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Wie man sich Osmanen heranzieht

Der Unterricht bei Frau Rieger* an der städtischen Realschule hat gerade begonnen. Und wie die vor wenigen Wochen eingeschulten Fünftklässler am lauten und bestimmten Tonfall der Deutsch- und Geschichtslehrerin, die zugleich Schulleiterin ist, erkennen können, gibt es zuvor etwas Wichtiges zu klären. In die Richtung von Fatih blickend fängt Frau Rieger an:

„Bevor wir anfangen will ich etwas sagen. Sei dir über einige Sachen im Klaren, Fatih. Diese wären, dass ich gesehen habe, dass du in den Pausen die Mädchen belästigst und schlägst. Du kannst dieses Verhalten in der Türkei bei euren Frauen an den Tag legen. Aber mit deutschen Mädchen und Frauen kannst du nicht so umgehen wie mit türkischen Frauen.”

Völlig verwirrt widerspricht Fatih den Beschuldigungen, doch gegen diese mutige Kulturkämpferin, die dem Türken endlich klar machen will, dass hier nicht türkische, sondern deutsche Gepflogenheiten gelten, ist nicht anzukommen. Die Situation endet mit einer Ankündigung von Strafmaßnahmen bei wiederholtem Fehlverhalten und einem weinenden Fünftklässler, der zum ersten Mal einige längst fällige Worte über den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Kulturen, in denen er groß wird, belehrt wird.

Die Mädchen in der Klasse fragen sich gegenseitig, wen von ihnen genau denn Fatih geschlagen haben soll. Nach einigem Gemurmel kommen sie zum Ergebnis, dass Frau Rieger Fatih offensichtlich beim Fangen- und Versteckspielen in der Pause beobachtet und sein Verhalten als abfällige und machohafte Geste gegenüber den Mädchen missverstanden haben muss. In der Pause gehen die Mädchen, mit denen Fatih gespielt hatte, geschlossen zu Frau Rieger und erklären ihr, dass Fatih überhaupt nichts Schlimmes gemacht hat. In der nächsten Stunde entschuldigt sich Frau Rieger vor der versammelten Klasse bei Fatih. Sie hat das Missverständnis zugestanden. Damit ist die Sache für sie erledigt und man kann wieder zur Tagesordnung übergehen.

Als mir Fatih diese Geschicht erzählt, liegt sie bereits 15 Jahre zurück. Ich frage den sportlichen Mittzwanziger, der über den zweiten Bildungsweg und nach einer Ausbildung und Arbeit am Fließband den Weg ins Studium geschafft hat, wie dieses Erlebnis ihn beeinflusst hat. Er erzählt mir das, was ich von sehr vielen türkischen Jungen und Mädchen in unterschiedlichsten Varianten höre:

„Nach diesem Vorfall begann ich mich für den Unterschied zwischen Deutschen und Türken zu interessieren. Ich wollte wissen, wieso ich anders als die anderen behandelt werde. Auch die Osmanen und die Religion wurden wichtiger für mich.”

Auf die Frage, wie er das Miteinander von Deutschen und Türken heute einschätzt, antwortet er, dass er neben seinen türkischen Freunden auch viele deutsche Freunde hat und sehr wohl sieht, dass nicht nur Deutsche, sondern auch die Türken in Deutschland einiges falsch gemacht haben und immer noch falsch machen. Aber Tatsache sei auch, dass er aufgrund seiner Herkunft in manchen Situationen immer noch abfällig behandelt und ausgegrenzt werde. Deswegen fühle er sich trotz seines deutschen Passes nach wie vor als Türke.

Ich persönlich war verblüfft über die große Ähnlichkeit von Fatihs Geschichte zu einer Begebenheit, die ich an eigenem Leibe vor nunmehr über 20 Jahren in der Grundschule erleben durfte. Auch dort spielten die Jungen und Mädchen in der Klasse Fangen. Als es zwischen den beiden Gruppen zum Streit kam, wollte ich schlichten und schrieb im Namen der Jungen einen Versöhnungsbrief, den ich auf dem Pausenhof gerade den Mädchen geben wollte. Just in dem Moment stand Frau Rose, meine Klassenlehrerin in der dritten Klasse, neben mir und begann genau auf die selbe Art über fundamentale Werteunterschiede zu dozieren wie Frau Rieger: So unverschämt könne ich mich in der Türkei gegenüber den Mädchen verhalten, doch wir seien hier in Deutschland – und hier würden andere Regeln gelten. Meine Versuche die Sache zu klären wurden konsequent abgeblockt. Völlig verwirrt ging ich nach dieser Schelte zu den Mädchen und fragte sie, ob sie denn Frau Rose recht geben würden. Aber sie waren offensichtlich ebenso überrascht wie ich und konnten den plötzlichen Anflug ihres in meinen Ohren eindeutig türkenfeindlichen Ausbruchs nicht verstehen.

Zwei Geschichten, die selbe Misslage. Und eine ganze Reihe von Fragen, auf die wir nur gemeinsam eine Antwort finden können:

1) Wie sollen sich Jugendliche mit einem muslimischen Hintergrund sich mit Deutschland identifizieren, wenn sie bereit in sehr jungem Alter zu spüren bekommen, dass manche – wenn auch wenige – staatlich beauftragte Lehrer und Erzieher sie wie anklagbare Vertreter eines „völlig anderen”, sprich minderwertigen und verachtungswürdigen „Wertesystems” behandeln?

2) Wer soll diese überforderten Erzieher und Lehrer mit dem Innenleben ihrer anvertrauten Zöglinge mit Migrationshintergrund vertraut machen und ihnen die richtige Zuordnung ihrer bisweilen ausufernden Verhaltensweisen erklären? Wer soll ihnen verdeutlichen, dass sich jene Jugendliche oft erst dann bewusst mit ihrem „völlig anderen” Wertesystem zu identifizieren beginnen, sobald sie das Gefühl bekommen, dass sie ihr Selbstwertgefühl nur im Rückzug auf ihren Ursprung, ihre „wahre Identität” aufrecht erhalten können? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Selbstbewusstsein, in dem jene Jugendlichen häufig auftreten, meist nichts anderes ist als ein erfolgreich überspielter Selbstzweifel? Dass jene Jugendliche innerlich von Selbstzweifeln und Identitätskonflikten derart zernagt sind, dass sie nach außen eine zweite Schutz- und Abwehridentität entwickeln? Wer wird ihnen erklären, dass diese Heranwachsenden in Wirklichkeit auch in ihrer „völlig anderen” Kultur Fremde sind? Dass sie noch schlechter türkisch als deutsch sprechen? Dass sie stolze Türken sind, aber weder die türkische Geschichte kennen, noch türkischsprachige Literatur lesen? Und dass sie als Antwort auf diese Situation sich nicht etwa beidseitig bilden und hochkämpfen, sondern bereitwillig die Rolle des unangepassten Ausgestoßenen und Verachteten übernehmen um diese sich selbst und ihrer Umwelt bei jeder immer wieder zu bestätigen?

3) Wer soll diesen türkischen, arabischen, kurdischen und vergleichbaren Kindern und Jugendlichen erklären, dass manche ihrer Aussagen und Verhaltensweisen von manchen Deutschen als äußerst befremdlich und abstoßend empfunden werden? Wer soll ihnen klarmachen, dass sie manchmal auf Schritt und Tritt beobachtet werden, und dass selbst ihre unschuldigsten und unbedachtetsten Aktionen manchmal als aktive Ablehnung der deutschen Gesellschaftsordnung im Namen einer fremden und der deutschen Kultur „völlig wesensfremden” Religion gedeutet werden? Dass sie von manchen als umso „islamischer” oder „türkischer” gesehen werden, je machohafter, frauenfeindlicher, gewalttätiger, unverschämter, lern- und leistungsunwilliger sie auftreten? Wer soll ihnen erklären, dass viele Menschen Angst vor ihnen haben, aber dass diese Angst nicht Ausdruck von Respekt, sondern vom genauen Gegenteil darstellt? Und dass auch sie die Chance haben einen anderen Weg zu wählen, ihre brachliegenden Potenziale zu wecken und all die vorbeiziehenden Chance in ihrem Leben zu ergreifen?

4) Wer soll den Eltern dieser Jugendlichen erklären, dass viele ihrer Kinder den Anschluss an die deutsche Gesellschaft verpassen, und dass ihnen dadurch nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch alle realistischen Aussichten auf einen guten Beruf entgehen? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Scheitern ihrer Kinder zu einem großen Teil an ihrem fehlenden Interesse am Schul- und Lebensalltag ihrer Kinder liegt? Dass die Vorurteile und Ungleichbehandlungen durch manche Lehrer und durch das „System” zwar einen wichtigen, aber eben dennoch nur einen von vielen Teilen des Problems ausmachen? Dass in Deutschland in nahezu allen Lebenslagen das Leistungsprinzip gilt, und dass prinzipiell jedem die Erfüllung der Leistungsanforderungen möglich ist? Dass sie an ihre Kinder glauben müssen und dies den Kindern immer wieder vermitteln müssen, statt ihnen vorzuhalten, dass sie dumm und faul seien? Dass es schon so viele geschafft haben sich einen würdigen Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten, und dass dies auch den Nachkommenden möglich ist?

5) Ist es möglich diese Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren, ohne die bereits erfolgten großen Anstrengungen seitens der Deutschen und Migranten auf diesem Gebiet zu leugnen oder herunterzuspielen? Ohne anzuklagen, ohne um Mitleid zu heischen und ohne zu ideologisieren? Ohne den Jugendlichen, die auf dem Weg sind, das Gefühl zu geben hoffnungslose Sorgenkinder zu sein? Und ohne jenen, die es geschafft haben, den falschen Eindruck zu vermitteln, dass ihr Erfolg nichts zur Änderung dieser Situation beiträgt?

Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn sich alle Beteiligten von ihnen angesprochen fühlen und an einem Strang ziehen. Gerade diejenigen Jugendlichen und Erzieher, die die genannten Misslagen selbst erlebt und erfolgreich durchgestanden haben, könnten dabei von entscheidender Bedeutung sein.

*Alle Namen in diesen Berichten wurden von mir geändert.

Apostaten zum Tode verurteilt - durch den Islam?

Dass auch konservative Islamgelehrte einen reformistischen Anstrich aufweisen können, zeigt sich vor allem bei Stellungnahmen zu besonders heiklen Themen im Umfeld des islamischen Rechts. Viele Muslime hierzulande, aber auch in vielen Teilen der islamischen Welt, beteuern eine selbstverständliche Glaubensfreiheit im Islam, die auch die Freiheit zum Abfall vom Islam einschließt. Dem halten die sogenannten islamkritischen Kreise und radikalislamische Fundamentalisten immer wieder entgegen, dass dies gelogen sei. Wer vom Glauben abfalle, werde im Islam mit dem Tode bestraft. Dies sei im islamischen Recht eindeutig und unwiderruflich festgelegt. Die radikalislamischen Fundamentalisten setzen dem noch eins drauf: Wenn ein Muslim behaupte, dass der Abfall vom Glauben nicht die Todesstrafe nach sich ziehe, dann falle auch er in diesem Moment vom Glauben ab und ziehe damit die Todesstrafe auf sich. Die Stellungnahme der meisten reformorientierten Autoren auf diese Aussagen lautet: Das meiste davon ist falsch. Diese Autoren müssen dabei noch nicht einmal zu den modernistischen Theologen gehören. Denn es gibt auch im wesentlich größeren traditionalistisch orientierten Lager eine ganze Reihe kluger und differenziert denkender Köpfe, die im Prinzip die liberaleren Positionen der Muslime im Westen zu fundieren vermögen. Allerdings darf man hierbei nicht hoffen, dass man mit einer einzigen dieser Personen in allen Punkten übereinstimmen kann. Erst ihre Gesamtheit bildet das adäquate Gegengewicht zum blinden Anklammern an die Aussagen der klassischen Fiqh-Werke, die ihrerseits ja auch von Menschenhand geschrieben wurden. Kommen wir zu einem aktuellen Beispiel.

Der im konservativen Milieu beheimatete und angesehene türkische Gelehrte des islamischen Rechts Hayrettin Karaman hat in einem Artikel in der islamisch-konservativen Zeitung Yeni Şafak sehr klar und kompakt Stellung zu dem Problem der Strafe für Apostasie bezogen - ohne Beschönigungen des islamischen Rechts der klassischen Rechtsgelehrten, aber auch ohne Scheu den wahren, missverstandenen Kern der ursprünglichen Position des Islam zum Thema Apostasie (Abfall vom Glauben) und die damit verbundene Todesstrafe auszuarbeiten. Er kommt auf sehr differenzierte Weise zum selben Ergebnis wie die liberalen Tendenzen in der islamisch-religiösen Communitiy. Da ich seinen Beitrag so prägnant finde, gebe ich hier einfach meine Übersetzung seines Beitrages wieder.

Hayrettin Karaman schreibt:

“Sind die vom Glauben Abfallenden zu töten?

Es ist eine Nachricht im Umlauf, derzufolge zwei Frauen im Iran aufgrund ihrer Konversion vom Islam zum Christentum gefoltert werden, und sie bei ausbleibender Rückkehr zum Islam hingerichtet werden sollen. Manche von denen, die solche Nachrichten tagein und tagaus in alle Welt verkünden wollen, haben gute Absichten und wollen einen solchen Mord verhindern. Manche wiederum haben keine guten Absichten. Sie sind Gegner des Islam und wollen aus solchen Anlässen das Ansehen des Islam beschmutzen und den Islam als eine Religion der Gewalt und der Nötigung darstellen. Und sie wollen den Eindruck erwecken, dass man eine Ausbreitung des Islam verhindern muss um die Menschenrechte und Freiheit bewahren zu können.

Ja, in den meisten Büchern der Fiqh (der islamischen Rechtswissenschaft, Anm. HT) können Sie in den entsprechenden Kapiteln das Rechtsurteil nachlesen, dass Glaubensabtrünnige, gleichgültig ob Mann oder Frau, nur aus diesem Grund - also aufgrund ihres Glaubenswechsels - hingerichtet bzw. gefoltert werden müssen. 

Aber wenn Sie den Koran aufmachen und darin lesen, dann können kein solches Rechtsurteil darin finden. Und wenn Sie die Hadithe (Aussprüche des Propheten, Anm. HT) anschauen, dann sehen Sie, dass es hierzu unterschiedliche Überlieferungen gibt, und dass die Strafe für Glaubensabtrünnige nicht aufgrund ihres Abfalls vom Glauben, sondern aufgrund ihrer Entscheidung gegen die Muslime in den Krieg zu ziehen vorgesehen ist. Als eine Bestätigung dieser Deutung kann ich Imam Abu Hanifa anführen; er vertritt die Auffassung, dass eine vom Glauben abgefallene Frau nicht hingerichtet werden könne, da sie von Natur aus keine Kriegerin (”muharip”) sei. 

Serahsî überliefert in seinem Werk el-Mebsût (im Kapitel zu Siyer-Mürted = Prophetenbiographie-Apostasie) ausführlich diese Deutung Abu Hanifas. Er gibt die Hadithe des Propheten wieder, in denen dieser es verbietet im Krieg Frauen zu töten, und kommt ausgehend von der Aussage über eine im Krieg getötete Frau, die da lautet “Sie kann doch nicht kämpfen…”, zu folgendem eindeutigen Ergebnis: Diese Aussage zeigt, dass die Hinrichtung des Apostaten nicht aufgrund des Abfalls vom Glauben erfolgt, sondern aufgrund seiner Entscheidung und Umsetzung einer Kriegserklärung (”savaş açma”). Aus diesem Grund dürfen Frauen nicht getötet werden, denn sie können keinen Krieg führen.

Und weil auch nicht jeder vom Glauben abfallende Mann sich im Entschluss und in der Umsetzung eines Krieges gegen die Muslime befindet, ist es richtiger folgendes Urteil als das islamische anzunehmen: ”Solange ein Apostat, wer immer es auch sei (ob Mann oder Frau - Anm. HT), nicht Krieg gegen die Muslime führt, darf er nicht hingerichtet werden”. Es ist undenkbar, dass eine Religion zum einen verkündet, dass “kein Zwang in der Religion” sei, aber zum anderen die Menschen dazu zwingt Muslime zu werden oder im Islam zu bleiben.

Darum empfehle ich jenen, die über den Islam schreiben und reden, Folgendes: Sagen wir statt “Im Islam ist dies soundso” lieber “Nach jener Interpretation, Rechtsschule, Exegese oder Ansicht ist dies soundso.”

Für ausführlichere Informationen kann man unsere Exegese “Der Weg des Koran” zu Rate ziehen (Sure Baqara: 2/256)” (Yeni Şafak, 11. September 09)

Auch wenn Karaman nicht thematisiert, dass die hanafitischen Rechtsgelehrten zwar keine Todesstrafe, aber eine Gefängnisstrafe für abtrünnige Frauen vorsahen…  

Auch wenn er weder auf implizite historische Kontexte zur Zeit des Propheten oder zur Zeit der Entstehung des kodifizierten islamischen Rechts eingeht…

Auch wenn er den rechtsformalistischen Universalismusanspruch der Fiqh nicht ausdifferenziert (z. B. bezüglich ihres Pluralismus oder ihrer geschichtlicher Hintergründe)…

Auch wenn er nur quellenimmanent argumentiert und keine rein rationalen Erwägungen expliziert (obwohl er diese natürlich für sich selbst erwogen haben muss)…

… und somit dem kritischen Leser (wohl aufgrund der Kürze des Textes) eine Reihe möglicher Angriffsflächen bietet, als auch auf das gesamte Angebot der modernistischen Neuzugänge zum Islam bereitwillig verzichtet…

… kann ich dennoch bewundernd feststellen, dass er hier viele Punkte ausspricht, vor deren Formulierung viele muslimische Autoren eher zurückscheuen, obwohl sie vielleicht Ähnliches denken.

Er hat hier nämlich…

1) … darauf hingewiesen, dass einiges in der Fiqh, also dem klassischen islamischen Recht der Gelehrten, - hier die Todesstrafe für Apostaten - dem Koran widerspricht (”Es ist undenkbar, dass eine Religion zum einen verkündet, dass ‘kein Zwang in der Religion’ sei, aber zum anderen die Menschen dazu zwingt Muslime zu werden oder im Islam zu bleiben” - der Satz ‘kein Zwang in der Religion’ ist der zentrale Teil des Koranverses 2/256)

2) … angemerkt, dass die Hadithquellen zu manchen Themen in sich widersprüchlich sind und insofern erst im Gesamtzusammenhang beurteilt werden müssen. Dass also das Zitieren von einem oder mehreren Hadith (aber auch von Koranversen) noch gar nichts beweist, solange diese nicht in einen größeren Gesamtkontext gestellt werden.

3) … an einem drastischen Beispiel verdeutlicht, dass ein und die selben islamischen Quellen verschiedene Lesarten zulassen. Er hat auf die hanafitische hingewiesen, die in der islamischen Tradition zu diesem Thema (aber auch zu anderen Themen) die meisten Ansätze für eine Weiterorientierung im islamischen Recht der Neuzeit ermöglicht.

4) … gezeigt, wie ein scheinbar so eindeutiges Rechtsurteil (Todesstrafe für Apostaten) mit etwas hermeneutischer Bemühung auf ein anderes Rechtsurteil (Recht auf Reaktion auf bewaffnete Aggression) zurückgeführt werden kann.

5) … demonstriert, dass man auch als Muslim zugeben kann, dass es in der ehrwürdigen islamischen Tradition - die nicht per se der ursprünglichen Intention des Islam entsprechen muss - Dinge gibt, die uns heute nicht immer behagen und in ihrem Geltungsanspruch nicht überstrapaziert werden sollten - und dass man dieses Unbehagen thematisieren kann, ohne gleich der Fiqh abzuschwören oder den Islam zum Problem zu erklären.

6) … gezeigt, dass man auch als Muslim zugeben kann, dass heute in der islamischen Welt im Namen des Islam unter Bezugnahme auf die islamische Tradition viel im Kern Unislamisches verbrochen wird.

Das ist für den innerislamischen Diskurs nicht wenig. Nebenbei sei hier betont, dass das Hauptproblem bei all dem nicht der Koran ist, sondern die robuste islamische Tradition der Gelehrten, die oftmals nicht gründlich genug vom viel flexibleren Koran unterschieden wird. Obwohl darüber hinaus die von Karaman genannten Punkte für die meisten Muslime in der einen oder anderen Form offensichtlich sind, wird in der muslimischen Community selten offen darüber debattiert. Das liegt zum einen an einer Tabuisierung religiöser Themen, was wiederum an einer selbst verschuldeten Inkompetenz liegt. Andererseits ist die Fiqh, deren Geltung tabuisiert wird, seit Jahrhunderten schon nicht mehr mit ihren Aufgaben gewachsen. Das lässt sie heute in vielen Punkten weltfremd erscheinen. So kommt es, dass Muslime die Fiqh zwar würdigen, aber trotzdem völlig selbstverständlich viel modernere Ansichten als die der Rechtsgelehrten vertreten. Diese Selbstverständlichkeit des Widerspruchs ist es, die viele auf Eindeutigkeit pochende Islamkritiker in die Verzweiflung und teils in paranoid anmutende Zustände treibt.

Die Situation des heutigen Islam wird meiner Meinung nach etwas klarer, wenn man drei Arten von Zugängen zum islamischen Recht unterscheidet:

1) Das islamische Recht der klassischen Rechtsgelehrten. Dazu zähle ich das systematische Recht der Rechtsschulen, wie man es in Fiqh-Handbüchern nachlesen kann. Ein großer Teil davon ist unproblematisch, insbesondere was die Gottesdienste (’ibadat) und gewisse Grundwerte und -normen in verschiedenen Lebensbereichen betrifft. Mit unproblamtisch meine ich: Die meisten Muslime kämen mit ihnen klar, wenn sie davon bescheid wüssten. Aber im klassischen islamischen Recht gibt es auch schwierige Punkte, die daraus resultieren, dass man z. B. das Frauenbild oder das Verhältnis zum nicht muslimischen Ausland wie es vor über tausend Jahren war, einseitig in den Koran und den Propheten hineinprojiziert hat um es anschließend für alle Zeiten zu universalisieren. Hier ist dringender Revisionsbedarf angesagt, wenn der Islam heute würdig repräsentiert werden soll. Das Beispiel der Todesstrafe für Apostaten zeigt recht deutlich, dass auch klassisch orientierte Gelehrte wie Karaman damit so ihre Schwierigkeiten zu haben scheinen. Das bringt mich auch schon zum zweiten Zugang:

2) Die neuzeitlichen Neuzugänge zum islamischen Recht. Dazu kann man auch den hier vorgestellten Zugang Karamans zur Todesstrafe für Apostaten zählen, die er de facto ablehnt. Die Liste solcher neuzeitlichen Zugangswege ist lang. Während manche Autoren punktuelle Neuinterpretationen anstellen und methodisch nicht weit über das Instrumentarium des klassischen usul al-fiqh hinausgehen, versuchen sich progressive Theologen und Islamwissenschaftler an grundlegend neuen Konzepten. Sie versuchen damit eine längst überfällige geistige Aufarbeitungsarbeit anzutreten. Allerdings verlieren sich viele von ihnen oft in akademischen Sphären und sind viel zu sehr der islamischen Tradition entfremdet um hier noch auf die muslimische Mehrheit zurückwirken zu können. Sie sind eher für die westliche Öffentlichkeit und für die gebildeteren und säkularisierten Kreise unter den Muslimen interessant. Darum zeigt sich trotz vielen Reformern im Islam keine echte Reform. Aber das kann sich noch ändern. Noch hat aber kein Reformkonzept die Glaubwürdigkeit und Systematik des klassischen islamischen Rechts erreicht, weshalb man aus dieser Ecke keine Wunder erwarten darf. Aber Fakt ist: Es gibt sie - und sie wird besetzt von gläubigen Muslimen, die ihre Religion und Tradition kritisch aufarbeiten wollen. Zusammenfassend gesagt gibt es also unter den neuzeitlichen (progressiv orientierten) Neuzugängen solche, die im klassischen Rahmen bleiben (für das Volk verständlicher), und solche, die einen neuen, modernen Rahmen suchen (für das Volk meist unverständlich).

3) Schließlich gibt es da noch den pragmatischen Zugang der praktizierenden Muslime zum islamischen Recht. Meines Erachtens wird die Nachhaltigkeit dieses dritten Zugangs stark unterschätzt. Inbesondere die deutsche Öffentlichkeit interessiert sich in erster Linie dafür, was im Koran steht, oder was populäre Gelehrte so zu sagen haben. Doch ist es nicht entscheidender, was die Praktiker letztlich aus der Sache machen? Die meisten neueren Dialog- und Toleranzkonzepte in der muslimischen Community sind (leider) nicht der klassischen Fiqh entwachsen, aber auch nicht den modernistischen Neuzugängen. Dennoch entstammen sie dem konservativ-religiösen Milieu und sind ohne Zweifel in vielerlei Hinsicht als islamisch ausweisbar - man findet im Nachhinein überraschende Legitimationsmöglichkeiten für sie im Koran, und stellenweise auch in der islamischen Tradition. Der Ausgangspunkt für diesen pragmatischen Zugang und die damit einhergehende Quasireform ist die Lebenswirklichkeit der Muslime, und nicht zuerst das Votum der Rechtsgelehrten. Hier findet man z. B. sehr schnell Übereinkunft darin, dass Abtrünnige natürlich nicht wie Schwerverbrecher behandelt werden sollen.

Insofern ist es falsch, da undifferenziert, zu sagen: Der Islam sieht für Apostaten die Todesstrafe vor. Richtiger wäre es zu sagen: Im klassischen islamischen Recht ist für Apostaten die Todesstrafe vorgesehen. Und: In zahlreichen neuzeitlichen Zugängen zum islamischen Recht und nach Ansicht der meisten Muslime sieht der Islam keine Todesstrafe für Apostaten vor.

Natürlich kann man das noch viel weiter ausdifferenzieren, ohne dabei aber wirklich grundsätzlich Neues hinsichtlich des Endergebnisses gesagt zu haben. Ich persönlich argumentiere z. B. so, dass eine universale Todesstrafe für Apostaten sowohl dem Koran, als auch der Vernunft widerspricht, und dass hier darum alle anderen klassischen Argumente für die Todesstrafe zurücktreten müssen. 

Im Türkischen sagt man, dass die Zeit der beste Koranexeget sei (”zaman en iyi müfessirdir”). Diese hat unsere Väter und Mütter nach Deutschland geführt. Sie hat hier für einen Neuanfang in ihrem Leben gesorgt. Sie ist dafür zuständig, dass wir in einem deutsch-türkischen Umfeld sozialisiert wurden. Und sie ist letztlich auch dafür verantwortlich, dass sich dadurch unsere Wahrnehmung von Religion und Tradition oftmals drastisch von der unserer Eltern unterscheidet. Ich meine damit nicht die jungen Leute, die sich von ihrer Religion ohnehin distanziert haben. Ich meine damit jene Muslime, die ebenso islamisch wie westlich leben wollen und Synthesen hervorbringen, die in keinem Lehrbuch der Fiqh oder in einem Konzept deutscher Leitkultur beschrieben sind. Um plakativ zu werden: Ich meine junge Frauen mit Kopftüchern, die beruflich aufsteigen wollen, sich in Gesellschaft und Wissenschaft engagieren und problemlos und selbstbewusst mit Männern umgehen können. Und ich meine junge Frauen mit T-Shirt und ohne Kopftuch, die das rituelle Gebet verrichten und im Ramadan fasten - diese Identitäten werden in keiner reinen Theorie wirklich erfasst, was im Übrigen ein Hinweis auf die Weltfremdheit jener Theorien ist. Und doch hat die Zeit gezeigt, dass solche Identitäten möglich sind - vielleicht unter Abstrichen in manchen traditionellen Tugenden, aber dafür unter Zugewinn und Stärkung anderer, nicht minder wertvoller Tugenden. Ich glaube, dass der Kern des Islam flexibel und universal genug ist um in all dem Wandel im Gläubigen eine bleibende islamische Grundessenz zu ermöglichen.

Wenn also Muslime sagen, der Islam sei eine friedliche oder eine tolerante Religion - dann ist das vielleicht aus der Warte der klassischen Fiqh nicht uneingeschränkt sagbar. Wenn dies jedoch aus der Perspektive des pragmatischen, gelebten Islam gesprochen wird - und das wird es meistens auch - dann ist dies in der Regel richtig und den Urhebern dieser Aussagen muss Aufrichtigkeit zugestanden werden. Ich sage nicht, dass alles, was Muslime sagen oder tun, als islamisch gelten soll. Ich behaupte nur, dass die Einsichten, die aus der Lebenspraxis gläubiger und praktizierender Muslime resultieren, oftmals schneller und direkter zum Kern des Islam vordringen als die träge Deduktionsmühle der Fuqaha (der Rechtsgelehrter) oder die oftmals konturlos wirkende Reformbemühung muslimischer Islamwissenschaftler und Theologen. Im Nachhinein findet man oft völlig verblüffende Möglichkeiten die liberaleren und humaneren Deutungen mit dem Koran in Einklang zu bringen. Aber am Anfang scheint die Lebenspraxis zu stehen, die erst auf diese Erfordernisse aufmerksam macht. Mit pragmatisch meine ich also nicht beliebig oder opportun, sondern der unhintergehbaren Lebenswirklichkeit entwachsen. Unter gläubigen und praktizierenden Muslimen verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht verwöhnte Paschas und selbstherrliche Patriarchen - auch nicht naive Nationalisten und ausgestoßene Jugendliche, die sich an eine einfache Vorstellung von radikal eindeutiger Religion zu klammern versuchen (obwohl natürlich auch diese uneingeschränkt gläubig und praktizierend sein können). Sondern ich meine jene Muslime, die im Rahmen des Islam ein ernsthaftes, aufrichtiges und aktives Verhältnis zu Gott pflegen und sich, ihren Familien und ihren Nächsten durch weltlichen Erfolg und Aufstieg würdige Lebensbedingungen zu verschaffen versuchen. In diesem Sinne scheint mir heute der pragmatische Zugang zum Islam viel klarer den Weg zu einem humanen Islamverständnis aufzuzeigen, als die bisweilen umständlichen Formalismen der Gelehrten des klassischen oder neuzeitlichen islamischen Rechts - also jene Formalismen, auf die wir trotz ihrer Trägheit immer wieder angewiesen sind…

Türkisch-islamische Kultur und Heavy-Metal?

Dies ist eine sehr persönliche Geschichte über einen praktizierenden Muslim, der Heavy-Metal-Musiker aus Leidenschaft war. Also:

Als diesem Muslim und zweien seiner Kumpels in jungen Jahren im Englischunterricht in der neunten Klasse mal langweilig war, kamen sie auf die Idee eine Heavy-Metal-Band zu gründen. Die großen Vorbilder hießen Manowar, Blind Guardian, Iron Maiden und Metallica. Sie brachten sich selbst das Musizieren bei: Der Muslim schnappte sich eine E-Gitarre, der Österreicher (zugleich Atheist) sang und der Deutsche (Christ) setzte sich an die Drums. Gemeinsam schrieb man in stundenlangen Songwriting-Sessions lange und komplizierte Lieder, die so kompliziert waren, dass ihre ungeübten Finger es kein einziges Mal schafften einen Song fehlerfrei zu spielen. Aber die Songs hatten auf sie eine geradezu magische Wirkung auf sie, so blickte man über technische Probleme vorerst bereitwillig hinweg…

Man traf sich wöchentlich im Proberaum des örtlichen Jugendhauses, musizierte, sprang durch die Gegend und träumte von ersten Auftritt, der dann tatsächlich auch stattfand, auch wenn sich Lead-Sänger und Gitarrist einen Tag zuvor einen roten Ausschalg zuzogen und nunmehr gepudert spielen mussten…

Der Muslim hatte glücklicherweise niemanden in seinem Umfeld, der ihm diese Musik hätte ernsthaft ausreden wollen - bis auf einen Cousin, der ihm aus der Türkei einen Brief schrieb, er möge doch bitte dieses imitierende Gehabe sein lassen, einem Osmanenenkel stünde das nicht. Imitation? Was für eine Imitation? Das war schon längst ein fester Bestandteil seiner Kultur, seines Denkens, seiner ganzen Emotionswelt geworden. Religiös gesehen war die Sache aber den meisten Büchern zufolge in der Tat zumindest mal ambivalent…

Also haram (verboten)? Oder vielleicht doch halal (erlaubt)? Oder einfach nur indifferent (mubah) - oder vielleicht gar empfohlen (mustahab)? Eine fundierte Entscheidung musste her. Aber das Ilmihal (der Katechismus im Regal) gab nur Antworten, die ihm nicht so schmecken und einleuchten wollten. Antworten, die nach einer weiteren Auseinandersetzung schrien.
Ob es wohl auch andere Antworten gab? Von zeitgenössischen Theologen, Mystikern, oder gar praktizierenden Musikern? Ob er es evtl. sogar in Kauf nehmen sollte sich unter Berufung auf die Barmherzigkeit Allahs und das eigene Unvermögen über ein eventuelles Musikverbot - da nicht so zentral - sanft hinwegzusetzen? Schließlich war man ja auch sonst nicht immer der ideale Muslim. Und es gab ja viel Schlimmeres als Musik, Dinge, von denen er sich ja stets fernzuhalten versuchte. Zudem war er ja einigermaßen praktizierend und betete fünfmal am Tag (naja, eher viermal oder weniger, da zumindest das Morgengebet aufgrund Tiefschlafes öfters auf eine lichtere Stunde verschoben werden musste), und das sprach doch sicher für ihn, gilt doch das rituelle Gebet als Dreh- und Angelpunkt islamischer Religiösität schlechthin…

Der Muslim musste die Antwort offensichtlich sich selbst geben, einzig und allein verantwortet vor seinem Gewissen und Allah. Ja, das schien es zu sein…

Nach einer langen Rechnung kam er zum Ergebnis, dass er die Musik fortführen würde. Die haram-Argumente schienen ihm irgendwie schwach und quellenmäßig nicht sicher genug. Auch wenn die religiöse Legitimität nie ganz gesichert war: Für ihn stand fest, dass er dieser Musik, die er ja schon vor der Band seit Jahren konsumierte, sehr viel verdankte. Sie war für ihn ein wirksames Mittel zu einem höheren Zweck, nämlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst, Gott und der Welt, in einem Schloss, weit jenseits des Eingriffs von unerbetenen Eindringlingen… Und sie bereitete große Freude… Und sagte nicht auch der Koran irgendwo “Sucht Wege zu Allah”? So ähnlich argumentieren ja auch die islamischen Mystiker. Diese Musik, so schloss er weiter, war für ihn offensichtlich unschädlich, oder zumindest nicht in bemerkbarem Ausmaß gefährlich (die Hauptsorge der Haram-Vertreter)…
 
Er sah, dass der Rock’n'Roll ihn weder zu Unmoral, noch zu Alkohol anleitete… dass die Musik ihn womöglich vor Schlimmerem beschützte… dass es für sein Verständnis keine eindeutigen Quellen gab, die die Musik in der Intention, die er hatte, und für die Situation, in der er sich befand, definitiv verbat… erst recht nicht im Koran… dass diese Musik ihm vielmehr ein unterhaltsames kulturelles Korrelat zum tafakkur (Nachdenken über Gott und die Welt) bot… dass die Musik ihn nicht daran hinderte, sein geliebtes Gebet (allerdings in der orthodox gesehen kürzest möglichen Form) zu verrichten, das er in Absprache mit dem Jugendhaus in leeren Proberäumen oder im leeren Mädchenzimmer, so gut es halt ging, zu verrichten versuchte, ohne jemanden zu stören… dass die Musiker um ihn herum intellektuell mächtig war drauf hatten und man mit ihnen auch außerhalb der Musik stundenlang diskutieren und streiten konnte… dass diese Musik für ihn der perfekte Weg war innere und äußere Konflikte zu verarbeiten, und dass der Christ und der Atheist in seiner Band komischerweise sehr ähnlich zu fühlen schienen… Was wollte man mehr?

Die Schülerzeitung war auf die Band (die übrigens ‘Pandemonium’ hieß) aufmerksam geworden. So wurden Pandemonium interviewt und sie erzählten der Zeitung lang und ausführlich von den Hintergründen der Texte, die sich zwischen Fantasy- und Philosophiethemen hin- und herbewegten… Um die ganze Schule zu beeindrucken posierten die drei mit bösem Blick und mit der Hand zum Metalzeichen geformt für eine Foto, das die ganze Schule sehen sollte - das Dumme war nur, dass dieses ‘Metalzeichen’ in Wirklichkeit der Satansgruß war! Nur wusste die drei das nicht. Noch nicht.Eines Tages kam die Lateinlehrerein zum Muslim… sie erzählte ihm, dass sie sich Sorgen mache, dass sie das Foto in der Schülerzeitung gesehen habe… dass sie der Auffassung sei, dass die drei sich auf einem gefährlichen Weg befinden würden… dass sie womöglich in den Satanismus abdriften könnten…

Sata-was!?

Ja, Satanismus!

Sie wies den verwirrten Muslim auf den Satansgruß hin, mit dem sie ja für die Schülerzeitung abgebildet wurden. Völlig beschämt erklärte der Muslim, dass sie die Bedeutung dieses Zeichens nicht gekannt hätten, dass sie dachten, dies wäre nur das Zeichen für die Musik, die sich machen… dass er doch ein gläubiger Mensch, und Satan doch sein größter Feind sei… Sie glaubte es ihm - und die Musik ging weiter… ab jetzt aber ohne ‘Satansgruß’…

Die Musik der drei braven Buben war in der Tat mehr als Zeitvertreib. Sie war hoch ernste Mystik, gesamtheitliche Selbst-und Welterschließung, die Transzendierung alles Materiellen, kurzum der totale Kick…

Am unspektakulärsten fiel in der Band der Kampf der Kulturen aus (der damals noch nicht so populär war)… Der Muslim hatte mal in einem religiösen Moment einen Song namens “The Secret Book of Endless Knowledge” geschrieben und wollte diesen nun zum Bandgut machen. Der Atheist fragte skeptisch “Du meinst damit aber nicht ein bestimmtes Buch, oder?” Und der Muslim erwiderte (unter schelmischem Grinsen): “Nö, nö… Kannst jedes Buch reinsetzen, das dir gefällt” Der Atheist wusste natürlich, dass das nicht stimmte… Trotzdem sang er den Text munter und überzeugt… Und der Muslim sang dafür die background vocals zu einem Sauflied, das der Atheist geschrieben hatte… Das Lied nannte sich “The Drunken Druid Inn” Der Muslim hatte noch nie gesoffen. Soweit so gut. Doch auch der Atheist und der Christ hatten praktisch nie gesoffen! Dennoch sangen alle gemeinsam das Sauflied… eine echt harte Nuss war Pandemonium…

Was waren das für Zeiten! Sie hielten sich insgeheim für die Kings of Metal, fast noch einen Schritt vor Manowar - bis sie von einigen älteren Bands darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie den einen oder anderen Riff (z. B. aus dem Sauflied) von Pandemonium aus ihren eigenen Songs kannten… naja gut, aber waren nicht alle großen Bands, war nicht jede Musik, ja überhaupt jede Idee durch irgendwen inspiriert? Man deutete den Songklau dankenswerterweise als Anerkennung, und so war die Sache geregelt…

Die Metaller, Punks und Hardcore-Leute im Jugendhaus waren eine eingeschworene Gemeinde, die trotz unterschiedlichster Weltanschauungen durch eine laute, für Außenstehende schier unerträgliche Musik zusammengehalten wurde. Ein zehnköpfiger Vorstand, zu dem der Muslim auch gehörte, organisierte Konzerte, und sie wurden in der lokalen Szene schon bald sehr bekannt. G.R.U.N.Z. hieß die Musikerinitiative - und ihr Maskottchen war eine dicke fette Rock-Sau mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren.

Aber wie in jeder großen Band kam es nach paar Jahren zu musikalischen Reibereien zwischen dem Leadsänger und dem Gitarristen… Der Leadsänger wollte softere Songs schreiben, da dies mehr Mädchen auf die Konzerte ziehen würde… Der Muslim sah dies als Stilverrat und wollte lieber bei den düster-melancholischen Hymnen bleiben… Der Stern von Pandemonium war am sinken…

Auf einem ihrer letzten Konzerte standen die Jungs auf einer Bühne im Stadtzentrum. Ein gefährlicher Ort, zumindest insofern, als dass sich der Muslim hier dem Blick aller Passanten darbot, auch wenn diese zufällig aus dem türkisch-religiösen Umfeld kamen, die ihn womöglich als den braven Buben kannten, der ihren Kindern Nachhilfe erteilte und selber fleißig in der Schule war…

Nun stand er da, der muslimische Rocker, und griff mit seinen Jungs in die Saiten, und sie sangen im Chor “On a ship of glory, sailing far away, into glorius times, we’re sailing night and day… we shall never fail”. Hinter ihnen prangte die fette Rock-Sau von G.R.U.N.Z., mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren. Ausgerechnet in diesem sensiblen Moment lief Ibrahim abi mit seiner Frau, die ein Kopftuch trug, und den Kids an der Bühne vorbei - ein religiöser Muslim mit Bart war das, der seine Kinder zum Metaller in die Nachhilfe schickte. Nicht, dass die Muslime in seinem Umfeld das Doppelleben des Gitarristen nicht kennen würden, aber so in Montur mit Gitarre und Sau hatte ihn bis dato wohl keiner von ihnen gesehen. Auf der Bühne wurde es dem muslimischen Gitarristen langsam eng. Er versuchte den Blickkontakt zu vermeiden, doch schwupp - war es schon geschehen, und man hatte sich mit einem höflichen Kopfnicken aus der Weite gegrüßt: “Selamun aleyküm”, “Aleyküm selam”. Schluck. Hoffentlich, dachte sich der Muslim, war wenigstens die fette Sau hinter ihm nicht so deutlich zu sehen. So drehte er ich sich langsam um, doch was musste er erblicken: Die fette Rock-Sau mit der Sonnenbrille und den Ledermanschetten an allen Vieren grinste im hellen Bühnenlicht gemeiner als je zuvor…

Zeiten vergingen. Nachdem die Band sich in gegenseitigem Einvernehmen bis auf Weiteres aufgelöst hatte, ging die Musik jedoch weiter. Der Muslim wurde nunmehr auch zu türkischen Hochzeiten eingeladen, um mit einem Sazspieler Sketche vorzuführen, und einmal erschien er sogar mit einem kleinen, spontan zusammen gewürfeltem Knabenchor auf einer religiösen Veranstaltung zum Geburtstag des Propheten, diesmal aber ohne die fette Rock-Sau…
Interessanterweise wurde der Muslim in der türkisch-islamischen Community auch während seiner Bandzeit nie wegen seiner E-Gitarre oder seinem Metal-Tick persönlich kritisiert, auch wenn sich der eine oder andere mal über die Sinnlosigkeit weltlicher Musik mokierte. Immer, wenn er sich im muslimischen Kreis rechtfertigen wollte, hieß es, “Ist schon gut, ich habe kein Problem damit, mach ruhig weiter, es gibt bei uns eh viel zu wenig Musiker” Leicht machte man es ihm. Was sie sich wohl dachten? Wenn es nach der orthodoxen Theorie ging, war Musizieren zumindest mal etwas Unübliches. Aber wenn es dann einer doch tat, ohne den Hurra-bin-endlich-auch-modern-Türken herauszuhängen, dann war das plötzlich toll und interessant und den Leuten fielen eine Menge Gründe dafür ein, warum es an sich gut ist Musik zu machen. Machten die Leute das, weil man ihn für unheilbar verrückt hielt? Oder weil er schon immer so komisch ‘deutsch’ war? Wussten sie vielleicht, dass er mit der Musik auch dann nicht aufgehört hätte, wenn die Leute ihn verurteilt hätten? Oder tolerierten sie sein Verhalten, weil er vieles aus beiden Kulturen auf relativ ungewöhnliche Weise verband, gar miteinander im Schmelztiegel vereinte, ohne sich in ein enges, monokulturelles Korsett zwängen zu lassen? Steckte hinter dieser Toleranz vielleicht die Sehnsucht vieler muslimischer Konservativer, eigentlich auch gerne so manches als gegensätzlich Wahrgenommenes miteinander verbinden zu wollen, während sie sich jedoch vor Kritik aus den Reihen der Vertreter der türkisch-islamischen und deutschen Monokulturen scheuten? Lag die Toleranz vielleicht daran, dass der Gitarrist demonstrierte, dass man sogar in der Metalszene seinen eigenen Weg gehen konnte, ohne die Grundfeste eines einigermaßen ‘islamischen’ Lebens gegen die “Ausschweifungen” des Rockerlifestyles (oder Möchtegern-Rockerlifestyles) austauschen zu müssen?

Denn eines war unübersehbar: Die Metal-Musik faszinierte ihn, und ihr Pathos und ihre Metaphern umgriffen sein ganzes Denken - er war jedoch nie ‘Metaller’ im klassischen Sinne (so mit Bier und so) geworden. Für die mystischen Freuden und die schöne gemeinsame Zeit unter den Musikern war das aber offensichtlich nicht nötig! Diese Einsicht war eine seiner wichtigsten Entdeckungen in diesen Jahren, eine Entdeckung, die ihn wohl ein für allemal von der Idee und Praxis Deutschland überzeugte… ein Deutschland, das einen Grundkonsens erzwingen konnte, aber darüber hinaus die verrücktesten Kombinationen ermöglichte - eine Entdeckung, die eindeutig mit noch mehr Metal-Musik gefeiert werden musste… Aber wer sollte all das religiös begründen, rechtfertigen und aus den Quellen herleiten? Wer sollte diesen Mischmasch in Einklang bringen mit der so überschaubaren Welt der Monokulturen? Oder war dieser Mischmasch vielleicht gar keiner, sondern eine eigene dritte Kultur, die Individuen unter günstigen Bedingungen hervorbringen können, und die einmal entstanden nie wieder den Weg zurück in die Zahnpastatube finden?

In jedem Fall waren die Fakten jeglicher Theorie zuvorgeeilt.

Das war gerade das Schöne an dieser Musik: Man konnte mittendrin sein, unter den Leuten aufgehen, aber sich trotzdem nur das herausnehmen, was einem gefiel. Hauptsache die Kommunikation stimmte und jeder wusste im Zweifel, woran er war. War das gegeben - und das war es in der Tat - dann sah man unter den Musikern über alle Differenzen hinweg. Und man mochte sich so sehr, dass man stolz auf die gemeinsame Teilidentität war…

Hello World!

Herzlich willkommen auf meinem Blog andalusian.de!

Hier möchte ich mit euch Gedanken und Erfahrungen zu Themen teilen, die mir sehr am Herzen liegen, für die ich jedoch bislang keinen passenden Rahmen gefunden habe - Themen, die mich tagein und tagaus beschäftigen, und von denen ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der über sie nachdenkt. Es geht um Fragen der Identität, des Glaubens und der Werte - konkret: um Fragen der Stellung muslimischer und insbesondere türkischstämmiger Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, also auch um mich…

Gerade die junge Generation von Türkinnen und Türken tut es sich oft schwer mit ihrem Leben zwischen zwei - oder mehr - Kulturen und es gibt eine ganze Reihe ungeklärter Fragen und Probleme, zu denen noch keiner eine schlüssige Theorie entwickelt zu haben scheint. Die Paradoxie startet bereits damit, dass Türken die Probleme, die ihr Türke-Sein betreffen am liebsten auf Deutsch diskutieren. Ich bin da gewiss keine Ausnahme - und vielleicht ist das gerade ein Hinweis darauf, dass Leute wie wir nicht nur formal, sondern auch tief in uns eine deutsch-türkische Identität aufweisen. Das ist etwas Neues, das wir unseren Mitmenschen oft mühsam plausibel machen müssen.

Noch anspruchsvoller wird die Frage nach der Identität, wenn man den Faktor Religion in Betracht zieht. Wenn jemandem wie mir und den meisten türkischstämmigen Bürgern in Deutschland der Islam am Herzen liegt, dann eröffnet sich dadurch eine weitere Dimension in der Identität - aber damit auch eine weitere Dimension an Problemfeldern und entsprechendem Gesprächsbedarf. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass dieser Bedarf gerade bei der jungen Generation immens ist, aber dass ihnen in diesem Punkt noch niemand wirklich die Hand reichen konnte. Denn fast immer sind es Außenstehende, die sie über die Treue zur türkischen Kultur, über den Glauben, oder über Integration zu belehren versuchen. Was wir jedoch brauchen, ist eine Reflexion von innen heraus, aus der Sicht der Betroffenen selbst. Denn auch wenn es viele nicht gerne aussprechen, oder wahrhaben wollen: Wir haben deutsch-türkisch-islamische Identitäten entwickelt, und das auf eine einzigartige und nicht mehr rückgängig machbare Weise. Statt dies zu ignorieren, möchte ich mir dessen bewusst werden, und darüber nachdenken, was dies für die Zukunft in unserer pluralistischen Gesellschaft bedeutet.

Dies ist auch von Wichtigkeit für die Mehrheitsgesellschaft, da auf Seiten der Deutschen eine zunehmende Verunsicherung hinsichtlich der Situation der Migranten, bzw. des neuen, kulturell und religiös gemischten Deutschlands besteht. Es gibt zahlreiche schwierige Fragen, zu deren Klärung wir aufeinander angewiesen sind, was freilich einen Dialog auf Augenhöhe voraussetzt. Hierbei darf es auch kein Hindernis sein, dass manche Deutsche und auch manche Türken weder an einem solchen Dialog, noch an einem respektvollem Umgang mit der Kultur des anderen interessiert sind. Ich vertrete bei all dem eine positive und optimistische Position, die sich bislang bestens bewährt hat, und glaube, dass es mit einer intellektuell und emotional gereiften Haltung sehr wohl möglich ist, sich sowohl mit Deutschland, als auch z. B. mit türkisch-islamischer Kultur zu identifizieren. Ich glaube ferner, dass man mit Vernunft, respektvoller Kommunikation und der Bereitschaft zur Selbstkritik die teilweise nicht abzuleugnenden Spannungen zwischen der muslimischen Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland abbauen kann, aber eben unter der Voraussetzung, dass es da Leute gibt, die mutig, motiviert und einfühlsam genug sind hier für Klärung und Transparenz zu sorgen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass dieser Blog sowohl mir, als auch meinen Lesern eine kleine Hilfe bei dieser Auseinandersetzung sein kann und zum Weiterdenken und Weiterhandeln inspiriert. Noch schöner wäre es, wenn Diskussionen zustande kommen, wobei ich nicht weiß, ob ich die Zeit finde diese zu moderieren. Falls die Kommentarfunktion mal nicht aktiviert ist, bitte ich dies mir nachzusehen und freue mich - wie freilich auch sonst immer - über eure Mails unter andalusian@gmx.net. Derweil sei noch betont, dass dieser Blog weder ausschließlich an Türken oder an Muslime gerichtet ist - nur ist mein Hauptthema hier eben das Leben als türkischstämmiger Muslim bzw. als türkischstämmiger Deutscher in Deutschland, wobei die meisten Beiträge hier sicherlich auch auf andere Hintergründe verallgemeinert werden können. Außerdem will ich auch Abschweifungen von diesem Inhalt ganz und gar nicht ausschließen, was bei so einem ernsten Thema sicherlich nicht schadet, sondern eher nützt und aufheitert.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß auf andalusian.de!

Grüße & Selam,
Hakan

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