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Von Islamfreunden, Islamfeinden und Islamskeptikern

Bei aller Komplexität der Zusammensetzung von Muslimen wie Nichtmuslimen in Deutschland, könnte man, wenn man am Aspekt der Gesprächsbereitschaft der Deutschen mit den Muslimen in ihrer Rolle als Muslime interessiert ist, drei Haltungen unter den Deutschen  unterscheiden. Ich weiß, dass solche Klassifizierungen sehr gewagt, da grob vereinfachend sind, aber ich gehe an dieser Stelle das Wagnis ein, weil es für manche Zwecke ausreichend ist. Die erwähnten Haltungen, die ich unterscheiden möchte, sind die islamfreundliche, die islamfeindliche und die islamskeptische. Diejenigen Deutschen, die sich von all dem nicht betroffen fühlen, passen natürlich in keine dieser Kategorien. Auch geht es mir hier nicht in erster Linie um die Rolle des Islam als Religion, sondern um die Rolle der Muslime als Minderheit in Deutschland. Den Begriff Islam verwende ich hier in der Weise, wie er desöfteren im öffentlichen Diskurs verwendet wird, nämlich als das, wovon viele Nichtmuslime glauben, dass die Muslime daran glauben würden, oder theoretisch sollten, wenn sie sich als Muslime verstehen – ich weiß, eine schreckliche Definition, aber auf diesem Niveau läuft heute ein großer Teil der Debatte über den „Islam“. Mit Islamfreunden etc. meine hier daher Leute, die Muslimen freundlich gesinnt sind und zusätzlich noch Positives mit dem Begriff Islam verbinden. Ich möchte hier auch nicht auf Unterschiede im Islamverständnis der Muslime eingehen.

Am entspanntesten, sozusagen am islamfreundlichsten, ist das Verhältnis wohl dort, wo sich Muslim wie Nichtmuslim persönlich gut kennen, einiges miteinander teilen und auf diesem Weg Freunde geworden sind. Das ist die in der abstrakten Öffentlichkeit wenig wahrgenommene, aber im individuellen Leben nach wie vor intensivste Form von Freundschaft und Vertrauen zwischen „Islam“ und „Westen“ – ich setze das bewusst in Gänsefüßchen, da wir es hier eigentlich mit einer Freundschaft von Individuen und nicht von abstrakten Religionen oder Kulturen zu tun haben. Meines Erachtens ist dieser Dialog zwischen Muslimen und „Westlern“ viel wichtiger und realistischer als ein abstrakter Dialog zwischen „Islam“ und „Westen“ – ein Dialog, der verheißungsvoll klingt, aber in der Praxis aus konzeptuellen Gründen nie realisierbar war, ist und sein wird. Eine etwas ernüchternde Beobachtung ist zudem wohl die, dass die Gruppe derjenigen Deutschen, die sich ohne große Vorbehalte auch als Freunde des Islam als Religion und Lehre verstehen, zugegeben klein ist – aber ist das bei dem Bild, das die islamische Welt und manche Muslime hierzulande abgeben, wirklich verwunderlich? Zudem in einer säkularen Gesellschaft, in der selbst das ureigene Christentum und ihre kirchlichen Vertreter immer wieder unter Beschuss geraten, ausgiebig kritisiert, beleidigt und gedemütigt werden? Offen gesagt: Nein!

Die gute Nachricht lautet aber: Die Gruppe der unversöhnlichen Islamfeinde (oder –gegner) ist auch klein, und zwar wesentlich kleiner, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Sie machen viel Lärm und beanspruchen im Namen einer schweigenden Mehrheit zu sprechen – in Wirklichkeit instrumentalisieren und ideologisieren sie jedoch nur die diffuse Skepsis und Angst in der Bevölkerung, die bei weitem nicht so scharfe ideologische Konturen trägt wie die Anschauungen ihrer selbsternannten Anwälte. Sie bezeichnen sich meistens als Islamkritiker. Die meisten agieren anonym, die Mutigen von ihnen offen. Leider sind nur die wenigsten von ihnen sachliche Kritiker. Viele – zu viele – von ihnen vermischen sachliche Kritik, der man selbst als Muslim zu großen Teilen zustimmen könnte, mit billigem Populismus und genau jenem Schwarz-Weiß-Denken, das sie doch eigentlich den Muslimen nachweisen wollten.  Der Mangel an kompetenten Vertretern von Gegenpositionen, und das noch zu geringe mediale Interesse am Durchschnittsmuslim in Deutschland erleichtert es ihnen die Lufthoheit in Sachen Islam für sich zu beanspruchen. Als echte oder scheinbare Tabubrecher ziehen sie viel Aufmerksamkeit auf sich – aber diese ist definitv nicht zu verwechseln mit einer uneingeschränkten Zustimmung des Volkes. Mir sind immer wieder Deutsche begegnet, die meine Meinung über manche dezidiert islamfeindliche Autoren wissen wollten. Meistens hatte ich das Gefühl, dass sie ernsthaft an einer muslimischen Meinung dazu interessiert waren. Was jene Autoren und Blogger betrifft, komme ich oft zum Ergebnis, dass sie in vielen Dingen recht haben und gute Beobachter sind. Leider versagt ihr Scharfsinn oft gerade am wichtigsten Punkt, nämlich wenn es darum geht diese Beobachtungen in einen realistischen und vernünftigen Deutungsrahmen zu setzen. Für sie ist einfach der Islam das Problem. Punkt. So vulgarisiert man den Diskurs und macht weitere Gespräche überflüssig. Von gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontexten, die erst bestimmte Praktiken und Islamdeutungen begünstigen, wollen sie nichts wissen. Aber: Solange sie in ihren verschiedenen Deutungsrahmen nicht erklären können, warum es gläubige und praktizierende Muslime gibt, die im Westen weitgehend integriert und absolut friedfertig sind, bleibt bei vielen mein Verdacht der ideologischen Islamfeindlichkeit bestehen. Und das ist nach meinen Begriffen nun mal mehr als nur Islamkritik.

Durchaus größer als die Gruppe der Islamgegener unter den Deutschen ist die Gruppe derjenigen, die – teils aus völlig nachvollziehbaren Gründen – den Muslimen und ihrer Religion gegenüber skeptisch eingestellt sind, aber dennoch bereit sind für Differenzierung, Gespräche, Klärung offener Fragen und dem Abbau von Vorurteilen. Sie nehmen – im Gegensatz zu den Islamfeindlichen – die Muslime als Gesprächspartner ernst und sind bereit für Diskurse auf Augenhöhe. Aber sie fordern auch, dass die Muslime, die sie aus dem eigenen Alltag oft kaum persönlich kennen, ihnen mehr Anlässe zur Differenzierung geben. Ich weiß, dass es die meisten Muslime leid sind immer wieder und wieder die selben Dinge erklären zu müssen. Ich weiß, dass sie der Meinung sind anständige Bürger dieses Landes zu sein, und dass es sie manchmal an den Rande der Verzweiflung treibt, wenn sie mit dem Islambild der Öffentlichkeit konfrontiert werden. Die meisten von ihnen fühlen sich von der islamkritischen Stimmung im Lande völlig überfordert. Aber ich bin mir sicher: Der unter Muslimen zunehmend verbreitete Eindruck eines ständigen Eindreschens der Deutschen auf ihre Muslime täuscht. Die realen Erfahrungen der meisten Muslime, die ich kenne, mit den Deutschen, sprechen eine differenzierte und überwiegend positive Sprache. Warum sollte ich mich da trotz besseren Wissens der Kulturkampfrhetorik der Dauerpessimisten anschließen?

Nach wie vor ist die rechtliche Lage der Muslime in Deutschland exzellent, ebenso die theoretischen Möglichkeiten, die den Muslimen zum Aufstieg, zur Neuorientierung in Deutschland und zur angemessenen Artikulation in der Öffentlichkeit offenstehen. Das Problem ist schlicht und ergreifend, dass den Muslimen jegliche Strukturen fehlen in den öffentlichen und politischen Diskursen mitzuhalten, geschweige denn überhaupt nachzuvollziehen, worum es den meisten Deutschen wirklich geht. Darum bleiben die meisten dieser Möglichkeiten ungenutzt. Unsere Passivität in jeglicher Hinsicht trägt massiv dazu bei, dass viele Deutschen keinen Anlass vorfinden ihr Bild von Muslimen auszudifferenzieren.

Darum möchte ich vor allem die Muslime darum bitten jene große Gruppe der Mehrheitsgesellschaft, die ungeduldig auf Klarheit wartet, nicht in einen Topf zu werfen mit den sagen wir mal Türkenhassern und Moslemverachtern. Und man schaue bitte genauer hin: Selbst die konservativen, dialogbereiten Deutschen scheitern am Dialog mit diesen - ich meine damit noch nicht einmal die Linksliberalen, sondern durchaus auch Teile der Konservativen. Ich erinnere mich da nur an die Schelten und Verleumdungen, die Wolfgang Schäuble für seine Islamkonferenz einstecken musste.

Es wäre ein fataler Fehler auf muslimischer Seite, wenn sie sich in ihren Stellungnahmen in Ton und Substanz den Islamgegnern angleichen würden. Jeder Versuch sie mit ihren eigenen rhetorischen Mitteln zu schlagen, würde noch mehr Spannung und Konflikt erzeugen – jedoch überzeugen würden sie niemanden damit. Ich finde: Wir sollten es besser machen als sie, sowohl im Ton, als auch in der Substanz. Das heißt: Ja zur sachlichen Gegenkritik und Zurückweisung von Verleumdungen - aber nicht in dem widerlichen Kampfsprech der vom Hass Zerfressenen und Panikstifter. Wenn man also als Muslim einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten möchte, dann sollte man stets die Mehrheit der Deutschen vor Augen halten, also diejenigen, die ebensowenig an einem Kampf der Kulturen interessiert sind wie die Muslime.

“Ez jı te hez dıkım” - oder die türkisch-kurdische Tragödie

Manchmal gelingt es Kolumnisten mir völlig unerwartet ein schlechtes Gewissen zu machen - zuletzt ist dies Ihsan Dağı von der türkisch-konservativen Tageszeitung Zaman gelungen. Der für mich absolut nichts sagende Titel “Ez jı te hez dıkım” hat mich, der ich mich eigentlich für tolerant, weltoffen und emfindlich gegenüber jede Form chauvinistischer Diskriminierung halte, auf einen peinlichen blinden Fleck - genaugenommen: einen blinden Fleck der Türken überhaupt - aufmerksam gemacht.

Der Autor hebt hervor, dass seit gut tausend Jahren Kurden und Türken zusammenleben - doch obwohl man in der Türkei den Kurden selbstverständlicherweise ein Beherrschen der türkischen Sprache abverlangt, würde sich so schnell kaum ein Türke finden, der auch nur einen Satz kurdisch spricht. Darum könne man seinen kurdischen Mitmenschen weder auf Kurdisch einen guten Morgen wünschen, noch ihm sagen, dass man ihn liebt - genau letzteres ist übrigens die Bedeutung der Überschrift von Dağıs Text. Zumindest behauptet er, dass dies die Bedeutung sei und ich glaube ihm das einfach. Denn auch ich verstehe kein Wort Kurdisch, und ganz wie es Dağ pauschal den Türken unterstellt, trifft es auch auf mich zu, dass ich nicht im Traum daran denken würde mal ein paar Worte Kurdisch zu lernen.

Wozu denn auch - nicht wahr?

Dies ist meines Erachtens ein Paradebeispiel für einen anerzogenen blinden Fleck. Die Gründer der Republik wollten das Volk unter einem staatlich definierten Türkentum vereinen. Für die Kurden hatte das zur Folge, dass sie im Gegensatz zu den Armenieren und Griechen nicht einmal einen Minderheitenstatus zugeschrieben bekamen. Sie waren in Wirklichkeit Türken - zumindest laut Gesetz. Ebenso definiert dieses, dass die Muttersprache aller türkischen Bürger türkisch ist. Insofern ist das Türkentum der Republik nicht biologistisch zu verstehen, sondern als homogenisierte kulturelle Identität, deren Details staatlich vorgegeben wurden. Das hat zur Folge, dass Kurden alle Bürgerrechte wahrnehmen und bis in die höchsten Ämter aufsteigen können - allerdings zum Preis weitgehender Assimilation. Bis vor einigen Jahren war es sogar noch verboten auf Kurdisch zu publizieren. Hier sind auch die Ursachen der Fremdheit der Türken gegenüber dem Kurdischen zu suchen. All dies hat in den letzten Jahren jedoch angefangen sich grundsätzlich zu verändern.

Die konservative AKP-Regierung unter Erdoğan hat nun einen größeren Schritt gewagt und versucht sich offiziell an einem ”kürt açılımı”, was man etwas frei als Öffnung gegenüber den Kurden übersetzen könnte. Damit soll unter anderem eine Beseitigung von Benachteiligungen der Kurden und eine Aufwertung der kurdischen Sprache in der Türkei einhergehen. All dies ist ein Bestandteil des Demokratisierungskurses der Regierung. Doch der Widerstand der Oppositionsparteien ist immens. Daher hat man den Titel mittlerweile auf “demokratik açılım” heruntergekocht. Der Widerstand liegt zum einen daran, dass der Innenminister Beşir Atalay trotz mehrfacher Ankündigung den Inhalt der geplanten Öffnung immer noch nicht transparent gemacht hat und somit die öffentliche Skepsis befördert. Zum anderen steht da ein reflexhaftes, gerdazu programmatisches Festhalten mancher Kreise am Status Quo. Wenn Erdoğans Regierung es tatsächlich schaffen sollte das nicht mehr abgeleugnete Kurdenproblem zu lösen, dann drohen den ohnehin handlungsunfähigen Oppositionsparteien massive Stimmeneinbrüche. Scheitert das Projekt jedoch an der zunehmenden Kritik seiner Gegner, könnte dies für die ins Kreuzfeuer geratene AKP vergleichbare Folgen haben.

Sowohl in den konservativen, als auch in den liberalen Kreisen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass das Kurdenproblem nicht identisch ist mit dem PKK-Problem. Das ist die Legitimation dafür, dass die Regierung sich überhaupt an das heiße Eisen wagen kann. Denn die terroristische PKK ist und bleibt als Gesprächspartner ausgeschlossen. Vielmehr möchte man die Diskriminierung der Kurden bekämpfen um so letztlich auch der PKK ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Den militärischen Konflikt im Südosten, der zehntausende Menschenleben gefordert hat, endgültig zu beenden ist letztlich das ehrgeizige Endziel der Öffnung. 

Selbst der berühmte kemalistische Nationalist und AKP-Kritiker Hıncal Uluç hatte in einem überraschenden Beitrag in der Tageszeitung Sabah angekündigt, dass er das nächste Mal Erdoğan wählen würde, wenn dieser es schafft das Kurdenproblem zu lösen und für anhaltenden Frieden zu sorgen. Allerdings droht die Chance auf eine Lösung unter den jetzigen Umständen wieder in die Ferne zu rücken - nicht zuletzt auch deshalb, weil die politische Repräsentanz der Kurden seit den letzten Debatten ihren Ton dem der unversöhnlichen Nationalisten angenähert hat.  

Für Ihsan Dağı besteht die Lösung des Kurdenproblems zu einem großen Teil in einer Anerkennung der kurdischen Sprache. Solange das Kurdische von den Türken nicht als normale, natürliche und auch der Türkei zugehörige Sprache anerkannt wird, könne das Zusammenleben zwischen Türken und Kurden nicht die stabile Grundlage finden, die sie braucht. Wenn man bedenkt, dass die Sprache das kulturelle Gedächtnis einer Nation darstellt, wird man ihm wohl Recht geben müssen.

Ich finde es erfreulich, dass der progressive Versuch die Kurden auch in ihrer Kultur gleichzustellen gerade von konservativer Seite vorangetrieben wird. Dieser Kurs wird von Seiten der EU und der USA zwar unterstützt und gefordert, was der Regierung seitens der Kritiker oft zum Vorwurf gemacht wurde. Dennoch kann man die jetzige Politik nicht allein auf die Erwartung des Auslandes reduzieren - denn zu oft schon hat die Türkei diesen Prozess hinausgeschoben, von dem der zermürbte innere Frieden und damit auch der Wohlstand des Landes abhängt. Es bleibt abzuwarten, ob die Konservativen ihren egalitären Kurs durchsetzen können, oder ob ihr Projekt inmitten von selbstverschuldeter Unbestimmtheit und der Skepsis der Kritiker bald schon zu Grabe getragen werden muss.

Auch die Religion spielt im ideologischen Kontext dieses Prozesses eine zwar weniger offensichtliche, aber dennoch prägende Rolle. So hat der konservative Intellektuelle Ali Bulaç darauf hingewiesen, dass der Islam die Vielheit von Kulturen und Sprachen als einen gottgegebenen Reichtum in der Schöpfung ausgewiesen habe. In seiner Kolumne in der Zaman mit dem Titel ”Die Rechte der Völker und der Kurden” zitiert er den Koranvers: “Zu Seinen Zeichen gehört auch die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit euerer Sprachen und euerer (Haut-)Farben.” (30:22) Man kann und sollte diesen Vers in der Tat als Manifest gegen kulturellen und biologischen Rassismus lesen. Bedeutung gewinnt dieses Manifest allerdings erst dann, wenn es Menschen gibt, die dies von der Ebene der Theorie in ihren eigenen Alltag holen…

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