Archiv der Kategorie Integration
Wie man sich Osmanen heranzieht
7.1.2010 von Hakan Turan.
Der Unterricht bei Frau Rieger* an der städtischen Realschule hat gerade begonnen. Und wie die vor wenigen Wochen eingeschulten Fünftklässler am lauten und bestimmten Tonfall der Deutsch- und Geschichtslehrerin, die zugleich Schulleiterin ist, erkennen können, gibt es zuvor etwas Wichtiges zu klären. In die Richtung von Fatih blickend fängt Frau Rieger an:
„Bevor wir anfangen will ich etwas sagen. Sei dir über einige Sachen im Klaren, Fatih. Diese wären, dass ich gesehen habe, dass du in den Pausen die Mädchen belästigst und schlägst. Du kannst dieses Verhalten in der Türkei bei euren Frauen an den Tag legen. Aber mit deutschen Mädchen und Frauen kannst du nicht so umgehen wie mit türkischen Frauen.”
Völlig verwirrt widerspricht Fatih den Beschuldigungen, doch gegen diese mutige Kulturkämpferin, die dem Türken endlich klar machen will, dass hier nicht türkische, sondern deutsche Gepflogenheiten gelten, ist nicht anzukommen. Die Situation endet mit einer Ankündigung von Strafmaßnahmen bei wiederholtem Fehlverhalten und einem weinenden Fünftklässler, der zum ersten Mal einige längst fällige Worte über den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Kulturen, in denen er groß wird, belehrt wird.
Die Mädchen in der Klasse fragen sich gegenseitig, wen von ihnen genau denn Fatih geschlagen haben soll. Nach einigem Gemurmel kommen sie zum Ergebnis, dass Frau Rieger Fatih offensichtlich beim Fangen- und Versteckspielen in der Pause beobachtet und sein Verhalten als abfällige und machohafte Geste gegenüber den Mädchen missverstanden haben muss. In der Pause gehen die Mädchen, mit denen Fatih gespielt hatte, geschlossen zu Frau Rieger und erklären ihr, dass Fatih überhaupt nichts Schlimmes gemacht hat. In der nächsten Stunde entschuldigt sich Frau Rieger vor der versammelten Klasse bei Fatih. Sie hat das Missverständnis zugestanden. Damit ist die Sache für sie erledigt und man kann wieder zur Tagesordnung übergehen.
Als mir Fatih diese Geschicht erzählt, liegt sie bereits 15 Jahre zurück. Ich frage den sportlichen Mittzwanziger, der über den zweiten Bildungsweg und nach einer Ausbildung und Arbeit am Fließband den Weg ins Studium geschafft hat, wie dieses Erlebnis ihn beeinflusst hat. Er erzählt mir das, was ich von sehr vielen türkischen Jungen und Mädchen in unterschiedlichsten Varianten höre:
„Nach diesem Vorfall begann ich mich für den Unterschied zwischen Deutschen und Türken zu interessieren. Ich wollte wissen, wieso ich anders als die anderen behandelt werde. Auch die Osmanen und die Religion wurden wichtiger für mich.”
Auf die Frage, wie er das Miteinander von Deutschen und Türken heute einschätzt, antwortet er, dass er neben seinen türkischen Freunden auch viele deutsche Freunde hat und sehr wohl sieht, dass nicht nur Deutsche, sondern auch die Türken in Deutschland einiges falsch gemacht haben und immer noch falsch machen. Aber Tatsache sei auch, dass er aufgrund seiner Herkunft in manchen Situationen immer noch abfällig behandelt und ausgegrenzt werde. Deswegen fühle er sich trotz seines deutschen Passes nach wie vor als Türke.
Ich persönlich war verblüfft über die große Ähnlichkeit von Fatihs Geschichte zu einer Begebenheit, die ich an eigenem Leibe vor nunmehr über 20 Jahren in der Grundschule erleben durfte. Auch dort spielten die Jungen und Mädchen in der Klasse Fangen. Als es zwischen den beiden Gruppen zum Streit kam, wollte ich schlichten und schrieb im Namen der Jungen einen Versöhnungsbrief, den ich auf dem Pausenhof gerade den Mädchen geben wollte. Just in dem Moment stand Frau Rose, meine Klassenlehrerin in der dritten Klasse, neben mir und begann genau auf die selbe Art über fundamentale Werteunterschiede zu dozieren wie Frau Rieger: So unverschämt könne ich mich in der Türkei gegenüber den Mädchen verhalten, doch wir seien hier in Deutschland – und hier würden andere Regeln gelten. Meine Versuche die Sache zu klären wurden konsequent abgeblockt. Völlig verwirrt ging ich nach dieser Schelte zu den Mädchen und fragte sie, ob sie denn Frau Rose recht geben würden. Aber sie waren offensichtlich ebenso überrascht wie ich und konnten den plötzlichen Anflug ihres in meinen Ohren eindeutig türkenfeindlichen Ausbruchs nicht verstehen.
Zwei Geschichten, die selbe Misslage. Und eine ganze Reihe von Fragen, auf die wir nur gemeinsam eine Antwort finden können:
1) Wie sollen sich Jugendliche mit einem muslimischen Hintergrund sich mit Deutschland identifizieren, wenn sie bereit in sehr jungem Alter zu spüren bekommen, dass manche – wenn auch wenige – staatlich beauftragte Lehrer und Erzieher sie wie anklagbare Vertreter eines „völlig anderen”, sprich minderwertigen und verachtungswürdigen „Wertesystems” behandeln?
2) Wer soll diese überforderten Erzieher und Lehrer mit dem Innenleben ihrer anvertrauten Zöglinge mit Migrationshintergrund vertraut machen und ihnen die richtige Zuordnung ihrer bisweilen ausufernden Verhaltensweisen erklären? Wer soll ihnen verdeutlichen, dass sich jene Jugendliche oft erst dann bewusst mit ihrem „völlig anderen” Wertesystem zu identifizieren beginnen, sobald sie das Gefühl bekommen, dass sie ihr Selbstwertgefühl nur im Rückzug auf ihren Ursprung, ihre „wahre Identität” aufrecht erhalten können? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Selbstbewusstsein, in dem jene Jugendlichen häufig auftreten, meist nichts anderes ist als ein erfolgreich überspielter Selbstzweifel? Dass jene Jugendliche innerlich von Selbstzweifeln und Identitätskonflikten derart zernagt sind, dass sie nach außen eine zweite Schutz- und Abwehridentität entwickeln? Wer wird ihnen erklären, dass diese Heranwachsenden in Wirklichkeit auch in ihrer „völlig anderen” Kultur Fremde sind? Dass sie noch schlechter türkisch als deutsch sprechen? Dass sie stolze Türken sind, aber weder die türkische Geschichte kennen, noch türkischsprachige Literatur lesen? Und dass sie als Antwort auf diese Situation sich nicht etwa beidseitig bilden und hochkämpfen, sondern bereitwillig die Rolle des unangepassten Ausgestoßenen und Verachteten übernehmen um diese sich selbst und ihrer Umwelt bei jeder immer wieder zu bestätigen?
3) Wer soll diesen türkischen, arabischen, kurdischen und vergleichbaren Kindern und Jugendlichen erklären, dass manche ihrer Aussagen und Verhaltensweisen von manchen Deutschen als äußerst befremdlich und abstoßend empfunden werden? Wer soll ihnen klarmachen, dass sie manchmal auf Schritt und Tritt beobachtet werden, und dass selbst ihre unschuldigsten und unbedachtetsten Aktionen manchmal als aktive Ablehnung der deutschen Gesellschaftsordnung im Namen einer fremden und der deutschen Kultur „völlig wesensfremden” Religion gedeutet werden? Dass sie von manchen als umso „islamischer” oder „türkischer” gesehen werden, je machohafter, frauenfeindlicher, gewalttätiger, unverschämter, lern- und leistungsunwilliger sie auftreten? Wer soll ihnen erklären, dass viele Menschen Angst vor ihnen haben, aber dass diese Angst nicht Ausdruck von Respekt, sondern vom genauen Gegenteil darstellt? Und dass auch sie die Chance haben einen anderen Weg zu wählen, ihre brachliegenden Potenziale zu wecken und all die vorbeiziehenden Chance in ihrem Leben zu ergreifen?
4) Wer soll den Eltern dieser Jugendlichen erklären, dass viele ihrer Kinder den Anschluss an die deutsche Gesellschaft verpassen, und dass ihnen dadurch nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch alle realistischen Aussichten auf einen guten Beruf entgehen? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Scheitern ihrer Kinder zu einem großen Teil an ihrem fehlenden Interesse am Schul- und Lebensalltag ihrer Kinder liegt? Dass die Vorurteile und Ungleichbehandlungen durch manche Lehrer und durch das „System” zwar einen wichtigen, aber eben dennoch nur einen von vielen Teilen des Problems ausmachen? Dass in Deutschland in nahezu allen Lebenslagen das Leistungsprinzip gilt, und dass prinzipiell jedem die Erfüllung der Leistungsanforderungen möglich ist? Dass sie an ihre Kinder glauben müssen und dies den Kindern immer wieder vermitteln müssen, statt ihnen vorzuhalten, dass sie dumm und faul seien? Dass es schon so viele geschafft haben sich einen würdigen Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten, und dass dies auch den Nachkommenden möglich ist?
5) Ist es möglich diese Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren, ohne die bereits erfolgten großen Anstrengungen seitens der Deutschen und Migranten auf diesem Gebiet zu leugnen oder herunterzuspielen? Ohne anzuklagen, ohne um Mitleid zu heischen und ohne zu ideologisieren? Ohne den Jugendlichen, die auf dem Weg sind, das Gefühl zu geben hoffnungslose Sorgenkinder zu sein? Und ohne jenen, die es geschafft haben, den falschen Eindruck zu vermitteln, dass ihr Erfolg nichts zur Änderung dieser Situation beiträgt?
Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn sich alle Beteiligten von ihnen angesprochen fühlen und an einem Strang ziehen. Gerade diejenigen Jugendlichen und Erzieher, die die genannten Misslagen selbst erlebt und erfolgreich durchgestanden haben, könnten dabei von entscheidender Bedeutung sein.
*Alle Namen in diesen Berichten wurden von mir geändert.
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Türkisch-islamische Kultur und Heavy-Metal?
31.8.2009 von Hakan Turan.
Dies ist eine sehr persönliche Geschichte über einen praktizierenden Muslim, der Heavy-Metal-Musiker aus Leidenschaft war. Also:
Als diesem Muslim und zweien seiner Kumpels in jungen Jahren im Englischunterricht in der neunten Klasse mal langweilig war, kamen sie auf die Idee eine Heavy-Metal-Band zu gründen. Die großen Vorbilder hießen Manowar, Blind Guardian, Iron Maiden und Metallica. Sie brachten sich selbst das Musizieren bei: Der Muslim schnappte sich eine E-Gitarre, der Österreicher (zugleich Atheist) sang und der Deutsche (Christ) setzte sich an die Drums. Gemeinsam schrieb man in stundenlangen Songwriting-Sessions lange und komplizierte Lieder, die so kompliziert waren, dass ihre ungeübten Finger es kein einziges Mal schafften einen Song fehlerfrei zu spielen. Aber die Songs hatten auf sie eine geradezu magische Wirkung auf sie, so blickte man über technische Probleme vorerst bereitwillig hinweg…
Man traf sich wöchentlich im Proberaum des örtlichen Jugendhauses, musizierte, sprang durch die Gegend und träumte von ersten Auftritt, der dann tatsächlich auch stattfand, auch wenn sich Lead-Sänger und Gitarrist einen Tag zuvor einen roten Ausschalg zuzogen und nunmehr gepudert spielen mussten…
Der Muslim hatte glücklicherweise niemanden in seinem Umfeld, der ihm diese Musik hätte ernsthaft ausreden wollen - bis auf einen Cousin, der ihm aus der Türkei einen Brief schrieb, er möge doch bitte dieses imitierende Gehabe sein lassen, einem Osmanenenkel stünde das nicht. Imitation? Was für eine Imitation? Das war schon längst ein fester Bestandteil seiner Kultur, seines Denkens, seiner ganzen Emotionswelt geworden. Religiös gesehen war die Sache aber den meisten Büchern zufolge in der Tat zumindest mal ambivalent…
Also haram (verboten)? Oder vielleicht doch halal (erlaubt)? Oder einfach nur indifferent (mubah) - oder vielleicht gar empfohlen (mustahab)? Eine fundierte Entscheidung musste her. Aber das Ilmihal (der Katechismus im Regal) gab nur Antworten, die ihm nicht so schmecken und einleuchten wollten. Antworten, die nach einer weiteren Auseinandersetzung schrien.
Ob es wohl auch andere Antworten gab? Von zeitgenössischen Theologen, Mystikern, oder gar praktizierenden Musikern? Ob er es evtl. sogar in Kauf nehmen sollte sich unter Berufung auf die Barmherzigkeit Allahs und das eigene Unvermögen über ein eventuelles Musikverbot - da nicht so zentral - sanft hinwegzusetzen? Schließlich war man ja auch sonst nicht immer der ideale Muslim. Und es gab ja viel Schlimmeres als Musik, Dinge, von denen er sich ja stets fernzuhalten versuchte. Zudem war er ja einigermaßen praktizierend und betete fünfmal am Tag (naja, eher viermal oder weniger, da zumindest das Morgengebet aufgrund Tiefschlafes öfters auf eine lichtere Stunde verschoben werden musste), und das sprach doch sicher für ihn, gilt doch das rituelle Gebet als Dreh- und Angelpunkt islamischer Religiösität schlechthin…
Der Muslim musste die Antwort offensichtlich sich selbst geben, einzig und allein verantwortet vor seinem Gewissen und Allah. Ja, das schien es zu sein…
Nach einer langen Rechnung kam er zum Ergebnis, dass er die Musik fortführen würde. Die haram-Argumente schienen ihm irgendwie schwach und quellenmäßig nicht sicher genug. Auch wenn die religiöse Legitimität nie ganz gesichert war: Für ihn stand fest, dass er dieser Musik, die er ja schon vor der Band seit Jahren konsumierte, sehr viel verdankte. Sie war für ihn ein wirksames Mittel zu einem höheren Zweck, nämlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst, Gott und der Welt, in einem Schloss, weit jenseits des Eingriffs von unerbetenen Eindringlingen… Und sie bereitete große Freude… Und sagte nicht auch der Koran irgendwo “Sucht Wege zu Allah”? So ähnlich argumentieren ja auch die islamischen Mystiker. Diese Musik, so schloss er weiter, war für ihn offensichtlich unschädlich, oder zumindest nicht in bemerkbarem Ausmaß gefährlich (die Hauptsorge der Haram-Vertreter)…
Er sah, dass der Rock’n'Roll ihn weder zu Unmoral, noch zu Alkohol anleitete… dass die Musik ihn womöglich vor Schlimmerem beschützte… dass es für sein Verständnis keine eindeutigen Quellen gab, die die Musik in der Intention, die er hatte, und für die Situation, in der er sich befand, definitiv verbat… erst recht nicht im Koran… dass diese Musik ihm vielmehr ein unterhaltsames kulturelles Korrelat zum tafakkur (Nachdenken über Gott und die Welt) bot… dass die Musik ihn nicht daran hinderte, sein geliebtes Gebet (allerdings in der orthodox gesehen kürzest möglichen Form) zu verrichten, das er in Absprache mit dem Jugendhaus in leeren Proberäumen oder im leeren Mädchenzimmer, so gut es halt ging, zu verrichten versuchte, ohne jemanden zu stören… dass die Musiker um ihn herum intellektuell mächtig war drauf hatten und man mit ihnen auch außerhalb der Musik stundenlang diskutieren und streiten konnte… dass diese Musik für ihn der perfekte Weg war innere und äußere Konflikte zu verarbeiten, und dass der Christ und der Atheist in seiner Band komischerweise sehr ähnlich zu fühlen schienen… Was wollte man mehr?
Die Schülerzeitung war auf die Band (die übrigens ‘Pandemonium’ hieß) aufmerksam geworden. So wurden Pandemonium interviewt und sie erzählten der Zeitung lang und ausführlich von den Hintergründen der Texte, die sich zwischen Fantasy- und Philosophiethemen hin- und herbewegten… Um die ganze Schule zu beeindrucken posierten die drei mit bösem Blick und mit der Hand zum Metalzeichen geformt für eine Foto, das die ganze Schule sehen sollte - das Dumme war nur, dass dieses ‘Metalzeichen’ in Wirklichkeit der Satansgruß war! Nur wusste die drei das nicht. Noch nicht.Eines Tages kam die Lateinlehrerein zum Muslim… sie erzählte ihm, dass sie sich Sorgen mache, dass sie das Foto in der Schülerzeitung gesehen habe… dass sie der Auffassung sei, dass die drei sich auf einem gefährlichen Weg befinden würden… dass sie womöglich in den Satanismus abdriften könnten…
Sata-was!?
Ja, Satanismus!
Sie wies den verwirrten Muslim auf den Satansgruß hin, mit dem sie ja für die Schülerzeitung abgebildet wurden. Völlig beschämt erklärte der Muslim, dass sie die Bedeutung dieses Zeichens nicht gekannt hätten, dass sie dachten, dies wäre nur das Zeichen für die Musik, die sich machen… dass er doch ein gläubiger Mensch, und Satan doch sein größter Feind sei… Sie glaubte es ihm - und die Musik ging weiter… ab jetzt aber ohne ‘Satansgruß’…
Die Musik der drei braven Buben war in der Tat mehr als Zeitvertreib. Sie war hoch ernste Mystik, gesamtheitliche Selbst-und Welterschließung, die Transzendierung alles Materiellen, kurzum der totale Kick…
Am unspektakulärsten fiel in der Band der Kampf der Kulturen aus (der damals noch nicht so populär war)… Der Muslim hatte mal in einem religiösen Moment einen Song namens “The Secret Book of Endless Knowledge” geschrieben und wollte diesen nun zum Bandgut machen. Der Atheist fragte skeptisch “Du meinst damit aber nicht ein bestimmtes Buch, oder?” Und der Muslim erwiderte (unter schelmischem Grinsen): “Nö, nö… Kannst jedes Buch reinsetzen, das dir gefällt” Der Atheist wusste natürlich, dass das nicht stimmte… Trotzdem sang er den Text munter und überzeugt… Und der Muslim sang dafür die background vocals zu einem Sauflied, das der Atheist geschrieben hatte… Das Lied nannte sich “The Drunken Druid Inn” Der Muslim hatte noch nie gesoffen. Soweit so gut. Doch auch der Atheist und der Christ hatten praktisch nie gesoffen! Dennoch sangen alle gemeinsam das Sauflied… eine echt harte Nuss war Pandemonium…
Was waren das für Zeiten! Sie hielten sich insgeheim für die Kings of Metal, fast noch einen Schritt vor Manowar - bis sie von einigen älteren Bands darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie den einen oder anderen Riff (z. B. aus dem Sauflied) von Pandemonium aus ihren eigenen Songs kannten… naja gut, aber waren nicht alle großen Bands, war nicht jede Musik, ja überhaupt jede Idee durch irgendwen inspiriert? Man deutete den Songklau dankenswerterweise als Anerkennung, und so war die Sache geregelt…
Die Metaller, Punks und Hardcore-Leute im Jugendhaus waren eine eingeschworene Gemeinde, die trotz unterschiedlichster Weltanschauungen durch eine laute, für Außenstehende schier unerträgliche Musik zusammengehalten wurde. Ein zehnköpfiger Vorstand, zu dem der Muslim auch gehörte, organisierte Konzerte, und sie wurden in der lokalen Szene schon bald sehr bekannt. G.R.U.N.Z. hieß die Musikerinitiative - und ihr Maskottchen war eine dicke fette Rock-Sau mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren.
Aber wie in jeder großen Band kam es nach paar Jahren zu musikalischen Reibereien zwischen dem Leadsänger und dem Gitarristen… Der Leadsänger wollte softere Songs schreiben, da dies mehr Mädchen auf die Konzerte ziehen würde… Der Muslim sah dies als Stilverrat und wollte lieber bei den düster-melancholischen Hymnen bleiben… Der Stern von Pandemonium war am sinken…
Auf einem ihrer letzten Konzerte standen die Jungs auf einer Bühne im Stadtzentrum. Ein gefährlicher Ort, zumindest insofern, als dass sich der Muslim hier dem Blick aller Passanten darbot, auch wenn diese zufällig aus dem türkisch-religiösen Umfeld kamen, die ihn womöglich als den braven Buben kannten, der ihren Kindern Nachhilfe erteilte und selber fleißig in der Schule war…
Nun stand er da, der muslimische Rocker, und griff mit seinen Jungs in die Saiten, und sie sangen im Chor “On a ship of glory, sailing far away, into glorius times, we’re sailing night and day… we shall never fail”. Hinter ihnen prangte die fette Rock-Sau von G.R.U.N.Z., mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren. Ausgerechnet in diesem sensiblen Moment lief Ibrahim abi mit seiner Frau, die ein Kopftuch trug, und den Kids an der Bühne vorbei - ein religiöser Muslim mit Bart war das, der seine Kinder zum Metaller in die Nachhilfe schickte. Nicht, dass die Muslime in seinem Umfeld das Doppelleben des Gitarristen nicht kennen würden, aber so in Montur mit Gitarre und Sau hatte ihn bis dato wohl keiner von ihnen gesehen. Auf der Bühne wurde es dem muslimischen Gitarristen langsam eng. Er versuchte den Blickkontakt zu vermeiden, doch schwupp - war es schon geschehen, und man hatte sich mit einem höflichen Kopfnicken aus der Weite gegrüßt: “Selamun aleyküm”, “Aleyküm selam”. Schluck. Hoffentlich, dachte sich der Muslim, war wenigstens die fette Sau hinter ihm nicht so deutlich zu sehen. So drehte er ich sich langsam um, doch was musste er erblicken: Die fette Rock-Sau mit der Sonnenbrille und den Ledermanschetten an allen Vieren grinste im hellen Bühnenlicht gemeiner als je zuvor…
Zeiten vergingen. Nachdem die Band sich in gegenseitigem Einvernehmen bis auf Weiteres aufgelöst hatte, ging die Musik jedoch weiter. Der Muslim wurde nunmehr auch zu türkischen Hochzeiten eingeladen, um mit einem Sazspieler Sketche vorzuführen, und einmal erschien er sogar mit einem kleinen, spontan zusammen gewürfeltem Knabenchor auf einer religiösen Veranstaltung zum Geburtstag des Propheten, diesmal aber ohne die fette Rock-Sau…
Interessanterweise wurde der Muslim in der türkisch-islamischen Community auch während seiner Bandzeit nie wegen seiner E-Gitarre oder seinem Metal-Tick persönlich kritisiert, auch wenn sich der eine oder andere mal über die Sinnlosigkeit weltlicher Musik mokierte. Immer, wenn er sich im muslimischen Kreis rechtfertigen wollte, hieß es, “Ist schon gut, ich habe kein Problem damit, mach ruhig weiter, es gibt bei uns eh viel zu wenig Musiker” Leicht machte man es ihm. Was sie sich wohl dachten? Wenn es nach der orthodoxen Theorie ging, war Musizieren zumindest mal etwas Unübliches. Aber wenn es dann einer doch tat, ohne den Hurra-bin-endlich-auch-modern-Türken herauszuhängen, dann war das plötzlich toll und interessant und den Leuten fielen eine Menge Gründe dafür ein, warum es an sich gut ist Musik zu machen. Machten die Leute das, weil man ihn für unheilbar verrückt hielt? Oder weil er schon immer so komisch ‘deutsch’ war? Wussten sie vielleicht, dass er mit der Musik auch dann nicht aufgehört hätte, wenn die Leute ihn verurteilt hätten? Oder tolerierten sie sein Verhalten, weil er vieles aus beiden Kulturen auf relativ ungewöhnliche Weise verband, gar miteinander im Schmelztiegel vereinte, ohne sich in ein enges, monokulturelles Korsett zwängen zu lassen? Steckte hinter dieser Toleranz vielleicht die Sehnsucht vieler muslimischer Konservativer, eigentlich auch gerne so manches als gegensätzlich Wahrgenommenes miteinander verbinden zu wollen, während sie sich jedoch vor Kritik aus den Reihen der Vertreter der türkisch-islamischen und deutschen Monokulturen scheuten? Lag die Toleranz vielleicht daran, dass der Gitarrist demonstrierte, dass man sogar in der Metalszene seinen eigenen Weg gehen konnte, ohne die Grundfeste eines einigermaßen ‘islamischen’ Lebens gegen die “Ausschweifungen” des Rockerlifestyles (oder Möchtegern-Rockerlifestyles) austauschen zu müssen?
Denn eines war unübersehbar: Die Metal-Musik faszinierte ihn, und ihr Pathos und ihre Metaphern umgriffen sein ganzes Denken - er war jedoch nie ‘Metaller’ im klassischen Sinne (so mit Bier und so) geworden. Für die mystischen Freuden und die schöne gemeinsame Zeit unter den Musikern war das aber offensichtlich nicht nötig! Diese Einsicht war eine seiner wichtigsten Entdeckungen in diesen Jahren, eine Entdeckung, die ihn wohl ein für allemal von der Idee und Praxis Deutschland überzeugte… ein Deutschland, das einen Grundkonsens erzwingen konnte, aber darüber hinaus die verrücktesten Kombinationen ermöglichte - eine Entdeckung, die eindeutig mit noch mehr Metal-Musik gefeiert werden musste… Aber wer sollte all das religiös begründen, rechtfertigen und aus den Quellen herleiten? Wer sollte diesen Mischmasch in Einklang bringen mit der so überschaubaren Welt der Monokulturen? Oder war dieser Mischmasch vielleicht gar keiner, sondern eine eigene dritte Kultur, die Individuen unter günstigen Bedingungen hervorbringen können, und die einmal entstanden nie wieder den Weg zurück in die Zahnpastatube finden?
In jedem Fall waren die Fakten jeglicher Theorie zuvorgeeilt.
Das war gerade das Schöne an dieser Musik: Man konnte mittendrin sein, unter den Leuten aufgehen, aber sich trotzdem nur das herausnehmen, was einem gefiel. Hauptsache die Kommunikation stimmte und jeder wusste im Zweifel, woran er war. War das gegeben - und das war es in der Tat - dann sah man unter den Musikern über alle Differenzen hinweg. Und man mochte sich so sehr, dass man stolz auf die gemeinsame Teilidentität war…
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Hello World!
14.6.2009 von Hakan Turan.
Herzlich willkommen auf meinem Blog andalusian.de!
Hier möchte ich mit euch Gedanken und Erfahrungen zu Themen teilen, die mir sehr am Herzen liegen, für die ich jedoch bislang keinen passenden Rahmen gefunden habe - Themen, die mich tagein und tagaus beschäftigen, und von denen ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der über sie nachdenkt. Es geht um Fragen der Identität, des Glaubens und der Werte - konkret: um Fragen der Stellung muslimischer und insbesondere türkischstämmiger Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, also auch um mich…
Gerade die junge Generation von Türkinnen und Türken tut es sich oft schwer mit ihrem Leben zwischen zwei - oder mehr - Kulturen und es gibt eine ganze Reihe ungeklärter Fragen und Probleme, zu denen noch keiner eine schlüssige Theorie entwickelt zu haben scheint. Die Paradoxie startet bereits damit, dass Türken die Probleme, die ihr Türke-Sein betreffen am liebsten auf Deutsch diskutieren. Ich bin da gewiss keine Ausnahme - und vielleicht ist das gerade ein Hinweis darauf, dass Leute wie wir nicht nur formal, sondern auch tief in uns eine deutsch-türkische Identität aufweisen. Das ist etwas Neues, das wir unseren Mitmenschen oft mühsam plausibel machen müssen.
Noch anspruchsvoller wird die Frage nach der Identität, wenn man den Faktor Religion in Betracht zieht. Wenn jemandem wie mir und den meisten türkischstämmigen Bürgern in Deutschland der Islam am Herzen liegt, dann eröffnet sich dadurch eine weitere Dimension in der Identität - aber damit auch eine weitere Dimension an Problemfeldern und entsprechendem Gesprächsbedarf. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass dieser Bedarf gerade bei der jungen Generation immens ist, aber dass ihnen in diesem Punkt noch niemand wirklich die Hand reichen konnte. Denn fast immer sind es Außenstehende, die sie über die Treue zur türkischen Kultur, über den Glauben, oder über Integration zu belehren versuchen. Was wir jedoch brauchen, ist eine Reflexion von innen heraus, aus der Sicht der Betroffenen selbst. Denn auch wenn es viele nicht gerne aussprechen, oder wahrhaben wollen: Wir haben deutsch-türkisch-islamische Identitäten entwickelt, und das auf eine einzigartige und nicht mehr rückgängig machbare Weise. Statt dies zu ignorieren, möchte ich mir dessen bewusst werden, und darüber nachdenken, was dies für die Zukunft in unserer pluralistischen Gesellschaft bedeutet.
Dies ist auch von Wichtigkeit für die Mehrheitsgesellschaft, da auf Seiten der Deutschen eine zunehmende Verunsicherung hinsichtlich der Situation der Migranten, bzw. des neuen, kulturell und religiös gemischten Deutschlands besteht. Es gibt zahlreiche schwierige Fragen, zu deren Klärung wir aufeinander angewiesen sind, was freilich einen Dialog auf Augenhöhe voraussetzt. Hierbei darf es auch kein Hindernis sein, dass manche Deutsche und auch manche Türken weder an einem solchen Dialog, noch an einem respektvollem Umgang mit der Kultur des anderen interessiert sind. Ich vertrete bei all dem eine positive und optimistische Position, die sich bislang bestens bewährt hat, und glaube, dass es mit einer intellektuell und emotional gereiften Haltung sehr wohl möglich ist, sich sowohl mit Deutschland, als auch z. B. mit türkisch-islamischer Kultur zu identifizieren. Ich glaube ferner, dass man mit Vernunft, respektvoller Kommunikation und der Bereitschaft zur Selbstkritik die teilweise nicht abzuleugnenden Spannungen zwischen der muslimischen Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland abbauen kann, aber eben unter der Voraussetzung, dass es da Leute gibt, die mutig, motiviert und einfühlsam genug sind hier für Klärung und Transparenz zu sorgen.
In diesem Sinne hoffe ich, dass dieser Blog sowohl mir, als auch meinen Lesern eine kleine Hilfe bei dieser Auseinandersetzung sein kann und zum Weiterdenken und Weiterhandeln inspiriert. Noch schöner wäre es, wenn Diskussionen zustande kommen, wobei ich nicht weiß, ob ich die Zeit finde diese zu moderieren. Falls die Kommentarfunktion mal nicht aktiviert ist, bitte ich dies mir nachzusehen und freue mich - wie freilich auch sonst immer - über eure Mails unter andalusian@gmx.net. Derweil sei noch betont, dass dieser Blog weder ausschließlich an Türken oder an Muslime gerichtet ist - nur ist mein Hauptthema hier eben das Leben als türkischstämmiger Muslim bzw. als türkischstämmiger Deutscher in Deutschland, wobei die meisten Beiträge hier sicherlich auch auf andere Hintergründe verallgemeinert werden können. Außerdem will ich auch Abschweifungen von diesem Inhalt ganz und gar nicht ausschließen, was bei so einem ernsten Thema sicherlich nicht schadet, sondern eher nützt und aufheitert.
In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß auf andalusian.de!
Grüße & Selam,
Hakan
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