Archive für August 2009
Türkisch-islamische Kultur und Heavy-Metal?
31.8.2009 von Hakan Turan.
Dies ist eine sehr persönliche Geschichte über einen praktizierenden Muslim, der Heavy-Metal-Musiker aus Leidenschaft war. Also:
Als diesem Muslim und zweien seiner Kumpels in jungen Jahren im Englischunterricht in der neunten Klasse mal langweilig war, kamen sie auf die Idee eine Heavy-Metal-Band zu gründen. Die großen Vorbilder hießen Manowar, Blind Guardian, Iron Maiden und Metallica. Sie brachten sich selbst das Musizieren bei: Der Muslim schnappte sich eine E-Gitarre, der Österreicher (zugleich Atheist) sang und der Deutsche (Christ) setzte sich an die Drums. Gemeinsam schrieb man in stundenlangen Songwriting-Sessions lange und komplizierte Lieder, die so kompliziert waren, dass ihre ungeübten Finger es kein einziges Mal schafften einen Song fehlerfrei zu spielen. Aber die Songs hatten auf sie eine geradezu magische Wirkung auf sie, so blickte man über technische Probleme vorerst bereitwillig hinweg…
Man traf sich wöchentlich im Proberaum des örtlichen Jugendhauses, musizierte, sprang durch die Gegend und träumte von ersten Auftritt, der dann tatsächlich auch stattfand, auch wenn sich Lead-Sänger und Gitarrist einen Tag zuvor einen roten Ausschalg zuzogen und nunmehr gepudert spielen mussten…
Der Muslim hatte glücklicherweise niemanden in seinem Umfeld, der ihm diese Musik hätte ernsthaft ausreden wollen - bis auf einen Cousin, der ihm aus der Türkei einen Brief schrieb, er möge doch bitte dieses imitierende Gehabe sein lassen, einem Osmanenenkel stünde das nicht. Imitation? Was für eine Imitation? Das war schon längst ein fester Bestandteil seiner Kultur, seines Denkens, seiner ganzen Emotionswelt geworden. Religiös gesehen war die Sache aber den meisten Büchern zufolge in der Tat zumindest mal ambivalent…
Also haram (verboten)? Oder vielleicht doch halal (erlaubt)? Oder einfach nur indifferent (mubah) - oder vielleicht gar empfohlen (mustahab)? Eine fundierte Entscheidung musste her. Aber das Ilmihal (der Katechismus im Regal) gab nur Antworten, die ihm nicht so schmecken und einleuchten wollten. Antworten, die nach einer weiteren Auseinandersetzung schrien.
Ob es wohl auch andere Antworten gab? Von zeitgenössischen Theologen, Mystikern, oder gar praktizierenden Musikern? Ob er es evtl. sogar in Kauf nehmen sollte sich unter Berufung auf die Barmherzigkeit Allahs und das eigene Unvermögen über ein eventuelles Musikverbot - da nicht so zentral - sanft hinwegzusetzen? Schließlich war man ja auch sonst nicht immer der ideale Muslim. Und es gab ja viel Schlimmeres als Musik, Dinge, von denen er sich ja stets fernzuhalten versuchte. Zudem war er ja einigermaßen praktizierend und betete fünfmal am Tag (naja, eher viermal oder weniger, da zumindest das Morgengebet aufgrund Tiefschlafes öfters auf eine lichtere Stunde verschoben werden musste), und das sprach doch sicher für ihn, gilt doch das rituelle Gebet als Dreh- und Angelpunkt islamischer Religiösität schlechthin…
Der Muslim musste die Antwort offensichtlich sich selbst geben, einzig und allein verantwortet vor seinem Gewissen und Allah. Ja, das schien es zu sein…
Nach einer langen Rechnung kam er zum Ergebnis, dass er die Musik fortführen würde. Die haram-Argumente schienen ihm irgendwie schwach und quellenmäßig nicht sicher genug. Auch wenn die religiöse Legitimität nie ganz gesichert war: Für ihn stand fest, dass er dieser Musik, die er ja schon vor der Band seit Jahren konsumierte, sehr viel verdankte. Sie war für ihn ein wirksames Mittel zu einem höheren Zweck, nämlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst, Gott und der Welt, in einem Schloss, weit jenseits des Eingriffs von unerbetenen Eindringlingen… Und sie bereitete große Freude… Und sagte nicht auch der Koran irgendwo “Sucht Wege zu Allah”? So ähnlich argumentieren ja auch die islamischen Mystiker. Diese Musik, so schloss er weiter, war für ihn offensichtlich unschädlich, oder zumindest nicht in bemerkbarem Ausmaß gefährlich (die Hauptsorge der Haram-Vertreter)…
Er sah, dass der Rock’n'Roll ihn weder zu Unmoral, noch zu Alkohol anleitete… dass die Musik ihn womöglich vor Schlimmerem beschützte… dass es für sein Verständnis keine eindeutigen Quellen gab, die die Musik in der Intention, die er hatte, und für die Situation, in der er sich befand, definitiv verbat… erst recht nicht im Koran… dass diese Musik ihm vielmehr ein unterhaltsames kulturelles Korrelat zum tafakkur (Nachdenken über Gott und die Welt) bot… dass die Musik ihn nicht daran hinderte, sein geliebtes Gebet (allerdings in der orthodox gesehen kürzest möglichen Form) zu verrichten, das er in Absprache mit dem Jugendhaus in leeren Proberäumen oder im leeren Mädchenzimmer, so gut es halt ging, zu verrichten versuchte, ohne jemanden zu stören… dass die Musiker um ihn herum intellektuell mächtig war drauf hatten und man mit ihnen auch außerhalb der Musik stundenlang diskutieren und streiten konnte… dass diese Musik für ihn der perfekte Weg war innere und äußere Konflikte zu verarbeiten, und dass der Christ und der Atheist in seiner Band komischerweise sehr ähnlich zu fühlen schienen… Was wollte man mehr?
Die Schülerzeitung war auf die Band (die übrigens ‘Pandemonium’ hieß) aufmerksam geworden. So wurden Pandemonium interviewt und sie erzählten der Zeitung lang und ausführlich von den Hintergründen der Texte, die sich zwischen Fantasy- und Philosophiethemen hin- und herbewegten… Um die ganze Schule zu beeindrucken posierten die drei mit bösem Blick und mit der Hand zum Metalzeichen geformt für eine Foto, das die ganze Schule sehen sollte - das Dumme war nur, dass dieses ‘Metalzeichen’ in Wirklichkeit der Satansgruß war! Nur wusste die drei das nicht. Noch nicht.Eines Tages kam die Lateinlehrerein zum Muslim… sie erzählte ihm, dass sie sich Sorgen mache, dass sie das Foto in der Schülerzeitung gesehen habe… dass sie der Auffassung sei, dass die drei sich auf einem gefährlichen Weg befinden würden… dass sie womöglich in den Satanismus abdriften könnten…
Sata-was!?
Ja, Satanismus!
Sie wies den verwirrten Muslim auf den Satansgruß hin, mit dem sie ja für die Schülerzeitung abgebildet wurden. Völlig beschämt erklärte der Muslim, dass sie die Bedeutung dieses Zeichens nicht gekannt hätten, dass sie dachten, dies wäre nur das Zeichen für die Musik, die sich machen… dass er doch ein gläubiger Mensch, und Satan doch sein größter Feind sei… Sie glaubte es ihm - und die Musik ging weiter… ab jetzt aber ohne ‘Satansgruß’…
Die Musik der drei braven Buben war in der Tat mehr als Zeitvertreib. Sie war hoch ernste Mystik, gesamtheitliche Selbst-und Welterschließung, die Transzendierung alles Materiellen, kurzum der totale Kick…
Am unspektakulärsten fiel in der Band der Kampf der Kulturen aus (der damals noch nicht so populär war)… Der Muslim hatte mal in einem religiösen Moment einen Song namens “The Secret Book of Endless Knowledge” geschrieben und wollte diesen nun zum Bandgut machen. Der Atheist fragte skeptisch “Du meinst damit aber nicht ein bestimmtes Buch, oder?” Und der Muslim erwiderte (unter schelmischem Grinsen): “Nö, nö… Kannst jedes Buch reinsetzen, das dir gefällt” Der Atheist wusste natürlich, dass das nicht stimmte… Trotzdem sang er den Text munter und überzeugt… Und der Muslim sang dafür die background vocals zu einem Sauflied, das der Atheist geschrieben hatte… Das Lied nannte sich “The Drunken Druid Inn” Der Muslim hatte noch nie gesoffen. Soweit so gut. Doch auch der Atheist und der Christ hatten praktisch nie gesoffen! Dennoch sangen alle gemeinsam das Sauflied… eine echt harte Nuss war Pandemonium…
Was waren das für Zeiten! Sie hielten sich insgeheim für die Kings of Metal, fast noch einen Schritt vor Manowar - bis sie von einigen älteren Bands darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie den einen oder anderen Riff (z. B. aus dem Sauflied) von Pandemonium aus ihren eigenen Songs kannten… naja gut, aber waren nicht alle großen Bands, war nicht jede Musik, ja überhaupt jede Idee durch irgendwen inspiriert? Man deutete den Songklau dankenswerterweise als Anerkennung, und so war die Sache geregelt…
Die Metaller, Punks und Hardcore-Leute im Jugendhaus waren eine eingeschworene Gemeinde, die trotz unterschiedlichster Weltanschauungen durch eine laute, für Außenstehende schier unerträgliche Musik zusammengehalten wurde. Ein zehnköpfiger Vorstand, zu dem der Muslim auch gehörte, organisierte Konzerte, und sie wurden in der lokalen Szene schon bald sehr bekannt. G.R.U.N.Z. hieß die Musikerinitiative - und ihr Maskottchen war eine dicke fette Rock-Sau mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren.
Aber wie in jeder großen Band kam es nach paar Jahren zu musikalischen Reibereien zwischen dem Leadsänger und dem Gitarristen… Der Leadsänger wollte softere Songs schreiben, da dies mehr Mädchen auf die Konzerte ziehen würde… Der Muslim sah dies als Stilverrat und wollte lieber bei den düster-melancholischen Hymnen bleiben… Der Stern von Pandemonium war am sinken…
Auf einem ihrer letzten Konzerte standen die Jungs auf einer Bühne im Stadtzentrum. Ein gefährlicher Ort, zumindest insofern, als dass sich der Muslim hier dem Blick aller Passanten darbot, auch wenn diese zufällig aus dem türkisch-religiösen Umfeld kamen, die ihn womöglich als den braven Buben kannten, der ihren Kindern Nachhilfe erteilte und selber fleißig in der Schule war…
Nun stand er da, der muslimische Rocker, und griff mit seinen Jungs in die Saiten, und sie sangen im Chor “On a ship of glory, sailing far away, into glorius times, we’re sailing night and day… we shall never fail”. Hinter ihnen prangte die fette Rock-Sau von G.R.U.N.Z., mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren. Ausgerechnet in diesem sensiblen Moment lief Ibrahim abi mit seiner Frau, die ein Kopftuch trug, und den Kids an der Bühne vorbei - ein religiöser Muslim mit Bart war das, der seine Kinder zum Metaller in die Nachhilfe schickte. Nicht, dass die Muslime in seinem Umfeld das Doppelleben des Gitarristen nicht kennen würden, aber so in Montur mit Gitarre und Sau hatte ihn bis dato wohl keiner von ihnen gesehen. Auf der Bühne wurde es dem muslimischen Gitarristen langsam eng. Er versuchte den Blickkontakt zu vermeiden, doch schwupp - war es schon geschehen, und man hatte sich mit einem höflichen Kopfnicken aus der Weite gegrüßt: “Selamun aleyküm”, “Aleyküm selam”. Schluck. Hoffentlich, dachte sich der Muslim, war wenigstens die fette Sau hinter ihm nicht so deutlich zu sehen. So drehte er ich sich langsam um, doch was musste er erblicken: Die fette Rock-Sau mit der Sonnenbrille und den Ledermanschetten an allen Vieren grinste im hellen Bühnenlicht gemeiner als je zuvor…
Zeiten vergingen. Nachdem die Band sich in gegenseitigem Einvernehmen bis auf Weiteres aufgelöst hatte, ging die Musik jedoch weiter. Der Muslim wurde nunmehr auch zu türkischen Hochzeiten eingeladen, um mit einem Sazspieler Sketche vorzuführen, und einmal erschien er sogar mit einem kleinen, spontan zusammen gewürfeltem Knabenchor auf einer religiösen Veranstaltung zum Geburtstag des Propheten, diesmal aber ohne die fette Rock-Sau…
Interessanterweise wurde der Muslim in der türkisch-islamischen Community auch während seiner Bandzeit nie wegen seiner E-Gitarre oder seinem Metal-Tick persönlich kritisiert, auch wenn sich der eine oder andere mal über die Sinnlosigkeit weltlicher Musik mokierte. Immer, wenn er sich im muslimischen Kreis rechtfertigen wollte, hieß es, “Ist schon gut, ich habe kein Problem damit, mach ruhig weiter, es gibt bei uns eh viel zu wenig Musiker” Leicht machte man es ihm. Was sie sich wohl dachten? Wenn es nach der orthodoxen Theorie ging, war Musizieren zumindest mal etwas Unübliches. Aber wenn es dann einer doch tat, ohne den Hurra-bin-endlich-auch-modern-Türken herauszuhängen, dann war das plötzlich toll und interessant und den Leuten fielen eine Menge Gründe dafür ein, warum es an sich gut ist Musik zu machen. Machten die Leute das, weil man ihn für unheilbar verrückt hielt? Oder weil er schon immer so komisch ‘deutsch’ war? Wussten sie vielleicht, dass er mit der Musik auch dann nicht aufgehört hätte, wenn die Leute ihn verurteilt hätten? Oder tolerierten sie sein Verhalten, weil er vieles aus beiden Kulturen auf relativ ungewöhnliche Weise verband, gar miteinander im Schmelztiegel vereinte, ohne sich in ein enges, monokulturelles Korsett zwängen zu lassen? Steckte hinter dieser Toleranz vielleicht die Sehnsucht vieler muslimischer Konservativer, eigentlich auch gerne so manches als gegensätzlich Wahrgenommenes miteinander verbinden zu wollen, während sie sich jedoch vor Kritik aus den Reihen der Vertreter der türkisch-islamischen und deutschen Monokulturen scheuten? Lag die Toleranz vielleicht daran, dass der Gitarrist demonstrierte, dass man sogar in der Metalszene seinen eigenen Weg gehen konnte, ohne die Grundfeste eines einigermaßen ‘islamischen’ Lebens gegen die “Ausschweifungen” des Rockerlifestyles (oder Möchtegern-Rockerlifestyles) austauschen zu müssen?
Denn eines war unübersehbar: Die Metal-Musik faszinierte ihn, und ihr Pathos und ihre Metaphern umgriffen sein ganzes Denken - er war jedoch nie ‘Metaller’ im klassischen Sinne (so mit Bier und so) geworden. Für die mystischen Freuden und die schöne gemeinsame Zeit unter den Musikern war das aber offensichtlich nicht nötig! Diese Einsicht war eine seiner wichtigsten Entdeckungen in diesen Jahren, eine Entdeckung, die ihn wohl ein für allemal von der Idee und Praxis Deutschland überzeugte… ein Deutschland, das einen Grundkonsens erzwingen konnte, aber darüber hinaus die verrücktesten Kombinationen ermöglichte - eine Entdeckung, die eindeutig mit noch mehr Metal-Musik gefeiert werden musste… Aber wer sollte all das religiös begründen, rechtfertigen und aus den Quellen herleiten? Wer sollte diesen Mischmasch in Einklang bringen mit der so überschaubaren Welt der Monokulturen? Oder war dieser Mischmasch vielleicht gar keiner, sondern eine eigene dritte Kultur, die Individuen unter günstigen Bedingungen hervorbringen können, und die einmal entstanden nie wieder den Weg zurück in die Zahnpastatube finden?
In jedem Fall waren die Fakten jeglicher Theorie zuvorgeeilt.
Das war gerade das Schöne an dieser Musik: Man konnte mittendrin sein, unter den Leuten aufgehen, aber sich trotzdem nur das herausnehmen, was einem gefiel. Hauptsache die Kommunikation stimmte und jeder wusste im Zweifel, woran er war. War das gegeben - und das war es in der Tat - dann sah man unter den Musikern über alle Differenzen hinweg. Und man mochte sich so sehr, dass man stolz auf die gemeinsame Teilidentität war…
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Islamisches Recht: richtig verstanden?
16.8.2009 von Hakan Turan.
Fast jeder muslimische Haushalt hat an irgendeiner besonderen Stelle in der Wohnung ein Buch stehen, das man Ilmihal (frei übersetzt: „Wissen(schaft) von der Situation“ oder Katechismus) nennt. Ein Ilmihal ist ein praktisches Handbuch, das in Kapiteln und oft in durchnummerierte Paragraphen gegliedert ist. In ihm kann man z. B. die Glaubensgrundlagen oder detaillierte Beschreibungen islamischer Praktiken nachlesen, z. B. des rituellen Gebets oder des Fastens. Manche Ilmihals umfassen darüber hinaus Kapitel zu fast allen Lebensbereichen, während andere sich auf einzelne Themen beschränken. Zu den Klassikern aus letzterem Bereich im türkischen Buchregal gehört ohne Zweifel das verbreitete „Namaz Hocası“ (zu deutsch: Gebetslehrer) von Yusuf Tavaslı, das eine für alle Alters- und Bildungsgruppen verständliche Einführung in die Praxis des rituellen Gebets, in die Regeln des Fastens im Ramadan usw. enthält und neben einer Reihe didaktischer Abschnitte auch aufzählende Passagen im Stil eines Ilmihals aufweist – so z. B. wenn aufgelistet ist, welche Handlungen während dem Fastentag im Ramadan das Fasten ungültig machen und welche nicht. Hierbei werden Begriffe des fiqh, d. h. der klassischen islamischen Rechtswissenschaft verwendet, z. B. auf Türisch „Vacip“ oder „Farz“ für Gebotenes, „Haram“ für Verbotenes, „Sünnet“ für empfohlene Praktiken des Propheten Muhammad etc.
Was haben aber Fasten und Beten bitte mit Rechtssprechung zu tun? Ganz einfach: Nach einer Unterteilung in der klassischen islamischen Rechtswissenschaft – namentlich al-fiqh (türksich: fıkıh) – die sich in den ersten Jahrhunderten des Islams entwickelt hat, kann die gesamte Sphäre der durch Koran und Sunna vermittelten Normen in verschiedene Bereiche eingeteilt werden. Zu den zentralen Bereichen gehören dabei der der ‘Ibadat (auf Gott bezogene Handlungen, also Gottesdienste) und der der Mu’amalat (Handlungen im Verhältnis zur Gesellschaft). In der islamischen Gelehrsamkeit werden die Gottesdienste also als ein Teil eines umfassenden islamischen Rechts aufgefasst. In den allermeisten Fällen meinen Muslime also nicht den Wortlaut von Koran und Hadithen, wenn sie von islamischen Geboten, Verboten, Gesetzen etc. sprechen, sondern Ergebnisse einer bestimmten Tradition innerhalb der Rechtswissenschaft al-fiqh, z. B. die Positionen der hanafitischen Rechtsschule, die unter den Türken weite Verbreitung hat. Diese Wissenschaft liefert Gebote und Verbote in erster Linie auf Basis der Primärquellen Koran und Sunna.
Wenn also von kodifiziertem islamischen Recht (einschließlich der Gottesdienste, Speisevorschriften, Strafrecht, Familienrecht etc.) die Rede ist, dann meint man stets das Recht, das die Rechtsgelehrten (also die fuqaha) per Interpretation aus Koran und Sunna abgleitet haben. Ihr Ideal war es aus Koran und Sunna das universelle, verbindliche Gesetz Gottes für alle Lebenssituationen, also die normative Shari’a, abzuleiten. Die Shari’ah im hier gemeinten Sinne (Vorsicht! Vieldeutiger und heiß umkämpfter Begriff!) liegt also nicht unmittelbar vor unserer Nase, sondern ist das Ergebnis der Interpretation in der fiqh-Wissenschaft. Selbst fundamentalistische Zugänge, wie die von manchen Salafiten und Wahhabiten, die Koran und Sunna möglichst unmittelbar umsetzen wollen, lesen diese im Lichte einer gewissen vorgeschalteten fiqh-Systematik. Diese Systematik ist nicht mit dem Text identisch – und das ist hier zunächst das Entscheidende.
Da die fiqh-Wissenschaft kompliziert ist, werden ihre Ergebnisse ohne Angabe der systematischen Herleitung und ausführlichen Begründung, und meist auch ohne Auflistung der Gegenmeinungen und Begründungsprobleme als endgültige Tatsache der breiten Bevölkerung in Form von Ilmihals, oder in Lesungen und Predigten verabreicht. Der Vorteil: Volk weiß genau, was zu tun ist. Der Nachteil: Volk weiß nicht, warum gerade dies zu tun ist. Anspruchsvollere Werke weisen auf die Herleitung und alternative Deutungen z. B. in den verschiedenen Rechtsschulen hin. Insofern ist islamisches Recht zwar methodisch aus Koran und Sunna abgeleitet. Es ist in seiner universalisierten Form jedoch stets das Ergebnis einer Interpretation ausgewiesener Gelehrter – von der Beurteilung der Authentizität von Hadithen, über die Frage nach der Allgemeingültigkeit koranischer Aussagen bis hin zur Priorisierung koranischer Normen. Und es ist pluralistisch, insofern als dass die Muslime bereits seit der Zeit der Prophetengefährten unterschiedliche Auslegungen kannten und gebilligt haben. Das Problem ist heute: Fast alle breiten fiqh-Traditionen haben den größten Teil ihrer inhaltlichen Ausgestaltung schon seit über tausend Jahren hinter sich. Diesen Boden möchte man heute jedoch nur ungern verlassen, da die Wortführer der praktizierenden Kreise den heutigen Gelehrten nicht viel mehr als Fußnoten zu den Werken der klassischen Gelehrten zutrauen. Sie bevorzugen im fiqh den taklid, d. h. die (bisweilen selektive) Übernahme der Meinungen der klassischen Gelehrten. Darum reichen vielen traditionell orientierten Muslimen Ilmihals, wenn sie wissen wollen, was im Islam nun Sache ist. In den allermeisten Fällen gibt man sich sogar schon mit einem Hörensagen im vertrauten Umfeld zufrieden. Von der fiqh-Wissenschaft kommen auf der Stufe des alltäglichen Islams daher meist nur selektive Endergebnisse, sozusagen Splitter von Ilmihal-Wissen an.
Aber es gibt noch eine Stufe vor fiqh. Die Prinzipien, nach denen die fiqh-Wissenschaft aus Koran und Sunna Normen ableitet, sind keine Selbstverständlichkeit – sie werden auch nirgends im Koran systematisch ausgeführt. Vielmehr sind diese Prinzipien Gegenstand einer Wissenschaft höherer Ordnung, also einer Wissenschaft über die fiqh-Wissenschaft, auf die alle muslimischen Autoren heute mit großem Stolz hinweisen und sie als den eigentlichen Kern der islamischen Rechtsphilosophie ausweisen, nämlich der usul al-fiqh (türkisch: fıkıh usulü), was Grundlagen (oder Methodologie) der Rechtswissenschaft bedeutet. Sie ist Rechtshermeneutik in vollstem Sinne, und ein großer Teil von ihr ist eine frühislamische Form elaborierter Sprachwissenschaft von beeindruckender Tiefe und Subtilität. Gelehrten wie Abu Hanifa hatten klare Vorstellungen von ihrem usul, jedoch wurde das erste eigenständige Werk über usul al-fiqh erst im zweiten islamischen Jahrhundert vom Rechtsgelehrten asch-Schafi’i verfasst.
Im usul al-fiqh wird geklärt wie überhaupt aus einem so vielfältigen Text wie dem Koran Normen abgeleitet werden können, wie man mit Deutungsvielfalt umgeht, welchen Stellenwert die Vernunft neben dem Wortlaut der Primärquellen bei der Aufstellung von Normen hat, was überhaupt die eigentlichen Zwecke des islamischen Rechts sind, wann koranische Aussagen als universelle Norm gelesen werden müssen, und wann sie nur eingeschränkt (oder gar nicht) gültig sind etc. Hier klärt man die Interessen, die im fiqh Vorrang genießen, den Umgang mit widersprüchlichen Quellentexten und auch die Frage, wann Normen als unbedingt gelten und wann sie ein Mittel zu einem höherstufigen Zweck darstellen. Usul al-fiqh thematisiert also das Verstehen und das Aufstellen von Normen überhaupt und ich persönlich glaube, dass jede ernsthafte Diskussion über islamisches Recht und islamische Weltanschauung(en), über Deutungsmöglichkeiten und über eine Integration von Islam und Moderne früher oder später auf dieser Ebene operieren muss, wenn sie nicht schnelle Lösungen will, sondern den Dingen auf den Grund gehen möchte.
Das Ilmihal-Wissen um den praktizierten Islam speist sich also aus der fiqh-Wissenschaft. Und die fiqh-Wissenschaft interpretiert Koran und Hadithe und gemäß Prinzipien höherer Ordnung, die in usul al-fiqh thematisiert und diskutiert werden. Auch die usul al-fiqh des klassischen islamischen Rechts ist wie das fiqh in sich selbst pluralistisch und war trotz breiter gemeinsamer Basis immer auch kontrovers und stellte so unter Beweis, dass genuin islamisches Denken immer auch hermeneutisches Denken ist, und dass keiner der großen Rechtsgelehrten das Verstehen als voraussetzungslos abgetan hätte.
Das macht mir Mut nachzufragen, wie es zur Etablierung universeller islamischer Normen kam, und unter welchen Bedingungen man eine Flexibilität des islamischen Rechts erwarten darf bzw. muss. Und es macht mir Mut, dass man islamisches Recht begreifen, unterschiedliche Positionen vergleichen und begründet Stellung beziehen kann, ohne den Anspruch erheben zu müssen selbst ein Rechtsgelehrter sein zu wollen. Sofern es in einer Wissenschaft mit rechten Dingen zugeht, muss jeder Mensch sich selbstständig über ihre populären Ergebnisse (Ilmihal), ihren Diskurs (fiqh) und ihre hermeneutische Selbstreflexion (usul al-fiqh) informieren können. Wer sich betroffener fühlt muss sich schließlich auch ein Bild von der Passung von Gegenwartsproblemen und traditionellen Lösungen machen können. Aber er muss dazu auch den entsprechenden Atem mitbringen.
Manches ist dabei ganz ähnlich wie in der Naturwissenschaft. Ich kann mich an populärwissenschaftlichen Darstellungen eines astronomischen Themas erfreuen (das ‚Ilmihal‘). Jedoch steckt hinter diesen Darstellungen die eigentliche Wissenschaft, nämlich das geduldige Beobachten und Protokollieren, der wissenschaftliche Diskurs und das Entwickeln und Verwerfen von Theorien (das ‚fiqh‘). Dieses muss ich nicht selbst durchführen – ich bin jedoch verpflichtet die wichtigsten Stationen in diesem Erkenntnisprozess nachzuvollziehen, wenn ich darüber urteilen will. Oder ich mache eine Form von taklid – das heißt, ich vertraue dem entsprechenden Wissenschaftlerteam, dass sie alles richtig beobachtet und beurteilt haben und überantworte die Stichhaltigkeit der Beweise gänzlich ihrer eigenen Kompetenz. Habe ich jedoch das dringende Interesse den endgültigen Geltungs- und Gewissheitsanspruch dieser Wissenschaft überhaupt zu beurteilen, dann muss ich früher oder später die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen astronomischer Theorien soweit es möglich ist analysieren und beurteilen (das ‚usul al-fiqh‘). Die Alternative mündet in blinde Autoritäts- bzw. Wissenschaftsgläubigkeit, die ihren Meistern eventuell Dinge zutraut, die sie mit menschlichen Mitteln nicht einlösen können.
Viele Wissenschaftler – gleichgültig ob in Naturwissenschaft oder Theologie – setzten ihre Methoden kritiklos voraus. Sie handeln dabei nicht etwa frei von ‚usul‘, also von Grundannahmen über die Prinzipien ihrer Wissenschaft überhaupt, sondern sind sich derer lediglich nicht bewusst. Reflektierte Menschen hingegen können wenigstens ansatzweise Rechenschaft über ihre Prinzipien und Methoden abgeben oder wissen zumindest, dass sie nicht voraussetzungslos handeln, sondern, dass ihre Methodologie hinterfragbar ist, Vieldeutigkeiten nicht ausschließen kann und in vielen Fällen gar keine absoluten und notwendig wahren Gewissheiten liefern kann. Nicht weil es keine Wahrheit gäbe, sondern weil sie mit unseren endlichen Erkenntnismitteln nie mit absoluter Gewissheit sichergestellt werden kann. Und wer das Gegenteil behauptet, der trete bitte vor. Sehr wohl kann aber eine vermutete Wahrheit innbrünstig geglaubt werden. Und vermutlich ist kein Glaube vollkommen, der nicht auch im bewussten Zweifel noch Liebe und Leidenschaft bewahren kann. Weise ist jedoch der, der dabei nicht vergisst, dass er letztlich glaubt, wenn auch mit bestem Gewissen und aus guten Gründen.
In einer Reihe von Fällen wird man kein Schütze sein müssen um zu erkennen, ob der Meister mit dem selben Bogenschuss auch unter den gewandelten Bedingungen von heute noch ins Schwarze treffen würde, sprich, ob das vor langer Zeit Dargebotene auch unter unseren Verhältnissen das halten kann, was es verspricht, nämlich Gottesnähe, Gerechtigkeit und Glückseligkeit – oder ob man darauf bestehen muss, dass andere Bedingungen eventuell modifizierte Zugänge zur Tradition und zur Gegenwart erfordern, und dass blinder Dogmatismus dem Islam und den Muslimen langfristig immer geschadet statt genützt haben. Jedoch gilt es gerade bei diesem heiklen und dringenden Thema auch tiefe Bescheidenheit zu üben und den altehrwürdigen Meistern geduldig zuzuhören, denn sie haben uns womöglich auch heute noch mehr zu sagen, als manchmal durch die getrübte Oberfläche der Tradition durchscheint…
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