Archive für September 2009
An meinen fehlgeleiteten Bruder Bekkay
27.9.2009 von Hakan Turan.
Heute sind Bundestagswahlen und ich werde wählen gehen. Und obwohl ich mich innerlich nicht auf deine Drohbotschaft an das deutsche Volk einlassen wollte, verspüre ich doch das dringende Bedürfnis ein paar Dinge loszuwerden, bevor ich meinen Stimmzettel in die Wahlurne einwerfe.
Als ich kürzlich in der Bahn-Station auf den Zug wartete, las ich mir die an die Wand projizierten neuesten Nachrichten durch, bis ich auf dein Gesicht stieß. Inmitten von deutschen Bürgern, die wohl zu großen Teilen von der Arbeit auf dem Weg zu ihren Familien waren, las ich mir da beschämt durch, wie du im Namen meiner Religion stellvertretend für eine Gruppe fanatischer Sektierer namens al-Qaida Deutschland Bedinungungen für die Wahl diktierst. Ginge vom Wahlergebnis nicht aus, dass Deutschland seine Truppen aus Afghanistan abziehen würde, dann müsse Deutschland mit Anschlägen rechnen.
Auch wenn mir meine muslimischen Freunde immer wieder davon abraten mir die Laune mit den Verlautbarungen religiöser Fanatiker aus den Reihen meiner eigenen Religion zu verderben, gab ich auch diesmal noch am selben Abend der Versuchung nach und hörte mir an, was du zu sagen hast. Ich wollte versuchen zu verstehen, was da dran ist, an den Propagandisten von Autobomben und Sprengstoffgürteln, die sich in jedem zweiten Satz auf Gott, den Koran, den Propheten Muhammad und die Interessen der Muslime berufen. Auch ich bezeuge, dass es nur einen Gott gibt, und dass Muhammad sein Gesandter ist. Auch mir ist der Koran heilig und ich befasse mich intensiv und gerne mit seiner Lehre. Insofern müssten wir beide doch eigentlich in einer so wichtigen Frage wie der, ob das Leben und Gut der nicht muslimischen Deutschen um uns herum unantastbar ist, oder nicht, schnell Übereinkunft finden. Ich meine: Entweder irre ich mich - und mit mir zusammen die erdrückende Mehrheit der Muslime - , und meine Religion verlangt unter den heutigen Umständen allen Ernstes, dass wir, bzw. eine stellvertretende Gruppe von uns, in einen bewaffneten Kampf gegen jene Gesellschaft zieht, die uns ungeachtet unserer Religion von allen Angeboten ihres Gesundheits- und Bildungswesens profitieren lässt, uns einen großzügigen Sozialstaat an die Seite stellt und uns religiöse und bürgerliche Freiheitsrechte gewährt, von denen wir in den meisten sogenannten islamischen Länder nur träumen könnten - eine in der Tat absurde Vorstellung. Oder du und deinesgleichen befinden sich in einem fatalen Irrtum - und laden eine untragbare Verantwortung auf sich, indem sie sich ohne die Zustimmung und Genehmigung der Muslime, ohne Deckung durch den Koran, und ohne die Beglaubigung der Vernunft das Recht nehmen wollen, wahllos unschuldige und unbescholtene Kinder, Frauen und Männer in Stücke zu reißen um anschließend die unvorstellbaren Konsequenzen für diese “große Tat” die muslimische Minderheit in Deutschland ausbaden zu lassen.
Auch ich halte zusammen mit den meisten Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland die Anwesenheit der deutschen Truppen in Afghanistan für problematisch. Gründe für diese Haltung gibt es zu Genüge - zuletzt waren da beispielsweise die zivilen Opfer des verheerenden deutschen Luftangriffs auf die von den Taliban gekaperten Tanklastwagen in Kundus. Zu den Gründen für meine kritische Haltung zählt jedoch gewiss nicht, dass ich oder sonst ein vernünftiger Muslim dem Regime der Taliban nachtrauern würde. Genauso halte ich es für eine Anmaßung von dir, wenn du im Namen des afghanischen Volkes sprichst, wo du doch nur die extremste Absplitterung davon meinst. Außerdem haben dort deinesgleichen das afghanische Volk zuletzt noch während den Wahlen terrorisiert, sei es durch Selbstmordattentate oder durch das Abhacken von Fingern, die die Wahlmarkierung trugen - und da gibst du dich noch als Verteiger der aghanischen Souveränität aus? Es gibt genug Gründe für das afghanische Volk und die Muslime die Taliban und al-Qaida abzulehnen - und mit ihnen ihre reaktionäre Herrschaftsideologie, die auf einer anachronistischen und unreflektierten Ausdeutung bzw. Instrumentalisierung der Shari’a basiert. Aber: Du und deinesgleichen, die ihr euch immer wieder anmaßt im Namen der gesamten Umma zu sprechen - welche Scham und welche Moral sollte euch davon abhalten die Interessen der Taliban und al-Qaidas mit den Interessen der Muslime überhaupt gleichzusetzen? Wer könnte euch noch daran hindern die verzweifelte Hassideologie einer kleinen Gruppe vor der Weltöffentlichkeit als den Islam auszugeben? Und wenn es irgendwo Dankbarkeit gegenüber den Taliban gibt, dann gewiss an oberster Stelle in den Reihen der Moslemverachter, die in den Taliban und euch genau das vorfinden, was sie uns allen gerne anhängen würden.
Wenn es falsch ist, dass Deutschland seine Truppen in Afghanistan positioniert hat, dann gibt es eine Reihe von Wegen dem entgegenzuwirken. Der schlechteste, unmoralischste, unislamischste und feigste Weg ist es dabei mit Anschlägen gegen Zivilisten in Deutschland zu drohen. Denn:
1) Ihr handelt ausschließlich in eurem eigenen Auftrag. Weder die Afghanen, noch die Muslime in Deutschland haben euch damit beauftragt hier Furcht und Schrecken zu verbreiten. Wie könnt ihr euch da erdreisten auf Kosten aller Muslime eure ideologischen Fantasien und Sehnsüchte ausleben zu wollen? Aber wahrscheinlich sind aus eurer Sicht ohnehin 90% der Muslime weltweit und in Deutschland Abtrünnige und Ungläubige - was sollte es das noch zählen, was diese denken, nicht wahr? Wenn es - Gott bewahre - eines Tages zu einem Anschlag in Deutschland kommt, dann werdet ihr Millionen von Muslimen hierzulande und in Europa in eine unkontrollierbare Situation bringen. Auch wenn ich den Deutschen mehr Besonnenheit zutraue als euch: Was uns bevorsteht, wird erniedrigend sein. Am meisten werden die Schwachen unter den Muslimen betroffen sein, allen voran die praktizierenden Muslimas. Deinesgleichen haben dies schon am 11. September getan: Eine vermeintliche Heldentat vollbringen und dann dem geschädigten Gegenüber eine taugliche Legitimation für Kriege auf lange Zeit gegen islamische Länder in die Hand geben bzw. dem Generalverdacht in den westlichen Gesellschaften gegenüber ihren muslimischen Minderheiten Vorschub leisten. Für Millionen Muslime weltweit wird die Welt nie wieder so sein, wie sie vor dem 11. September war. Ihr tragt da eine massive Mitverwantwortung. Ein Anschlag in Deutschland würde zu weiteren ähnlichen Konsequenzen im In- und Ausland führen.
2) Eine jede Aktion in diese Richtung würde zahllosen unschuldigen Menschen das Leben kosten. Einen unschuldigen Menschen auf eigene Faust ohne jeden Gerichtsprozess zu richten ist milde formuliert ein Verbrechen. Beachtet man den Umfang eurer Pläne, dann macht ihr euch bei vollem Bewusstsein zu Schwerverbrechern. Du weißt, dass der Koran das alttestamentarische Prinzip bestätigt hat, dass das Töten eines Schuldigen dem Töten der Menschheit gleichkommt (5:32). Und bei denen, die ihr zu töten droht, handelt es sich um Unschuldige, unabhängig davon, ob die deutschen Truppen Fehler begehen, oder nicht. Denn im Koran heißt es, dass kein Sünder für die Schuld eines anderen büßen wird, und dass jede Seele nur für seine eigenen Taten geradestehen muss (35:18, 17:15). Eine solche Individualisierung sieht der Koran auch für die Behandlung von Nichtmuslimen in Krieg und Frieden vor (60:8-9, 2:190). Dieses Prinzip der Individualverantwortung in Diesseits und Jenseits scheint euch aber gleichgültig zu sein. Ihr glaubt offensichtlich an so etwas wie Sippenhaft, was ein genuin unislamischer Gedanke ist. Ob es diesbezüglich Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten gibt, interessiert mich nicht. Jene “Gelehrten”, die für eure politischen Zwecke aus einer möglichen Schuld der einen eine Kollektivschuld herzuleiten versuchen, werden im Jenseits die Freude haben Gott zu erklären, aus welchem Grund sie ein fundamentales Prinzip des Koran und der Vernunft konsequent übergangen haben.
3) Verbrecher sollten den Namen Gottes und seines Gesandten nicht in den Mund nehmen - schon gar nicht vor der Weltöffentlichkeit, schon gar nicht vor den Augen jener Menschen, denen wir seit Jahren klarzumachen versuchen, dass aufrichtige Muslime nur für Recht und Gerechtigkeit stehen können. Oder glaubst du im Ernst, dass die Deutschen in deinem Angebot eine respektable “islamische Toleranz” erkennen werden, wie du es behauptest? Glaubst du im Ernst, dass ein vernünftiger Mensch, der bei Sinnen ist und nicht unter dem Stockholm-Syndrom leidet, noch irgendeinen Grund finden könnte der Religion, die ihr zu verkörpern behauptet, etwas Positives abzugewinnen, geschweige denn ihr beizutreten? Wäre ich nicht schon Muslim und hätte ich so nicht schon die Gelegenheit gehabt ohne den Einfluss von Hassideologen die wahren Lehren des Islam kennenzulernen - bei Gott, nie würde ich einer Religion beitreten wollen, deren selbsterklärte Vertreter Menschen sind, die den Kindern, Frauen und integren Bürgern eines Landes Tod und Schrecken bringen wollen. “Ich bekomme Angst, wenn ich die sehe”, sagte mir mal ein junges muslimisches Mädchen, als sie im Fernsehen vor Hass wütende und schäumende Muslime aus deiner Ecke sah. Ist es wirklich das, was ihr wollt?
4) Du behauptest in einer Demokratie ginge alle Gewalt vom Volke aus - also müsse im Falle des Afghanistaneinsatzes auch das Volk, das die Regierung gewählt hat, gerichtet werden. Das ist also der faschistische Gedanke, mit dem eure Vordenker aus unschuldigen Zivilisten blutrünstige Soldaten machen. Bekkay, sag euren Ideologen, dass die Deutschen den Muslimen Deutschlands gegenüber trotz allen gelegentlichen Diskriminierungsvorfällen und Vorbehalten insgesamt sehr entgegenkommend, freundlich und ausgesprochen friedlich gesinnt sind, und dass der deutsche Staat eine ausgezeichnete rechtliche Situation seiner Muslime gewährleistet. Dafür dankbar zu sein, sehe ich als meine selbstverständliche moralische Verpflichtung. Diese Dankbarkeit erfordert jedoch auch eine gewisse praktische Loyalität, die dir und deinesgleichen jedoch gänzlich fremd zu sein scheint. Sag euren Ideologen, dass der deutsche Staat das Recht der Muslime hierzulande ebenso achtet, wie das der Christen. Und sag ihnen: Das Leben und das Gut der Muslime ist nach deutschen Gesetz unantastbar - unabhängig davon, was verwirrte Glaubensbrüder weltweit im Namen unserer Religion verbrechen. Die Deutschen handeln dabei interessanterweise ganz im Einklang mit dem oben erwähnten moralischen und koranischen Prinzip, demzufolge jeder Mensch nur für seine eigenen Taten geradestehen muss. Warum könnt ihr nicht auch so denken? Wie es aus eurer Sicht um die Sicherheit des Lebens und des Gutes deutscher Zivilisten steht, wenn z. B. der deutsche Staat sich in Unrecht gegen Muslime in Afghanistan verwickeln würde, habt ihr klar und deutlich ausgesprochen. Es ist für uns jedoch selbstverständlich, dass es keinen Unterschied in der Individualverantwortung von muslimischen und nicht muslimischen Bürgern geben darf - aber wenn es nach euch geht, gibt es da doch einen Unterschied, je nach dem, ob die deutschen Truppen am Hindukusch die afghanische Regierung gegen die Taliban zu stärken versuchen, oder nicht. Hier bringst du nun - ganz im Einklang mit den Argumenten eurer Vordenker - das Argument ein, dass in einer Demokratie das wählende Volk für die Taten der Regierung büßen müsse. Sag deinem Emir und euren Theoretikern, dass die Verantwortung eines Menschen einzig und allein durch seine realistischen Möglichkeiten vorgegeben wird. Denn im Koran heißt es, dass keine Seele über ihre Möglichkeiten hinaus zur Verantwortung gezogen wird (2:286, 65:7). Dies ist eines der ethischen Fundamentalprinzipien des Islam. In einer Demokratie geht entgegen der von dir naiv zitierten Theorie nicht alle Gewalt wirklich vom Volke aus. Es gibt ein bestehendes System, in das wir alle hineingeboren werden, und die Mitgestaltungsmöglichkeiten der Bürger sind selbst in der besten Demokratie ernüchternd gering. Unter diesen Umständen ist es eine Verhöhnung der Vernunft die Verantwortung für die aktuelle Politik einer Regierung jedem Individuum des Volkes anzulasten. Sowas könnte nur jemand befürworten, der die Demokratie als eine Art Kollektivreligion missversteht. Oder jemand, der nach einer billigen Legitimation für Terrorakte sucht. Nein, diese Moral entspricht nicht den Gerechtigkeitsprinzipien Gottes. Sofern ihr Muslime seid, seid ihr jedoch dazu verpflichtet nach den besagten unhintergehbaren Prinzipien zu handeln, wenn ihr islamisch handeln wollt - also unter Berücksichtung der Individualverantwortung und der realistischen Möglichkeiten des Individuums. Wenn es einen Anlass für euch gäbe militärisch zu reagieren - und den gibt es schon aufgrund eurer unbeglaubigten Repräsentanz nicht - , dann dürfte eure Reaktion also nur auf die Aggressoren gerichtet sein. So will es sowohl der Koran, als auch das Völkerrecht. Aber offensichtlich stört es euch nicht, dass in eurer Auslegung das islamische Recht deutlich anspruchsloser in Gerechtigkeitsfragen als das säkulare Völkerrecht dasteht. Im Übrigen ist auch das Bestehen eines islamisch legitimierten Verteidigungsfalles im Sinne des Dschihad in Afghanistan äußerst zweifelhaft, wie dies z. B. die ISAF-bejahende Haltung der afghanischen Mehrheit bezeugt. Auch bleibt angesichts eures Waltens der ernüchternde Verdacht bestehen, dass ihr bewusst oder unbewusst die größeren Feinde des afghanischen Volkes darstellt. Eure womöglich guten Absichten entschuldigen in Fällen wie diesen nicht die schlechte Tat. All dies bedeutet freilich auch nicht, dass der Afghanistaneinsatz in seiner jetzigen Form nun gut und richtig, geschweige denn notwendigerweise zu billigen wäre. Wir leben in keiner Schwarz-Weiß-Welt, Bekkay, das ist das, was ich hier sagen möchte.
Übrigens wird der Afghanistaneinsatz auch von den Steuern der Muslime, die ihr vor den Anschlägen ja angeblich schonen wollt, mitfinanziert - warum erklärt ihr diese dann nicht auch einfach zu Feinden, deren Blut und Gut antastbar geworden ist? Wenn ihr sagt: Diese machen das nicht freiwillig, dann wäre die logische Konsequenz auch zu sagen: Die meisten deutschen Bürger machen das nicht freiwillig - womit wir wieder bei meiner Aussage wären, dass auch in einer Demokratie nicht alle Gewalt in einem absoluten Sinne vom Volke ausgeht. “Das Volk” ist also ein heikler Begriff, da unter ihm sehr gegensätzliche Meinungen vertreten sind. Da hilft auch kein Verweis darauf, dass wenn die Mehrheit nun mal etwas wolle, die Minderheit dafür geradestehen müsse - was unmittelbar passiert, ist eine Frage der Realpolitik, und nicht des Willens der Mehrheit oder Minderheit. Damit sind euere wichtigsten Argumente für die Legitimation der Antastbarkeit des Lebens von Zivilisten widerlegt, selbst wenn der Afghanistaneinsatz ein aggressiver Krieg wäre.
5) Ich empfinde deinen Versuch die islamische Jugend in Deutschland anzusprechen und ihnen Anweisungen geben zu wollen, wie sie im Falle eines Anschlags vorgehen sollen, als blanke Anmaßung und Unverschämtheit. Die islamische Jugend in Deutschland will einen guten Schulabschlus, einen guten Beruf und aufsteigen. Sie will ihre Familien stolz machen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen - ja, sie will leben und leben lassen, nicht sterben und töten! Und sie will ihren Glauben und ihre Kultur gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auf eine würdige und glaubhafte Weise repräsentieren. Zahllose Muslime aller Schichten arbeiten hart dafür ein anständiges Leben zu führen und das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft zu verbessern. Sie übernehmen gesellschaftliche Verantwortung in allen Bereichen und schicken sich an ihrer Jugend vorzuleben, wie man als Muslim in Deutschland zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft wird. Ihr hingegen stellt genau das Gegenteil einer solchen gelingenden Existenz dar. Nur wer gar keinen anderen Weg gefunden hat seinem Leben einen Sinn und das Gefühl von Bedeutsamkeit zu geben, würde in hoffentlich sehr seltenen Fällen der Versuchung erliegen diese Bedeutung als lebende Bombe für terroristische Zwecke zu erlangen. Der Islam ist besser als das. Der Islam braucht das nicht. Insofern seid ihr ein extrem schlechtes Beispiel für alle junge Muslime. Und in den Augen vieler Deutscher entsteht durch euch der fatale Eindruck, dass ein Muslim, der seine Religion ernst nimmt, ständig Gefahr läuft auf solche irrigen Wege zu geraten. Mit dieser beispiellosen Öffentlichkeitswirkung bürdet ihr euch jedoch mehr Verantwortung auf, als ihr je tragen könnt.
6) Du behauptest, ein Attentat im Namen Gottes würde alle noch so großen Sünden des Gläubigen tilgen. Aber hier übersiehst du etwas. Kaum eine Sünde ist wohl größer als die, zu der du und deinesgleichen die Muslime einzuladen versuchen, nämlich das wahllose Töten von Zivilisten im Irrglauben, dass dies der Dschihad sei, von dem der Koran spricht. Eine Religion, die solche Anhänger hat, braucht eigentlich keine Kritiker mehr, da diese Anhänger ihre Religion wirksamer diskreditieren, als es alle Islamkritiker zusammen je schaffen würden. Ein wirklich grandioser Dschihad, Bekkay.
7) Die Mehrheit der Muslime weist deinen Emir, deinesgleichen und die von euch vertretene “Interpretation” des Islam weit von sich. Namhafte Gelehrte und Denker aus religiösen Kreisen haben sich unmissverständlich von allem distanziert, was mit Terror im Namen der Religion zu tun hat. Und sie haben dies völlig zurecht getan, ohne die Augen für das Leid der muslimischen Völker zu verschließen - sei dieses Leid nun durch Nichtmuslime oder Muslime verursacht. Manche haben geäußert, dass dein Emir Bin Laden zu jenen Menschen gehört, die sie am meisten auf der Welt hassen. Ich glaube an die Aufrichtigkeit dieser Äußerungen, da ich angesichts der hier in Kürze aufgeführten Punkte mich nicht grundsätzlich anders zu fühlen imstande sehe.
Es ist weder für dich noch für die anderen Fehlgeleiteten, die auf ähnlichen Wegen wie du irren, zu spät ihre Religiösität wieder auf religiös, rational und moralisch vertretbare Bahnen zu bringen - auf Bahnen, die den Muslimen eine würdige Zukunft und eine nachhaltige Lösung all ihrer weltlichen und religiösen Probleme ermöglichen werden. Über all dies können und müssen wir reden, sowohl in unserem Interesse, als auch im Interesse der Nichtmuslime.
Wenn aber im Zuge eures politischen Kalküls ein terroristischer Akt von euch gegen das deutsche Volk ausgehen sollte, dann lasst euch gesagt sein, dass wir hinter den Deutschen und Deutschland stehen werden, und dass ihr uns als eure Gegner vorfinden werdet, und dass wir alles tun werden, um uns die unvorstellbare Scham und Verlegenheit zu ersparen unseren Kindern und Jugendlichen eines Tages erklären zu müssen: Seht, ihre Mörder waren Muslime.
Im Namen aller Gleichgesinnten,
Hakan Turan
Geschrieben in Terror, Deutschland, Fundamentalismus, Menschenrechte, Islam | Drucken | 34 Kommentare »
Apostaten zum Tode verurteilt - durch den Islam?
12.9.2009 von Hakan Turan.
Dass auch konservative Islamgelehrte einen reformistischen Anstrich aufweisen können, zeigt sich vor allem bei Stellungnahmen zu besonders heiklen Themen im Umfeld des islamischen Rechts. Viele Muslime hierzulande, aber auch in vielen Teilen der islamischen Welt, beteuern eine selbstverständliche Glaubensfreiheit im Islam, die auch die Freiheit zum Abfall vom Islam einschließt. Dem halten die sogenannten islamkritischen Kreise und radikalislamische Fundamentalisten immer wieder entgegen, dass dies gelogen sei. Wer vom Glauben abfalle, werde im Islam mit dem Tode bestraft. Dies sei im islamischen Recht eindeutig und unwiderruflich festgelegt. Die radikalislamischen Fundamentalisten setzen dem noch eins drauf: Wenn ein Muslim behaupte, dass der Abfall vom Glauben nicht die Todesstrafe nach sich ziehe, dann falle auch er in diesem Moment vom Glauben ab und ziehe damit die Todesstrafe auf sich. Die Stellungnahme der meisten reformorientierten Autoren auf diese Aussagen lautet: Das meiste davon ist falsch. Diese Autoren müssen dabei noch nicht einmal zu den modernistischen Theologen gehören. Denn es gibt auch im wesentlich größeren traditionalistisch orientierten Lager eine ganze Reihe kluger und differenziert denkender Köpfe, die im Prinzip die liberaleren Positionen der Muslime im Westen zu fundieren vermögen. Allerdings darf man hierbei nicht hoffen, dass man mit einer einzigen dieser Personen in allen Punkten übereinstimmen kann. Erst ihre Gesamtheit bildet das adäquate Gegengewicht zum blinden Anklammern an die Aussagen der klassischen Fiqh-Werke, die ihrerseits ja auch von Menschenhand geschrieben wurden. Kommen wir zu einem aktuellen Beispiel.
Der im konservativen Milieu beheimatete und angesehene türkische Gelehrte des islamischen Rechts Hayrettin Karaman hat in einem Artikel in der islamisch-konservativen Zeitung Yeni Şafak sehr klar und kompakt Stellung zu dem Problem der Strafe für Apostasie bezogen - ohne Beschönigungen des islamischen Rechts der klassischen Rechtsgelehrten, aber auch ohne Scheu den wahren, missverstandenen Kern der ursprünglichen Position des Islam zum Thema Apostasie (Abfall vom Glauben) und die damit verbundene Todesstrafe auszuarbeiten. Er kommt auf sehr differenzierte Weise zum selben Ergebnis wie die liberalen Tendenzen in der islamisch-religiösen Communitiy. Da ich seinen Beitrag so prägnant finde, gebe ich hier einfach meine Übersetzung seines Beitrages wieder.
Hayrettin Karaman schreibt:
“Sind die vom Glauben Abfallenden zu töten?
Es ist eine Nachricht im Umlauf, derzufolge zwei Frauen im Iran aufgrund ihrer Konversion vom Islam zum Christentum gefoltert werden, und sie bei ausbleibender Rückkehr zum Islam hingerichtet werden sollen. Manche von denen, die solche Nachrichten tagein und tagaus in alle Welt verkünden wollen, haben gute Absichten und wollen einen solchen Mord verhindern. Manche wiederum haben keine guten Absichten. Sie sind Gegner des Islam und wollen aus solchen Anlässen das Ansehen des Islam beschmutzen und den Islam als eine Religion der Gewalt und der Nötigung darstellen. Und sie wollen den Eindruck erwecken, dass man eine Ausbreitung des Islam verhindern muss um die Menschenrechte und Freiheit bewahren zu können.
Ja, in den meisten Büchern der Fiqh (der islamischen Rechtswissenschaft, Anm. HT) können Sie in den entsprechenden Kapiteln das Rechtsurteil nachlesen, dass Glaubensabtrünnige, gleichgültig ob Mann oder Frau, nur aus diesem Grund - also aufgrund ihres Glaubenswechsels - hingerichtet bzw. gefoltert werden müssen.
Aber wenn Sie den Koran aufmachen und darin lesen, dann können kein solches Rechtsurteil darin finden. Und wenn Sie die Hadithe (Aussprüche des Propheten, Anm. HT) anschauen, dann sehen Sie, dass es hierzu unterschiedliche Überlieferungen gibt, und dass die Strafe für Glaubensabtrünnige nicht aufgrund ihres Abfalls vom Glauben, sondern aufgrund ihrer Entscheidung gegen die Muslime in den Krieg zu ziehen vorgesehen ist. Als eine Bestätigung dieser Deutung kann ich Imam Abu Hanifa anführen; er vertritt die Auffassung, dass eine vom Glauben abgefallene Frau nicht hingerichtet werden könne, da sie von Natur aus keine Kriegerin (”muharip”) sei.
Serahsî überliefert in seinem Werk el-Mebsût (im Kapitel zu Siyer-Mürted = Prophetenbiographie-Apostasie) ausführlich diese Deutung Abu Hanifas. Er gibt die Hadithe des Propheten wieder, in denen dieser es verbietet im Krieg Frauen zu töten, und kommt ausgehend von der Aussage über eine im Krieg getötete Frau, die da lautet “Sie kann doch nicht kämpfen…”, zu folgendem eindeutigen Ergebnis: Diese Aussage zeigt, dass die Hinrichtung des Apostaten nicht aufgrund des Abfalls vom Glauben erfolgt, sondern aufgrund seiner Entscheidung und Umsetzung einer Kriegserklärung (”savaş açma”). Aus diesem Grund dürfen Frauen nicht getötet werden, denn sie können keinen Krieg führen.
Und weil auch nicht jeder vom Glauben abfallende Mann sich im Entschluss und in der Umsetzung eines Krieges gegen die Muslime befindet, ist es richtiger folgendes Urteil als das islamische anzunehmen: ”Solange ein Apostat, wer immer es auch sei (ob Mann oder Frau - Anm. HT), nicht Krieg gegen die Muslime führt, darf er nicht hingerichtet werden”. Es ist undenkbar, dass eine Religion zum einen verkündet, dass “kein Zwang in der Religion” sei, aber zum anderen die Menschen dazu zwingt Muslime zu werden oder im Islam zu bleiben.
Darum empfehle ich jenen, die über den Islam schreiben und reden, Folgendes: Sagen wir statt “Im Islam ist dies soundso” lieber “Nach jener Interpretation, Rechtsschule, Exegese oder Ansicht ist dies soundso.”
Für ausführlichere Informationen kann man unsere Exegese “Der Weg des Koran” zu Rate ziehen (Sure Baqara: 2/256)” (Yeni Şafak, 11. September 09)
Auch wenn Karaman nicht thematisiert, dass die hanafitischen Rechtsgelehrten zwar keine Todesstrafe, aber eine Gefängnisstrafe für abtrünnige Frauen vorsahen…
Auch wenn er weder auf implizite historische Kontexte zur Zeit des Propheten oder zur Zeit der Entstehung des kodifizierten islamischen Rechts eingeht…
Auch wenn er den rechtsformalistischen Universalismusanspruch der Fiqh nicht ausdifferenziert (z. B. bezüglich ihres Pluralismus oder ihrer geschichtlicher Hintergründe)…
Auch wenn er nur quellenimmanent argumentiert und keine rein rationalen Erwägungen expliziert (obwohl er diese natürlich für sich selbst erwogen haben muss)…
… und somit dem kritischen Leser (wohl aufgrund der Kürze des Textes) eine Reihe möglicher Angriffsflächen bietet, als auch auf das gesamte Angebot der modernistischen Neuzugänge zum Islam bereitwillig verzichtet…
… kann ich dennoch bewundernd feststellen, dass er hier viele Punkte ausspricht, vor deren Formulierung viele muslimische Autoren eher zurückscheuen, obwohl sie vielleicht Ähnliches denken.
Er hat hier nämlich…
1) … darauf hingewiesen, dass einiges in der Fiqh, also dem klassischen islamischen Recht der Gelehrten, - hier die Todesstrafe für Apostaten - dem Koran widerspricht (”Es ist undenkbar, dass eine Religion zum einen verkündet, dass ‘kein Zwang in der Religion’ sei, aber zum anderen die Menschen dazu zwingt Muslime zu werden oder im Islam zu bleiben” - der Satz ‘kein Zwang in der Religion’ ist der zentrale Teil des Koranverses 2/256)
2) … angemerkt, dass die Hadithquellen zu manchen Themen in sich widersprüchlich sind und insofern erst im Gesamtzusammenhang beurteilt werden müssen. Dass also das Zitieren von einem oder mehreren Hadith (aber auch von Koranversen) noch gar nichts beweist, solange diese nicht in einen größeren Gesamtkontext gestellt werden.
3) … an einem drastischen Beispiel verdeutlicht, dass ein und die selben islamischen Quellen verschiedene Lesarten zulassen. Er hat auf die hanafitische hingewiesen, die in der islamischen Tradition zu diesem Thema (aber auch zu anderen Themen) die meisten Ansätze für eine Weiterorientierung im islamischen Recht der Neuzeit ermöglicht.
4) … gezeigt, wie ein scheinbar so eindeutiges Rechtsurteil (Todesstrafe für Apostaten) mit etwas hermeneutischer Bemühung auf ein anderes Rechtsurteil (Recht auf Reaktion auf bewaffnete Aggression) zurückgeführt werden kann.
5) … demonstriert, dass man auch als Muslim zugeben kann, dass es in der ehrwürdigen islamischen Tradition - die nicht per se der ursprünglichen Intention des Islam entsprechen muss - Dinge gibt, die uns heute nicht immer behagen und in ihrem Geltungsanspruch nicht überstrapaziert werden sollten - und dass man dieses Unbehagen thematisieren kann, ohne gleich der Fiqh abzuschwören oder den Islam zum Problem zu erklären.
6) … gezeigt, dass man auch als Muslim zugeben kann, dass heute in der islamischen Welt im Namen des Islam unter Bezugnahme auf die islamische Tradition viel im Kern Unislamisches verbrochen wird.
Das ist für den innerislamischen Diskurs nicht wenig. Nebenbei sei hier betont, dass das Hauptproblem bei all dem nicht der Koran ist, sondern die robuste islamische Tradition der Gelehrten, die oftmals nicht gründlich genug vom viel flexibleren Koran unterschieden wird. Obwohl darüber hinaus die von Karaman genannten Punkte für die meisten Muslime in der einen oder anderen Form offensichtlich sind, wird in der muslimischen Community selten offen darüber debattiert. Das liegt zum einen an einer Tabuisierung religiöser Themen, was wiederum an einer selbst verschuldeten Inkompetenz liegt. Andererseits ist die Fiqh, deren Geltung tabuisiert wird, seit Jahrhunderten schon nicht mehr mit ihren Aufgaben gewachsen. Das lässt sie heute in vielen Punkten weltfremd erscheinen. So kommt es, dass Muslime die Fiqh zwar würdigen, aber trotzdem völlig selbstverständlich viel modernere Ansichten als die der Rechtsgelehrten vertreten. Diese Selbstverständlichkeit des Widerspruchs ist es, die viele auf Eindeutigkeit pochende Islamkritiker in die Verzweiflung und teils in paranoid anmutende Zustände treibt.
Die Situation des heutigen Islam wird meiner Meinung nach etwas klarer, wenn man drei Arten von Zugängen zum islamischen Recht unterscheidet:
1) Das islamische Recht der klassischen Rechtsgelehrten. Dazu zähle ich das systematische Recht der Rechtsschulen, wie man es in Fiqh-Handbüchern nachlesen kann. Ein großer Teil davon ist unproblematisch, insbesondere was die Gottesdienste (’ibadat) und gewisse Grundwerte und -normen in verschiedenen Lebensbereichen betrifft. Mit unproblamtisch meine ich: Die meisten Muslime kämen mit ihnen klar, wenn sie davon bescheid wüssten. Aber im klassischen islamischen Recht gibt es auch schwierige Punkte, die daraus resultieren, dass man z. B. das Frauenbild oder das Verhältnis zum nicht muslimischen Ausland wie es vor über tausend Jahren war, einseitig in den Koran und den Propheten hineinprojiziert hat um es anschließend für alle Zeiten zu universalisieren. Hier ist dringender Revisionsbedarf angesagt, wenn der Islam heute würdig repräsentiert werden soll. Das Beispiel der Todesstrafe für Apostaten zeigt recht deutlich, dass auch klassisch orientierte Gelehrte wie Karaman damit so ihre Schwierigkeiten zu haben scheinen. Das bringt mich auch schon zum zweiten Zugang:
2) Die neuzeitlichen Neuzugänge zum islamischen Recht. Dazu kann man auch den hier vorgestellten Zugang Karamans zur Todesstrafe für Apostaten zählen, die er de facto ablehnt. Die Liste solcher neuzeitlichen Zugangswege ist lang. Während manche Autoren punktuelle Neuinterpretationen anstellen und methodisch nicht weit über das Instrumentarium des klassischen usul al-fiqh hinausgehen, versuchen sich progressive Theologen und Islamwissenschaftler an grundlegend neuen Konzepten. Sie versuchen damit eine längst überfällige geistige Aufarbeitungsarbeit anzutreten. Allerdings verlieren sich viele von ihnen oft in akademischen Sphären und sind viel zu sehr der islamischen Tradition entfremdet um hier noch auf die muslimische Mehrheit zurückwirken zu können. Sie sind eher für die westliche Öffentlichkeit und für die gebildeteren und säkularisierten Kreise unter den Muslimen interessant. Darum zeigt sich trotz vielen Reformern im Islam keine echte Reform. Aber das kann sich noch ändern. Noch hat aber kein Reformkonzept die Glaubwürdigkeit und Systematik des klassischen islamischen Rechts erreicht, weshalb man aus dieser Ecke keine Wunder erwarten darf. Aber Fakt ist: Es gibt sie - und sie wird besetzt von gläubigen Muslimen, die ihre Religion und Tradition kritisch aufarbeiten wollen. Zusammenfassend gesagt gibt es also unter den neuzeitlichen (progressiv orientierten) Neuzugängen solche, die im klassischen Rahmen bleiben (für das Volk verständlicher), und solche, die einen neuen, modernen Rahmen suchen (für das Volk meist unverständlich).
3) Schließlich gibt es da noch den pragmatischen Zugang der praktizierenden Muslime zum islamischen Recht. Meines Erachtens wird die Nachhaltigkeit dieses dritten Zugangs stark unterschätzt. Inbesondere die deutsche Öffentlichkeit interessiert sich in erster Linie dafür, was im Koran steht, oder was populäre Gelehrte so zu sagen haben. Doch ist es nicht entscheidender, was die Praktiker letztlich aus der Sache machen? Die meisten neueren Dialog- und Toleranzkonzepte in der muslimischen Community sind (leider) nicht der klassischen Fiqh entwachsen, aber auch nicht den modernistischen Neuzugängen. Dennoch entstammen sie dem konservativ-religiösen Milieu und sind ohne Zweifel in vielerlei Hinsicht als islamisch ausweisbar - man findet im Nachhinein überraschende Legitimationsmöglichkeiten für sie im Koran, und stellenweise auch in der islamischen Tradition. Der Ausgangspunkt für diesen pragmatischen Zugang und die damit einhergehende Quasireform ist die Lebenswirklichkeit der Muslime, und nicht zuerst das Votum der Rechtsgelehrten. Hier findet man z. B. sehr schnell Übereinkunft darin, dass Abtrünnige natürlich nicht wie Schwerverbrecher behandelt werden sollen.
Insofern ist es falsch, da undifferenziert, zu sagen: Der Islam sieht für Apostaten die Todesstrafe vor. Richtiger wäre es zu sagen: Im klassischen islamischen Recht ist für Apostaten die Todesstrafe vorgesehen. Und: In zahlreichen neuzeitlichen Zugängen zum islamischen Recht und nach Ansicht der meisten Muslime sieht der Islam keine Todesstrafe für Apostaten vor.
Natürlich kann man das noch viel weiter ausdifferenzieren, ohne dabei aber wirklich grundsätzlich Neues hinsichtlich des Endergebnisses gesagt zu haben. Ich persönlich argumentiere z. B. so, dass eine universale Todesstrafe für Apostaten sowohl dem Koran, als auch der Vernunft widerspricht, und dass hier darum alle anderen klassischen Argumente für die Todesstrafe zurücktreten müssen.
Im Türkischen sagt man, dass die Zeit der beste Koranexeget sei (”zaman en iyi müfessirdir”). Diese hat unsere Väter und Mütter nach Deutschland geführt. Sie hat hier für einen Neuanfang in ihrem Leben gesorgt. Sie ist dafür zuständig, dass wir in einem deutsch-türkischen Umfeld sozialisiert wurden. Und sie ist letztlich auch dafür verantwortlich, dass sich dadurch unsere Wahrnehmung von Religion und Tradition oftmals drastisch von der unserer Eltern unterscheidet. Ich meine damit nicht die jungen Leute, die sich von ihrer Religion ohnehin distanziert haben. Ich meine damit jene Muslime, die ebenso islamisch wie westlich leben wollen und Synthesen hervorbringen, die in keinem Lehrbuch der Fiqh oder in einem Konzept deutscher Leitkultur beschrieben sind. Um plakativ zu werden: Ich meine junge Frauen mit Kopftüchern, die beruflich aufsteigen wollen, sich in Gesellschaft und Wissenschaft engagieren und problemlos und selbstbewusst mit Männern umgehen können. Und ich meine junge Frauen mit T-Shirt und ohne Kopftuch, die das rituelle Gebet verrichten und im Ramadan fasten - diese Identitäten werden in keiner reinen Theorie wirklich erfasst, was im Übrigen ein Hinweis auf die Weltfremdheit jener Theorien ist. Und doch hat die Zeit gezeigt, dass solche Identitäten möglich sind - vielleicht unter Abstrichen in manchen traditionellen Tugenden, aber dafür unter Zugewinn und Stärkung anderer, nicht minder wertvoller Tugenden. Ich glaube, dass der Kern des Islam flexibel und universal genug ist um in all dem Wandel im Gläubigen eine bleibende islamische Grundessenz zu ermöglichen.
Wenn also Muslime sagen, der Islam sei eine friedliche oder eine tolerante Religion - dann ist das vielleicht aus der Warte der klassischen Fiqh nicht uneingeschränkt sagbar. Wenn dies jedoch aus der Perspektive des pragmatischen, gelebten Islam gesprochen wird - und das wird es meistens auch - dann ist dies in der Regel richtig und den Urhebern dieser Aussagen muss Aufrichtigkeit zugestanden werden. Ich sage nicht, dass alles, was Muslime sagen oder tun, als islamisch gelten soll. Ich behaupte nur, dass die Einsichten, die aus der Lebenspraxis gläubiger und praktizierender Muslime resultieren, oftmals schneller und direkter zum Kern des Islam vordringen als die träge Deduktionsmühle der Fuqaha (der Rechtsgelehrter) oder die oftmals konturlos wirkende Reformbemühung muslimischer Islamwissenschaftler und Theologen. Im Nachhinein findet man oft völlig verblüffende Möglichkeiten die liberaleren und humaneren Deutungen mit dem Koran in Einklang zu bringen. Aber am Anfang scheint die Lebenspraxis zu stehen, die erst auf diese Erfordernisse aufmerksam macht. Mit pragmatisch meine ich also nicht beliebig oder opportun, sondern der unhintergehbaren Lebenswirklichkeit entwachsen. Unter gläubigen und praktizierenden Muslimen verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht verwöhnte Paschas und selbstherrliche Patriarchen - auch nicht naive Nationalisten und ausgestoßene Jugendliche, die sich an eine einfache Vorstellung von radikal eindeutiger Religion zu klammern versuchen (obwohl natürlich auch diese uneingeschränkt gläubig und praktizierend sein können). Sondern ich meine jene Muslime, die im Rahmen des Islam ein ernsthaftes, aufrichtiges und aktives Verhältnis zu Gott pflegen und sich, ihren Familien und ihren Nächsten durch weltlichen Erfolg und Aufstieg würdige Lebensbedingungen zu verschaffen versuchen. In diesem Sinne scheint mir heute der pragmatische Zugang zum Islam viel klarer den Weg zu einem humanen Islamverständnis aufzuzeigen, als die bisweilen umständlichen Formalismen der Gelehrten des klassischen oder neuzeitlichen islamischen Rechts - also jene Formalismen, auf die wir trotz ihrer Trägheit immer wieder angewiesen sind…
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Kurzgeschichte: Der Langstreckenläufer
10.9.2009 von Hakan Turan.
Der Langstreckenläufer ist eine Kurzgeschichte, die ich zu einer sehr belastenden Zeit im Studium geschrieben habe und die vielleicht dem Bedürfnis erwachsen ist zu verstehen, wozu ich mich eigentlich Tag und Nacht abmühe, und was davon wirklich die Mühe wert ist. Sie handelt von Ehrgeiz und Endlichkeit und wühlt mich persönlich immer wieder neu auf. Im Grund geht es in der Geschichte um Unmöglichkeiten und um die besonders hartnäckige Unmöglichkeit diese Unmöglichkeiten als solche anzuerkennen, ehe sie einem über den Kopf wachsen. Mittlerweile glaube ich jedoch, dass das Ende der Geschichte eigentlich ein positives ist. Auf die Idee zu dieser Parabel bin ich übrigens durch den Song “The Loneliness of the Long Distance Runner” aus Iron Maidens “Somewhere in Time” gekommen. Wie ich später erfahren habe, haben Iron Maiden den schönen Titel ihres Songs wiederum der gleichnamigen Erzählung von Allan Sllitoe aus dem Jahre 1959 entnommen.
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Essay: Der Ramadan
9.9.2009 von Hakan Turan.
Mein Text Der Ramadan, nunmehr eingestellt unter den Essays, ist einer meiner ältesten Texte - die erste Fassung stammt aus dem Jahr 2000. Seitdem ist er an mehreren Stellen veröffentlicht und verlinkt worden. Wer mag, kann sich den Aufsatz auch als Word-Dokument runterladen.
In diesem Text wird das Fasten sowohl hinsichtlich der Ilmihal-Aspekte (Wie fastet man?) und des historischen Hintergrundes betrachtet, als auch hinsichtlich seiner spirituellen Seiten (Warum fastet man? Was für innerliche Entwicklungen kann das Fasten auslösen?). Während die erstere Seite das äußere des Ritus behandelt, geht es im zweiten Aspekt um die innere Seite. Das mit der äußeren und inneren Seiten des Islam ist so eine Sache für sich. Während wir von den Nichtmuslimen oftmals erwarten, dass sie sich mit dem eigentlichen Kern des Islam befassen sollen, ehe sie über ihn urteilen, pflegen wir selbst kaum die Auseinandersetzung mit diesem eigentlichen Kern. Ein großer Teil der Aufmerksamkeit der Muslime richtet sich auf die formalen Aspekte des Fastens und überhaupt der Religion, sodass vor allem für die junge Generation der Muslime in Deutschland die emotionale (türkisch: hissi oder duygusal) und spirituelle (türkisch: manevi) Seite der islamischen Religion nur schwer einsehbar ist. Aber dabei ist dies doch das eigentlich Entscheidende: Wenn die Religion gerade für die Jugendlichen eine Quelle von Sinnstiftung, seelischer Reifung, innerer Harmonie, und Glückseligkeit sein soll, dann darf religiöses Fühlen und Erleben auf keinen Fall auf das Einhalten von Regeln beschränkt werden. Aber letzteres geschieht meinem Eindruck nach in traditionellen Kreisen allzu oft - sicherlich ohne bewussten Vorsatz. Das wird ein Stück weit dadurch wettgemacht, dass der Ramadan für viele Fastende zu einem intensiven sozialen Ereignis wird. Aber nochmals zum Formalen: Regeln sind natürlich wichtig - sie geben einen gewissen Rahmen vor und spielen im Islam ohne Zweifel eine wichtige Rolle. Aber dieser Rahmen ist kein Selbstzweck, sondern dient seinerseits höheren, moralischen und spirituellen Zwecken. Wenn letztere ausgeblendet werden, stuft dies auch den Wert der Einhaltung von formalen Regeln ab. Und dies hinterlässt den Eindruck einer Religion, der mehr an Formen, als an Inhalten und Bedeutungen liegt. Eine solche Verengung der Sicht können wir uns nicht leisten, gerade in der heutigen Zeit nicht. Auch dürfen die zahlreichen Anfragen der Nichtmuslime an den Islam nicht dazu führen, dass man nach außen hin einen theologisch und philosophisch tiefgründigen Islam darzustellen lernt, während man quasi ‘intern’ dann doch wieder nur auf die exakte Einhaltung von Regeln fixiert bleibt ohne sich Zeit für die zugehörige Meditation bzw. das tafakkur (arabisch: sinnieren, nachdanken) zu nehmen. Hier ist also - wie auch sonst immer - der Weg der Mitte einzuschlagen.
Der vorliegende Text ist unter anderem ein Versuch diese nur nach innen sichtbaren Seiten des Fastens darzustellen. Hilfreich waren mir dabei zahlreiche Gespräche mit Fastenden, eigene Erfahrungen und nicht zuletzt Said Nursis Ramazan Risalesi.
Entstanden ist der Text übrigens im Vorfeld eines interreligiösen Fastenbrechens im sozialen Brennpunkt Hallschlag, einem Vorort der wunderschönen Stadt Stuttgart. Das Fastenbrechen war von der ansässigen katholischen Gemeinde und muslimischen Bürgern der Stadt organisiert worden. Dort war ich eingeladen etwas über das Fasten im Ramadan zu erzählen und etwas Schriftliches zum Mitnehmen zu verfassen. Nach zwei Tagen stand der Text und ich hatte die Ehre an diesem Abend am Tisch mit der Prominenz sitzen zu dürfen. Da unterhielt ich mich nun mit dem Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart Herr Gebhard Fürst über das Christentum, den Islam und die quinqe viae des Thomas von Aquin (das sind die fünf berühmten Gottesbeweise aus dem Anfang seiner Summa Theologica), während neben dem Bischof ein gut gekleideter Mann saß, der uns geduldig und sichtlich interessiert zuhörte. Nach einigen Minuten wendete ich mich zu ihm und fragte höflich: “Und was machen Sie eigentlich so?” Er antwortete mit bewundernswerter Gelassenheit: “Ich bin der Oberbürgermeister von Stuttgart, mein Name ist Wolfgang Schuster.” Das war an Peinlichkeit wohl kaum zu überbieten…
Ich hoffe, dass der Text dem einen oder anderen nützt, wo wir uns gerade in der zweiten Hälfte des diesjährigen Ramadan befinden.
In diesem Sinne noch einen gesegneten Ramadan…
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Zur Kommentarfunktion
9.9.2009 von Hakan Turan.
Ich habe erst kürzlich festgestellt, dass es in diesem Blog nicht möglich ist bzw. war Kommentare zu schreiben - das hat sich somit geändert! Ich war mir dessen nicht bewusst, da vom Editor aus nicht zu erkennen war, dass man sich gar nicht registrieren kann. Das ist natürlich peinlich - und für mich ein weiterer Grund in absehbarer Zeit einen besseren Editor für meinen Blog aufzusuchen. Dann wird sicherlich auch das Design und die Navigation besser… Wer also noch etwas kommentieren wollte, aber aus besagtem Grunde nicht konnte, ist hiermit eingeladen es nachzuholen.
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Zur Kategorie ‘Geisterstunde’
8.9.2009 von Hakan Turan.
Unter dieser Kategorie steht eine Art von Texten, mit denen ich gerne innerlich aufräume. Sie erheben keinen Anspruch auf Sachlichkeit oder Objektivität, geschweige denn auf maßvollen Stil oder erlesenen Geschmack. Außerdem strotzen sie vor martialischen Metaphern, Übertreibungen und Pathos. Wer so etwas nicht mag, muss sich diese Texte nicht antun.
Im Grund geht es in meiner ‘Geisterstunde’ um Psychologie und um Selbstreflexion - quasi als Auseinandersetzung mit jenen inneren Stimmen, die mal dies wollen, mal jenes, aber selten das, was man selbst gerne will bzw. wollen würde, wenn man wollen könnte, wie man wollte…
Es geht also um Motivation, Klarheit der Gedanken und Selbstvertrauen…
Wem all dies nicht zu psycho ist, sondern vielleicht sogar bekannt vorkommt, wird diese Texte sicherlich verstehen. Er wird auch verstehen, warum ich gerne mit diesen ‘Geistern’ in mir kommuniziere und sie sogar lieb gewonnen habe, seit ich sie besser kenne und einen Teil ihrer Sprache zu sprechen gelernt habe. Das ist mir am besten mittels Schreiben gelungen, weshalb mein erster Text in dieser Kategorie auch genau davon handelt.
Ja, ich glaube an die klärende Macht des Schreibens, auch wenn mir hier und da trotzdem immer wieder ein Dämon zwischen den Tasten entwischt, oder gar neue aus der Dunkelheit mutieren, die ich eben noch für bezwungen hielt. Aber das ist immer noch besser als in einem Dämonenzirkus zu leben und sich ständig einzureden, dass dies doch bestimmt die ‘Normalität’ sei, da ja alle anderen Menschen auch ‘normal’ seien und nichts anderes im Kopf hätten als ihr ‘normales’ Leben - dass man bloß nicht an der ‘Normalität’ des Status quo zweifeln dürfe, den so viele Menschen wider besseren Wissens auszuhalten versuchen… da man sonst den Anschen erwecken könnte, dass man eventuell nicht ‘normal’ sei… dass man jeden Anflug von Bedürfnis danach sich in sich zu kehren und dort aufzuräumen unterdrücken müsse, da ‘normale’ Menschen dies ja auch nicht täten… Mit solchen Lügen werden die ‘normalen’ Generationen von heute groß gezogen - ein Drama, wenn man sich überlegt, wie glücklicher die Menschen und die Gesellschaft sein könnten, wenn man ihnen auch das Selbstbewusstsein gäbe sich mit sich selbst und mit ihrem innersten Wesen gründlich und ein Leben lang auseinanderzusetzen… ohne den ständigen Druck den Mitmenschen die Fassade eines ‘normalen’, gefühlskalten und nach DIN-Norm funktionierenden Menschen vorheucheln zu müssen.
Verstehen, was ich meine?
Wer A will, aber dabei immer B macht, sollte sich mal auf die Suche nach diesen Geistern, d. h. nach den längst ins Unterbewusstsein abgewanderten Suggestionen und Botschaften unserer frühen Umwelt machen. Gegen diese Botschaften ist der Wille machtlos, sofern er sich diese Botschaften und die daraus resultierenden Handlungsmuster nicht bewusst macht. Es ist in der Tat wie verhext: Man handelt selbst als erwachsener Mensch oft nach einem Schema, das uns sehr früh im Leben eingeprägt wurde und dessen ursprünglichen Motive wir längst vergessen haben. Suchen wir also diese versteckten Programme in uns, versuchen wir sie zu verstehen, und sie behutsam umzuprogrammieren. Kurzum: Erklären wir den Geistern in uns den Krieg… einen erbarmungslosen Krieg…
In diesem Sinne…
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Die Macht der Feder
8.9.2009 von Hakan Turan.
Ungerecht ist die Welt immer wieder mal. Und wenn man dann nicht gerade in euphorischer Stimmung ist und meint dem Treiben draußen die Stirn bieten zu können, öffnet sich Frust und mieser Laune Tür und Tor. Wenn sich dann auch noch die ruhenden negativen Stimmen in dir zu Wort melden und meinen auch ihren Senf beigeben zu müssen, müssen die Alarmglocken läuten: Ein Down bahnt sich an! Hier gelten nicht mehr die Gesetze der Logik oder der Vernunft, sondern hier öffnet sich Pandora’s Box und die Geisterstunde beginnt. Wer sich jetzt nicht schnell in sein Bett flüchtet und einschläft, oder sich durch Musik und Koffein in eine Art intellektuellen Stand-By-Modus versetzen lässt, der hat alle Hände voll zu tun. Eine Stimme in dir schreit. Sie zeigt dir ein Ziel auf und macht dir sogleich klar, dass dieses Ziel nicht zu erreichen ist – zumindest nicht für dich. Denn du bist genau der, den das Schicksal sich ausgesucht hat um seine Experimente an dir durchzuführen. Du bist es, der für die Fehler anderer leiden muss. Du bist es, der trotz gigantischem Potenzial dazu auserkoren ist in existenziellem Elend einzugehen. Ach, wie schön war die Zeit, wo du noch dumm, aber glücklich warst. Wie schön war die Zeit, als du noch meintest, die Welt ließe sich verstehen und bezwingen. Ein Wicht bist du jetzt. Aber dein Dasein hat dennoch einen Sinn: Irgendwer muss ja für die Fehler anderer geradestehen – und in diesem Fall bist du das! Gratulation, Alter!
Well then, der Hokuspokus entfaltet sich in atemberaubendem Tempo – ehe du dich versiehst, bist du nicht mehr Teil eines einzigen schicksalhaften Szenarios, sondern du bist plötzlich in allen möglichen Szenarien gefragt, in denen der Looser, Sündenbock und Fußabtreter noch fehlt. Du kommst echt wie gerufen! Aber, aber, warum so zynisch? Du hast endlich die Bestätigung dafür, dass du gleich mehrfach einsetzbar bist. Welch vorzügliche Ehre!
Es zieht mich dem Strom der Zeit entlang. Vielleicht habe ich zu früh begonnen mir Gedanken über mir noch verschlossene höhere Sphären zu machen. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur zu lange darauf Warten lassen. Vielleicht bin ich aber auch nur versehentlich an Pandora’s Box gestoßen und all das Chaos war nur eine Panne. Frieden im Geiste im Einklang mit der Welt… Was steckt eigentlich hinter diesen Gedanken?
Die Revolte der Geister! Mein Krieg hat begonnen – verdränge die Coautoren aus deinem Drehbuch. Lass Gesindel nicht länger Schabernack treiben. Verjage sie aus deinem Felde, denn du bist es, der hier denkt und lenkt. Kein Schwert und auch kein Feuer – greife zum Stift und schreibe. Schreibe auf, was sich da tut. Schreibe auf, wohin du willst. Schreibe sie nieder, die Taktik des Mieslings. Ein Ende dem Down, her mit der Orientierung. Balsam für mein Hirn. Spucke es aus, Buchstabe für Buchstabe. Definiere deine Ziele, vernichte den Pessimisten in dir! Ein Flächenbrand, Schutt und Asche, fruchtbare Erde, ein geistiges Erwachen und das wahre Ich ergreift wieder die Macht. Weggeblasen ist der Dreck, vertrieben der geistige Dämon. Das Gegengift des Irrsinns: ein Stift, etwas Vernunft und ein Glaube, der nicht versiegt! Triumph und Segen auf all deinen Wegen! Triumph!!
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Kurzgeschichte: Das neue Freibad
7.9.2009 von Hakan Turan.
Ich habe unter Essays & Kurzgeschichten eine Geschichte namens Das neue Freibad reingestellt. Es handelt von Freundschaft, Leichtsinn und grundsätzlichen Unterschieden in der Beurteilung dessen, was das Leben lebenswert macht. Auf die Idee zu dieser Geschichte bin ich gekommen, als einige mir sehr teure Menschen auf Wege gerieten, auf denen sie viel Gesundheit und wertvolle Jahre verloren haben, und sich auch von ihren besten Freunden nichts mehr sagen ließen. Zu groß war ihre Angst etwas in diesem kurzen Leben zu verpassen. Für das zweifelhafte Glück brachten sie große Opfer - zu große, wenn es nach mir ginge. Aber: Sie konnten sich Gott sei Dank wieder gut erholen…
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“Ez jı te hez dıkım” - oder die türkisch-kurdische Tragödie
3.9.2009 von Hakan Turan.
Manchmal gelingt es Kolumnisten mir völlig unerwartet ein schlechtes Gewissen zu machen - zuletzt ist dies Ihsan Dağı von der türkisch-konservativen Tageszeitung Zaman gelungen. Der für mich absolut nichts sagende Titel “Ez jı te hez dıkım” hat mich, der ich mich eigentlich für tolerant, weltoffen und emfindlich gegenüber jede Form chauvinistischer Diskriminierung halte, auf einen peinlichen blinden Fleck - genaugenommen: einen blinden Fleck der Türken überhaupt - aufmerksam gemacht.
Der Autor hebt hervor, dass seit gut tausend Jahren Kurden und Türken zusammenleben - doch obwohl man in der Türkei den Kurden selbstverständlicherweise ein Beherrschen der türkischen Sprache abverlangt, würde sich so schnell kaum ein Türke finden, der auch nur einen Satz kurdisch spricht. Darum könne man seinen kurdischen Mitmenschen weder auf Kurdisch einen guten Morgen wünschen, noch ihm sagen, dass man ihn liebt - genau letzteres ist übrigens die Bedeutung der Überschrift von Dağıs Text. Zumindest behauptet er, dass dies die Bedeutung sei und ich glaube ihm das einfach. Denn auch ich verstehe kein Wort Kurdisch, und ganz wie es Dağ pauschal den Türken unterstellt, trifft es auch auf mich zu, dass ich nicht im Traum daran denken würde mal ein paar Worte Kurdisch zu lernen.
Wozu denn auch - nicht wahr?
Dies ist meines Erachtens ein Paradebeispiel für einen anerzogenen blinden Fleck. Die Gründer der Republik wollten das Volk unter einem staatlich definierten Türkentum vereinen. Für die Kurden hatte das zur Folge, dass sie im Gegensatz zu den Armenieren und Griechen nicht einmal einen Minderheitenstatus zugeschrieben bekamen. Sie waren in Wirklichkeit Türken - zumindest laut Gesetz. Ebenso definiert dieses, dass die Muttersprache aller türkischen Bürger türkisch ist. Insofern ist das Türkentum der Republik nicht biologistisch zu verstehen, sondern als homogenisierte kulturelle Identität, deren Details staatlich vorgegeben wurden. Das hat zur Folge, dass Kurden alle Bürgerrechte wahrnehmen und bis in die höchsten Ämter aufsteigen können - allerdings zum Preis weitgehender Assimilation. Bis vor einigen Jahren war es sogar noch verboten auf Kurdisch zu publizieren. Hier sind auch die Ursachen der Fremdheit der Türken gegenüber dem Kurdischen zu suchen. All dies hat in den letzten Jahren jedoch angefangen sich grundsätzlich zu verändern.
Die konservative AKP-Regierung unter Erdoğan hat nun einen größeren Schritt gewagt und versucht sich offiziell an einem ”kürt açılımı”, was man etwas frei als Öffnung gegenüber den Kurden übersetzen könnte. Damit soll unter anderem eine Beseitigung von Benachteiligungen der Kurden und eine Aufwertung der kurdischen Sprache in der Türkei einhergehen. All dies ist ein Bestandteil des Demokratisierungskurses der Regierung. Doch der Widerstand der Oppositionsparteien ist immens. Daher hat man den Titel mittlerweile auf “demokratik açılım” heruntergekocht. Der Widerstand liegt zum einen daran, dass der Innenminister Beşir Atalay trotz mehrfacher Ankündigung den Inhalt der geplanten Öffnung immer noch nicht transparent gemacht hat und somit die öffentliche Skepsis befördert. Zum anderen steht da ein reflexhaftes, gerdazu programmatisches Festhalten mancher Kreise am Status Quo. Wenn Erdoğans Regierung es tatsächlich schaffen sollte das nicht mehr abgeleugnete Kurdenproblem zu lösen, dann drohen den ohnehin handlungsunfähigen Oppositionsparteien massive Stimmeneinbrüche. Scheitert das Projekt jedoch an der zunehmenden Kritik seiner Gegner, könnte dies für die ins Kreuzfeuer geratene AKP vergleichbare Folgen haben.
Sowohl in den konservativen, als auch in den liberalen Kreisen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass das Kurdenproblem nicht identisch ist mit dem PKK-Problem. Das ist die Legitimation dafür, dass die Regierung sich überhaupt an das heiße Eisen wagen kann. Denn die terroristische PKK ist und bleibt als Gesprächspartner ausgeschlossen. Vielmehr möchte man die Diskriminierung der Kurden bekämpfen um so letztlich auch der PKK ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Den militärischen Konflikt im Südosten, der zehntausende Menschenleben gefordert hat, endgültig zu beenden ist letztlich das ehrgeizige Endziel der Öffnung.
Selbst der berühmte kemalistische Nationalist und AKP-Kritiker Hıncal Uluç hatte in einem überraschenden Beitrag in der Tageszeitung Sabah angekündigt, dass er das nächste Mal Erdoğan wählen würde, wenn dieser es schafft das Kurdenproblem zu lösen und für anhaltenden Frieden zu sorgen. Allerdings droht die Chance auf eine Lösung unter den jetzigen Umständen wieder in die Ferne zu rücken - nicht zuletzt auch deshalb, weil die politische Repräsentanz der Kurden seit den letzten Debatten ihren Ton dem der unversöhnlichen Nationalisten angenähert hat.
Für Ihsan Dağı besteht die Lösung des Kurdenproblems zu einem großen Teil in einer Anerkennung der kurdischen Sprache. Solange das Kurdische von den Türken nicht als normale, natürliche und auch der Türkei zugehörige Sprache anerkannt wird, könne das Zusammenleben zwischen Türken und Kurden nicht die stabile Grundlage finden, die sie braucht. Wenn man bedenkt, dass die Sprache das kulturelle Gedächtnis einer Nation darstellt, wird man ihm wohl Recht geben müssen.
Ich finde es erfreulich, dass der progressive Versuch die Kurden auch in ihrer Kultur gleichzustellen gerade von konservativer Seite vorangetrieben wird. Dieser Kurs wird von Seiten der EU und der USA zwar unterstützt und gefordert, was der Regierung seitens der Kritiker oft zum Vorwurf gemacht wurde. Dennoch kann man die jetzige Politik nicht allein auf die Erwartung des Auslandes reduzieren - denn zu oft schon hat die Türkei diesen Prozess hinausgeschoben, von dem der zermürbte innere Frieden und damit auch der Wohlstand des Landes abhängt. Es bleibt abzuwarten, ob die Konservativen ihren egalitären Kurs durchsetzen können, oder ob ihr Projekt inmitten von selbstverschuldeter Unbestimmtheit und der Skepsis der Kritiker bald schon zu Grabe getragen werden muss.
Auch die Religion spielt im ideologischen Kontext dieses Prozesses eine zwar weniger offensichtliche, aber dennoch prägende Rolle. So hat der konservative Intellektuelle Ali Bulaç darauf hingewiesen, dass der Islam die Vielheit von Kulturen und Sprachen als einen gottgegebenen Reichtum in der Schöpfung ausgewiesen habe. In seiner Kolumne in der Zaman mit dem Titel ”Die Rechte der Völker und der Kurden” zitiert er den Koranvers: “Zu Seinen Zeichen gehört auch die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit euerer Sprachen und euerer (Haut-)Farben.” (30:22) Man kann und sollte diesen Vers in der Tat als Manifest gegen kulturellen und biologischen Rassismus lesen. Bedeutung gewinnt dieses Manifest allerdings erst dann, wenn es Menschen gibt, die dies von der Ebene der Theorie in ihren eigenen Alltag holen…
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