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Essay: Der Ramadan
9.9.2009 von Hakan Turan.
Mein Text Der Ramadan, nunmehr eingestellt unter den Essays, ist einer meiner ältesten Texte - die erste Fassung stammt aus dem Jahr 2000. Seitdem ist er an mehreren Stellen veröffentlicht und verlinkt worden. Wer mag, kann sich den Aufsatz auch als Word-Dokument runterladen.
In diesem Text wird das Fasten sowohl hinsichtlich der Ilmihal-Aspekte (Wie fastet man?) und des historischen Hintergrundes betrachtet, als auch hinsichtlich seiner spirituellen Seiten (Warum fastet man? Was für innerliche Entwicklungen kann das Fasten auslösen?). Während die erstere Seite das äußere des Ritus behandelt, geht es im zweiten Aspekt um die innere Seite. Das mit der äußeren und inneren Seiten des Islam ist so eine Sache für sich. Während wir von den Nichtmuslimen oftmals erwarten, dass sie sich mit dem eigentlichen Kern des Islam befassen sollen, ehe sie über ihn urteilen, pflegen wir selbst kaum die Auseinandersetzung mit diesem eigentlichen Kern. Ein großer Teil der Aufmerksamkeit der Muslime richtet sich auf die formalen Aspekte des Fastens und überhaupt der Religion, sodass vor allem für die junge Generation der Muslime in Deutschland die emotionale (türkisch: hissi oder duygusal) und spirituelle (türkisch: manevi) Seite der islamischen Religion nur schwer einsehbar ist. Aber dabei ist dies doch das eigentlich Entscheidende: Wenn die Religion gerade für die Jugendlichen eine Quelle von Sinnstiftung, seelischer Reifung, innerer Harmonie, und Glückseligkeit sein soll, dann darf religiöses Fühlen und Erleben auf keinen Fall auf das Einhalten von Regeln beschränkt werden. Aber letzteres geschieht meinem Eindruck nach in traditionellen Kreisen allzu oft - sicherlich ohne bewussten Vorsatz. Das wird ein Stück weit dadurch wettgemacht, dass der Ramadan für viele Fastende zu einem intensiven sozialen Ereignis wird. Aber nochmals zum Formalen: Regeln sind natürlich wichtig - sie geben einen gewissen Rahmen vor und spielen im Islam ohne Zweifel eine wichtige Rolle. Aber dieser Rahmen ist kein Selbstzweck, sondern dient seinerseits höheren, moralischen und spirituellen Zwecken. Wenn letztere ausgeblendet werden, stuft dies auch den Wert der Einhaltung von formalen Regeln ab. Und dies hinterlässt den Eindruck einer Religion, der mehr an Formen, als an Inhalten und Bedeutungen liegt. Eine solche Verengung der Sicht können wir uns nicht leisten, gerade in der heutigen Zeit nicht. Auch dürfen die zahlreichen Anfragen der Nichtmuslime an den Islam nicht dazu führen, dass man nach außen hin einen theologisch und philosophisch tiefgründigen Islam darzustellen lernt, während man quasi ‘intern’ dann doch wieder nur auf die exakte Einhaltung von Regeln fixiert bleibt ohne sich Zeit für die zugehörige Meditation bzw. das tafakkur (arabisch: sinnieren, nachdanken) zu nehmen. Hier ist also - wie auch sonst immer - der Weg der Mitte einzuschlagen.
Der vorliegende Text ist unter anderem ein Versuch diese nur nach innen sichtbaren Seiten des Fastens darzustellen. Hilfreich waren mir dabei zahlreiche Gespräche mit Fastenden, eigene Erfahrungen und nicht zuletzt Said Nursis Ramazan Risalesi.
Entstanden ist der Text übrigens im Vorfeld eines interreligiösen Fastenbrechens im sozialen Brennpunkt Hallschlag, einem Vorort der wunderschönen Stadt Stuttgart. Das Fastenbrechen war von der ansässigen katholischen Gemeinde und muslimischen Bürgern der Stadt organisiert worden. Dort war ich eingeladen etwas über das Fasten im Ramadan zu erzählen und etwas Schriftliches zum Mitnehmen zu verfassen. Nach zwei Tagen stand der Text und ich hatte die Ehre an diesem Abend am Tisch mit der Prominenz sitzen zu dürfen. Da unterhielt ich mich nun mit dem Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart Herr Gebhard Fürst über das Christentum, den Islam und die quinqe viae des Thomas von Aquin (das sind die fünf berühmten Gottesbeweise aus dem Anfang seiner Summa Theologica), während neben dem Bischof ein gut gekleideter Mann saß, der uns geduldig und sichtlich interessiert zuhörte. Nach einigen Minuten wendete ich mich zu ihm und fragte höflich: “Und was machen Sie eigentlich so?” Er antwortete mit bewundernswerter Gelassenheit: “Ich bin der Oberbürgermeister von Stuttgart, mein Name ist Wolfgang Schuster.” Das war an Peinlichkeit wohl kaum zu überbieten…
Ich hoffe, dass der Text dem einen oder anderen nützt, wo wir uns gerade in der zweiten Hälfte des diesjährigen Ramadan befinden.
In diesem Sinne noch einen gesegneten Ramadan…
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