nie Wasser gesehen?

Jetzt verlor Felix endgültig die Fassung. Florian wollte wirklich aus fünf Metern kopfüber auf den Beton springen. Wie in seinen Kindheitsjahren biss sich Felix in die Unterlippe, atmete tief ein und schrie:

He! Florian! Lass den Scheiß! Komm da runter!

Er schrie immer lauter und lauter, länger und länger. Doch seine Rufe verschallten hoffnungslos im Tosen der Massen. Da stand sein bester Freund am Abgrund und Felix konnte nichts machen außer hilflos zu schreien. Wie gerne hätte er ihn am Kragen gepackt und wieder die Leiter heruntergezerrt, wie auch Florian ihn einst aus dem Wasser zog, als Felix sich im Schwimmunterricht einmal ins tiefe Becken geschlichen hatte und fast ertrunken wäre. Wie gerne hätte er Florian aufgefangen, sich unter ihn geworfen, auch wenn er sich alle Knochen gebrochen hätte. Doch heute waren seine Arme zu kurz um Florian über die übergroße Distanz hinweg aufzufangen. Schluchzend stemmte er sich gegen die übermächtige Menschenmasse vor sich, schrie, schlug verzweifelt mit beiden Fäusten auf die Köpfe der Applaudierenden ein, konnte kaum noch stehen.

Jemand hatte bereits die Polizisten gerufen, die sich durch die Menge wühlten um dem Unruhestifter Einhalt zu gebieten. Als Florian zum Sprung ausholte, sank Felix unter Stockschlägen zitternd auf die Knie. Als er in Handschellen gelegt wurde, musste er hören, wie Florians Körper am Boden zerschellte – es war ein schreckliches Geräusch, dass Felix nie zuvor gehört hatte und nie wieder vergessen würde. Ein tosender Applaus folgte. Die Party ging noch bis zum späten Abend weiter.

Am nächsten Tag berichtete die Stuttgarter Zeitung von über 1800 Besuchern bei der feierlichen Eröffnung des neuen Freibades. Erwähnt wurde auch ein junger Erwachsener, der aus noch ungeklärten Gründen Amok gelaufen war und sich bis auf Weiteres in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt befand.