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“Ez jı te hez dıkım” - oder die türkisch-kurdische Tragödie
3.9.2009 von Hakan Turan.
Manchmal gelingt es Kolumnisten mir völlig unerwartet ein schlechtes Gewissen zu machen - zuletzt ist dies Ihsan Dağı von der türkisch-konservativen Tageszeitung Zaman gelungen. Der für mich absolut nichts sagende Titel “Ez jı te hez dıkım” hat mich, der ich mich eigentlich für tolerant, weltoffen und emfindlich gegenüber jede Form chauvinistischer Diskriminierung halte, auf einen peinlichen blinden Fleck - genaugenommen: einen blinden Fleck der Türken überhaupt - aufmerksam gemacht.
Der Autor hebt hervor, dass seit gut tausend Jahren Kurden und Türken zusammenleben - doch obwohl man in der Türkei den Kurden selbstverständlicherweise ein Beherrschen der türkischen Sprache abverlangt, würde sich so schnell kaum ein Türke finden, der auch nur einen Satz kurdisch spricht. Darum könne man seinen kurdischen Mitmenschen weder auf Kurdisch einen guten Morgen wünschen, noch ihm sagen, dass man ihn liebt - genau letzteres ist übrigens die Bedeutung der Überschrift von Dağıs Text. Zumindest behauptet er, dass dies die Bedeutung sei und ich glaube ihm das einfach. Denn auch ich verstehe kein Wort Kurdisch, und ganz wie es Dağ pauschal den Türken unterstellt, trifft es auch auf mich zu, dass ich nicht im Traum daran denken würde mal ein paar Worte Kurdisch zu lernen.
Wozu denn auch - nicht wahr?
Dies ist meines Erachtens ein Paradebeispiel für einen anerzogenen blinden Fleck. Die Gründer der Republik wollten das Volk unter einem staatlich definierten Türkentum vereinen. Für die Kurden hatte das zur Folge, dass sie im Gegensatz zu den Armenieren und Griechen nicht einmal einen Minderheitenstatus zugeschrieben bekamen. Sie waren in Wirklichkeit Türken - zumindest laut Gesetz. Ebenso definiert dieses, dass die Muttersprache aller türkischen Bürger türkisch ist. Insofern ist das Türkentum der Republik nicht biologistisch zu verstehen, sondern als homogenisierte kulturelle Identität, deren Details staatlich vorgegeben wurden. Das hat zur Folge, dass Kurden alle Bürgerrechte wahrnehmen und bis in die höchsten Ämter aufsteigen können - allerdings zum Preis weitgehender Assimilation. Bis vor einigen Jahren war es sogar noch verboten auf Kurdisch zu publizieren. Hier sind auch die Ursachen der Fremdheit der Türken gegenüber dem Kurdischen zu suchen. All dies hat in den letzten Jahren jedoch angefangen sich grundsätzlich zu verändern.
Die konservative AKP-Regierung unter Erdoğan hat nun einen größeren Schritt gewagt und versucht sich offiziell an einem ”kürt açılımı”, was man etwas frei als Öffnung gegenüber den Kurden übersetzen könnte. Damit soll unter anderem eine Beseitigung von Benachteiligungen der Kurden und eine Aufwertung der kurdischen Sprache in der Türkei einhergehen. All dies ist ein Bestandteil des Demokratisierungskurses der Regierung. Doch der Widerstand der Oppositionsparteien ist immens. Daher hat man den Titel mittlerweile auf “demokratik açılım” heruntergekocht. Der Widerstand liegt zum einen daran, dass der Innenminister Beşir Atalay trotz mehrfacher Ankündigung den Inhalt der geplanten Öffnung immer noch nicht transparent gemacht hat und somit die öffentliche Skepsis befördert. Zum anderen steht da ein reflexhaftes, gerdazu programmatisches Festhalten mancher Kreise am Status Quo. Wenn Erdoğans Regierung es tatsächlich schaffen sollte das nicht mehr abgeleugnete Kurdenproblem zu lösen, dann drohen den ohnehin handlungsunfähigen Oppositionsparteien massive Stimmeneinbrüche. Scheitert das Projekt jedoch an der zunehmenden Kritik seiner Gegner, könnte dies für die ins Kreuzfeuer geratene AKP vergleichbare Folgen haben.
Sowohl in den konservativen, als auch in den liberalen Kreisen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass das Kurdenproblem nicht identisch ist mit dem PKK-Problem. Das ist die Legitimation dafür, dass die Regierung sich überhaupt an das heiße Eisen wagen kann. Denn die terroristische PKK ist und bleibt als Gesprächspartner ausgeschlossen. Vielmehr möchte man die Diskriminierung der Kurden bekämpfen um so letztlich auch der PKK ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Den militärischen Konflikt im Südosten, der zehntausende Menschenleben gefordert hat, endgültig zu beenden ist letztlich das ehrgeizige Endziel der Öffnung.
Selbst der berühmte kemalistische Nationalist und AKP-Kritiker Hıncal Uluç hatte in einem überraschenden Beitrag in der Tageszeitung Sabah angekündigt, dass er das nächste Mal Erdoğan wählen würde, wenn dieser es schafft das Kurdenproblem zu lösen und für anhaltenden Frieden zu sorgen. Allerdings droht die Chance auf eine Lösung unter den jetzigen Umständen wieder in die Ferne zu rücken - nicht zuletzt auch deshalb, weil die politische Repräsentanz der Kurden seit den letzten Debatten ihren Ton dem der unversöhnlichen Nationalisten angenähert hat.
Für Ihsan Dağı besteht die Lösung des Kurdenproblems zu einem großen Teil in einer Anerkennung der kurdischen Sprache. Solange das Kurdische von den Türken nicht als normale, natürliche und auch der Türkei zugehörige Sprache anerkannt wird, könne das Zusammenleben zwischen Türken und Kurden nicht die stabile Grundlage finden, die sie braucht. Wenn man bedenkt, dass die Sprache das kulturelle Gedächtnis einer Nation darstellt, wird man ihm wohl Recht geben müssen.
Ich finde es erfreulich, dass der progressive Versuch die Kurden auch in ihrer Kultur gleichzustellen gerade von konservativer Seite vorangetrieben wird. Dieser Kurs wird von Seiten der EU und der USA zwar unterstützt und gefordert, was der Regierung seitens der Kritiker oft zum Vorwurf gemacht wurde. Dennoch kann man die jetzige Politik nicht allein auf die Erwartung des Auslandes reduzieren - denn zu oft schon hat die Türkei diesen Prozess hinausgeschoben, von dem der zermürbte innere Frieden und damit auch der Wohlstand des Landes abhängt. Es bleibt abzuwarten, ob die Konservativen ihren egalitären Kurs durchsetzen können, oder ob ihr Projekt inmitten von selbstverschuldeter Unbestimmtheit und der Skepsis der Kritiker bald schon zu Grabe getragen werden muss.
Auch die Religion spielt im ideologischen Kontext dieses Prozesses eine zwar weniger offensichtliche, aber dennoch prägende Rolle. So hat der konservative Intellektuelle Ali Bulaç darauf hingewiesen, dass der Islam die Vielheit von Kulturen und Sprachen als einen gottgegebenen Reichtum in der Schöpfung ausgewiesen habe. In seiner Kolumne in der Zaman mit dem Titel ”Die Rechte der Völker und der Kurden” zitiert er den Koranvers: “Zu Seinen Zeichen gehört auch die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit euerer Sprachen und euerer (Haut-)Farben.” (30:22) Man kann und sollte diesen Vers in der Tat als Manifest gegen kulturellen und biologischen Rassismus lesen. Bedeutung gewinnt dieses Manifest allerdings erst dann, wenn es Menschen gibt, die dies von der Ebene der Theorie in ihren eigenen Alltag holen…
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