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An meinen fehlgeleiteten Bruder Bekkay
Heute sind Bundestagswahlen und ich werde wählen gehen. Und obwohl ich mich innerlich nicht auf deine Drohbotschaft an das deutsche Volk einlassen wollte, verspüre ich doch das dringende Bedürfnis ein paar Dinge loszuwerden, bevor ich meinen Stimmzettel in die Wahlurne einwerfe.
Als ich kürzlich in der Bahn-Station auf den Zug wartete, las ich mir die an die Wand projizierten neuesten Nachrichten durch, bis ich auf dein Gesicht stieß. Inmitten von deutschen Bürgern, die wohl zu großen Teilen von der Arbeit auf dem Weg zu ihren Familien waren, las ich mir da beschämt durch, wie du im Namen meiner Religion stellvertretend für eine Gruppe fanatischer Sektierer namens al-Qaida Deutschland Bedinungungen für die Wahl diktierst. Ginge vom Wahlergebnis nicht aus, dass Deutschland seine Truppen aus Afghanistan abziehen würde, dann müsse Deutschland mit Anschlägen rechnen.
Auch wenn mir meine muslimischen Freunde immer wieder davon abraten mir die Laune mit den Verlautbarungen religiöser Fanatiker aus den Reihen meiner eigenen Religion zu verderben, gab ich auch diesmal noch am selben Abend der Versuchung nach und hörte mir an, was du zu sagen hast. Ich wollte versuchen zu verstehen, was da dran ist, an den Propagandisten von Autobomben und Sprengstoffgürteln, die sich in jedem zweiten Satz auf Gott, den Koran, den Propheten Muhammad und die Interessen der Muslime berufen. Auch ich bezeuge, dass es nur einen Gott gibt, und dass Muhammad sein Gesandter ist. Auch mir ist der Koran heilig und ich befasse mich intensiv und gerne mit seiner Lehre. Insofern müssten wir beide doch eigentlich in einer so wichtigen Frage wie der, ob das Leben und Gut der nicht muslimischen Deutschen um uns herum unantastbar ist, oder nicht, schnell Übereinkunft finden. Ich meine: Entweder irre ich mich - und mit mir zusammen die erdrückende Mehrheit der Muslime - , und meine Religion verlangt unter den heutigen Umständen allen Ernstes, dass wir, bzw. eine stellvertretende Gruppe von uns, in einen bewaffneten Kampf gegen jene Gesellschaft zieht, die uns ungeachtet unserer Religion von allen Angeboten ihres Gesundheits- und Bildungswesens profitieren lässt, uns einen großzügigen Sozialstaat an die Seite stellt und uns religiöse und bürgerliche Freiheitsrechte gewährt, von denen wir in den meisten sogenannten islamischen Länder nur träumen könnten - eine in der Tat absurde Vorstellung. Oder du und deinesgleichen befinden sich in einem fatalen Irrtum - und laden eine untragbare Verantwortung auf sich, indem sie sich ohne die Zustimmung und Genehmigung der Muslime, ohne Deckung durch den Koran, und ohne die Beglaubigung der Vernunft das Recht nehmen wollen, wahllos unschuldige und unbescholtene Kinder, Frauen und Männer in Stücke zu reißen um anschließend die unvorstellbaren Konsequenzen für diese “große Tat” die muslimische Minderheit in Deutschland ausbaden zu lassen.
Auch ich halte zusammen mit den meisten Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland die Anwesenheit der deutschen Truppen in Afghanistan für problematisch. Gründe für diese Haltung gibt es zu Genüge - zuletzt waren da beispielsweise die zivilen Opfer des verheerenden deutschen Luftangriffs auf die von den Taliban gekaperten Tanklastwagen in Kundus. Zu den Gründen für meine kritische Haltung zählt jedoch gewiss nicht, dass ich oder sonst ein vernünftiger Muslim dem Regime der Taliban nachtrauern würde. Genauso halte ich es für eine Anmaßung von dir, wenn du im Namen des afghanischen Volkes sprichst, wo du doch nur die extremste Absplitterung davon meinst. Außerdem haben dort deinesgleichen das afghanische Volk zuletzt noch während den Wahlen terrorisiert, sei es durch Selbstmordattentate oder durch das Abhacken von Fingern, die die Wahlmarkierung trugen - und da gibst du dich noch als Verteiger der aghanischen Souveränität aus? Es gibt genug Gründe für das afghanische Volk und die Muslime die Taliban und al-Qaida abzulehnen - und mit ihnen ihre reaktionäre Herrschaftsideologie, die auf einer anachronistischen und unreflektierten Ausdeutung bzw. Instrumentalisierung der Shari’a basiert. Aber: Du und deinesgleichen, die ihr euch immer wieder anmaßt im Namen der gesamten Umma zu sprechen - welche Scham und welche Moral sollte euch davon abhalten die Interessen der Taliban und al-Qaidas mit den Interessen der Muslime überhaupt gleichzusetzen? Wer könnte euch noch daran hindern die verzweifelte Hassideologie einer kleinen Gruppe vor der Weltöffentlichkeit als den Islam auszugeben? Und wenn es irgendwo Dankbarkeit gegenüber den Taliban gibt, dann gewiss an oberster Stelle in den Reihen der Moslemverachter, die in den Taliban und euch genau das vorfinden, was sie uns allen gerne anhängen würden.
Wenn es falsch ist, dass Deutschland seine Truppen in Afghanistan positioniert hat, dann gibt es eine Reihe von Wegen dem entgegenzuwirken. Der schlechteste, unmoralischste, unislamischste und feigste Weg ist es dabei mit Anschlägen gegen Zivilisten in Deutschland zu drohen. Denn:
1) Ihr handelt ausschließlich in eurem eigenen Auftrag. Weder die Afghanen, noch die Muslime in Deutschland haben euch damit beauftragt hier Furcht und Schrecken zu verbreiten. Wie könnt ihr euch da erdreisten auf Kosten aller Muslime eure ideologischen Fantasien und Sehnsüchte ausleben zu wollen? Aber wahrscheinlich sind aus eurer Sicht ohnehin 90% der Muslime weltweit und in Deutschland Abtrünnige und Ungläubige - was sollte es das noch zählen, was diese denken, nicht wahr? Wenn es - Gott bewahre - eines Tages zu einem Anschlag in Deutschland kommt, dann werdet ihr Millionen von Muslimen hierzulande und in Europa in eine unkontrollierbare Situation bringen. Auch wenn ich den Deutschen mehr Besonnenheit zutraue als euch: Was uns bevorsteht, wird erniedrigend sein. Am meisten werden die Schwachen unter den Muslimen betroffen sein, allen voran die praktizierenden Muslimas. Deinesgleichen haben dies schon am 11. September getan: Eine vermeintliche Heldentat vollbringen und dann dem geschädigten Gegenüber eine taugliche Legitimation für Kriege auf lange Zeit gegen islamische Länder in die Hand geben bzw. dem Generalverdacht in den westlichen Gesellschaften gegenüber ihren muslimischen Minderheiten Vorschub leisten. Für Millionen Muslime weltweit wird die Welt nie wieder so sein, wie sie vor dem 11. September war. Ihr tragt da eine massive Mitverwantwortung. Ein Anschlag in Deutschland würde zu weiteren ähnlichen Konsequenzen im In- und Ausland führen.
2) Eine jede Aktion in diese Richtung würde zahllosen unschuldigen Menschen das Leben kosten. Einen unschuldigen Menschen auf eigene Faust ohne jeden Gerichtsprozess zu richten ist milde formuliert ein Verbrechen. Beachtet man den Umfang eurer Pläne, dann macht ihr euch bei vollem Bewusstsein zu Schwerverbrechern. Du weißt, dass der Koran das alttestamentarische Prinzip bestätigt hat, dass das Töten eines Schuldigen dem Töten der Menschheit gleichkommt (5:32). Und bei denen, die ihr zu töten droht, handelt es sich um Unschuldige, unabhängig davon, ob die deutschen Truppen Fehler begehen, oder nicht. Denn im Koran heißt es, dass kein Sünder für die Schuld eines anderen büßen wird, und dass jede Seele nur für seine eigenen Taten geradestehen muss (35:18, 17:15). Eine solche Individualisierung sieht der Koran auch für die Behandlung von Nichtmuslimen in Krieg und Frieden vor (60:8-9, 2:190). Dieses Prinzip der Individualverantwortung in Diesseits und Jenseits scheint euch aber gleichgültig zu sein. Ihr glaubt offensichtlich an so etwas wie Sippenhaft, was ein genuin unislamischer Gedanke ist. Ob es diesbezüglich Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten gibt, interessiert mich nicht. Jene “Gelehrten”, die für eure politischen Zwecke aus einer möglichen Schuld der einen eine Kollektivschuld herzuleiten versuchen, werden im Jenseits die Freude haben Gott zu erklären, aus welchem Grund sie ein fundamentales Prinzip des Koran und der Vernunft konsequent übergangen haben.
3) Verbrecher sollten den Namen Gottes und seines Gesandten nicht in den Mund nehmen - schon gar nicht vor der Weltöffentlichkeit, schon gar nicht vor den Augen jener Menschen, denen wir seit Jahren klarzumachen versuchen, dass aufrichtige Muslime nur für Recht und Gerechtigkeit stehen können. Oder glaubst du im Ernst, dass die Deutschen in deinem Angebot eine respektable “islamische Toleranz” erkennen werden, wie du es behauptest? Glaubst du im Ernst, dass ein vernünftiger Mensch, der bei Sinnen ist und nicht unter dem Stockholm-Syndrom leidet, noch irgendeinen Grund finden könnte der Religion, die ihr zu verkörpern behauptet, etwas Positives abzugewinnen, geschweige denn ihr beizutreten? Wäre ich nicht schon Muslim und hätte ich so nicht schon die Gelegenheit gehabt ohne den Einfluss von Hassideologen die wahren Lehren des Islam kennenzulernen - bei Gott, nie würde ich einer Religion beitreten wollen, deren selbsterklärte Vertreter Menschen sind, die den Kindern, Frauen und integren Bürgern eines Landes Tod und Schrecken bringen wollen. “Ich bekomme Angst, wenn ich die sehe”, sagte mir mal ein junges muslimisches Mädchen, als sie im Fernsehen vor Hass wütende und schäumende Muslime aus deiner Ecke sah. Ist es wirklich das, was ihr wollt?
4) Du behauptest in einer Demokratie ginge alle Gewalt vom Volke aus - also müsse im Falle des Afghanistaneinsatzes auch das Volk, das die Regierung gewählt hat, gerichtet werden. Das ist also der faschistische Gedanke, mit dem eure Vordenker aus unschuldigen Zivilisten blutrünstige Soldaten machen. Bekkay, sag euren Ideologen, dass die Deutschen den Muslimen Deutschlands gegenüber trotz allen gelegentlichen Diskriminierungsvorfällen und Vorbehalten insgesamt sehr entgegenkommend, freundlich und ausgesprochen friedlich gesinnt sind, und dass der deutsche Staat eine ausgezeichnete rechtliche Situation seiner Muslime gewährleistet. Dafür dankbar zu sein, sehe ich als meine selbstverständliche moralische Verpflichtung. Diese Dankbarkeit erfordert jedoch auch eine gewisse praktische Loyalität, die dir und deinesgleichen jedoch gänzlich fremd zu sein scheint. Sag euren Ideologen, dass der deutsche Staat das Recht der Muslime hierzulande ebenso achtet, wie das der Christen. Und sag ihnen: Das Leben und das Gut der Muslime ist nach deutschen Gesetz unantastbar - unabhängig davon, was verwirrte Glaubensbrüder weltweit im Namen unserer Religion verbrechen. Die Deutschen handeln dabei interessanterweise ganz im Einklang mit dem oben erwähnten moralischen und koranischen Prinzip, demzufolge jeder Mensch nur für seine eigenen Taten geradestehen muss. Warum könnt ihr nicht auch so denken? Wie es aus eurer Sicht um die Sicherheit des Lebens und des Gutes deutscher Zivilisten steht, wenn z. B. der deutsche Staat sich in Unrecht gegen Muslime in Afghanistan verwickeln würde, habt ihr klar und deutlich ausgesprochen. Es ist für uns jedoch selbstverständlich, dass es keinen Unterschied in der Individualverantwortung von muslimischen und nicht muslimischen Bürgern geben darf - aber wenn es nach euch geht, gibt es da doch einen Unterschied, je nach dem, ob die deutschen Truppen am Hindukusch die afghanische Regierung gegen die Taliban zu stärken versuchen, oder nicht. Hier bringst du nun - ganz im Einklang mit den Argumenten eurer Vordenker - das Argument ein, dass in einer Demokratie das wählende Volk für die Taten der Regierung büßen müsse. Sag deinem Emir und euren Theoretikern, dass die Verantwortung eines Menschen einzig und allein durch seine realistischen Möglichkeiten vorgegeben wird. Denn im Koran heißt es, dass keine Seele über ihre Möglichkeiten hinaus zur Verantwortung gezogen wird (2:286, 65:7). Dies ist eines der ethischen Fundamentalprinzipien des Islam. In einer Demokratie geht entgegen der von dir naiv zitierten Theorie nicht alle Gewalt wirklich vom Volke aus. Es gibt ein bestehendes System, in das wir alle hineingeboren werden, und die Mitgestaltungsmöglichkeiten der Bürger sind selbst in der besten Demokratie ernüchternd gering. Unter diesen Umständen ist es eine Verhöhnung der Vernunft die Verantwortung für die aktuelle Politik einer Regierung jedem Individuum des Volkes anzulasten. Sowas könnte nur jemand befürworten, der die Demokratie als eine Art Kollektivreligion missversteht. Oder jemand, der nach einer billigen Legitimation für Terrorakte sucht. Nein, diese Moral entspricht nicht den Gerechtigkeitsprinzipien Gottes. Sofern ihr Muslime seid, seid ihr jedoch dazu verpflichtet nach den besagten unhintergehbaren Prinzipien zu handeln, wenn ihr islamisch handeln wollt - also unter Berücksichtung der Individualverantwortung und der realistischen Möglichkeiten des Individuums. Wenn es einen Anlass für euch gäbe militärisch zu reagieren - und den gibt es schon aufgrund eurer unbeglaubigten Repräsentanz nicht - , dann dürfte eure Reaktion also nur auf die Aggressoren gerichtet sein. So will es sowohl der Koran, als auch das Völkerrecht. Aber offensichtlich stört es euch nicht, dass in eurer Auslegung das islamische Recht deutlich anspruchsloser in Gerechtigkeitsfragen als das säkulare Völkerrecht dasteht. Im Übrigen ist auch das Bestehen eines islamisch legitimierten Verteidigungsfalles im Sinne des Dschihad in Afghanistan äußerst zweifelhaft, wie dies z. B. die ISAF-bejahende Haltung der afghanischen Mehrheit bezeugt. Auch bleibt angesichts eures Waltens der ernüchternde Verdacht bestehen, dass ihr bewusst oder unbewusst die größeren Feinde des afghanischen Volkes darstellt. Eure womöglich guten Absichten entschuldigen in Fällen wie diesen nicht die schlechte Tat. All dies bedeutet freilich auch nicht, dass der Afghanistaneinsatz in seiner jetzigen Form nun gut und richtig, geschweige denn notwendigerweise zu billigen wäre. Wir leben in keiner Schwarz-Weiß-Welt, Bekkay, das ist das, was ich hier sagen möchte.
Übrigens wird der Afghanistaneinsatz auch von den Steuern der Muslime, die ihr vor den Anschlägen ja angeblich schonen wollt, mitfinanziert - warum erklärt ihr diese dann nicht auch einfach zu Feinden, deren Blut und Gut antastbar geworden ist? Wenn ihr sagt: Diese machen das nicht freiwillig, dann wäre die logische Konsequenz auch zu sagen: Die meisten deutschen Bürger machen das nicht freiwillig - womit wir wieder bei meiner Aussage wären, dass auch in einer Demokratie nicht alle Gewalt in einem absoluten Sinne vom Volke ausgeht. “Das Volk” ist also ein heikler Begriff, da unter ihm sehr gegensätzliche Meinungen vertreten sind. Da hilft auch kein Verweis darauf, dass wenn die Mehrheit nun mal etwas wolle, die Minderheit dafür geradestehen müsse - was unmittelbar passiert, ist eine Frage der Realpolitik, und nicht des Willens der Mehrheit oder Minderheit. Damit sind euere wichtigsten Argumente für die Legitimation der Antastbarkeit des Lebens von Zivilisten widerlegt, selbst wenn der Afghanistaneinsatz ein aggressiver Krieg wäre.
5) Ich empfinde deinen Versuch die islamische Jugend in Deutschland anzusprechen und ihnen Anweisungen geben zu wollen, wie sie im Falle eines Anschlags vorgehen sollen, als blanke Anmaßung und Unverschämtheit. Die islamische Jugend in Deutschland will einen guten Schulabschlus, einen guten Beruf und aufsteigen. Sie will ihre Familien stolz machen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen - ja, sie will leben und leben lassen, nicht sterben und töten! Und sie will ihren Glauben und ihre Kultur gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auf eine würdige und glaubhafte Weise repräsentieren. Zahllose Muslime aller Schichten arbeiten hart dafür ein anständiges Leben zu führen und das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft zu verbessern. Sie übernehmen gesellschaftliche Verantwortung in allen Bereichen und schicken sich an ihrer Jugend vorzuleben, wie man als Muslim in Deutschland zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft wird. Ihr hingegen stellt genau das Gegenteil einer solchen gelingenden Existenz dar. Nur wer gar keinen anderen Weg gefunden hat seinem Leben einen Sinn und das Gefühl von Bedeutsamkeit zu geben, würde in hoffentlich sehr seltenen Fällen der Versuchung erliegen diese Bedeutung als lebende Bombe für terroristische Zwecke zu erlangen. Der Islam ist besser als das. Der Islam braucht das nicht. Insofern seid ihr ein extrem schlechtes Beispiel für alle junge Muslime. Und in den Augen vieler Deutscher entsteht durch euch der fatale Eindruck, dass ein Muslim, der seine Religion ernst nimmt, ständig Gefahr läuft auf solche irrigen Wege zu geraten. Mit dieser beispiellosen Öffentlichkeitswirkung bürdet ihr euch jedoch mehr Verantwortung auf, als ihr je tragen könnt.
6) Du behauptest, ein Attentat im Namen Gottes würde alle noch so großen Sünden des Gläubigen tilgen. Aber hier übersiehst du etwas. Kaum eine Sünde ist wohl größer als die, zu der du und deinesgleichen die Muslime einzuladen versuchen, nämlich das wahllose Töten von Zivilisten im Irrglauben, dass dies der Dschihad sei, von dem der Koran spricht. Eine Religion, die solche Anhänger hat, braucht eigentlich keine Kritiker mehr, da diese Anhänger ihre Religion wirksamer diskreditieren, als es alle Islamkritiker zusammen je schaffen würden. Ein wirklich grandioser Dschihad, Bekkay.
7) Die Mehrheit der Muslime weist deinen Emir, deinesgleichen und die von euch vertretene “Interpretation” des Islam weit von sich. Namhafte Gelehrte und Denker aus religiösen Kreisen haben sich unmissverständlich von allem distanziert, was mit Terror im Namen der Religion zu tun hat. Und sie haben dies völlig zurecht getan, ohne die Augen für das Leid der muslimischen Völker zu verschließen - sei dieses Leid nun durch Nichtmuslime oder Muslime verursacht. Manche haben geäußert, dass dein Emir Bin Laden zu jenen Menschen gehört, die sie am meisten auf der Welt hassen. Ich glaube an die Aufrichtigkeit dieser Äußerungen, da ich angesichts der hier in Kürze aufgeführten Punkte mich nicht grundsätzlich anders zu fühlen imstande sehe.
Es ist weder für dich noch für die anderen Fehlgeleiteten, die auf ähnlichen Wegen wie du irren, zu spät ihre Religiösität wieder auf religiös, rational und moralisch vertretbare Bahnen zu bringen - auf Bahnen, die den Muslimen eine würdige Zukunft und eine nachhaltige Lösung all ihrer weltlichen und religiösen Probleme ermöglichen werden. Über all dies können und müssen wir reden, sowohl in unserem Interesse, als auch im Interesse der Nichtmuslime.
Wenn aber im Zuge eures politischen Kalküls ein terroristischer Akt von euch gegen das deutsche Volk ausgehen sollte, dann lasst euch gesagt sein, dass wir hinter den Deutschen und Deutschland stehen werden, und dass ihr uns als eure Gegner vorfinden werdet, und dass wir alles tun werden, um uns die unvorstellbare Scham und Verlegenheit zu ersparen unseren Kindern und Jugendlichen eines Tages erklären zu müssen: Seht, ihre Mörder waren Muslime.
Im Namen aller Gleichgesinnten,
Hakan Turan
Dieser Eintrag wurde am 27.9.2009 um 18:12 verfasst und befindet sich in Terror, Deutschland, Fundamentalismus, Menschenrechte, Islam. Sie können alle Antworten zu diesem Eintrag über den Feed RSS 2.0 mitverfolgen. Hinterlassen Sie eine Antwort oder einen Trackback-Link zu Ihrer eigenen Homepage.
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28.9.2009 bei 01:46
Lieber Hakan Turan,
dein Interesse und deine Überzeugung in dieser Hinsicht ist vor allen Dingen zu gratulieren und zu respektieren. Wir oder besser ich bin leider inzwischen von der Gleichgültigkeit des Alltages so etwas von mitgenommen das derartige Beleidigungen gegen meine Religion mich wiederholt leider nicht aus der Bahn werfen. Die Zeit verheilt gewisse Wunden und nimmt aber auch die Energie, den Aktionswillen und die emotionale Überzeugung der ersten Tage. In dir diesen Willen und so Gott will den wahren Dschihadgedanken zu sehen, beschämt mich auch einigermaßen. Das Bewusstsein und das Auftreten von uns Muslimen muss konsequent muslimisch sein, damit das Individuum seinem unmittelbaren Nächsten den Islam so wie es ist zu zeigen. NIcht aufzwingen oder störend debattieren, nur zeigen. Das sollten wir der deutschen Bevölkerung schon schuldig sein. Vielen Dank an deinen Beitrag und in Erwartung auf das Fortbestehen deiner Arbeit. Gott möge diese Ländereien vor derartig böswilligen Beabsichtigungen bewahren. In Hoffnung auf bessere Tage.
28.9.2009 bei 03:09
Hallo Hakan,
danke für diese Zeilen und deine Mühe. Wie du schon weißt, denken die meisten Muslime in Deutschland wie du. Ich natürlich auch. Stimme dir voll und ganz zu. Du hast genau das geschrieben, was viele Muslime denken. Wir sollten aber auf die Straße gehen und gegen solche wie Bekkay protestieren, damit unsere nichtmuslimische Freunde sehen, dass wir gegen Gewalt sind . Liebe Grüße. Selam
28.9.2009 bei 09:55
ein sehr gut gelungener offener brief. hut ab!
an einer stelle versteh ich aber nicht, was du mit folgender äusserung meinst:
“Und in den Augen vieler Deutschen seid ihr ein abschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Muslim seine Religion ernst nimmt.”
ich denke nicht, dass irgendeiner von diesen verkorksten köpfen seine religion “ernst” nimmt, sondern sie gar nicht erst begriffen hat. WIR nehmen unsere religion ernst und reagieren dementprechend auf solche fehlgeleiteten “muslime”. oder hab ich deine aussage missverstanden?!
28.9.2009 bei 09:58
Demonstrieren gegen Bekkay und die anderen Video-Typen? Eigentlich notwendig, aber ich glaube, die meisten Muslime wissen erstens nicht, was da genau läuft, und zweitens ist es zu absurd, um sich damit (wenn auch negativ) zu identifizieren. Würden Muslime massenhaft dagegen protestieren, sähe es so aus, als würden sie anerkennen, dass an Bekkay und Konsorten was dran ist, dass da Gemeinsamkeiten herrschen, wo man sich von einem “Glaubensbruder” distanzieren muss.
Andererseits glaube ich, dass man sehr viele Muslime auf die Straße bringen würde, wenn alle Muslimverbände dazu aufriefen. Vielleicht ist es an der Zeit, auch wenn Bekkay und Konsorten völlig diffus erscheinen und keiner weiß, wer oder was dahinter steht.
28.9.2009 bei 12:26
“Zu den Gründen für meine kritische Haltung zählt jedoch gewiss nicht, dass ich oder sonst ein vernünftiger Muslim dem Regime der Taliban nachtrauern würde.”
Nein, natürlich nicht - nur die Intervention zur Absetzung eben jenes Regimes wird betrauert. Ebenso aufschlussreich, daß die Islamfreundlichkeit der Deutschen von Bruder Hakan als Argument gegen Bruder Bekkay angeführt wird, obschon letzterer doch den Deutschen ebenfalls - berechtigterweise, schließlich haben sich die Deutschen durch ihre Leistungen vor 70 Jahren ein gewaltiges Ansehen bei vielen Muslimen erworben - einen gewissen Bonus zugesteht.
Es ist also kein grundlegender Dissens zwischen dem Radio- und dem al-Qaida-Moderator: wo der eine auf die Kraft deutscher Ideologie und die Einsicht der Deutschen hofft, daß man es mit einem gemeinsamen Weltenfeind zu tun habe, will der andere diese Einsicht noch mit sanftem Druck beschleunigen.
Es ist kein Streit über den Weg, sondern einer über die Mittel.
28.9.2009 bei 13:51
Nein, natürlich nicht - nur die Intervention zur Absetzung eben jenes Regimes wird betrauert. Ebenso aufschlussreich, daß die Islamfreundlichkeit der Deutschen von Bruder Hakan als Argument gegen Bruder Bekkay angeführt wird, obschon letzterer doch den Deutschen ebenfalls - berechtigterweise, schließlich haben sich die Deutschen durch ihre Leistungen vor 70 Jahren ein gewaltiges Ansehen bei vielen Muslimen erworben - einen gewissen Bonus zugesteht.
Tja da kann es einer nicht verhelen, das die Deutschen nicht schon über gegangen sind den Museln das Gar auszumachen. Aber das die Deutschen Islamfreundlich sind, ist eben auch nur ein Mythos, wofür du ein gutes Beispiel bist. Deine Kommentare wiederholen sich ständig, immer das gleiche copy&paste. Sonderlich mit Ruhm beklekerst du dich nicht dabei.
Hakans Beitrag interessiert dich nicht, so ein Kommentar hättest du unter jeden Text gesetzt, der mit nur ausreichend mit Begriffen wie Islam, Al-Qaida usw. frequentiert wäre.
Bei dir kommen die Muslime eben als Kollektiv vor. Ein Hakan ist austauschbar mit Ali, Fatma usw. Sie denken alle gleich. Die Intervention eines Hakan gegen Bekkay ist für dich keine, weil Hakans Willensbekundung dir egal ist. Was der Itzig im Stürmer war, ist für dich Hakan.
Es ist also kein grundlegender Dissens zwischen dem Radio- und dem al-Qaida-Moderator: wo der eine auf die Kraft deutscher Ideologie und die Einsicht der Deutschen hofft, daß man es mit einem gemeinsamen Weltenfeind zu tun habe, will der andere diese Einsicht noch mit sanftem Druck beschleunigen.
Ja? Und wo sind die Belege im Text? Wie wäre es mit Argumenten anstatt mit auswendiggelernten Phrasen aus dem Katechismus des Szenejargons. Hakans Beitrag ist für dich nur ein Ticket für deine Weltsicht über “Deutsch”, “Deutsche Ideologie” usw. um sie mal abzusondern. Hakan hätte auch einen Text über Pflanzenzucht in islamischen Ländern schreiben können. Dein Kommentar wäre der gleiche gewesen.
Und du weißt natürlich immer was “Muslime” über “Deutsche” denken oder von ihnen wollen.
Versuch mal zur Abwechslung nicht in pseudo-polemischer Art und seriös einen Beitrag zu diskutieren, anstatt in superlativen Begriffen deinen immergleichen Rotz zu verbreiten. Ist mir schon klar, das du ein Distinktionsbedürfnis befriedigen musst und gewisses Niveau im virtuellen Biotop der adornitischen Schwafeltruppe zu wahren hast.
28.9.2009 bei 14:27
“Tja da kann es einer nicht verhelen, das die Deutschen nicht schon über gegangen sind den Museln das Gar auszumachen.”
Man ahnt, was der Dichter sagen will, und staunt, daß er es nicht vermag.
Ansonsten aus Frankfurt nichts Neues: noch immer wähnt Serdar G., der unerschrockene Agitator gegen Israel, sich in der Rolle der Juden im “Dritten Reich”, weil der Antisemit das eigene Verfolgungsbedürfnis anderen unterstellt.
Wer so schnell in Rage gerät, dem entgeht dann auch das Plädoyer, mit dem der eine Glaubensbruder dem anderen Recht gibt und beide für einen Abzug derjenigen aus Afghanistan werben, die zumindest noch die Hoffnung auf ein Leben jenseits der Zumutungen islamischer Vergesellschaftung aufrechterhalten - wobei der Dissens, wie erwähnt, lediglich in der Frage liegt, mit welchen Mitteln jener Abzug eingeleitet werden soll, damit in Afghanistan endlich wieder der vollumfängliche Frieden der Religion of Peace Einzug hält.
Beste Grüße nach Frankfurt!
28.9.2009 bei 15:53
Ansonsten aus Frankfurt nichts Neues: noch immer wähnt Serdar G., der unerschrockene Agitator gegen Israel, sich in der Rolle der Juden im “Dritten Reich”, weil der Antisemit das eigene Verfolgungsbedürfnis anderen unterstellt.
Hab ich deine religiösen Gefühle verletzt? Hatte mich schon gefragt, wann du Israel erwähnst. Habs ja vergessen, du kommst ja ohne den Knacks nicht aus. Wohl das schlechte Gewissen.
Wer so schnell in Rage gerät, dem entgeht dann auch das Plädoyer, mit dem der eine Glaubensbruder dem anderen Recht gibt und beide für einen Abzug derjenigen aus Afghanistan werben, die zumindest noch die Hoffnung ….
Wow, die pöhsen Deutschen, um deren Gunst sich die bösen bösen Musel eben noch in Deutschland mühen, sind jetzt die Hoffnung! Sind sie also doch noch zu was gebrauchen.
Hast wohl nix anderes gefunden im Text von Hakan, andem du dich aufhängen konntest als das den Abzug.
Nun sowas soll ja vorkommen (und bitte nichts darauf einbilden), gegen einen Abzug bin ich auch.
Islamische Vergesellschaftung
Oh dieser Szene-Sprech
Bitte nicht soviel Grigat und Bahamas lesen, das macht nur blöde. Versuch mal mit den eigenen Wort wiederzugeben, was Säulenheiligen des Milieus mit diesen Begriffen vorkauen.
Ich weiß bei diesem Geschwurbel kommt man sich sehr klug vor.
wobei der Dissens, wie erwähnt, lediglich in der Frage liegt, mit welchen Mitteln jener Abzug eingeleitet werden soll, damit in Afghanistan endlich wieder der vollumfängliche Frieden der Religion of Peace Einzug hält.
Gähn.
28.9.2009 bei 17:26
“Habs ja vergessen, du kommst ja ohne den Knacks nicht aus.”
Des Serdars Fetisch, denjenigen immer wieder einen “Judenknacks” zu unterstellen, die sich nicht antisemitisch äußern, zeugt nicht nur von historischem Bewusstsein, sondern auch dem eigenen Unverständnis darüber, daß manche Nichtjuden nicht antisemitisch sich äußern - derlei Devianz vom gesunden Volksempfinden (sei’s deutsch, sei’s islamisch), vermag der Antisemit sich nicht anders als durch Psychose zu erklären.
Was denn mit islamischer Vergesellschaftung gemeint sei, möchte Bruder Serdar dann noch wissen - dem Manne kann geholfen werden: zum Beispiel jene Zustände, die in Afghanistan durch eine westliche Koalition, in welcher der Bundeswehr allenfalls die Rolle des belächelten Dorftrottels zukam, ab 2001 zumindest teilweise abgeschafft wurden, was bei Hakan, Bekkay und Serdar einen veritablen Knacks verursachte.
Auf den Punkt gebracht: Islam heißt Frieden und friedlich spricht’s auch aus dem Serdar, wenn er über Leute sich auslässt, die gegen sein gesundes grünes Volksempfinden verstoßen:
“Nun gut, vielleicht verirrt sich mal eine Kassamrakete und trifft einen von denen, dann könnte ich behaupten, sie waren konsequent und kommen jetzt ins Anti-Antisemiten Paradies, wie es sich für anständige Doitsche gehört.”
Nach der freundlichen Beantwortung hätt’ ich dann aber auch eine Frage: was hat’s mit diesem Satz aus deiner Feder auf sich, lieber Serdar? Der erschließt sich mir nicht recht
“Wobei Deutsche in der Regel natürlich lieber hinter Pseudonymen verbalradikal, in verschwurbelter Israelrethorik gerne Maximalforderungen aufstellen und sich versuchen in Superlativen zu toppen, aber auf der Straße das einem nicht ins Gesicht sagen würden.”
Danke im voraus für die Antwort und wie immer beste Grüße,
gk
28.9.2009 bei 18:03
@Gegenkritik
“Nun gut, vielleicht verirrt sich mal eine Kassamrakete und trifft einen von denen, dann könnte ich behaupten, sie waren konsequent und kommen jetzt ins Anti-Antisemiten Paradies, wie es sich für anständige Doitsche gehört.”
Also ich weiß nicht, du müsstest dich doch da als erster melden damit kein Soldat stirbt. Oder verpufft der Verbalradikalismus, wenns konkret wird. Ist halt blöd als Zivi von anderen zu fordern zu kämpfen, siehe Afghanistan siehe Israel. In die IDF würden sie dich wohl nicht aufnehmen, sogar wenn du betteln würdest. Aber es gibt einen Ausweg, geh zur Bundeswehr, damit du die islamische Vergesellschaftung verhindern kannst. Und dann reden wir weiter.
Und im übrigen hast du wirklich einen Israelknacks, da hilft auch kein Winden und kein Stechen.
28.9.2009 bei 18:33
Neulich in Israel waren die IDF-Soldaten zwar wie immer sehr freundlich, machten aber nicht den Eindruck, auf meine Hilfe angewiesen zu sein. Die handfeste Abwehr von Serdars palästinensischen Nazikameraden sollte dann doch besser denen überlassen werden, die dies professionell, zuverlässig und stets mit Rücksicht bewerkstelligen - das hat sich schließlich schon einige Jahrzehnte, die die Juden nicht “ins Meer getrieben” wurden, bewährt.
Was wird denn nun aus der Aufklärung bezüglich deines wirren Satzes mit den “verbalradikalen Maximalforderungen”, die man “einem auf der Straße nicht ins Gesicht sagen würde”?
28.9.2009 bei 19:15
An die anonyme Gegenkritik…
“nur die Intervention zur Absetzung eben jenes Regimes wird betrauert.”
Entschuldigung, haben Sie überhaupt meinen Text gelesen? Mir scheint eher, Sie haben sich selbst gelesen.
Ich sagte in meinem Text nebenbei, dass ich den anhaltenden Afghanistaneinsatz der Deutschen für problematisch halte, ein Betrauern des Sturzes des Taliban - die im Übrigen von den US-Truppen, und nicht von den Deutschen eingeleitet wurde - haben Sie mir untergeschoben, aber doch nicht etwa aus purem Reflex?
“Es ist also kein grundlegender Dissens zwischen dem Radio- und dem al-Qaida-Moderator…”
Ihr Scharfsinn ist umwerfend (übrigens bin ich kein Radiomoderator). Nun fehlt nur noch der Schluss: “Es ist also kein grundlegender Dissens zwischen halb Deutschland und dem al-Qaida-Moderator.” Denn über die Hälfte der deutschen Bundesbürger sind aus verschiedensten Gründen gegen den Afghanistaneinsatz wie eine einfache google-Übung zeigt:
“Die Beteiligung der Bundeswehr an der UN-Schutztruppe in Afghanistan wird laut ZDF-Politbarometer inzwischen von 55 Prozent der Bürger abgelehnt. 42 Prozent befürworten ihn, ergab eine am Freitag veröffentlichte Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen unter 1206 Wahlberechtigten.” (http://www.n24.de/news/newsitem_5187139.html)
Ich habe eine Erklärung für diesen empörenden Sachverhalt: Dutzende Millionen von Deutschen wurden schon für al-Qaida rekrutiert, aber sie verstecken sich noch eine Weile (machen also Taqiyya), bevor sie das Emirat Deutschland mit Schäuble als stellvertretenden Kalif ausrufen werden. Aber: psssst, das darf keiner wissen…
“Es ist kein Streit über den Weg, sondern einer über die Mittel…”
Ja, finde ich auch. Laden Sie diskursunfähiges Material künftig bitte woanders ab. Danke.
28.9.2009 bei 19:35
Den Sturz der Taliban bedauern Sie also nicht, sind aber für einen Truppenabzug, mithin die Voraussetzung für eine Wiederkehr des Talibanregimes?
Daß die Deutschen in dieser Frage mehrheitlich mit Ihnen übereinstimmen, hat ja auch Ihren Bruder Bekkay bewogen, sich diesen gegenüber wohlwollend zu zeigen und ihnen noch etwas Frist zu lassen, bevor etwas strengere pädagogische Maßnahmen die Deutschen (lies: deren Regierung) wieder auf den Pfad der Tugend zurückführen sollen.
In einem Punkt irren Sie aber: “Taqiyya” macht von den Deutschen keiner - die sind tatsächlich so bösartig, daß sie den Menschen in Afghanistan die Taliban an den Hals wünschen.
28.9.2009 bei 20:21
“Den Sturz der Taliban bedauern Sie also nicht, sind aber für einen Truppenabzug, mithin die Voraussetzung für eine Wiederkehr des Talibanregimes?”
Dass es einen internationalen Einsatz in Afghanistan gibt, sehe ich nicht als das prinzipielle Problem. Immerhin erheben die Taliban ja auch den Anspruch jenseits ihrer Grenzen zu wirken - warum hätte da das Ausland schweigen sollen? Schwierig wird die Lage für mich dadurch, dass Länder wie Deutschland durch Vorfälle wie den mit den Tanklastwagen neulich zu einer Partei im Konflikt werden könnten, die in den Augen der Afghanen nicht mehr nur für Aufbau und Struktur, sondern auch für Vernichtung und Rücksichtlosigkeit stehen. Das ist gewiss das letzte, was im Interesse der Deutschen wäre. Dass die Taliban nicht auch gerade für Milde stehen, weiß ich. Aber man vergesse nicht, dass der Anspruch des ISAF-Einsatzes ein anderer ist als der das Land zu knechten, darum muss er sich nach höheren Kriterien messen lassen. Es darf nicht darum die Taliban um jeden noch so hohen Preis zu vernichten, sondern in erster Linie um die Stabilität Afghanistans und das afghanische Volk. Solange Truppen diesem Zweck dienen, wäre ein sofortiger Abzug keine sinnvolle Forderung. Aber wenn die Truppen das Chaos vergrößern, oder sich anschicken die Lage langfristig eskalieren zu lassen, dann sind die Truppen ein Sicherheitsrisiko für alle.
28.9.2009 bei 21:06
Hallo Yakup,
vielen Dank für deinen Beitrag.
“Wir oder besser ich bin leider inzwischen von der Gleichgültigkeit des Alltages so etwas von mitgenommen das derartige Beleidigungen gegen meine Religion mich wiederholt leider nicht aus der Bahn werfen.”
Wahrscheinlich ist es das beste, dass einen nicht alles aus der Bahn wirft. Es passieren so viele negative Dinge auf der Welt und um einen herum - wenn man sich auf alles einlassen würde, hätte man gar nicht mehr die Gelegenheit mit klarem Kopf zu sehen, was auch alles an Positivem passiert. Man nützt seiner Umwelt am meisten, wenn man innerlich so gelassen wie möglich ist. Das soll nicht heißen, dass man abstumpfen muss - aber die Fähigkeit sich ärgern oder beeindrucken zu lassen, aber dann möglichst bald innerlich auf Distanz zu gehen, sollte man trotzdem täglich trainieren. Ich sehe das so: Die (gemäßigte) Emotion kann der Vernunft auf die Sprünge helfen Entscheidungen zu treffen und vorwärtszukommen.
“Die Zeit verheilt gewisse Wunden und nimmt aber auch die Energie, den Aktionswillen und die emotionale Überzeugung der ersten Tage.”
Sehe ich genauso. Aber vielleicht entwickelt man sich einfach nur zu schnell - schneller, als man es eigentlich gerne hätte. Also müssen die emotionalen Motivationsquellen auch schnell genug mitentwickelt werden - ein Punkt, den man vor lauter Tagesthemen oft vergisst.
“NIcht aufzwingen oder störend debattieren, nur zeigen. Das sollten wir der deutschen Bevölkerung schon schuldig sein.”
Jawohl - das setzt sicherlich auch voraus, dass man z. B. den Islam nicht nur als Identitäts- und Sinnquelle betrachtet, sondern auch als einen Gegenstand, über den man rational diskutieren kann. Nicht anders haben es die ersten Gelehrten des Islam gemacht. Vielleicht ist es gerade diese Beschäftigung mit den Mitteln der Vernunft, die im islamischen Alltag etwas zu kurz kommt, was dann zu einer rein emotionalen und mit Nichtmuslimen schwer kommunizierbaren Religiösität führt. Andererseits sind wir dann oft innerlich nicht vorbereitet genug uns mit den kritischen Anfragen der Umwelt zu befassen. Darum halte ich in religiösen Fragen die Kombination Emotion + Vernunft für den besten Weg. Die Emotion um die Leidenschaft und Spiritualität aufrecht zu erhalten und die Vernunft um Klarheit und Orientierung zu bekommen.
28.9.2009 bei 21:20
Hallo N. U.,
“Wir sollten aber auf die Straße gehen und gegen solche wie Bekkay protestieren, damit unsere nichtmuslimische Freunde sehen, dass wir gegen Gewalt sind.”
Ich glaube den Muslimen fehlt heute der Glaube, dass sie aus eigenen Kräften etwas bewegen können. Meistens warten wir darauf, dass jemand Wissenderes oder Qualifizierteres kommt und mal für uns alle Klartext spricht, oder größere Aktionen organisiert. Das beste wäre es meiner Meinung nach, wenn jeder das macht, was er am besten kann - dazu gehört der öffentliche Protest genauso wie der interne (was hier ja ansatzweise versucht wird). Außerdem kann man Leserbriefe schreiben und noch vieles mehr - das setzt aber auch voraus, dass wir uns viel mehr mit dem Tagesgeschehen um uns herum befassen. Ich gebe gerne zu, dass ich türkische Zeitungen mit großem Genuss lese (in der Türkei sind die politischen Skandale einfacher spannender), aber dass ich mich für deutsche Zeitungen oft innerlich überreden muss. Schade eigentlich - lebe ich doch die meisten Zeit in Deutschland… Ebenso schade ist es, dass es viel zu wenige empirische Studien über Muslime gibt, bei deren Planung und Durchführung erfahrene Muslime beteiligt sind.
28.9.2009 bei 21:28
Hallo Susu,
Du hast danach gefragt, wie ich folgenden Satz meine:
“Und in den Augen vieler Deutschen seid ihr ein abschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Muslim seine Religion ernst nimmt.”
Ich wollte damit sagen: Wenn Deutsche euch so erleben, dann denken sie (fälschlicherweise): Sowas wird also aus einem Muslim, der seine Religion ernst nimmt. Der Satz ist aber in der Tat etwas missverständlich. Ich werde ihn überarbeiten, vielen Dank für den Hinweis.
28.9.2009 bei 22:35
Angriffe auf Zivilisten sind im Islam verboten, ebenso Selbstmord. Was erlaubt ist, ist “sauberer” Widerstand ohne Verletzung dieser Regeln, also: Anschläge nur auf rein militärische Ziele der Besatzer im besetzten Land selbst. Bevor jemand ernsthaft daran denkt, sich am Dschihâd zu beteiligen, sollte er sich bei einem allgemein anerkannten und qualifizierten Scheich in den Regeln hierzu unterrichten lassen. Viele, die einfach losziehen, sind leichtgläubig und fallen in die Netze von von Geheimdiensten unterwanderten terroristischen Organisationen. USAma (Osama) ibn Laden ist höchstwahrscheinlich bereits im Jahre 2001 verstorben und war ein CIA-Agent. Die angeblichen Videos von ihm, die von Zeit zu Zeit im Netz auftauchen, sind gefälscht und werden dann von derselben Stelle, die sie gefälscht hat, für echt erklärt. Sie enthalten nur Tonaufnahmen und alte Standbilder (da es von USAma ja keine neuen geben kann). Die Taliban lieben den Islam in Bärenliebe, indem sie in bei ihrer Umarmung erdrücken. Sie machen in ihrem Unverständnis so viele Fehler, daß sie die Leute zurückschrecken lassen und ein Zerrbild vom Islam erzeugen.
Der beste Dschihâd, den die Muslime in Deutschland führen könnten, wäre, diesen Staat zu boykottieren und standhaft dessen Reaktionen darauf zu ertragen. Wenn Deutschland an das zionistische Regime U-Boote liefert, die wissentlich als atomare Angriffswaffen gegen ein muslimisches Land umgerüstet werden, Soldaten zur völkerrechtswidrigen Besetzung Afghanistans schickt, bestimmte staatliche Institutionen und Politiker sich an der Desinformation über den Islam und der Volksverhetzung beteiligen u.a. mehr, dann ist das kriminell, und folglich bedeutet die Zahlung von Steuern an diesen Staat die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung, die die Bundesregierung darstellt. Leider jedoch sind viele Muslime in Deutschland noch so naiv zu glauben, das Grundgesetz für die Bundesrepublik könnte ihre Rechte garantieren und der angebliche Rechtsstaat würde sie beschützen. Zudem hängen die meisten von ihnen zu sehr an den vergänglichen Gütern und Genüssen der diesseitigen Welt, als daß sie bereit wären, Opfer auf sich zu nehmen und vom Staat ggf. gegen sie verhängte Strafmaßnahmen standhaft zu ertragen.
29.9.2009 bei 02:56
[…] http://andalusian.de/2009/09/27/o-fehlgeleiteter-bruder-bekkay/ […]
1.10.2009 bei 21:17
Lieber Hakan, Gratulation, deutliche und leider notwendige Worte!
6.10.2009 bei 03:33
Lieber Katzenvater,
Hier muss ich doch etwas weiter ausholen - deswegen komme ich erst heute dazu eine Antwort zu formulieren. Zunächst einmal:
Es sind nicht nur Scheichs, die etwas zum Islam zu sagen haben. Ich ziehe es vor mir die Erkenntnisse und Interpretationen verschiedener Gelehrter, Theologen und Islamwissenschaftler anzuhören und mich dann nach dem Überzeugendsten zu richten - bis ich woanders noch bessere Erklärungen finde. Außerdem sollte man nicht nur Quellen aus den eigenen Reihen lesen, sondern auch aus anderen politischen und weltanschaulichen Lagern, sowohl innerislamisch, wie außerislamisch. Spätestens dann wird man Osama nicht leichtfertig in einen USAma verwandeln, auch wenn das für manche sehr verführerisch sein mag - ich rate zu Selbstkritik und zu Mut zur Wahrheit statt zu scheinbar alles erklärenden Verschwörungstheorien. Und deine Verwörungstheorien erscheinen mir reichlich kindisch um mich auf sie einzulassen. Wer behauptet, bin Laden sei ein längst verstorbener CIA-Agent, der trägt die ganze Beweislast.
Deine Aussagen erinnern mich an ein Gespräch, das ich mit einem sehr lieben, aber etwas naiven Muslim, der in Azhar studiert hatte, geführt habe. Als ich auf die verheerende Bildungssituation in der islamischen Welt zu sprechen kam und die Weltfremdheit und peinliche Mittelalterlichkeit zahlreicher islamischer “Scheichs” u. a. aus Saudi-Arabien erwähnte, entgegnete er: “Nein, nicht Saudi-Arabien, sondern Saudi-Amerika”. Die Amis seien demnach an allem Wesentlichem, was heute Peinliches und Hässliches im Gewand des Islam umherläuft, schuld - entsprechend seien alle Fehler in der islamischen Welt eigentlich die bewusste Strategie des Westens um den Islam zu vernichten bzw. lächerlich zu machen. Er glaubt und vertritt das, weil es so einfach ist und die Notwendigkeit einer grundsätzlichen islamischen Selbstkritik überflüssig macht. Und vor allem: Weil er immer die selben Dinge aus den selben Quellen liest und sich immer die Meinungen von den selben Leuten anhört. Auch wenn der “Westen” sehr wohl in der islamischen Welt kräftig mitgemischt hat und noch mitmischt - Fakt ist, dass heute und schon seit mehreren Jahrhunderten leider Muslime selbst die größte Bremse für eine Weiterentwicklung der islamischen Gesellschaften darstellen. Wer das Gegenteil behauptet, macht den “Westen” mächtiger und die Muslime ohnmächtiger, als sie es sind. Hierzu habe ich keine Lust jetzt Beispiele anzuführen, weil es meines Erachtens auf der Hand liegt. Die Lösung lautet nicht Radikalität (den Baum von der Wurzel ausreißen wollen, im Irrglauben das Problem so restlos beseitigen zu können), sondern Reflektiertheit (die Machart des Baumes begreifen wollen um das Problem elegant und angemessen zu lösen).
Die Logik der Verschwörungstheorie ist höchst gemütlich, aber hält keinem kritischen Diskurs stand. Auch ist sie an wenigen Beispielen widerlegt und es widerspricht intellektueller Redlichkeit sowas ohne Beweise anzuführen, auch wenn man so selbstbewusst ist sich Katzenvater (sicherlich in Anlehnung an den Namen des Prophetengefährten “Abu Huraira”) zu nennen.
Zu deinen Aussagen zu Deutschland: Du hast meinen Text offensichtlich nicht gelesen. Und wenn du ihn gelesen hast, dann hast du einige entscheidende Passagen übersprungen, oder nicht verstanden. Lies ihn bitte nochmals - und frage Muslime, die seit Jahren die deutsche und muslimische Community gut genug kennen, ob Sie meinen Aussagen eher wahrhaftig zustimmen oder ihnen wahrhaftig widersprechen würden. Überhaupt werde ich das Gefühl nicht los, dass du meinen Text nur zum Anlass genommen hast deine plumpe Widerstandstheorie für Deutschland preisgeben zu können. Daher auch an dich die gleiche Bitte, die ich in Kommentar 12 formuliert habe: Lade diskursunfähiges Material bitte woanders ab. Denn ich will hier nichts löschen, kann es aber auch nicht immer gleich kommentieren. Du bist vielleicht mein Glaubensbruder, aber ich verbitte mir eine Vulgarisierung des Diskurses, vor allem, wenn du im Namen des Islam reden willst.
Aussagen wie
“Der beste Dschihâd, den die Muslime in Deutschland führen könnten, wäre, diesen Staat zu boykottieren und standhaft dessen Reaktionen darauf zu ertragen.”
und
“[…] bedeutet die Zahlung von Steuern an diesen Staat die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung”
hören sich in meinen Ohren eher nach den Fantasien eines langzeitpubertierenden Halbstarken an. Sowas kann unter gewöhnlichen Bedingungen nur behaupten, wer (1) genügend Propaganda von bestimmten “Scheichs” bzw. Ideologen bestimmter Minderheitsrichtungen intus hat, (2) anonym bleibt und deswegen seine Ansichten nicht vor den Richterstuhl der öffentlichen Vernunft bringen muss und (3) kleine Teile der Wirklichkeit aufgrund von Unwissenheit oder brodelndem Hass mit der ganzen Wirklichkeit verwechselt.
Aber, lieber Katzenvater… Sind das nicht genau die Dinge, die wir den fanatischen Gegnern und Feinden des Islam häufig genug zurecht vorwerfen? Nämlich (1) einseitige Propaganda, (2) Verweigerung des offenen Diskurses auf Augenhöhe mit gläubigen Muslimen und schließlich (3) Verzerrungen und unzulässige Verallgemeinerungen? Sorry, Katzenvater, wir können das besser. Der Islam ist weder auf deine radikalen Kurzschlüsse, noch auf die viel radiklareren von Bekkay angewiesen.
Ich habe persönlich sehr viele fromme und praktizierende Muslime in Deutschland kennengelernt. Von keinem habe ich bislang einen derartigen Unsinn über das richtige Verhalten von Muslimen in Deutschland gehört wie von dir oder von Bekkay. Weißt du auch warum? Weil diese nämlich in der Realität leben und wissen, wieviel sie der “kriminellen Vereinigung” namens deutscher Staat schulden. Das hat nichts mit Anbiederung oder Komplexen zu tun - es ist die blanke moralische Verpflichtung. Um das einzusehen, muss man weder Muslim, noch sonst gläubig sein. Ein bisschen Vernunft und Ehrlichkeit genügen völlig.
Mit den Steuern wird fast alles finanziert, was dich und mich gerade in der städtischen Region auf den Beinen hält. Das ist so banal, dass ich keine Lust habe hier Beispiele aufzuführen. Vielleicht nur soviel: Mit unseren Steuern werden neben den zahllosen Sozialleistungen, von denen z. B. Arbeitslose jedweden Glaubens profitieren auch öffentliche Biblitiotheken finanziert, aus denen du reichlich islamische Quellen beziehen und sie eigenständig studieren kannst. Ich war geschockt, als ich in der zentralen Landesbibliothek in Stuttgart mit wenigen Klicks Werke von Imam Ghazali, Imam Abu Hanifa, Beyruni und zahlreichen anderen islamischen Gelehrten und Wissenschaftlern (aus glanzvolleren Tagen als heute) komplett auf Arabisch bestellen konnte. Kein Reinpfuschen, keine Zensur, keine Kontrolle durch die “kriminelle Vereinigung”. Das liebe ich an Deutschland. Und dafür bin ich gerne bereit Steuern zu zahlen.
Du schreibst:
“Zudem hängen die meisten von ihnen zu sehr an den vergänglichen Gütern und Genüssen der diesseitigen Welt, als daß sie bereit wären, Opfer auf sich zu nehmen und vom Staat ggf. gegen sie verhängte Strafmaßnahmen standhaft zu ertragen.”
Sorry, wir leben nicht unter den Bedingungen der ersten Muslime in Mekka, die wegen ihrem Glauben verfolgt und vertrieben wurden. Warum sollte da heute ein Dienst für den Islam zwangsläufig auf offene Konflikte und Strafmaßnahmen hinauslaufen? Nein. Wer dem Islam in Deutschland dienen will, der soll sich aus allen zur Verfügung stehenden Quellen bedienen und sich gründlich bilden, und zwar ein Leben lang. Er soll zu einem nützlichen und vertrauenswürdigen Mitglied der Gesellschaft werden, der ihr mehr gibt, als er von ihr nimmt. Er soll seinen Glauben praktizieren und seinen religiösen Pflichten, so gut es ihm gelingt, nachkommen - nicht um den Menschen aufzufallen, sondern einzig und allein für sein Verhältnis zu Gott. Die Leute sollen sich nicht von ihm abgestoßen fühlen, sondern ihn zum Vorbild nehmen können. Er soll eine Ausbildung machen, oder studieren, einen guten Beruf erlernen und sich und seiner Familie finanzielle Unabhängigkeit verschaffen. Er soll die Weisheit der Muslime und die Weisheit des Westens studieren und sich Gedanken darüber machen, was man von wem lernen kann. Er soll sich engagieren für der gesellschaftlichen Dialog, für mehr Gerechtigkeit und mehr Moral. Er soll seine religiösen Werte den muslimischen Jugendlichen überzeugend vorleben und sie durch sein Beispiel überzeugen. Er soll versuchen zu verstehen, wie die nackte Wirklichkeit funktioniert, von der sich die Muslime samt den meisten ihrer Gelehrten vor Jahrhunderten schon abgewandt haben. Und vor allem soll er eines Tages seine Stimme lauter erheben, als die der Fanatiker beider Seiten - damit die Menschen ihn befragen, wenn sie etwas über die Muslime wissen wollen. Hier müssen wir ansetzen, Bruder. Und in den genannten Punkten gibt es noch sehr, sehr viel zu tun - weit mehr, als du vielleicht glaubst. Und das Feld ist praktisch noch kaum beackert. Wenn wir das auf Dauer richtig machen, dann wird das auch unseren Brüdern und Schwestern in Palästina auf Dauer mehr nützen, als alle Steuerboykotte und Gewaltphantastereien zusammen. Alles hat eben seinen Kontext - und wer vom Widerstand in Deutschland träumt, hat weder den Kontext begriffen, noch kann er es vermeiden den Muslimen und dem Islam ähnlich in den Rücken zu Fallen wie Bekkay Harrach und Konsorten.
Und wer hier begründete Probleme mit Aspekten der Politik des Staates hat, muss auf die Mittel des Systems zurückgreifen um Änderungen herbeizuführen - sonst katapultiert er sich schnurstracks aus dem System heraus. Solange das Leben und die Grundrechte der Muslime hier gesichert sind, was absolut selbstverständlich und viel besser als in zahlreichen “islamischen” Staaten realisiert ist, gibt es für ein grundsätzliches “Boykott” des Systems keinen einzigen vernünftigen Anlass.
Und wer anonymerweise doch das Gegenteil behauptet, keine Argumente, sondern nur Pauschalisierungen, Vulgarisierungen und Verschwörungstheorien liefert… wer nur das sieht, was in sein einfaches dualistisches Weltbild passt und all das noch versucht in irgendeinen Zusammenhang mit der hohen Ethik des Islam zu bringen… dem sei gesagt, dass er nicht da’wa oder dschihad betreibt, sondern schlicht und ergreifend Religion für Dumme produziert…
6.10.2009 bei 08:37
Hallo Hakan
Ich bin mehr oder wenig zufällig hier gelandet und habe mit steigender Freude Deinen Beitrag gelesen.
Zunächst dachte ich da hier endlich der Standpunkt zu lesen ist auf den ich bei unseren muslimischen Mitbürgern bisher so schmerzlich vermisst habe.
Aber nach der Hälfte oder zwei Dritteln des Textes ging es, salopp gesagt, “nicht weiter” und am Schluß wurde mir klar, das alles was da geschrieben steht zwar richtig, aber nicht vollständig ist.
Auf der einen Seite sehe ich einige Kernpunkte genau so wie Du. Zum Beispiel das ein Moslem in Deutschland seinen Glauben freier leben kann als in vielen islamischen Staaten, das in Deutschland vor dem Gesetz alle gleich sind (davon abgesehen das Menschen nun mal auch Fehler machen) und das gesellschaftliche Klima bezüglich der Stellung der Muslime in der Gesellschaft ein völlig anderes ist als das der religiösen Minderheiten in islamischen Staaten.
Einen kleinen Hinweis darauf was “Bekkay” und seine Kumpane mit “ihren” Minderheiten machen hätte ich in dem Zusammenhang übrigens erwähnenswert gefunden.
Aber der gesamte Artikel und Dein Standpunkt, den ich als solchen überhaupt nicht anzweifeln will, baut darauf auf das “Bekkay” und seinesgleichen “fehlgeleitet” sind.
Genau hier ist der Punkt wo aus meiner Sicht der entscheidende Schritt fehlt.
Nun muß ich einschieben das ich Ingenieur bin, auf religiösem Gebiet also bestenfalls autodidaktische Grundkenntnisse habe.
Soweit mir bekannt ist gibt es im Islam Speise- und Kleidungsvorschriften die von den Gewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft abweichen. Nun fallen solche Dinge natürlich unter die Freiheit des Einzelnen. Allerdings gibt es auch Rechtsvorschriften die mit deutschen Gesetzen nicht vereinbar sind. Spätestens hier beginnt das Problem.
(Als Randbemerkung: Mein persönliches Gefühl ist das das Problem schon mit den Vorschriften zum persönlichen Verhalten anfängt, es ist Verhaltenspsychologisch nachgewiesen das Menschen bereits anfangen Gruppenzugehörigkeit zu entwickeln wenn man sie schwarze und weiße Kugeln aus einem Eimer ziehen lässt. Was da erst ein Kopftuch oder getrenntes Essen an Zugehörigkeits- und Ausgrenzungsmechanismen in Gang setzt kann man sich vorstellen. Das sind Dinge die im vererbten menschlichen Verhalten liegen, das kann man auch nicht wegerziehen, der Kommunismus hat Ähnliches Dingen versucht, das Ergebnis kennen wir ja nun. Aber wie gesagt, nur eine Randbemerkung).
Dabei ist es zunächst nicht “Bekkay” der mir Sorgen macht, denn der ist ein Spinner und sobald er seine Absicht ausgeführt hat, ein Verbrecher. Klar zu identifizieren und mit den vorhandenen Methoden zu behandeln oder besser bekämpfen.
Aber woher kommen die Bekkays? Dazu gibt es einen Satz von einem Soziologen, ich weiß nicht wer es war, Du kennst Ihn wahrscheinlich, von der schweigenden Mehrheit die Radikale ausschwitzt.
Ohne die Mehrheit, diejenigen die selbst niemals Bomben legen oder in den Dschihad gegen die Zionisten ziehen würden, aber trotzdem diejenigen bewundern die es tun, gäbe es keine “Bekkays”.
Ich sehe nicht wie man mit einem Ansatz wie er im Artikel verwendet wird mit diesen Leuten zu einem stabilen Zustand kommen kann. Denn deine Argumentation beruht auf den “weichen” Anteilen, den interpretierbaren Aussagen. Zm Beispiel das jeder nur für die eigenen Sünden büßen muss. Wo fängt die eigene Sünde an? Beim Ministerialbeamten der die Bauvorschrift macht? Beim Angestellten des Bauamts der das Minarett nicht abnimmt? Beim Maurer der es ohne Baugenehmigung nicht hochziehen will? Wenn man eine Frau mit Kopftuch nicht als Friseuse einstellen will oder wenn man als Kunde nicht in ein Friseurgeschäft gehen will in dem die Frauen Kopftuch tragen?
Letztendlich ist Dein Standpunkt damit von der empfundenen Verpflichtung gegenüber der Mehrheitsgesellschatt abhängig, zum Beispiel das “Bekkay” dankbar dafür ist jeden Monat seine Sozialhilfe zu bekommen, oder gebührenfrei studieren zu dürfen, etc pp.
Sobald dieser Grund ausbleibt gibt es keine Grundlage mehr für ein harmonisches Zusamenleben.
Auf der Grundlage kann man keine dauerhafte, friedliche Gesellschaftsordnung aufbauen.
Ich habe jetzt keine Zeit mehr, hoffentlich konnte ich mich verständlich ausdrücken.
6.10.2009 bei 13:46
Hallo Mattes,
vielen Dank für deinen Beitrag.
“Dazu gibt es einen Satz von einem Soziologen, ich weiß nicht wer es war, Du kennst Ihn wahrscheinlich, von der schweigenden Mehrheit die Radikale ausschwitzt.
Ohne die Mehrheit, diejenigen die selbst niemals Bomben legen oder in den Dschihad gegen die Zionisten ziehen würden, aber trotzdem diejenigen bewundern die es tun, gäbe es keine “Bekkays”.”
Du meinst den Soziologen Hondrich - die radikalen Minderheiten, die er meint, sind rechte Gruppen, die ein Volk ausschwitzt, wenn es sich von seinen Migranten überfremdet fühlt, aber dies nicht formulieren darf. Hondrichs Feststellung ist interessant, nicht zuletzt, da sie darauf hinweist, dass nicht nur Muslime radikale Minderheiten ausschwitzen (wobei diese eine andere Genese haben als die in Hondrichs Zitat). Wie sonst wären sonst Rassismus und Faschismus in modernen Gesellschaften selbst unter den demokratischen Verhältnissen eines Rechtsstaates zu erklären? Kurzum: Für manche Dinge scheint der Mensch anfällig zu werden, sobald er in einer größeren Gemeinschaft leben und Fremdes, oder Ungleichheiten bzw. Ungerechtigkeiten ertragen soll. Das ist nicht gut, aber objektiv ist es nun mal so und muss ernst genommen werden.
Die wichtigste emotionale Triebfeder, die Bekkay und co. antreibt, sind meines Erachtens nicht die Bewunderung anderer, sondern die frappierenden Ungerechtigkeits- und Demütigungserfahrungen der muslimischen Welt, nicht nur, aber auch durch das nicht muslimische Ausland. Es wäre objektiv falsch alle Verantwortung einsetig auf den “Westen” zu laden - aber an dem Leid der muslimischen Völker ändert die Einsicht wenig, dass ihre Regierenden an ihrer Misere massive Mitverantwortung tragen. Wenn man zuletzt an die Gräuel des Gaza- oder Irakkrieges denkt, dann muss man kein Muslim sein um sich zu fragen, womit die muslimischen Völker eine solche Behandlung verdient haben. Dass die besagten Kriege und ihre Folgewirkungen auch im “Westen” höchst umstritten sind zeigt, dass die Unrechtsanklage nicht auf einer Einbildung der Muslime basiert.
Diese Unrechtserfahrungen sind es, die von radikalen Gruppen im wahrsten Sinne des Wortes instrumentalisiert werden (wie in meinem Text thematisiert). Das ist ihr eigentlicher und letztlich entscheidender Fehler. Hier entsteht der Fanatismus, aber auch die moralische Blindheit gegenüber dem eigenen Vorgehen. Aus dem Islam werden dann selektiv Kategorien entnommen, die dem eigenen Vorgehen übergestülpt werden. Wo der kühle Kopf einmal abhanden gekommen ist, lässt sich sowas nur noch schwer bremsen. Kompliziertes Thema, aber vorerst nur soviel dazu.
Wenn man das Terrorproblem lösen will, dann muss die Brutalität des Vorgehens westlicher Staaten ebenso frei problematisiert werden wie die Gewaltaffinität von religiösen Fanatikern auf muslimischer Seite - zumal der Westen die weitaus größere militärische Macht und somit auch Vernichtungskraft besitzt. Sobald die Diskussion sich auf eine einzige der beiden Seiten fokussiert, entstehen diskursunfähige Verzerrungen einer höchst komplexen Sachlage. Ich bin kein Politikexperte, aber diese Reduktion globaler Konflikte auf das aggressive Verhalten einer einzigen Partei erscheinen mir doch als eines der Haupthindernisse ihrer Lösung.
Mein persönlicher Wunsch wäre es, dass eines Tages Muslime und Nichtmuslime sich für das Recht sowohl von Muslimen, Christen, Juden, Atheisten und allen anderen einsetzen ohne nach der Kultur- oder Religionszugehörigkeit der Betroffenen zu fragen. Die Bedingung hierfür ist nicht die Auflösung religiöser Identitäten, sondern die grundsätzliche moralische Reflexion, die jede Seite für sich und anschließend im gemeinsamen Diskurs zu leisten hat. Ich habe erlebt, dass dies im Islam sehr gut möglich ist, daher mein Optimismus.
“Ich sehe nicht wie man mit einem Ansatz wie er im Artikel verwendet wird mit diesen Leuten zu einem stabilen Zustand kommen kann. “
Gegen solche Leute helfen Argumente und weltanschauliche Aufklärungsversuche leider ebenso wenig wie bei überzeugten Rassisten und NPD-Getreuen hierzulande. Aber es kann zur Stabilität beitragen, wenn die Vertreter der Mehrheit sich klarer von ihren radikalen Minderheiten distanzieren. Nicht alle Problem sind rein analytisch zu bewältigen.
“Letztendlich ist Dein Standpunkt damit von der empfundenen Verpflichtung gegenüber der Mehrheitsgesellschatt abhängig,”
Das ist richtig. Aber hierbei handelt es sich um eine ganz prinzipielle Frage, deren Antwort sich nicht deduktiv ableiten lässt. Man kann die Welt immer so lesen, dass man sich selbst als Robin Hood sieht, während alle anderen die Ungerechten sind. Verhindern lässt sich sowas nur durch Erziehung, Bildung und gelungene Erfahrungen mit der Wirklichkeit. Und der banalen Einsicht, dass es so auch im eigenen Interesse ist. Es ist sehr ähnlich wie bei der Frage nach der Universalität von Menschenrechten: Es ist bislang niemandem gelungen rein rational eine allgemeine Verbindlichkeit der Menschenrechte oder der Unantastbarkeit der Menschenwürde herzuleiten - so bleibt es auch hier bei einer grundsätzlichen Entscheidung für etwas, das sich nachträglich zwar plausibel machen, sich jedoch nie grundsätzlich durch reine Reflexion erzwingen lässt.
Und dass die Muslime in Demokratien mehr Schwierigkeiten als andere mit der (weltanschaulichen) Treue gegenüber dem Staat haben, halte ich für ein Vorurteil.
Im Übrigen stimmt es aber, dass der Islam Gebote und Verbote, und dahinter liegende Werte kennt, die nicht immer identisch sind mit denen des durchschnittlichen Deutschen sind. Dies bedingt ein zusätzliches Wir-Gefühl unter Gleichgesinnten. Auch das ist aus meiner Sicht zunächst unproblematisch - denn das Gesetz verlangt keine Einheitskultur und auch keine einheitliche Vorstellung vom ethischen Leben. Atheisten in Deutschland werden nicht immer die selben Werte vertreten wie fromme Christen oder orthodoxe Juden - da werden Muslime keine Ausnahme bilden. Sehr wohl gibt das deutsche Gesetz aber den minimalen juristischen Rahmen für das Miteinander vor, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn du sagst: “Allerdings gibt es auch Rechtsvorschriften die mit deutschen Gesetzen nicht vereinbar sind.”, dann bezieht sich das aus meiner Sicht höchstens auf eine kleine Menge von möglichen Situationen, die in der Regel pragmatisch gelöst werden können. Ich meine damit nicht Ehrenmorde und Zwangsheiraten, die Muslime unter sich ohnehin als ein Tradtionsproblem, und nicht als Äußerung islamischen Rechts diskutieren.
Aus all diesen Gründen, die ich hier nur kurz gestriffen habe, lohnt es sich nicht das ganze Projekt pluralistisches Deutschland für gefährdet zu erklären. Ich weiß, dass ich auf vieles gar nicht eingegangen bin. Zu manchen der hier erwähten Punkte möchte ich aber noch eigene Beiträge verfassen, darum vorerst soviel dazu.
6.10.2009 bei 21:13
Hallo Hakan
Deine Antwort bezieht sich im wesentlichen auf Terrorismus. Das war _nicht_ mein Thema.
Ich versuche es anders.
Um mit dem Thema “Terrorismus” aufzuräumen: ich betrachte die Terroristen nicht als wesentliches Problem. Ihre Handlungen sind klar als Verbrechen erkennbar, der Konsens sie zu bekämpfen vorhanden, die notwendigen Mittel sind verfügbar und funktionieren im wesentlichen. Außer in exotischen Szenarien (praktisch nur geklaute Atomwaffen) ist das Schadenspotential eines Terroranschlags nicht in der Lage unseren westlichen Gesellschaften wesentlichen Schaden zuzufügen und wir verfügen über die militärische Projektionskapazität auch weit entfernte Rückzugsgebiete zu erreichen und aufzurollen, von den Terroristen selbst ganz zu schweigen.
Das alles ist ein operatives, kein konzeptionelles Problem! Vergessen wir es also mal.
Wie alle Konflikte beginnt aber auch der Terrorismus nicht auf dem Schlachtfeld, sondern er endet dort nur.
Der Beginn liegt in der Gesellschaft und genau darum ging es mir.
Ich stelle jetzt meine These mal kurz und knapp dar (ich bin ja kein Sozialpädagoge):
Die unreflektierte Übernahme nicht an die Moderne angepasster religiös legitimierter Lebensvorschriften aus einer Nomadengesellschaft des 7 Jahrhdts. erzeugt gesellschaftliche Sollbruchstellen.
Das bedeutet das, solange die religiösen Grundlagen der Kultur nicht zeitgemäß interpretiert werden, der einzige Kitt dieser sogenannten pluralistischen Gesellschaft die ökonomische Belohnung der Verdrängung ist.
Ohne ein dauerhaftes Konzept auf dem Zusammenleben organisiert werden kann ist mir das Risiko zu groß, denn die Überlegung: wenn wir keinen Vorteil mehr haben, die Studienplätze Geld kosten oder Hartz4 gekürzt wird, dann wollen wir wenigstens unsere Religion und Kultur leben wie wir wollen. Also keine (Blinden)Hunde mehr in unseren Stadtvierteln, das Recht zu schächten in für jeden Metzger, kein Bilderzwang mehr in den Ausweisen, etc pp. Wie geht es dann weiter?
Das Böckenförde-Dilemma ist nur allzu real! Und darauf bist Du mit keinem Wort eingegangen. Na gut, ich warte gespannt auf die Beiträge zum pluralistischen Deutschland.
6.10.2009 bei 23:05
“Die unreflektierte Übernahme nicht an die Moderne angepasster religiös legitimierter Lebensvorschriften aus einer Nomadengesellschaft des 7 Jahrhdts. erzeugt gesellschaftliche Sollbruchstellen.”"
Mmhh… die islamische Tradition ist voll von grundlegender Reflexion über das, was wie aus Koran und authentischer Sunna übernommen werden soll. Eine unreflektierte Übernahme gibt es heute trotzdem - das ist aber nicht gute islamische Methode. (Für mehr Details dazu siehe z B. hier: http://andalusian.de/2009/08/16/islamisches-recht-richtig-verstanden/) Außerdem ist es mehr als eine platte Floskel, dass viele Muslime heute eine schwer zu trennende Mischung aus Tradition und wie auch immer überlieferter Religion praktzieren. Insofern ist es nachträglich schwer auszumachen, was an der Lebensweise der Muslime wirklich aus der Religion kommt, was in der lokalen Herkunftskultur begründet liegt, was ein Unterschichten- und Unterprivilegiertenphänomen ist, was aus Bildungsarmut resultiert und und und…
Unabhängig von der Herkunft gewisser Lebensweisen gebe ich aber zu, dass jedes von der Mehrheitsgesellschaft abweichende Spezifikum zu einem artspezifizierenden Unterschied zum Genus Proximum (hier also die Mehrheitsgesellschaft) führt. Aber sind das wirklich Sollbruchstellen? Oder doch nur legitime Spielarten des Menschseins?
“Das bedeutet das, solange die religiösen Grundlagen der Kultur nicht zeitgemäß interpretiert werden, der einzige Kitt dieser sogenannten pluralistischen Gesellschaft die ökonomische Belohnung der Verdrängung ist.”
Das erscheint mir etwas zu wenig. Was ist mit dem Anerkennungsdrang des Menschen? Was ist mit dem Bedürfnis von allen auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden? Mir ist es sehr wichtig verstanden zu werden. Was viele nicht ahnen: Den meisten Muslimen, gerade auch den praktiziernden, ist es sehr wichtig verstanden zu werden - gerade von denen, die am weitesten vom islamischen Glauben entfernt sind. Ich denke, da gibt es menschliche Bedürfnisse, die von der bloßen Zugehörigkeit zu einer Religion nicht abgedeckt werden. Und eine zweites: Ich glaube, dass Identifikation eine große Rolle spielt. Warum sollte sich ein Muslim nicht sowohl mit islamischer Lebensweise, als auch mit Errungenschaften der Moderne oder Deutschlands identifizieren können? Was denkst du, wie muslimische Jugendliche fühlen, wenn sie erleben, wie weit es der Westen in vielen Dingen gebracht hat, was theoretisch die Muslime hätten leisten sollen.
Ein ganz wichtiger Punkt wäre mir noch folgender: Der Muslim verfügt nicht nur über eine islamische Identität. Die allerwenigsten Muslime definieren sich ausschließlich über ihre Religion. Überall gibt es Identitäten hinsichtlich Beruf, Bildungsstand, Hobbies, Lieblingssport etc. Wenn man einen Muslim auf den Islam reduzieren könnte - dann hättest du sicher recht. Aber das ist trotz allem Anschein in den wenigsten Fällen so.
“Ohne ein dauerhaftes Konzept auf dem Zusammenleben organisiert werden kann ist mir das Risiko zu groß…”
Dieses Konzept gibt es in Deutschland schon. Unter ihr ist viel Platz für verschiedene Metaphysiken, Moralen und Lebensentwürfe. Dieses Konzept ist das Grundgesetz und die freiheitlich demokratische Grundordnung. Wenn dem noch eine verbindliche deutsche Leitkultur vorgeschaltet werden soll, wird es aber komplizierter. Wie soll die denn aussehen? Und was machen wir mit den Deutschen, die sich darin nicht integrieren wollen? Darum bevorzuge ich die liberale Demokratie, mit all ihren Schwächen und Schikanen. Sie ist einfach das beste, was wir gerade haben. Und Deutschland kann auf seine Version wirklich stolz sein. Und noch was: Die Deutschen bilden hier die Mehrheit. Sie sollten ohne Komplexe und schlechtes Gewissen diese Kultur vertreten und verteidigen - aber nicht gegen die Muslime, sondern aus Liebe zu Deutschland, wenn ich mal diese unter “normalen” Deutschen so unpopuläre Wortkonstellation verwenden darf. Wenn Muslime selbstbewusst auftreten - warum tun es die Deutschen dann nicht auch (ich meine damit jetzt nicht Straßenschlachten, sondern den friedlichen Alltag, der so viele Kategorien definiert)? Warum müssen Muslime als Anlass für manche Deutsche herhalten, um ihre Identität in Abgrenzung zu den manchen unlieben “Gästen” zu definieren? Ich glaube, die deutsche Kultur ist reich genug, dass sie einer derartigen Negativfolie nicht bedarf. Aber ich möchte mich da auch nicht zu sehr in “interne” Angelegenheiten einmischen (obwohl ich so “extern” nicht bin).
“dann wollen wir wenigstens unsere Religion und Kultur leben wie wir wollen”
Naja, da ist aber noch mehr im Gange. Selbst in der religiösen Jugend der Muslime ist eine deutliche Zuwendung zu eher typisch westlichen Tugenden wie Leistugnsorientiertheit und der Wunsch nach mehr Geschlechtergleichheit zu verzeichnen. Die Religion liefert die Identität und die Sinnesorientierung, ferner auch Lebenspraktiken - aber all dies findet in einer deutschlandtypischen Auslegung statt, die meiner Einschätzung nach ohne den Rahmen des GG nicht möglich wäre. Wenn hier das Argument der sozialen Brennpunkte kommt, dann glaube mir: Kein Türke würde freiwillg in einem sozialen Brennpunkt leben wollen, und lebten dort noch so liebe Türken. Und ich sage das als Türke, der sich für seine Wurzeln ganz und gar nicht schämt (warum schämen sich eigentlich so viele Deutsche so etwas Banales in Bezug auf ihr eigenen Wurzieln zu formulieren? Dafür können die Türken nun aber wirklich nichts…).
Ich persönlich glaube, dass sich - speziell in meinem Umfeld - deutsch-türkisch-islamische Identitäten ausgebildet haben und weiterhin ausbilden. Das Problem an der ganzen Sache ist: Das deutsche Element wird oftmals weder von dem Muslimen, noch von Deutschen als solches wahrgenommen. Vielleicht wäre das alles einfacher, wenn die Deutschen selbst ein klareres Verhältnis zu ihrem Deutschsein hätten.
“Also keine (Blinden)Hunde mehr in unseren Stadtvierteln,”
Come on, Mattes. Es gibt ganze Häuserblocks im toleranten stuttgarter Raum, wo man keine Türken als Mieter haben will, weil das dort den Kaufwert der Wohnungen senken würde. Das halte ich für viel bedenklicher als die Hundegeschichte, von der ich sicher bin, dass sie sehr sehr selten ist, wenn auch zugegebenerweise grotesk und aus der Sicht der Deutschen völlig nachvollziehbarerweise unsinnig - und mit einem prinzipiellen Verbot hätten auch viele Muslime ein Problem.
“das Recht zu schächten in für jeden Metzger”
Das wird sicherlich zu keinem Bürgerkrieg in unseren Städten führen. Auch bleiben hier mehrere Prozeduren für Schächtungen offen. Außerdem ist mittlerweile auch Wiesenhof zum islamischen Schächten übergegangen - wiederum aus klugem Profitkalkül. Darum die Frage: Wie schlimm ist das wirklich?
“kein Bilderzwang mehr in den Ausweisen”
Wenn du das erwähnst, dann gehe ich davon aus, dass es solche Fälle gibt, auch wenn ich nicht den Anflug eines Gerüchts im migrantenreichen Stuttgart dazu vernommen habe (man helfe mir nach, wenn ich mich irre). Die Lösung besteht meines Erachtens im offenen Diskurs der beteiligten Parteien, wobei auch innerislamisch mehrere Stimmen eingeholt werden sollten. So kann man auch auf pseudoislamische Ansprüche reagieren. Mir ist nicht bekannt, dass in meinem Umfeld jemand auf eine derartige aberwitzige Idee gekommen wäre. Natürlich wäre das alles viel Unkomplizierter, wenn es keine praktizierenden Muslime in Deutschland gäbe, wenn seinerzeit nur Gastarbeiter aus christlichen Ländern angeworben worden wären etc. etc. Aber such ist life, das ist das Material mit dem wir nun mal weiterarbeiten müssen. Also nützen retrospektive Idylleszenarien niemanden, außer höchstens den Rechtspopulisten, die Migranten gerne wieder in ihre “Heimat” schicken würden.
“Wie geht es dann weiter?”
Mmhh.. Ich glaube auch, dass noch eine ganze Reihe skurriler Forderungen folgen könnten. Aber das bereitet mir keine großen Kopfzerbrechen . Zu einem großen Teil werden das Einzelfälle bleiben. Die Gesellschaft wird dadurch nicht ins Chaos versinken. Auch wird es keine befreiten Zonen geben, in denen die Shari’a eingeführt wird oder so. Ich halte die meisten Chaosszenarien für an den Haaren herbeigezogen. Und ich ziehe diesen Optimisus aus meiner Erfahrung, dass (1) die meisten religiösen Muslime sehr wohl auf die Sensibilitäten der Mehrheitsgesellschaft achten , (2) die meisten Probleme keine ideologischen, sondern soziale Hintergründe haben, was sich in sehr kurzer Zeit zum Positiven (aber leider auch zum Negativen) wandeln kann, und dass (3) die Überbetonung von skurrilen Erwartungen muslimischer Einzelfälle den meisten Muslimen sehr peinlich sind und eigentlich nur durch die mediale Aufmerksamkeit eine unverdiente Omnipräsenz erhalten.
Weißt du, mein Problem ist, dass ich zu viele Muslime aus verschiedensten Schichten und Altergruppen erlebt habe, die zwar in vielerlei Hinsicht traditionell sind, aber gerade die klassischen Muslim-Kriteirien deutscher Kulturkämpfer nicht zu erfüllen bereit sind: anständige Leute, konservativ, aber weitgehend integriert, leistungsbereit und unkompliziert. Solange ich das erlebe, bleibe ich bei meinem Optimismus.
Was haben wir denn auch sonst, außer einem aktionistischen Optimismus?
Was ist denn die Alternative dazu Entwicklungen zu verfolgen und mitzusteuern und daran zu glauben, dass ein ehrlicher Dialog und bei gegebener Kompetenz ein kritischer Diskurs uns klarmacht, was dem anderen wichtig ist?
Andererseits ist es ohne Zweifel auch wahr, dass Deutschland sein Gesicht verändert hat. Das ist aber nicht rückgängig machbar. Ob es ein Fehler war Migranten einer bestimmten Religion mehrheitlich aus einer bestimmten sozialen Schichte herzuholen ist eine anachronistische Diskussion. Mir und hunderttausenden junger Muslime nützt die Frage nichts, ob wir es “zuhause” nicht leichter hätten. Wir SIND hier zuhause.
Und Integration ist ein Prozess der mehrheitlich die Migranten betrifft - aber auch die Mehrheitsgesellschaft braucht eine Integration in die neue, wohlgemerkt pluralistischer gewordene Gesellschaft. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass wir in einer multikulturellen Gesellschaft leben - aber dass diese multikulturelle Gesellschaft den Diskurs braucht. Denn die Minderheit fühlt sich unverstanden, und die Mehrheit stellenweise überfremdet. Eine komische Beziehung ist das, in der wir leben… Man könnte sagen: eine Art Zwangsheirat. Aber warum motzen, wenn man nicht auch das beste daraus machen kann? Bei mir ist daraus Liebe geworden - warum sollte es bei anderen nicht auch möglich sein?
Ich verstehe es, wenn manche Deutsche sich Sorgen um die Zukunft deutscher Kultur machen. Du wirst aber bestimmt nachvollziehen, dass mir die Interessen der Migranten auch als beachtenswürdig erscheinen, auch wenn diese bisweilen rein religiös bedingt sind. Man vergesse aber nicht: Auch die Wahrnehmung von Religion verändert sich. Auf meinem Blog habe ich Texte eingestellt, die einen Eindruck davon vermitteln sollen, auf welchen theoretischen und praktischen Grundlagen deutsch-türkisch-islamische Identitäten (oder andere nationale Mischkulturen) entstehen. Mein Projekt steht noch am Beginn. Aber ich bin an Meinungen, Gegenmeinungen und Anregungen sehr interessiert.
Nun hoffe ich, dass ich dich nicht wegtextet habe und zumindest bisschen auf deine Frage antworten konnte. Sie hat mich zum Schreiben inspiriert. Vielleicht mache ich aus einigen der Diskussionsbeiträge hier eigene Artikel. Nur an der verfluchten Zeit mangelt es, wo man auch hingeht, waaaah…
Mich würde hier noch interessieren: Wie stellst du dir ein dauerhaftes Konzept des Zusammenlebens vor, wenn dir meines nicht aussichtsreich erscheint? Kannst dich gerne knapper halten als ich.
Ach und noch was: Mich würde auch interessieren, was die anderen Leser, vor allem auch die muslimischen zu den hier geäußerten Aussagen meinen. Sehe ich die Situation aus der Sicht der muslimischen Leser richtig? Oder verallgemeinere ich einfach unzulässigerweise meine positiven Erfahrungen mit Deutschland und meine Sicht auf den Islam? Und an die nicht muslimischen Leser: Ist meine Argumentation plausibel? Oder widerspricht sie völlig Ihren Erfahrungen und Eindrücken? Alles, was ich schreibe, ist vorläufig und ich bin an einer ständigen Korrektur interessiert, also bitte ran an die Tasten und raus mit den Argumenten, ich bin für jedes Feedback dankbar.
Mit besten Grüßen und Selam,
Hakan Turan
7.10.2009 bei 04:42
Liebe Leserinnen und Leser,
ich hatte in 21. einen kritischen Kommentar zu Katzenvaters Aufruf zum Boykott des deutschen Staates in 18. geschrieben. Wenn ihr mal sehen möchtet, welche Reaktionen ein Kommentar wie 18. von Katzenvater bei Islamgegenern, die zudem sehr fleißig und gründlich recherchieren, auslösen kann, dann schaut doch mal in den vorletzten Kommentar in http://blog.zeit.de/joerglau/2009/10/02/iran-gibt-weniger-furs-militar-aus-als-schweden_3080/comment-page-2#comments und dann in die interessante Diskussion auf der Folgeseite http://blog.zeit.de/joerglau/2009/10/02/iran-gibt-weniger-furs-militar-aus-als-schweden_3080#comments rein. Dort könnt ihr sehen in welcher Schublade extreme Einzelmeinungen aus muslimischen Kreisen landen, und wer da zur Strafe für ausbleibenden Widerspruch noch alles in dieselbe Schublade gesteckt wird: eine große Minderheit unter den Muslimen. Manchmal weiß ich nicht, ob ich mich eher über die Hysterie der Islamgegner, oder über die Hysterie mancher Glaubensbrüder ärgern soll. Am besten: sich gar nicht ärgern und es selbst besser machen. An dieser Stelle ein Dank an meinen guten Freund Serdar und an Boothby, die sich für meine “Ehrenrettung” eingesetzt haben.
Schlaft inshallah gut, hayirli geceler, نوم العافية…
7.10.2009 bei 22:48
Hallo Hakan
Ich fühle mich von der Textfülle ein bischen erschlagen, ganz einfach weil ich nicht genug Zeit habe um das alles aufzuarbeiten. Deshalb habe ich mal zwei Punkte rausgegriffen.
Das Regelwerk zum Zusammenleben gibt es bereits, das ist das Grundgesetz, aber ein Bekenntnis zum Grundgesetz kann nicht so aussehen: “http://www.zeit.de/online/2009/22/muslime-zentralrat-mazyek”. Solche Rethorik alarmiert mich im höchsten Maß, ich kann für diese rethorischen Winkelzüge nur eine Erklärung finden und die ist eine “hidden agenda”. Von Kolat und seiner fünften Kolonne Ankaras (oder besser Istanbuls) mal ganz zu schweigen.
Zum Thema “Wir SIND hier zu Hause”: jemand der seine Mitbürger als “Scheißdeutsche” bezeichnet oder wie in Hamburg nach dem Mordprozess gegen diesen sogenannten Ehrenmörder irgendwas von “scheiß deutschen Nazis” rumgrölt, der wohnt vielleicht in Deutschland, aber er ist NICHT hier zu Hause!!!
Ich finde es übrigens nicht nebensächlich wenn Tiere geschächtet werden, Tierschutz, die Achtung gegenüber Mitgeschöpfen halte ich für einen wesentlichen Teil der Kultur.
Das Problem das ich sehe ist das hier von weiten Teilen der an der Diskussion beteiligten eine regelrechte Denkblockade gegenüber möglichen Konsequenzen der Entwicklung besteht. Mal ein Beispiel und ein Gedankenexperiment:
Natürlich ist auf theoretischer Ebene Kleidung eine Entscheidung des Individuums. Aber das ist nur die theoretische Seite. Stell Dir vor Du bist als Frau im Bikini in einem Freibad wo auch eine ganze Menge Männer sind und alle anderen Frauen tragen Burkini. Wenn diese Vorstellung Dir nicht klar macht warum Deine Theorie von der ach so bunten Gesellschaft nicht für alle eine positive Aussicht fällt mir nichts mehr ein.
8.10.2009 bei 03:27
Tut mir leid Mattes, deine Antwort ist eine einzige Enttäuschung und ich habe mit der Diskussionskultur, die du hier aktualisierst, einige gewaltige Probleme.
Zum einen gehst du - aus Zeitmangel natürlich - auf keinen einzigen meiner sehr ausführlich dargelegten Punkte ein. Stattdessen nimmst du meine Aussagen zum Anlass einen Stein nach dem anderen aus dem Antiislamsteinbruch hereinzutragen und auszustellen. Ich könnte jedes Mal noch so ausführlich darauf antworten, aber wiederum würdest du nur auf das eingehen, woran du den nächsten Stein aus dem Steinbruch vorführen kannst. Das könnte ewig so weitergehen, aber ich habe einfach keinen Bock darauf, verstehst du? Ich fordere vernünftige Argumente und nachvollziehbare Stellungnahmen, und keinen Anflüge von stark rechts riechender Antimoslemhetze, die sich auf Debatten nur einlässt um dem Gegenüber und vor allem der Leserschaft immer wieder und wieder die selben Themen der Anti-Islam-Internet-Stammtische darzubieten. Damit schreckt man die Mehrheit der am sachlichen Diskurs interessierten Leser ab - aber dazu wurde dieser Blog hier nicht eingerichtet.
Wenn du schreibst
”jemand der seine Mitbürger als “Scheißdeutsche” bezeichnet oder wie in Hamburg nach dem Mordprozess gegen diesen sogenannten Ehrenmörder irgendwas von “scheiß deutschen Nazis” rumgrölt, der wohnt vielleicht in Deutschland, aber er ist NICHT hier zu Hause!!!”
dann dreht sich mir - sorry vielmals - der Magen um. Jeder, der auch nur paar Zeilen meiner letzten Antwort an dich gelesen hätte, wüsste, dass ich mit “wir” nicht diese Halbstarken meine. Welche Arten von Leuten ich stattdessen meine, könntest du kinderleicht dem Kontext entnehmen, aber das ist dir völlig gleichgültig, weil es Leuten wie dir nicht um Verständigung, sondern um Bloßstellung und Verächtlichmachung geht. Vermutlich siehst du darin die Lösung der Moslemfrage in Deutschland: Solange demütigen und bloßstellen, bis sie von allen derart gehasst werden, dass sie entweder “heimgehen”, oder einen inneren Resetknopf drücken, nachdem sie nicht mehr als Muslime zu erkennen sind. Dass es genügend vorführbare Fälle von grandios gescheiterter Integration geht, kommt dir da gerade recht. Damit lädst du freilich nicht zur Diskussion ein - dafür ist ja keine Zeit - , sondern du schmeißt Millionen Muslime in einen Topf, klebst das Gesicht eines Halbstarken drauf und wirbst dafür, dass diese riesige Masse an Menschen an der Schuld Einzelner abgeurteilt wird. Wäre es dir recht, wenn die Deutschen ständig mit Nazis gleichgesetzt werden würden? Sicherlich nicht - völlig zurecht. Dann wirst du aber auch eines Tages verstehen müssen, warum mir bei einem Kommentar wie deinem die Lust zum Argumentieren vergeht.
Wie verhielte es sich nach deinem obigen Kommentar eigentlich mit Leuten, die nicht “Scheißdeutscher”, sondern “Scheißtürke” gröhlen? Sind diese denn in Deutschland zu Hause? Ist denn der Mörder von Marva el-Sherbini, der diese unbescholtenen Frau, als “Nutte”, “Islamistin” und “Terroristin” beschimpfte und sie schließlich bestialisch vor den Augen ihrer Familie ermordete in Deutschland zuhause? Sag mir bitte: Sind diese in Deutschland zu Hause? Ja oder nein? Ist er hier mehr oder weniger zuhause als der, der “Scheißdeutscher” gröhlt? Was zum Teufel ist das für eine beschissene Diskurskultur im Internet, in der man sich eine derartige Rhetorik am laufenden Band leistet, ohne sich auch nur einen Moment dafür schlecht fühlen zu müssen?
Mit solchen unfairen Fragen bzw. “Feststellungen” wie deinen zu provozieren hilft sich emotional hochzukochen, gegen die dummen anderen, in deinem Fall gegen die dummen Türken und Araber. Es hilft so manchem, sich seinen Hass auf Muslime so zurechtzulegen, dass man sich noch in den Spiegel schauen kann, ohne sich als fremdenfeindlich fühlen zu müssen. Aber es vergiftet jeden Diskurs und führt zu den unsäglichen Müllhalden in allen offenen Blogs, in denen jeder Türkenhasser und Moslemverachter seinen Mist abladen kann und sich keinen Moment verpflichtet fühlt auf sein Gegenüber auf Augenhöhe einzugehen. Und darauf habe ich abermals keinen Bock.
Wenn du schreibst
”Das Regelwerk zum Zusammenleben gibt es bereits, das ist das Grundgesetz, aber ein Bekenntnis zum Grundgesetz kann nicht so aussehen: http://www.zeit.de/online/2009/22/muslime-zentralrat-mazyek. Solche Rethorik alarmiert mich im höchsten Maß, ich kann für diese rethorischen Winkelzüge nur eine Erklärung finden und die ist eine “hidden agenda”.”
dann drängt sich mir der Eindruck auf: hysterische Anti-Islam-Paranoia erster Klasse, bar an Argumenten aller Art. Jeder hier sollte mal Mazyeks Interview lesen und selbst urteilen - das meiste, was er schreibt, ist unter den meisten Muslimen in Deutschland common sense. Er streift auch Problemthemen, jedoch nur sehr kurz, aber dennoch deutlich genug, was aus meiner Sicht völlig berechtigt ist - oder sollte er nun auch die ganze Anti-Islam-Agenda runterlesen, kommentieren, bestätigen, auf muslimischen Patriarchen und Fundamentalisten verweisen und sich anschließend vom Islam distanzieren? Was wollt ihr eigentlich? Erwartet ihr wirklich im Ernst, dass eines Tages die Muslime kommen und sagen: Ok, wir haben gestern Abend beim Teetrinken festgestellt, dass sich der Islam und das Grundgesetz nicht vertragen, also distanzieren wir uns vom einen, oder dem anderen. Diesen Bullshit verkaufen seit Jahren schon die Vulgärislamisten als den Weg der Seligkeit und die vulgären Antiislamer als den Weg zur Integration. Sie wollen einfach nur draufhauen und polarisieren - und da ist jedes rhetorische Mittel recht. Sie alle bedienen primitive dualistische Weltbilder - sie interessieren sich weder dafür, was die realen Muslime wirklich denken und wie sie leben wollen, was sie überhaupt über den Islam und die Sharia wissen, wie die Muslime überhaupt zu islamischem Recht stehen, wie verschieden die Sichtweisen zu all dem sind, und wie sie Moderne und Religion miteinander aussöhnen und in welchem dramatischem Wandel das islamische Selbstverständnis und das klassische islamische Recht heutzutage ist. Jeder Anflug von Differenzierung und Kontextualisierung ist diesen Leuten fremd, und das macht einen symmetrischen Diskus so gut wie unmöglich. Warum bitte, lieber Mattes, sollte ein Muslim sich auf einen Diskurs einlassen, in dem er ständig nur reagieren und Dresche abwehren soll? Wieso können wir nicht einfach alles mit pro und contra differenziert ausdiskutieren, immer unter dem Vorbehalt, dass wir uns irren, oder den anderen falsch verstanden haben könnten? Wieso gelten elementare Regeln der Logik und die Unmöglichkeit von Verallgemeinerungsschlüssen nicht mehr, sobald es um Muslime geht?
”Stell Dir vor Du bist als Frau im Bikini in einem Freibad wo auch eine ganze Menge Männer sind und alle anderen Frauen tragen Burkini. Wenn diese Vorstellung Dir nicht klar macht warum Deine Theorie von der ach so bunten Gesellschaft nicht für alle eine positive Aussicht fällt mir nichts mehr ein.”
Nein, diese Vorstellung macht mir im Moment gar nichts klar, auch habe ich mir Zeit meines Lebens noch nie Gedanken um Burkinis gemacht. Aber wahrscheinlich bin ich da einfach noch nicht reif genug um die Tragweite dieses schrecklich Horrorszenarios zu begreifen. Bis dahin werde ich mich bemühen mich an den Problemen da draußen zu orientieren und dafür Lösungsmöglichkeiten zu suchen.
Womöglich hast du eine solche aufgebrachte Antwort nicht erwartet, tut mir leid, wenn das etwas plötzlich kam. Aber dir ist hoffentlich klar, dass es mir nicht um dich, sondern ganz allgemein um eine bestimmte Kommunikationsart geht, die ich hier auf meinem Blog nicht haben will.
Da mir einfach die Zeit fehlt hier auf die absehbar vielen Anti-Islam-Kommentare zu antworten, und da ich weiß, dass sich praktisch alle Leser irgendwann mehr für die Anti-Islam-Hetze im Kommentarbereich interessieren, als für die eigentlichen Texte des Blogs, ist der Kommentarbereich ab sofort geschlossen.
Ich bitte darum Kommentare an meine Mailadresse andalusian@gmx.net zu schicken. Ich werde die Zusendungen selber in den Blog einstellen, auch die kritischen Beiträge, die mir persönlich sehr wichtig sind.
Was ich aber aussortieren möchte sind Beiträge vom genannten Typ, aus Gründen, die ich versucht habe plausibel machen. Wer jene Beiträge vermisst, der findet dieser Art sehr schnell in zahllosen Foren im Internet.
Nimm mir das bitte nicht übel, Mattes. In der Realität würden wir uns gewiss besser verstehen und ergiebiger diskutieren können als hier. Ich würde mich über Mails von dir freuen - und das ist nun nicht dahergelabert. Ich möchte aber, dass du verstehst, dass dieser Blog nicht der richtige Rahmen für eine vulgarisierten Diskurs ist. Ich verspreche, dass ich Mails von dir - und von anderen, die ähnlich denken wie du - auch öffentlich würdigen werde.
Gute Nacht und beste Grüße,
Hakan Turan
8.10.2009 bei 18:42
So, das war gestern genug Gemeckere von mir. Die Kommentarfunktion ist wieder aktiv und ich werde in regelmäßigen Abständen die Beiträge freischalten.
Ich hatte im Übrigen nochmals eine sachliche Rücksprache mit Mattes per Mail, worüber ich mich wirklich gefreut habe. In Kürze möchte ich ggf. dazu nochmals Stellung beziehen.
9.10.2009 bei 23:11
Ich hoffe doch, das hier wieder weiterdiskutiert wird
10.10.2009 bei 00:38
Mattes schrieb mir als Antwort auf meinen Kommentar 28 folgende Mail, die ich hier mit seiner Erlaubnis veröffentliche:
Hallo Hakan
Nicht nur Du hast mit dem Niveau dieser Diskussion ein Problem.
Es gibt für mich nicht verhandelbare Punkte, zum Beispiel das Bekenntnis zum Grundgesetz. Wenn mich das zum Paranoiker qualifiziert, nun gut.
Es steht Dir natürlich auch frei mich als Paranoiker zu betrachten, wenn Du etwas gegen meine Paranoia tun willst, dann schreib doch einfach auf Deinem Blog:
“Ich Hakan Turan, erkläre hiermit das für mich das Grundgesetz uneingeschränkt Gültigkeit hat und im Zweifelsfall Vorrang vor religiösen Vorschriften hat”.
Mach das und wir können die Diskussion beenden und ein Bier trinken gehen, oder Jasmintee oder was immer Du trinken willst :-). Du kannst es auch lassen, dann nehme ich mir die Freiheit Dich weiterhin als Rethoriker zu betrachten, meine Liste der Leute auf die ich Hoffnung gesetzt habe um einen Eintrag kürzer zu machen und weiterhin meine Paranoia zu nähren.
Das Du jede Kritik als kindisch oder “Islamhass” abtust ist zwar menschlich verständlich, aber zu reagieren indem Du in einer wutschäumenden Textlawine unhaltbare Analogien einbettest bringt nichts.
Zwei Punkte dazu:
1) Ich bedaure das es in Deutschland Hetzer und Mörder gibt, aber deshalb hat der deutsche Staat noch lange nicht die moralische Verpflichtung alle fremden Hetzer und Mörder gleichberechtigt zu behandeln und allen Mördern und Hetzern dieser Welt freien Aufenthalt zu gewähren.
2) Du kannst Dich über mein mehr oder weniger gelungenes Burkinibeispiel auch lächerlich machen, es sei Dir gegönnt. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache das Du Dich weigerst zur Kenntnis zu nehmen das die persönlichen Freiheiten auch Rückwirkungen auf gesellschaftliche Prozesse haben. Das berühmte Böckenförde-Theorem, schon wieder mal.
Das Du meine Bedenken entweder als krank (Paranoia) abqualifizerst oder so tust als würdest Du sie nicht verstehen fördert meine Selbsteinsicht nicht wirklich. Ich kann nachvollziehen das Deine Nerven blank liegen, es muß schwierig sein als Moslem in Deutschland in diesen Zeiten ein positives Selbstverstädnnis zu wahren, aber die Diskussion abblocken und anderen Meinungen und Bedenken die Existenzberechtigung abzusprechen löst das Problem nicht, auch wenn es um Deinen Blog geht und Du Dich hier durchsetzen kannst.
Ich glaube alles in allem bin ich bei weitem nicht so emotional aufgewühlt wie Du, aber wenn Du Dich wieder beruhigt hast solltest Du vielleicht über Eines nachdenken:
Ich sehe mit Sorge das sich in der deutschen Gesellschaft das Potential für einen massiven backlash aufbaut, willst Du den wirklich erleben?
Wir leben in einenm gemeinsamen Land und solange Du meine Bedenken nicht ernst nimmst musst Du den Druck aushalten den ich deswegen produziere und von meiner Sorte gibt es eine ganze Menge.
Mit hoffentlich bald weniger paranoiden Grüßen, Mattes
20.10.2009 bei 22:12
Zuerst einmal Kompliment für diesen zum Nachdenken anregenden Text.
Das einzige, das ich bemängeln muss, ist die Tatsache, dass du zu wenig kritisch gegenüber den westlichen Mächten bist, die die Ursache für solche Pestbeulen wie die AlQaida sind. Man sollte nicht vergessen, dass diese Leute erst durch den CIA aufgebaut wurden um den sowjets einzuheizen.
Bei allem Respekt unseren deutschen Mitbürgern
gegenüber sollten wir nicht vergessen, dass die meisten Deutschen Vorurteile auch gegen die sogenannten Ausländer hegen, die einen deutschen Pass haben und sich ab und zu mal ne Rote reinziehen. peace.
25.10.2009 bei 19:17
Danke für diese gute Stellungnahme ! Sehr wichtig, dies von muslimischer Seite einmal so deutlich zu hören, weil dies klarmacht, dass die Islamphobie Angst vor einer radikalen Minderheit schürt, und dass die große Mehrheit der Moslems nichts mit diesen radikalen Machenschaften zu tun hat, auch ideell nicht.
Wir haben auf www.theolounge.de darauf verlinkt.
11.11.2009 bei 19:47
Hallo, ein sehr fesselnder Blog. Auch ich mache mir große Gedanken um den Afghanistan Einsatz. Ich sehe dann immer die Beiträge über die Mädchen, die sich freuen zur Schule gehen zu dürfen und die Frauen, die auch gerne mehr Freiheit haben möchten. Und jetzt über die Anschläge in Pakistan. Was können wir tun? Für mich ein sehr intensives und wichtiges Thema. Ich habe ein muslimisches Patenkind in Afrika und schaue auch deswegen immer genau hin, wie sich dieser und andere Konflikte entwickeln.
Ich liebe unsere Gesellschaft dort besonders, wo sie aus aller Herren Länder wundervolle Einflüsse erhält und hoffe auf ein echtes Aufeinander zugehen. Wichtig bleibt, wie ihr auch schon schreibt, dass das Grundgesetz das Wichtigste an unserer Ordnung ist und bleibt, und das für alle Menschen.
LG
Angie