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Wie man sich Osmanen heranzieht

Der Unterricht bei Frau Rieger* an der städtischen Realschule hat gerade begonnen. Und wie die vor wenigen Wochen eingeschulten Fünftklässler am lauten und bestimmten Tonfall der Deutsch- und Geschichtslehrerin, die zugleich Schulleiterin ist, erkennen können, gibt es zuvor etwas Wichtiges zu klären. In die Richtung von Fatih blickend fängt Frau Rieger an:

„Bevor wir anfangen will ich etwas sagen. Sei dir über einige Sachen im Klaren, Fatih. Diese wären, dass ich gesehen habe, dass du in den Pausen die Mädchen belästigst und schlägst. Du kannst dieses Verhalten in der Türkei bei euren Frauen an den Tag legen. Aber mit deutschen Mädchen und Frauen kannst du nicht so umgehen wie mit türkischen Frauen.”

Völlig verwirrt widerspricht Fatih den Beschuldigungen, doch gegen diese mutige Kulturkämpferin, die dem Türken endlich klar machen will, dass hier nicht türkische, sondern deutsche Gepflogenheiten gelten, ist nicht anzukommen. Die Situation endet mit einer Ankündigung von Strafmaßnahmen bei wiederholtem Fehlverhalten und einem weinenden Fünftklässler, der zum ersten Mal einige längst fällige Worte über den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Kulturen, in denen er groß wird, belehrt wird.

Die Mädchen in der Klasse fragen sich gegenseitig, wen von ihnen genau denn Fatih geschlagen haben soll. Nach einigem Gemurmel kommen sie zum Ergebnis, dass Frau Rieger Fatih offensichtlich beim Fangen- und Versteckspielen in der Pause beobachtet und sein Verhalten als abfällige und machohafte Geste gegenüber den Mädchen missverstanden haben muss. In der Pause gehen die Mädchen, mit denen Fatih gespielt hatte, geschlossen zu Frau Rieger und erklären ihr, dass Fatih überhaupt nichts Schlimmes gemacht hat. In der nächsten Stunde entschuldigt sich Frau Rieger vor der versammelten Klasse bei Fatih. Sie hat das Missverständnis zugestanden. Damit ist die Sache für sie erledigt und man kann wieder zur Tagesordnung übergehen.

Als mir Fatih diese Geschicht erzählt, liegt sie bereits 15 Jahre zurück. Ich frage den sportlichen Mittzwanziger, der über den zweiten Bildungsweg und nach einer Ausbildung und Arbeit am Fließband den Weg ins Studium geschafft hat, wie dieses Erlebnis ihn beeinflusst hat. Er erzählt mir das, was ich von sehr vielen türkischen Jungen und Mädchen in unterschiedlichsten Varianten höre:

„Nach diesem Vorfall begann ich mich für den Unterschied zwischen Deutschen und Türken zu interessieren. Ich wollte wissen, wieso ich anders als die anderen behandelt werde. Auch die Osmanen und die Religion wurden wichtiger für mich.”

Auf die Frage, wie er das Miteinander von Deutschen und Türken heute einschätzt, antwortet er, dass er neben seinen türkischen Freunden auch viele deutsche Freunde hat und sehr wohl sieht, dass nicht nur Deutsche, sondern auch die Türken in Deutschland einiges falsch gemacht haben und immer noch falsch machen. Aber Tatsache sei auch, dass er aufgrund seiner Herkunft in manchen Situationen immer noch abfällig behandelt und ausgegrenzt werde. Deswegen fühle er sich trotz seines deutschen Passes nach wie vor als Türke.

Ich persönlich war verblüfft über die große Ähnlichkeit von Fatihs Geschichte zu einer Begebenheit, die ich an eigenem Leibe vor nunmehr über 20 Jahren in der Grundschule erleben durfte. Auch dort spielten die Jungen und Mädchen in der Klasse Fangen. Als es zwischen den beiden Gruppen zum Streit kam, wollte ich schlichten und schrieb im Namen der Jungen einen Versöhnungsbrief, den ich auf dem Pausenhof gerade den Mädchen geben wollte. Just in dem Moment stand Frau Rose, meine Klassenlehrerin in der dritten Klasse, neben mir und begann genau auf die selbe Art über fundamentale Werteunterschiede zu dozieren wie Frau Rieger: So unverschämt könne ich mich in der Türkei gegenüber den Mädchen verhalten, doch wir seien hier in Deutschland – und hier würden andere Regeln gelten. Meine Versuche die Sache zu klären wurden konsequent abgeblockt. Völlig verwirrt ging ich nach dieser Schelte zu den Mädchen und fragte sie, ob sie denn Frau Rose recht geben würden. Aber sie waren offensichtlich ebenso überrascht wie ich und konnten den plötzlichen Anflug ihres in meinen Ohren eindeutig türkenfeindlichen Ausbruchs nicht verstehen.

Zwei Geschichten, die selbe Misslage. Und eine ganze Reihe von Fragen, auf die wir nur gemeinsam eine Antwort finden können:

1) Wie sollen sich Jugendliche mit einem muslimischen Hintergrund sich mit Deutschland identifizieren, wenn sie bereit in sehr jungem Alter zu spüren bekommen, dass manche – wenn auch wenige – staatlich beauftragte Lehrer und Erzieher sie wie anklagbare Vertreter eines „völlig anderen”, sprich minderwertigen und verachtungswürdigen „Wertesystems” behandeln?

2) Wer soll diese überforderten Erzieher und Lehrer mit dem Innenleben ihrer anvertrauten Zöglinge mit Migrationshintergrund vertraut machen und ihnen die richtige Zuordnung ihrer bisweilen ausufernden Verhaltensweisen erklären? Wer soll ihnen verdeutlichen, dass sich jene Jugendliche oft erst dann bewusst mit ihrem „völlig anderen” Wertesystem zu identifizieren beginnen, sobald sie das Gefühl bekommen, dass sie ihr Selbstwertgefühl nur im Rückzug auf ihren Ursprung, ihre „wahre Identität” aufrecht erhalten können? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Selbstbewusstsein, in dem jene Jugendlichen häufig auftreten, meist nichts anderes ist als ein erfolgreich überspielter Selbstzweifel? Dass jene Jugendliche innerlich von Selbstzweifeln und Identitätskonflikten derart zernagt sind, dass sie nach außen eine zweite Schutz- und Abwehridentität entwickeln? Wer wird ihnen erklären, dass diese Heranwachsenden in Wirklichkeit auch in ihrer „völlig anderen” Kultur Fremde sind? Dass sie noch schlechter türkisch als deutsch sprechen? Dass sie stolze Türken sind, aber weder die türkische Geschichte kennen, noch türkischsprachige Literatur lesen? Und dass sie als Antwort auf diese Situation sich nicht etwa beidseitig bilden und hochkämpfen, sondern bereitwillig die Rolle des unangepassten Ausgestoßenen und Verachteten übernehmen um diese sich selbst und ihrer Umwelt bei jeder immer wieder zu bestätigen?

3) Wer soll diesen türkischen, arabischen, kurdischen und vergleichbaren Kindern und Jugendlichen erklären, dass manche ihrer Aussagen und Verhaltensweisen von manchen Deutschen als äußerst befremdlich und abstoßend empfunden werden? Wer soll ihnen klarmachen, dass sie manchmal auf Schritt und Tritt beobachtet werden, und dass selbst ihre unschuldigsten und unbedachtetsten Aktionen manchmal als aktive Ablehnung der deutschen Gesellschaftsordnung im Namen einer fremden und der deutschen Kultur „völlig wesensfremden” Religion gedeutet werden? Dass sie von manchen als umso „islamischer” oder „türkischer” gesehen werden, je machohafter, frauenfeindlicher, gewalttätiger, unverschämter, lern- und leistungsunwilliger sie auftreten? Wer soll ihnen erklären, dass viele Menschen Angst vor ihnen haben, aber dass diese Angst nicht Ausdruck von Respekt, sondern vom genauen Gegenteil darstellt? Und dass auch sie die Chance haben einen anderen Weg zu wählen, ihre brachliegenden Potenziale zu wecken und all die vorbeiziehenden Chance in ihrem Leben zu ergreifen?

4) Wer soll den Eltern dieser Jugendlichen erklären, dass viele ihrer Kinder den Anschluss an die deutsche Gesellschaft verpassen, und dass ihnen dadurch nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch alle realistischen Aussichten auf einen guten Beruf entgehen? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Scheitern ihrer Kinder zu einem großen Teil an ihrem fehlenden Interesse am Schul- und Lebensalltag ihrer Kinder liegt? Dass die Vorurteile und Ungleichbehandlungen durch manche Lehrer und durch das „System” zwar einen wichtigen, aber eben dennoch nur einen von vielen Teilen des Problems ausmachen? Dass in Deutschland in nahezu allen Lebenslagen das Leistungsprinzip gilt, und dass prinzipiell jedem die Erfüllung der Leistungsanforderungen möglich ist? Dass sie an ihre Kinder glauben müssen und dies den Kindern immer wieder vermitteln müssen, statt ihnen vorzuhalten, dass sie dumm und faul seien? Dass es schon so viele geschafft haben sich einen würdigen Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten, und dass dies auch den Nachkommenden möglich ist?

5) Ist es möglich diese Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren, ohne die bereits erfolgten großen Anstrengungen seitens der Deutschen und Migranten auf diesem Gebiet zu leugnen oder herunterzuspielen? Ohne anzuklagen, ohne um Mitleid zu heischen und ohne zu ideologisieren? Ohne den Jugendlichen, die auf dem Weg sind, das Gefühl zu geben hoffnungslose Sorgenkinder zu sein? Und ohne jenen, die es geschafft haben, den falschen Eindruck zu vermitteln, dass ihr Erfolg nichts zur Änderung dieser Situation beiträgt?

Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn sich alle Beteiligten von ihnen angesprochen fühlen und an einem Strang ziehen. Gerade diejenigen Jugendlichen und Erzieher, die die genannten Misslagen selbst erlebt und erfolgreich durchgestanden haben, könnten dabei von entscheidender Bedeutung sein.

*Alle Namen in diesen Berichten wurden von mir geändert.

Von Islamfreunden, Islamfeinden und Islamskeptikern

Bei aller Komplexität der Zusammensetzung von Muslimen wie Nichtmuslimen in Deutschland, könnte man, wenn man am Aspekt der Gesprächsbereitschaft der Deutschen mit den Muslimen in ihrer Rolle als Muslime interessiert ist, drei Haltungen unter den Deutschen  unterscheiden. Ich weiß, dass solche Klassifizierungen sehr gewagt, da grob vereinfachend sind, aber ich gehe an dieser Stelle das Wagnis ein, weil es für manche Zwecke ausreichend ist. Die erwähnten Haltungen, die ich unterscheiden möchte, sind die islamfreundliche, die islamfeindliche und die islamskeptische. Diejenigen Deutschen, die sich von all dem nicht betroffen fühlen, passen natürlich in keine dieser Kategorien. Auch geht es mir hier nicht in erster Linie um die Rolle des Islam als Religion, sondern um die Rolle der Muslime als Minderheit in Deutschland. Den Begriff Islam verwende ich hier in der Weise, wie er desöfteren im öffentlichen Diskurs verwendet wird, nämlich als das, wovon viele Nichtmuslime glauben, dass die Muslime daran glauben würden, oder theoretisch sollten, wenn sie sich als Muslime verstehen – ich weiß, eine schreckliche Definition, aber auf diesem Niveau läuft heute ein großer Teil der Debatte über den „Islam“. Mit Islamfreunden etc. meine hier daher Leute, die Muslimen freundlich gesinnt sind und zusätzlich noch Positives mit dem Begriff Islam verbinden. Ich möchte hier auch nicht auf Unterschiede im Islamverständnis der Muslime eingehen.

Am entspanntesten, sozusagen am islamfreundlichsten, ist das Verhältnis wohl dort, wo sich Muslim wie Nichtmuslim persönlich gut kennen, einiges miteinander teilen und auf diesem Weg Freunde geworden sind. Das ist die in der abstrakten Öffentlichkeit wenig wahrgenommene, aber im individuellen Leben nach wie vor intensivste Form von Freundschaft und Vertrauen zwischen „Islam“ und „Westen“ – ich setze das bewusst in Gänsefüßchen, da wir es hier eigentlich mit einer Freundschaft von Individuen und nicht von abstrakten Religionen oder Kulturen zu tun haben. Meines Erachtens ist dieser Dialog zwischen Muslimen und „Westlern“ viel wichtiger und realistischer als ein abstrakter Dialog zwischen „Islam“ und „Westen“ – ein Dialog, der verheißungsvoll klingt, aber in der Praxis aus konzeptuellen Gründen nie realisierbar war, ist und sein wird. Eine etwas ernüchternde Beobachtung ist zudem wohl die, dass die Gruppe derjenigen Deutschen, die sich ohne große Vorbehalte auch als Freunde des Islam als Religion und Lehre verstehen, zugegeben klein ist – aber ist das bei dem Bild, das die islamische Welt und manche Muslime hierzulande abgeben, wirklich verwunderlich? Zudem in einer säkularen Gesellschaft, in der selbst das ureigene Christentum und ihre kirchlichen Vertreter immer wieder unter Beschuss geraten, ausgiebig kritisiert, beleidigt und gedemütigt werden? Offen gesagt: Nein!

Die gute Nachricht lautet aber: Die Gruppe der unversöhnlichen Islamfeinde (oder –gegner) ist auch klein, und zwar wesentlich kleiner, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Sie machen viel Lärm und beanspruchen im Namen einer schweigenden Mehrheit zu sprechen – in Wirklichkeit instrumentalisieren und ideologisieren sie jedoch nur die diffuse Skepsis und Angst in der Bevölkerung, die bei weitem nicht so scharfe ideologische Konturen trägt wie die Anschauungen ihrer selbsternannten Anwälte. Sie bezeichnen sich meistens als Islamkritiker. Die meisten agieren anonym, die Mutigen von ihnen offen. Leider sind nur die wenigsten von ihnen sachliche Kritiker. Viele – zu viele – von ihnen vermischen sachliche Kritik, der man selbst als Muslim zu großen Teilen zustimmen könnte, mit billigem Populismus und genau jenem Schwarz-Weiß-Denken, das sie doch eigentlich den Muslimen nachweisen wollten.  Der Mangel an kompetenten Vertretern von Gegenpositionen, und das noch zu geringe mediale Interesse am Durchschnittsmuslim in Deutschland erleichtert es ihnen die Lufthoheit in Sachen Islam für sich zu beanspruchen. Als echte oder scheinbare Tabubrecher ziehen sie viel Aufmerksamkeit auf sich – aber diese ist definitv nicht zu verwechseln mit einer uneingeschränkten Zustimmung des Volkes. Mir sind immer wieder Deutsche begegnet, die meine Meinung über manche dezidiert islamfeindliche Autoren wissen wollten. Meistens hatte ich das Gefühl, dass sie ernsthaft an einer muslimischen Meinung dazu interessiert waren. Was jene Autoren und Blogger betrifft, komme ich oft zum Ergebnis, dass sie in vielen Dingen recht haben und gute Beobachter sind. Leider versagt ihr Scharfsinn oft gerade am wichtigsten Punkt, nämlich wenn es darum geht diese Beobachtungen in einen realistischen und vernünftigen Deutungsrahmen zu setzen. Für sie ist einfach der Islam das Problem. Punkt. So vulgarisiert man den Diskurs und macht weitere Gespräche überflüssig. Von gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontexten, die erst bestimmte Praktiken und Islamdeutungen begünstigen, wollen sie nichts wissen. Aber: Solange sie in ihren verschiedenen Deutungsrahmen nicht erklären können, warum es gläubige und praktizierende Muslime gibt, die im Westen weitgehend integriert und absolut friedfertig sind, bleibt bei vielen mein Verdacht der ideologischen Islamfeindlichkeit bestehen. Und das ist nach meinen Begriffen nun mal mehr als nur Islamkritik.

Durchaus größer als die Gruppe der Islamgegener unter den Deutschen ist die Gruppe derjenigen, die – teils aus völlig nachvollziehbaren Gründen – den Muslimen und ihrer Religion gegenüber skeptisch eingestellt sind, aber dennoch bereit sind für Differenzierung, Gespräche, Klärung offener Fragen und dem Abbau von Vorurteilen. Sie nehmen – im Gegensatz zu den Islamfeindlichen – die Muslime als Gesprächspartner ernst und sind bereit für Diskurse auf Augenhöhe. Aber sie fordern auch, dass die Muslime, die sie aus dem eigenen Alltag oft kaum persönlich kennen, ihnen mehr Anlässe zur Differenzierung geben. Ich weiß, dass es die meisten Muslime leid sind immer wieder und wieder die selben Dinge erklären zu müssen. Ich weiß, dass sie der Meinung sind anständige Bürger dieses Landes zu sein, und dass es sie manchmal an den Rande der Verzweiflung treibt, wenn sie mit dem Islambild der Öffentlichkeit konfrontiert werden. Die meisten von ihnen fühlen sich von der islamkritischen Stimmung im Lande völlig überfordert. Aber ich bin mir sicher: Der unter Muslimen zunehmend verbreitete Eindruck eines ständigen Eindreschens der Deutschen auf ihre Muslime täuscht. Die realen Erfahrungen der meisten Muslime, die ich kenne, mit den Deutschen, sprechen eine differenzierte und überwiegend positive Sprache. Warum sollte ich mich da trotz besseren Wissens der Kulturkampfrhetorik der Dauerpessimisten anschließen?

Nach wie vor ist die rechtliche Lage der Muslime in Deutschland exzellent, ebenso die theoretischen Möglichkeiten, die den Muslimen zum Aufstieg, zur Neuorientierung in Deutschland und zur angemessenen Artikulation in der Öffentlichkeit offenstehen. Das Problem ist schlicht und ergreifend, dass den Muslimen jegliche Strukturen fehlen in den öffentlichen und politischen Diskursen mitzuhalten, geschweige denn überhaupt nachzuvollziehen, worum es den meisten Deutschen wirklich geht. Darum bleiben die meisten dieser Möglichkeiten ungenutzt. Unsere Passivität in jeglicher Hinsicht trägt massiv dazu bei, dass viele Deutschen keinen Anlass vorfinden ihr Bild von Muslimen auszudifferenzieren.

Darum möchte ich vor allem die Muslime darum bitten jene große Gruppe der Mehrheitsgesellschaft, die ungeduldig auf Klarheit wartet, nicht in einen Topf zu werfen mit den sagen wir mal Türkenhassern und Moslemverachtern. Und man schaue bitte genauer hin: Selbst die konservativen, dialogbereiten Deutschen scheitern am Dialog mit diesen - ich meine damit noch nicht einmal die Linksliberalen, sondern durchaus auch Teile der Konservativen. Ich erinnere mich da nur an die Schelten und Verleumdungen, die Wolfgang Schäuble für seine Islamkonferenz einstecken musste.

Es wäre ein fataler Fehler auf muslimischer Seite, wenn sie sich in ihren Stellungnahmen in Ton und Substanz den Islamgegnern angleichen würden. Jeder Versuch sie mit ihren eigenen rhetorischen Mitteln zu schlagen, würde noch mehr Spannung und Konflikt erzeugen – jedoch überzeugen würden sie niemanden damit. Ich finde: Wir sollten es besser machen als sie, sowohl im Ton, als auch in der Substanz. Das heißt: Ja zur sachlichen Gegenkritik und Zurückweisung von Verleumdungen - aber nicht in dem widerlichen Kampfsprech der vom Hass Zerfressenen und Panikstifter. Wenn man also als Muslim einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten möchte, dann sollte man stets die Mehrheit der Deutschen vor Augen halten, also diejenigen, die ebensowenig an einem Kampf der Kulturen interessiert sind wie die Muslime.

An meinen fehlgeleiteten Bruder Bekkay

Heute sind Bundestagswahlen und ich werde wählen gehen. Und obwohl ich mich innerlich nicht auf deine Drohbotschaft an das deutsche Volk einlassen wollte, verspüre ich doch das dringende Bedürfnis ein paar Dinge loszuwerden, bevor ich meinen Stimmzettel in die Wahlurne einwerfe.

Als ich kürzlich in der Bahn-Station auf den Zug wartete, las ich mir die an die Wand projizierten neuesten Nachrichten durch, bis ich auf dein Gesicht stieß. Inmitten von deutschen Bürgern, die wohl zu großen Teilen von der Arbeit auf dem Weg zu ihren Familien waren, las ich mir da beschämt durch, wie du im Namen meiner Religion stellvertretend für eine Gruppe fanatischer Sektierer namens al-Qaida Deutschland Bedinungungen für die Wahl diktierst. Ginge vom Wahlergebnis nicht aus, dass Deutschland seine Truppen aus Afghanistan abziehen würde, dann müsse Deutschland mit Anschlägen rechnen.

Auch wenn mir meine muslimischen Freunde immer wieder davon abraten mir die Laune mit den Verlautbarungen religiöser Fanatiker aus den Reihen meiner eigenen Religion zu verderben, gab ich auch diesmal noch am selben Abend der Versuchung nach und hörte mir an, was du zu sagen hast. Ich wollte versuchen zu verstehen, was da dran ist, an den Propagandisten von Autobomben und Sprengstoffgürteln, die sich in jedem zweiten Satz auf Gott, den Koran, den Propheten Muhammad und die Interessen der Muslime berufen. Auch ich bezeuge, dass es nur einen Gott gibt, und dass Muhammad sein Gesandter ist. Auch mir ist der Koran heilig und ich befasse mich intensiv und gerne mit seiner Lehre. Insofern müssten wir beide doch eigentlich in einer so wichtigen Frage wie der, ob das Leben und Gut der nicht muslimischen Deutschen um uns herum unantastbar ist, oder nicht, schnell Übereinkunft finden. Ich meine: Entweder irre ich mich - und mit mir zusammen die erdrückende Mehrheit der Muslime - , und meine Religion verlangt unter den heutigen Umständen allen Ernstes, dass wir, bzw. eine stellvertretende Gruppe von uns, in einen bewaffneten Kampf gegen jene Gesellschaft zieht, die uns ungeachtet unserer Religion von allen Angeboten ihres Gesundheits- und Bildungswesens profitieren lässt, uns einen großzügigen Sozialstaat an die Seite stellt und uns religiöse und bürgerliche Freiheitsrechte gewährt, von denen wir in den meisten sogenannten islamischen Länder nur träumen könnten - eine in der Tat absurde Vorstellung. Oder du und deinesgleichen befinden sich in einem fatalen Irrtum - und laden eine untragbare Verantwortung auf sich, indem sie sich ohne die Zustimmung und Genehmigung der Muslime, ohne Deckung durch den Koran, und ohne die Beglaubigung der Vernunft das Recht nehmen wollen, wahllos unschuldige und unbescholtene Kinder, Frauen und Männer in Stücke zu reißen um anschließend die unvorstellbaren Konsequenzen für diese “große Tat” die muslimische Minderheit in Deutschland ausbaden zu lassen.

Auch ich halte zusammen mit den meisten Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland die Anwesenheit der deutschen Truppen in Afghanistan für problematisch. Gründe für diese Haltung gibt es zu Genüge - zuletzt waren da beispielsweise die zivilen Opfer des verheerenden deutschen Luftangriffs auf die von den Taliban gekaperten Tanklastwagen in Kundus. Zu den Gründen für meine kritische Haltung zählt jedoch gewiss nicht, dass ich oder sonst ein vernünftiger Muslim dem Regime der Taliban nachtrauern würde. Genauso halte ich es für eine Anmaßung von dir, wenn du im Namen des afghanischen Volkes sprichst, wo du doch nur die extremste Absplitterung davon meinst. Außerdem haben dort deinesgleichen das afghanische Volk zuletzt noch während den Wahlen terrorisiert, sei es durch Selbstmordattentate oder durch das Abhacken von Fingern, die die Wahlmarkierung trugen - und da gibst du dich noch als Verteiger der aghanischen Souveränität aus? Es gibt genug Gründe für das afghanische Volk und die Muslime die Taliban und al-Qaida abzulehnen - und mit ihnen ihre reaktionäre Herrschaftsideologie, die auf einer anachronistischen und unreflektierten Ausdeutung bzw. Instrumentalisierung der Shari’a basiert. Aber: Du und deinesgleichen, die ihr euch immer wieder anmaßt im Namen der gesamten Umma zu sprechen - welche Scham und welche Moral sollte euch davon abhalten die Interessen der Taliban und al-Qaidas mit den Interessen der Muslime überhaupt gleichzusetzen? Wer könnte euch noch daran hindern die verzweifelte Hassideologie einer kleinen Gruppe vor der Weltöffentlichkeit als den Islam auszugeben? Und wenn es irgendwo Dankbarkeit gegenüber den Taliban gibt, dann gewiss an oberster Stelle in den Reihen der Moslemverachter, die in den Taliban und euch genau das vorfinden, was sie uns allen gerne anhängen würden.

Wenn es falsch ist, dass Deutschland seine Truppen in Afghanistan positioniert hat, dann gibt es eine Reihe von Wegen dem entgegenzuwirken. Der schlechteste, unmoralischste, unislamischste und feigste Weg ist es dabei mit Anschlägen gegen Zivilisten in Deutschland zu drohen. Denn:

1) Ihr handelt ausschließlich in eurem eigenen Auftrag. Weder die Afghanen, noch die Muslime in Deutschland haben euch damit beauftragt hier Furcht und Schrecken zu verbreiten. Wie könnt ihr euch da erdreisten auf Kosten aller Muslime eure ideologischen Fantasien und Sehnsüchte ausleben zu wollen? Aber wahrscheinlich sind aus eurer Sicht ohnehin 90% der Muslime weltweit und in Deutschland Abtrünnige und Ungläubige - was sollte es das noch zählen, was diese denken, nicht wahr? Wenn es - Gott bewahre - eines Tages zu einem Anschlag in Deutschland kommt, dann werdet ihr Millionen von Muslimen hierzulande und in Europa in eine unkontrollierbare Situation bringen. Auch wenn ich den Deutschen mehr Besonnenheit zutraue als euch: Was uns bevorsteht, wird erniedrigend sein. Am meisten werden die Schwachen unter den Muslimen betroffen sein, allen voran die praktizierenden Muslimas. Deinesgleichen haben dies schon am 11. September getan: Eine vermeintliche Heldentat vollbringen und dann dem geschädigten Gegenüber eine taugliche Legitimation für Kriege auf lange Zeit gegen islamische Länder in die Hand geben bzw. dem Generalverdacht in den westlichen Gesellschaften gegenüber ihren muslimischen Minderheiten Vorschub leisten. Für Millionen Muslime weltweit wird die Welt nie wieder so sein, wie sie vor dem 11. September war. Ihr tragt da eine massive Mitverwantwortung. Ein Anschlag in Deutschland würde zu weiteren ähnlichen Konsequenzen im In- und Ausland führen.

2) Eine jede Aktion in diese Richtung würde zahllosen unschuldigen Menschen das Leben kosten. Einen unschuldigen Menschen auf eigene Faust ohne jeden Gerichtsprozess zu richten ist milde formuliert ein Verbrechen. Beachtet man den Umfang eurer Pläne, dann macht ihr euch bei vollem Bewusstsein zu Schwerverbrechern. Du weißt, dass der Koran das alttestamentarische Prinzip bestätigt hat, dass das Töten eines Schuldigen dem Töten der Menschheit gleichkommt (5:32). Und bei denen, die ihr zu töten droht, handelt es sich um Unschuldige, unabhängig davon, ob die deutschen Truppen Fehler begehen, oder nicht. Denn im Koran heißt es, dass kein Sünder für die Schuld eines anderen büßen wird, und dass jede Seele nur für seine eigenen Taten geradestehen muss (35:18, 17:15). Eine solche Individualisierung sieht der Koran auch für die Behandlung von Nichtmuslimen in Krieg und Frieden vor (60:8-9, 2:190). Dieses Prinzip der Individualverantwortung in Diesseits und Jenseits scheint euch aber gleichgültig zu sein. Ihr glaubt offensichtlich an so etwas wie Sippenhaft, was ein genuin unislamischer Gedanke ist. Ob es diesbezüglich Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten gibt, interessiert mich nicht. Jene “Gelehrten”, die für eure politischen Zwecke aus einer möglichen Schuld der einen eine Kollektivschuld herzuleiten versuchen, werden im Jenseits die Freude haben Gott zu erklären, aus welchem Grund sie ein fundamentales Prinzip des Koran und der Vernunft konsequent übergangen haben.

3) Verbrecher sollten den Namen Gottes und seines Gesandten nicht in den Mund nehmen - schon gar nicht vor der Weltöffentlichkeit, schon gar nicht vor den Augen jener Menschen, denen wir seit Jahren klarzumachen versuchen, dass aufrichtige Muslime nur für Recht und Gerechtigkeit stehen können. Oder glaubst du im Ernst, dass die Deutschen in deinem Angebot eine respektable “islamische Toleranz” erkennen werden, wie du es behauptest? Glaubst du im Ernst, dass ein vernünftiger Mensch, der bei Sinnen ist und nicht unter dem Stockholm-Syndrom leidet, noch irgendeinen Grund finden könnte der Religion, die ihr zu verkörpern behauptet, etwas Positives abzugewinnen, geschweige denn ihr beizutreten? Wäre ich nicht schon Muslim und hätte ich so nicht schon die Gelegenheit gehabt ohne den Einfluss von Hassideologen die wahren Lehren des Islam kennenzulernen - bei Gott, nie würde ich einer Religion beitreten wollen, deren selbsterklärte Vertreter Menschen sind, die den Kindern, Frauen und integren Bürgern eines Landes Tod und Schrecken bringen wollen. “Ich bekomme Angst, wenn ich die sehe”, sagte mir mal ein junges muslimisches Mädchen, als sie im Fernsehen vor Hass wütende und schäumende Muslime aus deiner Ecke sah. Ist es wirklich das, was ihr wollt?

4) Du behauptest in einer Demokratie ginge alle Gewalt vom Volke aus - also müsse im Falle des Afghanistaneinsatzes auch das Volk, das die Regierung gewählt hat, gerichtet werden. Das ist also der faschistische Gedanke, mit dem eure Vordenker aus unschuldigen Zivilisten blutrünstige Soldaten machen. Bekkay, sag euren Ideologen, dass die Deutschen den Muslimen Deutschlands gegenüber trotz allen gelegentlichen Diskriminierungsvorfällen und Vorbehalten insgesamt sehr entgegenkommend, freundlich und ausgesprochen friedlich gesinnt sind, und dass der deutsche Staat eine ausgezeichnete rechtliche Situation seiner Muslime gewährleistet. Dafür dankbar zu sein, sehe ich als meine selbstverständliche moralische Verpflichtung. Diese Dankbarkeit erfordert jedoch auch eine gewisse praktische Loyalität, die dir und deinesgleichen jedoch gänzlich fremd zu sein scheint. Sag euren Ideologen, dass der deutsche Staat das Recht der Muslime hierzulande ebenso achtet, wie das der Christen. Und sag ihnen: Das Leben und das Gut der Muslime ist nach deutschen Gesetz unantastbar - unabhängig davon, was verwirrte Glaubensbrüder weltweit im Namen unserer Religion verbrechen. Die Deutschen handeln dabei interessanterweise ganz im Einklang mit dem oben erwähnten moralischen und koranischen Prinzip, demzufolge jeder Mensch nur für seine eigenen Taten geradestehen muss. Warum könnt ihr nicht auch so denken? Wie es aus eurer Sicht um die Sicherheit des Lebens und des Gutes deutscher Zivilisten steht, wenn z. B. der deutsche Staat sich in Unrecht gegen Muslime in Afghanistan verwickeln würde, habt ihr klar und deutlich ausgesprochen. Es ist für uns jedoch selbstverständlich, dass es keinen Unterschied in der Individualverantwortung von muslimischen und nicht muslimischen Bürgern geben darf - aber wenn es nach euch geht, gibt es da doch einen Unterschied, je nach dem, ob die deutschen Truppen am Hindukusch die afghanische Regierung gegen die Taliban zu stärken versuchen, oder nicht. Hier bringst du nun - ganz im Einklang mit den Argumenten eurer Vordenker - das Argument ein, dass in einer Demokratie das wählende Volk für die Taten der Regierung büßen müsse. Sag deinem Emir und euren Theoretikern, dass die Verantwortung eines Menschen einzig und allein durch seine realistischen Möglichkeiten vorgegeben wird. Denn im Koran heißt es, dass keine Seele über ihre Möglichkeiten hinaus zur Verantwortung gezogen wird (2:286, 65:7). Dies ist eines der ethischen Fundamentalprinzipien des Islam. In einer Demokratie geht entgegen der von dir naiv zitierten Theorie nicht alle Gewalt wirklich vom Volke aus. Es gibt ein bestehendes System, in das wir alle hineingeboren werden, und die Mitgestaltungsmöglichkeiten der Bürger sind selbst in der besten Demokratie ernüchternd gering. Unter diesen Umständen ist es eine Verhöhnung der Vernunft die Verantwortung für die aktuelle Politik einer Regierung jedem Individuum des Volkes anzulasten. Sowas könnte nur jemand befürworten, der die Demokratie als eine Art Kollektivreligion missversteht. Oder jemand, der nach einer billigen Legitimation für Terrorakte sucht. Nein, diese Moral entspricht nicht den Gerechtigkeitsprinzipien Gottes. Sofern ihr Muslime seid, seid ihr jedoch dazu verpflichtet nach den besagten unhintergehbaren Prinzipien zu handeln, wenn ihr islamisch handeln wollt - also unter Berücksichtung der Individualverantwortung und der realistischen Möglichkeiten des Individuums. Wenn es einen Anlass für euch gäbe militärisch zu reagieren - und den gibt es schon aufgrund eurer unbeglaubigten Repräsentanz nicht - , dann dürfte eure Reaktion also nur auf die Aggressoren gerichtet sein. So will es sowohl der Koran, als auch das Völkerrecht. Aber offensichtlich stört es euch nicht, dass in eurer Auslegung das islamische Recht deutlich anspruchsloser in Gerechtigkeitsfragen als das säkulare Völkerrecht dasteht. Im Übrigen ist auch das Bestehen eines islamisch legitimierten Verteidigungsfalles im Sinne des Dschihad in Afghanistan äußerst zweifelhaft, wie dies z. B. die ISAF-bejahende Haltung der afghanischen Mehrheit bezeugt. Auch bleibt angesichts eures Waltens der ernüchternde Verdacht bestehen, dass ihr bewusst oder unbewusst die größeren Feinde des afghanischen Volkes darstellt. Eure womöglich guten Absichten entschuldigen in Fällen wie diesen nicht die schlechte Tat. All dies bedeutet freilich auch nicht, dass der Afghanistaneinsatz in seiner jetzigen Form nun gut und richtig, geschweige denn notwendigerweise zu billigen wäre. Wir leben in keiner Schwarz-Weiß-Welt, Bekkay, das ist das, was ich hier sagen möchte.

Übrigens wird der Afghanistaneinsatz auch von den Steuern der Muslime, die ihr vor den Anschlägen ja angeblich schonen wollt, mitfinanziert - warum erklärt ihr diese dann nicht auch einfach zu Feinden, deren Blut und Gut antastbar geworden ist? Wenn ihr sagt: Diese machen das nicht freiwillig, dann wäre die logische Konsequenz auch zu sagen: Die meisten deutschen Bürger machen das nicht freiwillig - womit wir wieder bei meiner Aussage wären, dass auch in einer Demokratie nicht alle Gewalt in einem absoluten Sinne vom Volke ausgeht. “Das Volk” ist also ein heikler Begriff, da unter ihm sehr gegensätzliche Meinungen vertreten sind. Da hilft auch kein Verweis darauf, dass wenn die Mehrheit nun mal etwas wolle, die Minderheit dafür geradestehen müsse - was unmittelbar passiert, ist eine Frage der Realpolitik, und nicht des Willens der Mehrheit oder Minderheit. Damit sind euere wichtigsten Argumente für die Legitimation der Antastbarkeit des Lebens von Zivilisten widerlegt, selbst wenn der Afghanistaneinsatz ein aggressiver Krieg wäre.

5) Ich empfinde deinen Versuch die islamische Jugend in Deutschland anzusprechen und ihnen Anweisungen geben zu wollen, wie sie im Falle eines Anschlags vorgehen sollen, als blanke Anmaßung und Unverschämtheit. Die islamische Jugend in Deutschland will einen guten Schulabschlus, einen guten Beruf und aufsteigen. Sie will ihre Familien stolz machen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen - ja, sie will leben und leben lassen, nicht sterben und töten! Und sie will ihren Glauben und ihre Kultur gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auf eine würdige und glaubhafte Weise repräsentieren. Zahllose Muslime aller Schichten arbeiten hart dafür ein anständiges Leben zu führen und das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft zu verbessern. Sie übernehmen gesellschaftliche Verantwortung in allen Bereichen und schicken sich an ihrer Jugend vorzuleben, wie man als Muslim in Deutschland zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft wird. Ihr hingegen stellt genau das Gegenteil einer solchen gelingenden Existenz dar. Nur wer gar keinen anderen Weg gefunden hat seinem Leben einen Sinn und das Gefühl von Bedeutsamkeit zu geben, würde in hoffentlich sehr seltenen Fällen der Versuchung erliegen diese Bedeutung als lebende Bombe für terroristische Zwecke zu erlangen. Der Islam ist besser als das. Der Islam braucht das nicht. Insofern seid ihr ein extrem schlechtes Beispiel für alle junge Muslime. Und in den Augen vieler Deutscher entsteht durch euch der fatale Eindruck, dass ein Muslim, der seine Religion ernst nimmt, ständig Gefahr läuft auf solche irrigen Wege zu geraten. Mit dieser beispiellosen Öffentlichkeitswirkung bürdet ihr euch jedoch mehr Verantwortung auf, als ihr je tragen könnt.

6) Du behauptest, ein Attentat im Namen Gottes würde alle noch so großen Sünden des Gläubigen tilgen. Aber hier übersiehst du etwas. Kaum eine Sünde ist wohl größer als die, zu der du und deinesgleichen die Muslime einzuladen versuchen, nämlich das wahllose Töten von Zivilisten im Irrglauben, dass dies der Dschihad sei, von dem der Koran spricht. Eine Religion, die solche Anhänger hat, braucht eigentlich keine Kritiker mehr, da diese Anhänger ihre Religion wirksamer diskreditieren, als es alle Islamkritiker zusammen je schaffen würden. Ein wirklich grandioser Dschihad, Bekkay.

7) Die Mehrheit der Muslime weist deinen Emir, deinesgleichen und die von euch vertretene “Interpretation” des Islam weit von sich. Namhafte Gelehrte und Denker aus religiösen Kreisen haben sich unmissverständlich von allem distanziert, was mit Terror im Namen der Religion zu tun hat. Und sie haben dies völlig zurecht getan, ohne die Augen für das Leid der muslimischen Völker zu verschließen - sei dieses Leid nun durch Nichtmuslime oder Muslime verursacht. Manche haben geäußert, dass dein Emir Bin Laden zu jenen Menschen gehört, die sie am meisten auf der Welt hassen. Ich glaube an die Aufrichtigkeit dieser Äußerungen, da ich angesichts der hier in Kürze aufgeführten Punkte mich nicht grundsätzlich anders zu fühlen imstande sehe.

Es ist weder für dich noch für die anderen Fehlgeleiteten, die auf ähnlichen Wegen wie du irren, zu spät ihre Religiösität wieder auf religiös, rational und moralisch vertretbare Bahnen zu bringen - auf Bahnen, die den Muslimen eine würdige Zukunft und eine nachhaltige Lösung all ihrer weltlichen und religiösen Probleme ermöglichen werden. Über all dies können und müssen wir reden, sowohl in unserem Interesse, als auch im Interesse der Nichtmuslime.

Wenn aber im Zuge eures politischen Kalküls ein terroristischer Akt von euch gegen das deutsche Volk ausgehen sollte, dann lasst euch gesagt sein, dass wir hinter den Deutschen und Deutschland stehen werden, und dass ihr uns als eure Gegner vorfinden werdet, und dass wir alles tun werden, um uns die unvorstellbare Scham und Verlegenheit zu ersparen unseren Kindern und Jugendlichen eines Tages erklären zu müssen: Seht, ihre Mörder waren Muslime.

Im Namen aller Gleichgesinnten,

Hakan Turan

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