Archiv der Kategorie Koran
Vom reflektierten Urteilen
23.10.2009 von Hakan Turan.
“Verkünde also Freude jenen Meiner Diener, welche der Rede zuhören und sich dann an das Beste davon halten…” (39:17-18)
Ich gebe im Folgenden einen Auszug aus einer Abhandlung eines der weniger bekannten, aber zugleich hellsten Köpfe der islamischen Geschichte wieder. In diesem kurzen Auszug arbeitet dieser aus dem oben zitierten Koranvers eines der meiner Meinung nach weitreichendsten und schönsten erkenntnisleitenden Prinzipien aus:
“Die Grammatik ist der Prosa und die Metrik der Poesie als ein zuverlässiges und geeichtes Richtmaß zugeordnet; dabei ist die Grammatik von allgemeinerer Geltung, denn sie umfasst zugleich die Prosa und die Poesie. Weiterhin ist die Rede in beiden Gattungen der Ausdruck eines Gedankens, den der Redende im Sinn hat. Wenn nun die Gedanken zu einem logischen Schluss zusammengesetzt werden, so bejahen sie entweder einen Gedanken, oder verneinen ihn. Die Logik und ihre Kriterien wurden als Maßstäbe für dieses Zusammensetzen festgelegt…
Unter diesen Disziplinen (Grammatik, Metrik, Logik) wird nun aber die Logik (als Wissenschaft der gültigen Schlüsse) auf Aristoteles zurückgeführt, von dessen Meinungen und Überzeugungen manches, wie man bemerkte, nicht mit dem Islam übereinstimmt, weil er sie aus der Spekulation (d. h. aus dem reinen Vernunftgebrauch) und nicht aus der Religion heraus gewonnen hat. Zudem pflegten die Griechen und Römer zu seiner Zeit (d. h. im vierten Jahrhundert v. Chr.) die Götzenbilder und die Gestirne zu verehren.
Aus diesem Grunde sind heutzutage einige Fanatiker aus Übereilung dazu gekommen, dass sie einen jeden, dessen Name auf ’s’ endet (wohl eine Anspielung auf Aristoteles und andere griechische Philosophen), mit dem Unglauben und der Ketzerei in Verbindung bringen…
Wenn man aber einen Sachverhalt aus Hass auf seinen Urheber unterschlägt oder entstellt, oder sich von einer Wahrheit abwendet, weil derjenige, der sie ausspricht, in anderen Dingen geirrt hat, so hält man sich an das Gegenteil von dem, was die Offenbarung (der Koran) verkündet hat. Gott, der erhaben ist, hat gesagt: Diejenigen, die der Rede zuhören und sich dann an das Beste davon halten, das sind jene, die Gott auf den rechten Weg geführt hat…”
(Übersetzung von: Strohmaier, Gotthard: In den Gärten der Wissenschaft, Reclam Verlag Leipzig, 2002, S. 43-44. Die Klammerbemerkungen stammen von mir)
Diese Verteidigung stammt von niemand geringerem als dem muslimischen Universalgelehrten Al-Biruni (gest. 1048 n. Chr.), der zu seiner Zeit als überragender Mathematiker, Astronom, Kartograf, Übersetzer, Forschungsreisender und nicht zuletzt als Philosoph und Denker wirkte. Er ist meines Erachtens einer der positivsten und vielseitigsten Gestalten der islamischen Geistesgeschichte, von der man zu praktisch allen Themen viel lernen kann, insbesondere, wie sich der islamische Glaube mit Vernunft und Empirie zu einer produktiven Einheit verbinden lässt. Al-Biruni war in der Tat nicht nur ein exzellenter Empiriker, sondern entwickelte in Auseinandersetzung mit dem Wissen und den widersprüchlichen Weltbildern seiner Zeit eine eigene Synthese aus Rationlität und Glauben. Leider sind seine philosophischen Werke im Gegensatz zu seinen naturwissenschaftlichen nahezu vollständig verschollen. Erhalten ist jedoch sein Briefwechsel als 25-Jähriger mit Ibn Sina alias Avicenna, dem berühmten Arzt und Philosophen, der damals gerade mal 18 Jahre alt war. In diesem Briefwechsel wirft Al-Biruni kritische Fragen zur aristotelischen Naturphilosophie auf und diskutiert diese mit Ibn Sina, der damals schon ein ausgewiesener Aristoteleskenner war. Dieser Aristoteles-kritische Al-Biruni ist es, der in der zitierten Passage selbigen Philosophen in Schutz nimmt gegen eine pauschale Ablehnung durch “Fanatiker” - (ja, solche gab es auch damals) und im Einklang mit dem zitierten Koranvers fordert, dass man die Wahrheit einer Aussage ohne jeden Vorbehalt gegenüber seinem Urheber untersuchen soll.
Es ist mir persönlich immer wieder eine Freude zu lesen, wie Al-Biruni die Welt und den Koran erklärt, ohne dass man ihn dabei klischeehaft auf die eine oder andere Denkrichtung seiner Zeit festlegen könnte (Falsafah, Kalam, Tasavvuf etc.). Nicht zuletzt dies weist ihn als originellen und tiefgründigen Denker aus, der an erster Stelle an Wahrheit, und nicht an Loyalität gegenüber einer bestimmten Schule interessiert war. Auch klingt es in meinen Ohren einfach authentischer, wenn ein exzellenter muslimischer Naturwissenschaftler über das Verhältnis von Islam und Rationlität spricht, als reine Theologen oder Islamgelehrte. Wer sich also trotz der aktuellen, teils notwendigen und teils überflüssigen Debatten über Türken, Araber und den Islam noch von so etwas Weltfremdem - oder vielleicht doch höchst Wichtigem? - wie Wissenschaftsgeschichte inspirieren lässt, der vergesse für einen Moment mal alle politischen Streitthemen, besorge sich stattdessen Strohmaiers oben zitierte Edition und lese sich einen kleinen Deut weiser und glücklicher. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Gotthard Strohmaier für sein hervorragendes Werk.
Geschrieben in Koran, Denker, Inspirationen, Islam | Drucken | 1 Kommentar »
|