Wie man sich Osmanen heranzieht
7.1.2010 von Hakan Turan.
Der Unterricht bei Frau Rieger* an der städtischen Realschule hat gerade begonnen. Und wie die vor wenigen Wochen eingeschulten Fünftklässler am lauten und bestimmten Tonfall der Deutsch- und Geschichtslehrerin, die zugleich Schulleiterin ist, erkennen können, gibt es zuvor etwas Wichtiges zu klären. In die Richtung von Fatih blickend fängt Frau Rieger an:
„Bevor wir anfangen will ich etwas sagen. Sei dir über einige Sachen im Klaren, Fatih. Diese wären, dass ich gesehen habe, dass du in den Pausen die Mädchen belästigst und schlägst. Du kannst dieses Verhalten in der Türkei bei euren Frauen an den Tag legen. Aber mit deutschen Mädchen und Frauen kannst du nicht so umgehen wie mit türkischen Frauen.”
Völlig verwirrt widerspricht Fatih den Beschuldigungen, doch gegen diese mutige Kulturkämpferin, die dem Türken endlich klar machen will, dass hier nicht türkische, sondern deutsche Gepflogenheiten gelten, ist nicht anzukommen. Die Situation endet mit einer Ankündigung von Strafmaßnahmen bei wiederholtem Fehlverhalten und einem weinenden Fünftklässler, der zum ersten Mal einige längst fällige Worte über den fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Kulturen, in denen er groß wird, belehrt wird.
Die Mädchen in der Klasse fragen sich gegenseitig, wen von ihnen genau denn Fatih geschlagen haben soll. Nach einigem Gemurmel kommen sie zum Ergebnis, dass Frau Rieger Fatih offensichtlich beim Fangen- und Versteckspielen in der Pause beobachtet und sein Verhalten als abfällige und machohafte Geste gegenüber den Mädchen missverstanden haben muss. In der Pause gehen die Mädchen, mit denen Fatih gespielt hatte, geschlossen zu Frau Rieger und erklären ihr, dass Fatih überhaupt nichts Schlimmes gemacht hat. In der nächsten Stunde entschuldigt sich Frau Rieger vor der versammelten Klasse bei Fatih. Sie hat das Missverständnis zugestanden. Damit ist die Sache für sie erledigt und man kann wieder zur Tagesordnung übergehen.
Als mir Fatih diese Geschicht erzählt, liegt sie bereits 15 Jahre zurück. Ich frage den sportlichen Mittzwanziger, der über den zweiten Bildungsweg und nach einer Ausbildung und Arbeit am Fließband den Weg ins Studium geschafft hat, wie dieses Erlebnis ihn beeinflusst hat. Er erzählt mir das, was ich von sehr vielen türkischen Jungen und Mädchen in unterschiedlichsten Varianten höre:
„Nach diesem Vorfall begann ich mich für den Unterschied zwischen Deutschen und Türken zu interessieren. Ich wollte wissen, wieso ich anders als die anderen behandelt werde. Auch die Osmanen und die Religion wurden wichtiger für mich.”
Auf die Frage, wie er das Miteinander von Deutschen und Türken heute einschätzt, antwortet er, dass er neben seinen türkischen Freunden auch viele deutsche Freunde hat und sehr wohl sieht, dass nicht nur Deutsche, sondern auch die Türken in Deutschland einiges falsch gemacht haben und immer noch falsch machen. Aber Tatsache sei auch, dass er aufgrund seiner Herkunft in manchen Situationen immer noch abfällig behandelt und ausgegrenzt werde. Deswegen fühle er sich trotz seines deutschen Passes nach wie vor als Türke.
Ich persönlich war verblüfft über die große Ähnlichkeit von Fatihs Geschichte zu einer Begebenheit, die ich an eigenem Leibe vor nunmehr über 20 Jahren in der Grundschule erleben durfte. Auch dort spielten die Jungen und Mädchen in der Klasse Fangen. Als es zwischen den beiden Gruppen zum Streit kam, wollte ich schlichten und schrieb im Namen der Jungen einen Versöhnungsbrief, den ich auf dem Pausenhof gerade den Mädchen geben wollte. Just in dem Moment stand Frau Rose, meine Klassenlehrerin in der dritten Klasse, neben mir und begann genau auf die selbe Art über fundamentale Werteunterschiede zu dozieren wie Frau Rieger: So unverschämt könne ich mich in der Türkei gegenüber den Mädchen verhalten, doch wir seien hier in Deutschland – und hier würden andere Regeln gelten. Meine Versuche die Sache zu klären wurden konsequent abgeblockt. Völlig verwirrt ging ich nach dieser Schelte zu den Mädchen und fragte sie, ob sie denn Frau Rose recht geben würden. Aber sie waren offensichtlich ebenso überrascht wie ich und konnten den plötzlichen Anflug ihres in meinen Ohren eindeutig türkenfeindlichen Ausbruchs nicht verstehen.
Zwei Geschichten, die selbe Misslage. Und eine ganze Reihe von Fragen, auf die wir nur gemeinsam eine Antwort finden können:
1) Wie sollen sich Jugendliche mit einem muslimischen Hintergrund sich mit Deutschland identifizieren, wenn sie bereit in sehr jungem Alter zu spüren bekommen, dass manche – wenn auch wenige – staatlich beauftragte Lehrer und Erzieher sie wie anklagbare Vertreter eines „völlig anderen”, sprich minderwertigen und verachtungswürdigen „Wertesystems” behandeln?
2) Wer soll diese überforderten Erzieher und Lehrer mit dem Innenleben ihrer anvertrauten Zöglinge mit Migrationshintergrund vertraut machen und ihnen die richtige Zuordnung ihrer bisweilen ausufernden Verhaltensweisen erklären? Wer soll ihnen verdeutlichen, dass sich jene Jugendliche oft erst dann bewusst mit ihrem „völlig anderen” Wertesystem zu identifizieren beginnen, sobald sie das Gefühl bekommen, dass sie ihr Selbstwertgefühl nur im Rückzug auf ihren Ursprung, ihre „wahre Identität” aufrecht erhalten können? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Selbstbewusstsein, in dem jene Jugendlichen häufig auftreten, meist nichts anderes ist als ein erfolgreich überspielter Selbstzweifel? Dass jene Jugendliche innerlich von Selbstzweifeln und Identitätskonflikten derart zernagt sind, dass sie nach außen eine zweite Schutz- und Abwehridentität entwickeln? Wer wird ihnen erklären, dass diese Heranwachsenden in Wirklichkeit auch in ihrer „völlig anderen” Kultur Fremde sind? Dass sie noch schlechter türkisch als deutsch sprechen? Dass sie stolze Türken sind, aber weder die türkische Geschichte kennen, noch türkischsprachige Literatur lesen? Und dass sie als Antwort auf diese Situation sich nicht etwa beidseitig bilden und hochkämpfen, sondern bereitwillig die Rolle des unangepassten Ausgestoßenen und Verachteten übernehmen um diese sich selbst und ihrer Umwelt bei jeder immer wieder zu bestätigen?
3) Wer soll diesen türkischen, arabischen, kurdischen und vergleichbaren Kindern und Jugendlichen erklären, dass manche ihrer Aussagen und Verhaltensweisen von manchen Deutschen als äußerst befremdlich und abstoßend empfunden werden? Wer soll ihnen klarmachen, dass sie manchmal auf Schritt und Tritt beobachtet werden, und dass selbst ihre unschuldigsten und unbedachtetsten Aktionen manchmal als aktive Ablehnung der deutschen Gesellschaftsordnung im Namen einer fremden und der deutschen Kultur „völlig wesensfremden” Religion gedeutet werden? Dass sie von manchen als umso „islamischer” oder „türkischer” gesehen werden, je machohafter, frauenfeindlicher, gewalttätiger, unverschämter, lern- und leistungsunwilliger sie auftreten? Wer soll ihnen erklären, dass viele Menschen Angst vor ihnen haben, aber dass diese Angst nicht Ausdruck von Respekt, sondern vom genauen Gegenteil darstellt? Und dass auch sie die Chance haben einen anderen Weg zu wählen, ihre brachliegenden Potenziale zu wecken und all die vorbeiziehenden Chance in ihrem Leben zu ergreifen?
4) Wer soll den Eltern dieser Jugendlichen erklären, dass viele ihrer Kinder den Anschluss an die deutsche Gesellschaft verpassen, und dass ihnen dadurch nicht nur gesellschaftliche Anerkennung, sondern auch alle realistischen Aussichten auf einen guten Beruf entgehen? Wer soll ihnen klarmachen, dass das Scheitern ihrer Kinder zu einem großen Teil an ihrem fehlenden Interesse am Schul- und Lebensalltag ihrer Kinder liegt? Dass die Vorurteile und Ungleichbehandlungen durch manche Lehrer und durch das „System” zwar einen wichtigen, aber eben dennoch nur einen von vielen Teilen des Problems ausmachen? Dass in Deutschland in nahezu allen Lebenslagen das Leistungsprinzip gilt, und dass prinzipiell jedem die Erfüllung der Leistungsanforderungen möglich ist? Dass sie an ihre Kinder glauben müssen und dies den Kindern immer wieder vermitteln müssen, statt ihnen vorzuhalten, dass sie dumm und faul seien? Dass es schon so viele geschafft haben sich einen würdigen Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten, und dass dies auch den Nachkommenden möglich ist?
5) Ist es möglich diese Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren, ohne die bereits erfolgten großen Anstrengungen seitens der Deutschen und Migranten auf diesem Gebiet zu leugnen oder herunterzuspielen? Ohne anzuklagen, ohne um Mitleid zu heischen und ohne zu ideologisieren? Ohne den Jugendlichen, die auf dem Weg sind, das Gefühl zu geben hoffnungslose Sorgenkinder zu sein? Und ohne jenen, die es geschafft haben, den falschen Eindruck zu vermitteln, dass ihr Erfolg nichts zur Änderung dieser Situation beiträgt?
Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn sich alle Beteiligten von ihnen angesprochen fühlen und an einem Strang ziehen. Gerade diejenigen Jugendlichen und Erzieher, die die genannten Misslagen selbst erlebt und erfolgreich durchgestanden haben, könnten dabei von entscheidender Bedeutung sein.
*Alle Namen in diesen Berichten wurden von mir geändert.
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Von Islamfreunden, Islamfeinden und Islamskeptikern
5.1.2010 von Hakan Turan.
Bei aller Komplexität der Zusammensetzung von Muslimen wie Nichtmuslimen in Deutschland, könnte man, wenn man am Aspekt der Gesprächsbereitschaft der Deutschen mit den Muslimen in ihrer Rolle als Muslime interessiert ist, drei Haltungen unter den Deutschen unterscheiden. Ich weiß, dass solche Klassifizierungen sehr gewagt, da grob vereinfachend sind, aber ich gehe an dieser Stelle das Wagnis ein, weil es für manche Zwecke ausreichend ist. Die erwähnten Haltungen, die ich unterscheiden möchte, sind die islamfreundliche, die islamfeindliche und die islamskeptische. Diejenigen Deutschen, die sich von all dem nicht betroffen fühlen, passen natürlich in keine dieser Kategorien. Auch geht es mir hier nicht in erster Linie um die Rolle des Islam als Religion, sondern um die Rolle der Muslime als Minderheit in Deutschland. Den Begriff Islam verwende ich hier in der Weise, wie er desöfteren im öffentlichen Diskurs verwendet wird, nämlich als das, wovon viele Nichtmuslime glauben, dass die Muslime daran glauben würden, oder theoretisch sollten, wenn sie sich als Muslime verstehen – ich weiß, eine schreckliche Definition, aber auf diesem Niveau läuft heute ein großer Teil der Debatte über den „Islam“. Mit Islamfreunden etc. meine hier daher Leute, die Muslimen freundlich gesinnt sind und zusätzlich noch Positives mit dem Begriff Islam verbinden. Ich möchte hier auch nicht auf Unterschiede im Islamverständnis der Muslime eingehen.
Am entspanntesten, sozusagen am islamfreundlichsten, ist das Verhältnis wohl dort, wo sich Muslim wie Nichtmuslim persönlich gut kennen, einiges miteinander teilen und auf diesem Weg Freunde geworden sind. Das ist die in der abstrakten Öffentlichkeit wenig wahrgenommene, aber im individuellen Leben nach wie vor intensivste Form von Freundschaft und Vertrauen zwischen „Islam“ und „Westen“ – ich setze das bewusst in Gänsefüßchen, da wir es hier eigentlich mit einer Freundschaft von Individuen und nicht von abstrakten Religionen oder Kulturen zu tun haben. Meines Erachtens ist dieser Dialog zwischen Muslimen und „Westlern“ viel wichtiger und realistischer als ein abstrakter Dialog zwischen „Islam“ und „Westen“ – ein Dialog, der verheißungsvoll klingt, aber in der Praxis aus konzeptuellen Gründen nie realisierbar war, ist und sein wird. Eine etwas ernüchternde Beobachtung ist zudem wohl die, dass die Gruppe derjenigen Deutschen, die sich ohne große Vorbehalte auch als Freunde des Islam als Religion und Lehre verstehen, zugegeben klein ist – aber ist das bei dem Bild, das die islamische Welt und manche Muslime hierzulande abgeben, wirklich verwunderlich? Zudem in einer säkularen Gesellschaft, in der selbst das ureigene Christentum und ihre kirchlichen Vertreter immer wieder unter Beschuss geraten, ausgiebig kritisiert, beleidigt und gedemütigt werden? Offen gesagt: Nein!
Die gute Nachricht lautet aber: Die Gruppe der unversöhnlichen Islamfeinde (oder –gegner) ist auch klein, und zwar wesentlich kleiner, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Sie machen viel Lärm und beanspruchen im Namen einer schweigenden Mehrheit zu sprechen – in Wirklichkeit instrumentalisieren und ideologisieren sie jedoch nur die diffuse Skepsis und Angst in der Bevölkerung, die bei weitem nicht so scharfe ideologische Konturen trägt wie die Anschauungen ihrer selbsternannten Anwälte. Sie bezeichnen sich meistens als Islamkritiker. Die meisten agieren anonym, die Mutigen von ihnen offen. Leider sind nur die wenigsten von ihnen sachliche Kritiker. Viele – zu viele – von ihnen vermischen sachliche Kritik, der man selbst als Muslim zu großen Teilen zustimmen könnte, mit billigem Populismus und genau jenem Schwarz-Weiß-Denken, das sie doch eigentlich den Muslimen nachweisen wollten. Der Mangel an kompetenten Vertretern von Gegenpositionen, und das noch zu geringe mediale Interesse am Durchschnittsmuslim in Deutschland erleichtert es ihnen die Lufthoheit in Sachen Islam für sich zu beanspruchen. Als echte oder scheinbare Tabubrecher ziehen sie viel Aufmerksamkeit auf sich – aber diese ist definitv nicht zu verwechseln mit einer uneingeschränkten Zustimmung des Volkes. Mir sind immer wieder Deutsche begegnet, die meine Meinung über manche dezidiert islamfeindliche Autoren wissen wollten. Meistens hatte ich das Gefühl, dass sie ernsthaft an einer muslimischen Meinung dazu interessiert waren. Was jene Autoren und Blogger betrifft, komme ich oft zum Ergebnis, dass sie in vielen Dingen recht haben und gute Beobachter sind. Leider versagt ihr Scharfsinn oft gerade am wichtigsten Punkt, nämlich wenn es darum geht diese Beobachtungen in einen realistischen und vernünftigen Deutungsrahmen zu setzen. Für sie ist einfach der Islam das Problem. Punkt. So vulgarisiert man den Diskurs und macht weitere Gespräche überflüssig. Von gesellschaftlichen, politischen und historischen Kontexten, die erst bestimmte Praktiken und Islamdeutungen begünstigen, wollen sie nichts wissen. Aber: Solange sie in ihren verschiedenen Deutungsrahmen nicht erklären können, warum es gläubige und praktizierende Muslime gibt, die im Westen weitgehend integriert und absolut friedfertig sind, bleibt bei vielen mein Verdacht der ideologischen Islamfeindlichkeit bestehen. Und das ist nach meinen Begriffen nun mal mehr als nur Islamkritik.
Durchaus größer als die Gruppe der Islamgegener unter den Deutschen ist die Gruppe derjenigen, die – teils aus völlig nachvollziehbaren Gründen – den Muslimen und ihrer Religion gegenüber skeptisch eingestellt sind, aber dennoch bereit sind für Differenzierung, Gespräche, Klärung offener Fragen und dem Abbau von Vorurteilen. Sie nehmen – im Gegensatz zu den Islamfeindlichen – die Muslime als Gesprächspartner ernst und sind bereit für Diskurse auf Augenhöhe. Aber sie fordern auch, dass die Muslime, die sie aus dem eigenen Alltag oft kaum persönlich kennen, ihnen mehr Anlässe zur Differenzierung geben. Ich weiß, dass es die meisten Muslime leid sind immer wieder und wieder die selben Dinge erklären zu müssen. Ich weiß, dass sie der Meinung sind anständige Bürger dieses Landes zu sein, und dass es sie manchmal an den Rande der Verzweiflung treibt, wenn sie mit dem Islambild der Öffentlichkeit konfrontiert werden. Die meisten von ihnen fühlen sich von der islamkritischen Stimmung im Lande völlig überfordert. Aber ich bin mir sicher: Der unter Muslimen zunehmend verbreitete Eindruck eines ständigen Eindreschens der Deutschen auf ihre Muslime täuscht. Die realen Erfahrungen der meisten Muslime, die ich kenne, mit den Deutschen, sprechen eine differenzierte und überwiegend positive Sprache. Warum sollte ich mich da trotz besseren Wissens der Kulturkampfrhetorik der Dauerpessimisten anschließen?
Nach wie vor ist die rechtliche Lage der Muslime in Deutschland exzellent, ebenso die theoretischen Möglichkeiten, die den Muslimen zum Aufstieg, zur Neuorientierung in Deutschland und zur angemessenen Artikulation in der Öffentlichkeit offenstehen. Das Problem ist schlicht und ergreifend, dass den Muslimen jegliche Strukturen fehlen in den öffentlichen und politischen Diskursen mitzuhalten, geschweige denn überhaupt nachzuvollziehen, worum es den meisten Deutschen wirklich geht. Darum bleiben die meisten dieser Möglichkeiten ungenutzt. Unsere Passivität in jeglicher Hinsicht trägt massiv dazu bei, dass viele Deutschen keinen Anlass vorfinden ihr Bild von Muslimen auszudifferenzieren.
Darum möchte ich vor allem die Muslime darum bitten jene große Gruppe der Mehrheitsgesellschaft, die ungeduldig auf Klarheit wartet, nicht in einen Topf zu werfen mit den sagen wir mal Türkenhassern und Moslemverachtern. Und man schaue bitte genauer hin: Selbst die konservativen, dialogbereiten Deutschen scheitern am Dialog mit diesen - ich meine damit noch nicht einmal die Linksliberalen, sondern durchaus auch Teile der Konservativen. Ich erinnere mich da nur an die Schelten und Verleumdungen, die Wolfgang Schäuble für seine Islamkonferenz einstecken musste.
Es wäre ein fataler Fehler auf muslimischer Seite, wenn sie sich in ihren Stellungnahmen in Ton und Substanz den Islamgegnern angleichen würden. Jeder Versuch sie mit ihren eigenen rhetorischen Mitteln zu schlagen, würde noch mehr Spannung und Konflikt erzeugen – jedoch überzeugen würden sie niemanden damit. Ich finde: Wir sollten es besser machen als sie, sowohl im Ton, als auch in der Substanz. Das heißt: Ja zur sachlichen Gegenkritik und Zurückweisung von Verleumdungen - aber nicht in dem widerlichen Kampfsprech der vom Hass Zerfressenen und Panikstifter. Wenn man also als Muslim einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten möchte, dann sollte man stets die Mehrheit der Deutschen vor Augen halten, also diejenigen, die ebensowenig an einem Kampf der Kulturen interessiert sind wie die Muslime.
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Vom reflektierten Urteilen
23.10.2009 von Hakan Turan.
“Verkünde also Freude jenen Meiner Diener, welche der Rede zuhören und sich dann an das Beste davon halten…” (39:17-18)
Ich gebe im Folgenden einen Auszug aus einer Abhandlung eines der weniger bekannten, aber zugleich hellsten Köpfe der islamischen Geschichte wieder. In diesem kurzen Auszug arbeitet dieser aus dem oben zitierten Koranvers eines der meiner Meinung nach weitreichendsten und schönsten erkenntnisleitenden Prinzipien aus:
“Die Grammatik ist der Prosa und die Metrik der Poesie als ein zuverlässiges und geeichtes Richtmaß zugeordnet; dabei ist die Grammatik von allgemeinerer Geltung, denn sie umfasst zugleich die Prosa und die Poesie. Weiterhin ist die Rede in beiden Gattungen der Ausdruck eines Gedankens, den der Redende im Sinn hat. Wenn nun die Gedanken zu einem logischen Schluss zusammengesetzt werden, so bejahen sie entweder einen Gedanken, oder verneinen ihn. Die Logik und ihre Kriterien wurden als Maßstäbe für dieses Zusammensetzen festgelegt…
Unter diesen Disziplinen (Grammatik, Metrik, Logik) wird nun aber die Logik (als Wissenschaft der gültigen Schlüsse) auf Aristoteles zurückgeführt, von dessen Meinungen und Überzeugungen manches, wie man bemerkte, nicht mit dem Islam übereinstimmt, weil er sie aus der Spekulation (d. h. aus dem reinen Vernunftgebrauch) und nicht aus der Religion heraus gewonnen hat. Zudem pflegten die Griechen und Römer zu seiner Zeit (d. h. im vierten Jahrhundert v. Chr.) die Götzenbilder und die Gestirne zu verehren.
Aus diesem Grunde sind heutzutage einige Fanatiker aus Übereilung dazu gekommen, dass sie einen jeden, dessen Name auf ’s’ endet (wohl eine Anspielung auf Aristoteles und andere griechische Philosophen), mit dem Unglauben und der Ketzerei in Verbindung bringen…
Wenn man aber einen Sachverhalt aus Hass auf seinen Urheber unterschlägt oder entstellt, oder sich von einer Wahrheit abwendet, weil derjenige, der sie ausspricht, in anderen Dingen geirrt hat, so hält man sich an das Gegenteil von dem, was die Offenbarung (der Koran) verkündet hat. Gott, der erhaben ist, hat gesagt: Diejenigen, die der Rede zuhören und sich dann an das Beste davon halten, das sind jene, die Gott auf den rechten Weg geführt hat…”
(Übersetzung von: Strohmaier, Gotthard: In den Gärten der Wissenschaft, Reclam Verlag Leipzig, 2002, S. 43-44. Die Klammerbemerkungen stammen von mir)
Diese Verteidigung stammt von niemand geringerem als dem muslimischen Universalgelehrten Al-Biruni (gest. 1048 n. Chr.), der zu seiner Zeit als überragender Mathematiker, Astronom, Kartograf, Übersetzer, Forschungsreisender und nicht zuletzt als Philosoph und Denker wirkte. Er ist meines Erachtens einer der positivsten und vielseitigsten Gestalten der islamischen Geistesgeschichte, von der man zu praktisch allen Themen viel lernen kann, insbesondere, wie sich der islamische Glaube mit Vernunft und Empirie zu einer produktiven Einheit verbinden lässt. Al-Biruni war in der Tat nicht nur ein exzellenter Empiriker, sondern entwickelte in Auseinandersetzung mit dem Wissen und den widersprüchlichen Weltbildern seiner Zeit eine eigene Synthese aus Rationlität und Glauben. Leider sind seine philosophischen Werke im Gegensatz zu seinen naturwissenschaftlichen nahezu vollständig verschollen. Erhalten ist jedoch sein Briefwechsel als 25-Jähriger mit Ibn Sina alias Avicenna, dem berühmten Arzt und Philosophen, der damals gerade mal 18 Jahre alt war. In diesem Briefwechsel wirft Al-Biruni kritische Fragen zur aristotelischen Naturphilosophie auf und diskutiert diese mit Ibn Sina, der damals schon ein ausgewiesener Aristoteleskenner war. Dieser Aristoteles-kritische Al-Biruni ist es, der in der zitierten Passage selbigen Philosophen in Schutz nimmt gegen eine pauschale Ablehnung durch “Fanatiker” - (ja, solche gab es auch damals) und im Einklang mit dem zitierten Koranvers fordert, dass man die Wahrheit einer Aussage ohne jeden Vorbehalt gegenüber seinem Urheber untersuchen soll.
Es ist mir persönlich immer wieder eine Freude zu lesen, wie Al-Biruni die Welt und den Koran erklärt, ohne dass man ihn dabei klischeehaft auf die eine oder andere Denkrichtung seiner Zeit festlegen könnte (Falsafah, Kalam, Tasavvuf etc.). Nicht zuletzt dies weist ihn als originellen und tiefgründigen Denker aus, der an erster Stelle an Wahrheit, und nicht an Loyalität gegenüber einer bestimmten Schule interessiert war. Auch klingt es in meinen Ohren einfach authentischer, wenn ein exzellenter muslimischer Naturwissenschaftler über das Verhältnis von Islam und Rationlität spricht, als reine Theologen oder Islamgelehrte. Wer sich also trotz der aktuellen, teils notwendigen und teils überflüssigen Debatten über Türken, Araber und den Islam noch von so etwas Weltfremdem - oder vielleicht doch höchst Wichtigem? - wie Wissenschaftsgeschichte inspirieren lässt, der vergesse für einen Moment mal alle politischen Streitthemen, besorge sich stattdessen Strohmaiers oben zitierte Edition und lese sich einen kleinen Deut weiser und glücklicher. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Gotthard Strohmaier für sein hervorragendes Werk.
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An meinen fehlgeleiteten Bruder Bekkay
27.9.2009 von Hakan Turan.
Heute sind Bundestagswahlen und ich werde wählen gehen. Und obwohl ich mich innerlich nicht auf deine Drohbotschaft an das deutsche Volk einlassen wollte, verspüre ich doch das dringende Bedürfnis ein paar Dinge loszuwerden, bevor ich meinen Stimmzettel in die Wahlurne einwerfe.
Als ich kürzlich in der Bahn-Station auf den Zug wartete, las ich mir die an die Wand projizierten neuesten Nachrichten durch, bis ich auf dein Gesicht stieß. Inmitten von deutschen Bürgern, die wohl zu großen Teilen von der Arbeit auf dem Weg zu ihren Familien waren, las ich mir da beschämt durch, wie du im Namen meiner Religion stellvertretend für eine Gruppe fanatischer Sektierer namens al-Qaida Deutschland Bedinungungen für die Wahl diktierst. Ginge vom Wahlergebnis nicht aus, dass Deutschland seine Truppen aus Afghanistan abziehen würde, dann müsse Deutschland mit Anschlägen rechnen.
Auch wenn mir meine muslimischen Freunde immer wieder davon abraten mir die Laune mit den Verlautbarungen religiöser Fanatiker aus den Reihen meiner eigenen Religion zu verderben, gab ich auch diesmal noch am selben Abend der Versuchung nach und hörte mir an, was du zu sagen hast. Ich wollte versuchen zu verstehen, was da dran ist, an den Propagandisten von Autobomben und Sprengstoffgürteln, die sich in jedem zweiten Satz auf Gott, den Koran, den Propheten Muhammad und die Interessen der Muslime berufen. Auch ich bezeuge, dass es nur einen Gott gibt, und dass Muhammad sein Gesandter ist. Auch mir ist der Koran heilig und ich befasse mich intensiv und gerne mit seiner Lehre. Insofern müssten wir beide doch eigentlich in einer so wichtigen Frage wie der, ob das Leben und Gut der nicht muslimischen Deutschen um uns herum unantastbar ist, oder nicht, schnell Übereinkunft finden. Ich meine: Entweder irre ich mich - und mit mir zusammen die erdrückende Mehrheit der Muslime - , und meine Religion verlangt unter den heutigen Umständen allen Ernstes, dass wir, bzw. eine stellvertretende Gruppe von uns, in einen bewaffneten Kampf gegen jene Gesellschaft zieht, die uns ungeachtet unserer Religion von allen Angeboten ihres Gesundheits- und Bildungswesens profitieren lässt, uns einen großzügigen Sozialstaat an die Seite stellt und uns religiöse und bürgerliche Freiheitsrechte gewährt, von denen wir in den meisten sogenannten islamischen Länder nur träumen könnten - eine in der Tat absurde Vorstellung. Oder du und deinesgleichen befinden sich in einem fatalen Irrtum - und laden eine untragbare Verantwortung auf sich, indem sie sich ohne die Zustimmung und Genehmigung der Muslime, ohne Deckung durch den Koran, und ohne die Beglaubigung der Vernunft das Recht nehmen wollen, wahllos unschuldige und unbescholtene Kinder, Frauen und Männer in Stücke zu reißen um anschließend die unvorstellbaren Konsequenzen für diese “große Tat” die muslimische Minderheit in Deutschland ausbaden zu lassen.
Auch ich halte zusammen mit den meisten Muslimen und Nichtmuslimen in Deutschland die Anwesenheit der deutschen Truppen in Afghanistan für problematisch. Gründe für diese Haltung gibt es zu Genüge - zuletzt waren da beispielsweise die zivilen Opfer des verheerenden deutschen Luftangriffs auf die von den Taliban gekaperten Tanklastwagen in Kundus. Zu den Gründen für meine kritische Haltung zählt jedoch gewiss nicht, dass ich oder sonst ein vernünftiger Muslim dem Regime der Taliban nachtrauern würde. Genauso halte ich es für eine Anmaßung von dir, wenn du im Namen des afghanischen Volkes sprichst, wo du doch nur die extremste Absplitterung davon meinst. Außerdem haben dort deinesgleichen das afghanische Volk zuletzt noch während den Wahlen terrorisiert, sei es durch Selbstmordattentate oder durch das Abhacken von Fingern, die die Wahlmarkierung trugen - und da gibst du dich noch als Verteiger der aghanischen Souveränität aus? Es gibt genug Gründe für das afghanische Volk und die Muslime die Taliban und al-Qaida abzulehnen - und mit ihnen ihre reaktionäre Herrschaftsideologie, die auf einer anachronistischen und unreflektierten Ausdeutung bzw. Instrumentalisierung der Shari’a basiert. Aber: Du und deinesgleichen, die ihr euch immer wieder anmaßt im Namen der gesamten Umma zu sprechen - welche Scham und welche Moral sollte euch davon abhalten die Interessen der Taliban und al-Qaidas mit den Interessen der Muslime überhaupt gleichzusetzen? Wer könnte euch noch daran hindern die verzweifelte Hassideologie einer kleinen Gruppe vor der Weltöffentlichkeit als den Islam auszugeben? Und wenn es irgendwo Dankbarkeit gegenüber den Taliban gibt, dann gewiss an oberster Stelle in den Reihen der Moslemverachter, die in den Taliban und euch genau das vorfinden, was sie uns allen gerne anhängen würden.
Wenn es falsch ist, dass Deutschland seine Truppen in Afghanistan positioniert hat, dann gibt es eine Reihe von Wegen dem entgegenzuwirken. Der schlechteste, unmoralischste, unislamischste und feigste Weg ist es dabei mit Anschlägen gegen Zivilisten in Deutschland zu drohen. Denn:
1) Ihr handelt ausschließlich in eurem eigenen Auftrag. Weder die Afghanen, noch die Muslime in Deutschland haben euch damit beauftragt hier Furcht und Schrecken zu verbreiten. Wie könnt ihr euch da erdreisten auf Kosten aller Muslime eure ideologischen Fantasien und Sehnsüchte ausleben zu wollen? Aber wahrscheinlich sind aus eurer Sicht ohnehin 90% der Muslime weltweit und in Deutschland Abtrünnige und Ungläubige - was sollte es das noch zählen, was diese denken, nicht wahr? Wenn es - Gott bewahre - eines Tages zu einem Anschlag in Deutschland kommt, dann werdet ihr Millionen von Muslimen hierzulande und in Europa in eine unkontrollierbare Situation bringen. Auch wenn ich den Deutschen mehr Besonnenheit zutraue als euch: Was uns bevorsteht, wird erniedrigend sein. Am meisten werden die Schwachen unter den Muslimen betroffen sein, allen voran die praktizierenden Muslimas. Deinesgleichen haben dies schon am 11. September getan: Eine vermeintliche Heldentat vollbringen und dann dem geschädigten Gegenüber eine taugliche Legitimation für Kriege auf lange Zeit gegen islamische Länder in die Hand geben bzw. dem Generalverdacht in den westlichen Gesellschaften gegenüber ihren muslimischen Minderheiten Vorschub leisten. Für Millionen Muslime weltweit wird die Welt nie wieder so sein, wie sie vor dem 11. September war. Ihr tragt da eine massive Mitverwantwortung. Ein Anschlag in Deutschland würde zu weiteren ähnlichen Konsequenzen im In- und Ausland führen.
2) Eine jede Aktion in diese Richtung würde zahllosen unschuldigen Menschen das Leben kosten. Einen unschuldigen Menschen auf eigene Faust ohne jeden Gerichtsprozess zu richten ist milde formuliert ein Verbrechen. Beachtet man den Umfang eurer Pläne, dann macht ihr euch bei vollem Bewusstsein zu Schwerverbrechern. Du weißt, dass der Koran das alttestamentarische Prinzip bestätigt hat, dass das Töten eines Schuldigen dem Töten der Menschheit gleichkommt (5:32). Und bei denen, die ihr zu töten droht, handelt es sich um Unschuldige, unabhängig davon, ob die deutschen Truppen Fehler begehen, oder nicht. Denn im Koran heißt es, dass kein Sünder für die Schuld eines anderen büßen wird, und dass jede Seele nur für seine eigenen Taten geradestehen muss (35:18, 17:15). Eine solche Individualisierung sieht der Koran auch für die Behandlung von Nichtmuslimen in Krieg und Frieden vor (60:8-9, 2:190). Dieses Prinzip der Individualverantwortung in Diesseits und Jenseits scheint euch aber gleichgültig zu sein. Ihr glaubt offensichtlich an so etwas wie Sippenhaft, was ein genuin unislamischer Gedanke ist. Ob es diesbezüglich Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten gibt, interessiert mich nicht. Jene “Gelehrten”, die für eure politischen Zwecke aus einer möglichen Schuld der einen eine Kollektivschuld herzuleiten versuchen, werden im Jenseits die Freude haben Gott zu erklären, aus welchem Grund sie ein fundamentales Prinzip des Koran und der Vernunft konsequent übergangen haben.
3) Verbrecher sollten den Namen Gottes und seines Gesandten nicht in den Mund nehmen - schon gar nicht vor der Weltöffentlichkeit, schon gar nicht vor den Augen jener Menschen, denen wir seit Jahren klarzumachen versuchen, dass aufrichtige Muslime nur für Recht und Gerechtigkeit stehen können. Oder glaubst du im Ernst, dass die Deutschen in deinem Angebot eine respektable “islamische Toleranz” erkennen werden, wie du es behauptest? Glaubst du im Ernst, dass ein vernünftiger Mensch, der bei Sinnen ist und nicht unter dem Stockholm-Syndrom leidet, noch irgendeinen Grund finden könnte der Religion, die ihr zu verkörpern behauptet, etwas Positives abzugewinnen, geschweige denn ihr beizutreten? Wäre ich nicht schon Muslim und hätte ich so nicht schon die Gelegenheit gehabt ohne den Einfluss von Hassideologen die wahren Lehren des Islam kennenzulernen - bei Gott, nie würde ich einer Religion beitreten wollen, deren selbsterklärte Vertreter Menschen sind, die den Kindern, Frauen und integren Bürgern eines Landes Tod und Schrecken bringen wollen. “Ich bekomme Angst, wenn ich die sehe”, sagte mir mal ein junges muslimisches Mädchen, als sie im Fernsehen vor Hass wütende und schäumende Muslime aus deiner Ecke sah. Ist es wirklich das, was ihr wollt?
4) Du behauptest in einer Demokratie ginge alle Gewalt vom Volke aus - also müsse im Falle des Afghanistaneinsatzes auch das Volk, das die Regierung gewählt hat, gerichtet werden. Das ist also der faschistische Gedanke, mit dem eure Vordenker aus unschuldigen Zivilisten blutrünstige Soldaten machen. Bekkay, sag euren Ideologen, dass die Deutschen den Muslimen Deutschlands gegenüber trotz allen gelegentlichen Diskriminierungsvorfällen und Vorbehalten insgesamt sehr entgegenkommend, freundlich und ausgesprochen friedlich gesinnt sind, und dass der deutsche Staat eine ausgezeichnete rechtliche Situation seiner Muslime gewährleistet. Dafür dankbar zu sein, sehe ich als meine selbstverständliche moralische Verpflichtung. Diese Dankbarkeit erfordert jedoch auch eine gewisse praktische Loyalität, die dir und deinesgleichen jedoch gänzlich fremd zu sein scheint. Sag euren Ideologen, dass der deutsche Staat das Recht der Muslime hierzulande ebenso achtet, wie das der Christen. Und sag ihnen: Das Leben und das Gut der Muslime ist nach deutschen Gesetz unantastbar - unabhängig davon, was verwirrte Glaubensbrüder weltweit im Namen unserer Religion verbrechen. Die Deutschen handeln dabei interessanterweise ganz im Einklang mit dem oben erwähnten moralischen und koranischen Prinzip, demzufolge jeder Mensch nur für seine eigenen Taten geradestehen muss. Warum könnt ihr nicht auch so denken? Wie es aus eurer Sicht um die Sicherheit des Lebens und des Gutes deutscher Zivilisten steht, wenn z. B. der deutsche Staat sich in Unrecht gegen Muslime in Afghanistan verwickeln würde, habt ihr klar und deutlich ausgesprochen. Es ist für uns jedoch selbstverständlich, dass es keinen Unterschied in der Individualverantwortung von muslimischen und nicht muslimischen Bürgern geben darf - aber wenn es nach euch geht, gibt es da doch einen Unterschied, je nach dem, ob die deutschen Truppen am Hindukusch die afghanische Regierung gegen die Taliban zu stärken versuchen, oder nicht. Hier bringst du nun - ganz im Einklang mit den Argumenten eurer Vordenker - das Argument ein, dass in einer Demokratie das wählende Volk für die Taten der Regierung büßen müsse. Sag deinem Emir und euren Theoretikern, dass die Verantwortung eines Menschen einzig und allein durch seine realistischen Möglichkeiten vorgegeben wird. Denn im Koran heißt es, dass keine Seele über ihre Möglichkeiten hinaus zur Verantwortung gezogen wird (2:286, 65:7). Dies ist eines der ethischen Fundamentalprinzipien des Islam. In einer Demokratie geht entgegen der von dir naiv zitierten Theorie nicht alle Gewalt wirklich vom Volke aus. Es gibt ein bestehendes System, in das wir alle hineingeboren werden, und die Mitgestaltungsmöglichkeiten der Bürger sind selbst in der besten Demokratie ernüchternd gering. Unter diesen Umständen ist es eine Verhöhnung der Vernunft die Verantwortung für die aktuelle Politik einer Regierung jedem Individuum des Volkes anzulasten. Sowas könnte nur jemand befürworten, der die Demokratie als eine Art Kollektivreligion missversteht. Oder jemand, der nach einer billigen Legitimation für Terrorakte sucht. Nein, diese Moral entspricht nicht den Gerechtigkeitsprinzipien Gottes. Sofern ihr Muslime seid, seid ihr jedoch dazu verpflichtet nach den besagten unhintergehbaren Prinzipien zu handeln, wenn ihr islamisch handeln wollt - also unter Berücksichtung der Individualverantwortung und der realistischen Möglichkeiten des Individuums. Wenn es einen Anlass für euch gäbe militärisch zu reagieren - und den gibt es schon aufgrund eurer unbeglaubigten Repräsentanz nicht - , dann dürfte eure Reaktion also nur auf die Aggressoren gerichtet sein. So will es sowohl der Koran, als auch das Völkerrecht. Aber offensichtlich stört es euch nicht, dass in eurer Auslegung das islamische Recht deutlich anspruchsloser in Gerechtigkeitsfragen als das säkulare Völkerrecht dasteht. Im Übrigen ist auch das Bestehen eines islamisch legitimierten Verteidigungsfalles im Sinne des Dschihad in Afghanistan äußerst zweifelhaft, wie dies z. B. die ISAF-bejahende Haltung der afghanischen Mehrheit bezeugt. Auch bleibt angesichts eures Waltens der ernüchternde Verdacht bestehen, dass ihr bewusst oder unbewusst die größeren Feinde des afghanischen Volkes darstellt. Eure womöglich guten Absichten entschuldigen in Fällen wie diesen nicht die schlechte Tat. All dies bedeutet freilich auch nicht, dass der Afghanistaneinsatz in seiner jetzigen Form nun gut und richtig, geschweige denn notwendigerweise zu billigen wäre. Wir leben in keiner Schwarz-Weiß-Welt, Bekkay, das ist das, was ich hier sagen möchte.
Übrigens wird der Afghanistaneinsatz auch von den Steuern der Muslime, die ihr vor den Anschlägen ja angeblich schonen wollt, mitfinanziert - warum erklärt ihr diese dann nicht auch einfach zu Feinden, deren Blut und Gut antastbar geworden ist? Wenn ihr sagt: Diese machen das nicht freiwillig, dann wäre die logische Konsequenz auch zu sagen: Die meisten deutschen Bürger machen das nicht freiwillig - womit wir wieder bei meiner Aussage wären, dass auch in einer Demokratie nicht alle Gewalt in einem absoluten Sinne vom Volke ausgeht. “Das Volk” ist also ein heikler Begriff, da unter ihm sehr gegensätzliche Meinungen vertreten sind. Da hilft auch kein Verweis darauf, dass wenn die Mehrheit nun mal etwas wolle, die Minderheit dafür geradestehen müsse - was unmittelbar passiert, ist eine Frage der Realpolitik, und nicht des Willens der Mehrheit oder Minderheit. Damit sind euere wichtigsten Argumente für die Legitimation der Antastbarkeit des Lebens von Zivilisten widerlegt, selbst wenn der Afghanistaneinsatz ein aggressiver Krieg wäre.
5) Ich empfinde deinen Versuch die islamische Jugend in Deutschland anzusprechen und ihnen Anweisungen geben zu wollen, wie sie im Falle eines Anschlags vorgehen sollen, als blanke Anmaßung und Unverschämtheit. Die islamische Jugend in Deutschland will einen guten Schulabschlus, einen guten Beruf und aufsteigen. Sie will ihre Familien stolz machen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen - ja, sie will leben und leben lassen, nicht sterben und töten! Und sie will ihren Glauben und ihre Kultur gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auf eine würdige und glaubhafte Weise repräsentieren. Zahllose Muslime aller Schichten arbeiten hart dafür ein anständiges Leben zu führen und das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft zu verbessern. Sie übernehmen gesellschaftliche Verantwortung in allen Bereichen und schicken sich an ihrer Jugend vorzuleben, wie man als Muslim in Deutschland zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft wird. Ihr hingegen stellt genau das Gegenteil einer solchen gelingenden Existenz dar. Nur wer gar keinen anderen Weg gefunden hat seinem Leben einen Sinn und das Gefühl von Bedeutsamkeit zu geben, würde in hoffentlich sehr seltenen Fällen der Versuchung erliegen diese Bedeutung als lebende Bombe für terroristische Zwecke zu erlangen. Der Islam ist besser als das. Der Islam braucht das nicht. Insofern seid ihr ein extrem schlechtes Beispiel für alle junge Muslime. Und in den Augen vieler Deutscher entsteht durch euch der fatale Eindruck, dass ein Muslim, der seine Religion ernst nimmt, ständig Gefahr läuft auf solche irrigen Wege zu geraten. Mit dieser beispiellosen Öffentlichkeitswirkung bürdet ihr euch jedoch mehr Verantwortung auf, als ihr je tragen könnt.
6) Du behauptest, ein Attentat im Namen Gottes würde alle noch so großen Sünden des Gläubigen tilgen. Aber hier übersiehst du etwas. Kaum eine Sünde ist wohl größer als die, zu der du und deinesgleichen die Muslime einzuladen versuchen, nämlich das wahllose Töten von Zivilisten im Irrglauben, dass dies der Dschihad sei, von dem der Koran spricht. Eine Religion, die solche Anhänger hat, braucht eigentlich keine Kritiker mehr, da diese Anhänger ihre Religion wirksamer diskreditieren, als es alle Islamkritiker zusammen je schaffen würden. Ein wirklich grandioser Dschihad, Bekkay.
7) Die Mehrheit der Muslime weist deinen Emir, deinesgleichen und die von euch vertretene “Interpretation” des Islam weit von sich. Namhafte Gelehrte und Denker aus religiösen Kreisen haben sich unmissverständlich von allem distanziert, was mit Terror im Namen der Religion zu tun hat. Und sie haben dies völlig zurecht getan, ohne die Augen für das Leid der muslimischen Völker zu verschließen - sei dieses Leid nun durch Nichtmuslime oder Muslime verursacht. Manche haben geäußert, dass dein Emir Bin Laden zu jenen Menschen gehört, die sie am meisten auf der Welt hassen. Ich glaube an die Aufrichtigkeit dieser Äußerungen, da ich angesichts der hier in Kürze aufgeführten Punkte mich nicht grundsätzlich anders zu fühlen imstande sehe.
Es ist weder für dich noch für die anderen Fehlgeleiteten, die auf ähnlichen Wegen wie du irren, zu spät ihre Religiösität wieder auf religiös, rational und moralisch vertretbare Bahnen zu bringen - auf Bahnen, die den Muslimen eine würdige Zukunft und eine nachhaltige Lösung all ihrer weltlichen und religiösen Probleme ermöglichen werden. Über all dies können und müssen wir reden, sowohl in unserem Interesse, als auch im Interesse der Nichtmuslime.
Wenn aber im Zuge eures politischen Kalküls ein terroristischer Akt von euch gegen das deutsche Volk ausgehen sollte, dann lasst euch gesagt sein, dass wir hinter den Deutschen und Deutschland stehen werden, und dass ihr uns als eure Gegner vorfinden werdet, und dass wir alles tun werden, um uns die unvorstellbare Scham und Verlegenheit zu ersparen unseren Kindern und Jugendlichen eines Tages erklären zu müssen: Seht, ihre Mörder waren Muslime.
Im Namen aller Gleichgesinnten,
Hakan Turan
Geschrieben in Terror, Deutschland, Fundamentalismus, Menschenrechte, Islam | Drucken | 34 Kommentare »
Apostaten zum Tode verurteilt - durch den Islam?
12.9.2009 von Hakan Turan.
Dass auch konservative Islamgelehrte einen reformistischen Anstrich aufweisen können, zeigt sich vor allem bei Stellungnahmen zu besonders heiklen Themen im Umfeld des islamischen Rechts. Viele Muslime hierzulande, aber auch in vielen Teilen der islamischen Welt, beteuern eine selbstverständliche Glaubensfreiheit im Islam, die auch die Freiheit zum Abfall vom Islam einschließt. Dem halten die sogenannten islamkritischen Kreise und radikalislamische Fundamentalisten immer wieder entgegen, dass dies gelogen sei. Wer vom Glauben abfalle, werde im Islam mit dem Tode bestraft. Dies sei im islamischen Recht eindeutig und unwiderruflich festgelegt. Die radikalislamischen Fundamentalisten setzen dem noch eins drauf: Wenn ein Muslim behaupte, dass der Abfall vom Glauben nicht die Todesstrafe nach sich ziehe, dann falle auch er in diesem Moment vom Glauben ab und ziehe damit die Todesstrafe auf sich. Die Stellungnahme der meisten reformorientierten Autoren auf diese Aussagen lautet: Das meiste davon ist falsch. Diese Autoren müssen dabei noch nicht einmal zu den modernistischen Theologen gehören. Denn es gibt auch im wesentlich größeren traditionalistisch orientierten Lager eine ganze Reihe kluger und differenziert denkender Köpfe, die im Prinzip die liberaleren Positionen der Muslime im Westen zu fundieren vermögen. Allerdings darf man hierbei nicht hoffen, dass man mit einer einzigen dieser Personen in allen Punkten übereinstimmen kann. Erst ihre Gesamtheit bildet das adäquate Gegengewicht zum blinden Anklammern an die Aussagen der klassischen Fiqh-Werke, die ihrerseits ja auch von Menschenhand geschrieben wurden. Kommen wir zu einem aktuellen Beispiel.
Der im konservativen Milieu beheimatete und angesehene türkische Gelehrte des islamischen Rechts Hayrettin Karaman hat in einem Artikel in der islamisch-konservativen Zeitung Yeni Şafak sehr klar und kompakt Stellung zu dem Problem der Strafe für Apostasie bezogen - ohne Beschönigungen des islamischen Rechts der klassischen Rechtsgelehrten, aber auch ohne Scheu den wahren, missverstandenen Kern der ursprünglichen Position des Islam zum Thema Apostasie (Abfall vom Glauben) und die damit verbundene Todesstrafe auszuarbeiten. Er kommt auf sehr differenzierte Weise zum selben Ergebnis wie die liberalen Tendenzen in der islamisch-religiösen Communitiy. Da ich seinen Beitrag so prägnant finde, gebe ich hier einfach meine Übersetzung seines Beitrages wieder.
Hayrettin Karaman schreibt:
“Sind die vom Glauben Abfallenden zu töten?
Es ist eine Nachricht im Umlauf, derzufolge zwei Frauen im Iran aufgrund ihrer Konversion vom Islam zum Christentum gefoltert werden, und sie bei ausbleibender Rückkehr zum Islam hingerichtet werden sollen. Manche von denen, die solche Nachrichten tagein und tagaus in alle Welt verkünden wollen, haben gute Absichten und wollen einen solchen Mord verhindern. Manche wiederum haben keine guten Absichten. Sie sind Gegner des Islam und wollen aus solchen Anlässen das Ansehen des Islam beschmutzen und den Islam als eine Religion der Gewalt und der Nötigung darstellen. Und sie wollen den Eindruck erwecken, dass man eine Ausbreitung des Islam verhindern muss um die Menschenrechte und Freiheit bewahren zu können.
Ja, in den meisten Büchern der Fiqh (der islamischen Rechtswissenschaft, Anm. HT) können Sie in den entsprechenden Kapiteln das Rechtsurteil nachlesen, dass Glaubensabtrünnige, gleichgültig ob Mann oder Frau, nur aus diesem Grund - also aufgrund ihres Glaubenswechsels - hingerichtet bzw. gefoltert werden müssen.
Aber wenn Sie den Koran aufmachen und darin lesen, dann können kein solches Rechtsurteil darin finden. Und wenn Sie die Hadithe (Aussprüche des Propheten, Anm. HT) anschauen, dann sehen Sie, dass es hierzu unterschiedliche Überlieferungen gibt, und dass die Strafe für Glaubensabtrünnige nicht aufgrund ihres Abfalls vom Glauben, sondern aufgrund ihrer Entscheidung gegen die Muslime in den Krieg zu ziehen vorgesehen ist. Als eine Bestätigung dieser Deutung kann ich Imam Abu Hanifa anführen; er vertritt die Auffassung, dass eine vom Glauben abgefallene Frau nicht hingerichtet werden könne, da sie von Natur aus keine Kriegerin (”muharip”) sei.
Serahsî überliefert in seinem Werk el-Mebsût (im Kapitel zu Siyer-Mürted = Prophetenbiographie-Apostasie) ausführlich diese Deutung Abu Hanifas. Er gibt die Hadithe des Propheten wieder, in denen dieser es verbietet im Krieg Frauen zu töten, und kommt ausgehend von der Aussage über eine im Krieg getötete Frau, die da lautet “Sie kann doch nicht kämpfen…”, zu folgendem eindeutigen Ergebnis: Diese Aussage zeigt, dass die Hinrichtung des Apostaten nicht aufgrund des Abfalls vom Glauben erfolgt, sondern aufgrund seiner Entscheidung und Umsetzung einer Kriegserklärung (”savaş açma”). Aus diesem Grund dürfen Frauen nicht getötet werden, denn sie können keinen Krieg führen.
Und weil auch nicht jeder vom Glauben abfallende Mann sich im Entschluss und in der Umsetzung eines Krieges gegen die Muslime befindet, ist es richtiger folgendes Urteil als das islamische anzunehmen: ”Solange ein Apostat, wer immer es auch sei (ob Mann oder Frau - Anm. HT), nicht Krieg gegen die Muslime führt, darf er nicht hingerichtet werden”. Es ist undenkbar, dass eine Religion zum einen verkündet, dass “kein Zwang in der Religion” sei, aber zum anderen die Menschen dazu zwingt Muslime zu werden oder im Islam zu bleiben.
Darum empfehle ich jenen, die über den Islam schreiben und reden, Folgendes: Sagen wir statt “Im Islam ist dies soundso” lieber “Nach jener Interpretation, Rechtsschule, Exegese oder Ansicht ist dies soundso.”
Für ausführlichere Informationen kann man unsere Exegese “Der Weg des Koran” zu Rate ziehen (Sure Baqara: 2/256)” (Yeni Şafak, 11. September 09)
Auch wenn Karaman nicht thematisiert, dass die hanafitischen Rechtsgelehrten zwar keine Todesstrafe, aber eine Gefängnisstrafe für abtrünnige Frauen vorsahen…
Auch wenn er weder auf implizite historische Kontexte zur Zeit des Propheten oder zur Zeit der Entstehung des kodifizierten islamischen Rechts eingeht…
Auch wenn er den rechtsformalistischen Universalismusanspruch der Fiqh nicht ausdifferenziert (z. B. bezüglich ihres Pluralismus oder ihrer geschichtlicher Hintergründe)…
Auch wenn er nur quellenimmanent argumentiert und keine rein rationalen Erwägungen expliziert (obwohl er diese natürlich für sich selbst erwogen haben muss)…
… und somit dem kritischen Leser (wohl aufgrund der Kürze des Textes) eine Reihe möglicher Angriffsflächen bietet, als auch auf das gesamte Angebot der modernistischen Neuzugänge zum Islam bereitwillig verzichtet…
… kann ich dennoch bewundernd feststellen, dass er hier viele Punkte ausspricht, vor deren Formulierung viele muslimische Autoren eher zurückscheuen, obwohl sie vielleicht Ähnliches denken.
Er hat hier nämlich…
1) … darauf hingewiesen, dass einiges in der Fiqh, also dem klassischen islamischen Recht der Gelehrten, - hier die Todesstrafe für Apostaten - dem Koran widerspricht (”Es ist undenkbar, dass eine Religion zum einen verkündet, dass ‘kein Zwang in der Religion’ sei, aber zum anderen die Menschen dazu zwingt Muslime zu werden oder im Islam zu bleiben” - der Satz ‘kein Zwang in der Religion’ ist der zentrale Teil des Koranverses 2/256)
2) … angemerkt, dass die Hadithquellen zu manchen Themen in sich widersprüchlich sind und insofern erst im Gesamtzusammenhang beurteilt werden müssen. Dass also das Zitieren von einem oder mehreren Hadith (aber auch von Koranversen) noch gar nichts beweist, solange diese nicht in einen größeren Gesamtkontext gestellt werden.
3) … an einem drastischen Beispiel verdeutlicht, dass ein und die selben islamischen Quellen verschiedene Lesarten zulassen. Er hat auf die hanafitische hingewiesen, die in der islamischen Tradition zu diesem Thema (aber auch zu anderen Themen) die meisten Ansätze für eine Weiterorientierung im islamischen Recht der Neuzeit ermöglicht.
4) … gezeigt, wie ein scheinbar so eindeutiges Rechtsurteil (Todesstrafe für Apostaten) mit etwas hermeneutischer Bemühung auf ein anderes Rechtsurteil (Recht auf Reaktion auf bewaffnete Aggression) zurückgeführt werden kann.
5) … demonstriert, dass man auch als Muslim zugeben kann, dass es in der ehrwürdigen islamischen Tradition - die nicht per se der ursprünglichen Intention des Islam entsprechen muss - Dinge gibt, die uns heute nicht immer behagen und in ihrem Geltungsanspruch nicht überstrapaziert werden sollten - und dass man dieses Unbehagen thematisieren kann, ohne gleich der Fiqh abzuschwören oder den Islam zum Problem zu erklären.
6) … gezeigt, dass man auch als Muslim zugeben kann, dass heute in der islamischen Welt im Namen des Islam unter Bezugnahme auf die islamische Tradition viel im Kern Unislamisches verbrochen wird.
Das ist für den innerislamischen Diskurs nicht wenig. Nebenbei sei hier betont, dass das Hauptproblem bei all dem nicht der Koran ist, sondern die robuste islamische Tradition der Gelehrten, die oftmals nicht gründlich genug vom viel flexibleren Koran unterschieden wird. Obwohl darüber hinaus die von Karaman genannten Punkte für die meisten Muslime in der einen oder anderen Form offensichtlich sind, wird in der muslimischen Community selten offen darüber debattiert. Das liegt zum einen an einer Tabuisierung religiöser Themen, was wiederum an einer selbst verschuldeten Inkompetenz liegt. Andererseits ist die Fiqh, deren Geltung tabuisiert wird, seit Jahrhunderten schon nicht mehr mit ihren Aufgaben gewachsen. Das lässt sie heute in vielen Punkten weltfremd erscheinen. So kommt es, dass Muslime die Fiqh zwar würdigen, aber trotzdem völlig selbstverständlich viel modernere Ansichten als die der Rechtsgelehrten vertreten. Diese Selbstverständlichkeit des Widerspruchs ist es, die viele auf Eindeutigkeit pochende Islamkritiker in die Verzweiflung und teils in paranoid anmutende Zustände treibt.
Die Situation des heutigen Islam wird meiner Meinung nach etwas klarer, wenn man drei Arten von Zugängen zum islamischen Recht unterscheidet:
1) Das islamische Recht der klassischen Rechtsgelehrten. Dazu zähle ich das systematische Recht der Rechtsschulen, wie man es in Fiqh-Handbüchern nachlesen kann. Ein großer Teil davon ist unproblematisch, insbesondere was die Gottesdienste (’ibadat) und gewisse Grundwerte und -normen in verschiedenen Lebensbereichen betrifft. Mit unproblamtisch meine ich: Die meisten Muslime kämen mit ihnen klar, wenn sie davon bescheid wüssten. Aber im klassischen islamischen Recht gibt es auch schwierige Punkte, die daraus resultieren, dass man z. B. das Frauenbild oder das Verhältnis zum nicht muslimischen Ausland wie es vor über tausend Jahren war, einseitig in den Koran und den Propheten hineinprojiziert hat um es anschließend für alle Zeiten zu universalisieren. Hier ist dringender Revisionsbedarf angesagt, wenn der Islam heute würdig repräsentiert werden soll. Das Beispiel der Todesstrafe für Apostaten zeigt recht deutlich, dass auch klassisch orientierte Gelehrte wie Karaman damit so ihre Schwierigkeiten zu haben scheinen. Das bringt mich auch schon zum zweiten Zugang:
2) Die neuzeitlichen Neuzugänge zum islamischen Recht. Dazu kann man auch den hier vorgestellten Zugang Karamans zur Todesstrafe für Apostaten zählen, die er de facto ablehnt. Die Liste solcher neuzeitlichen Zugangswege ist lang. Während manche Autoren punktuelle Neuinterpretationen anstellen und methodisch nicht weit über das Instrumentarium des klassischen usul al-fiqh hinausgehen, versuchen sich progressive Theologen und Islamwissenschaftler an grundlegend neuen Konzepten. Sie versuchen damit eine längst überfällige geistige Aufarbeitungsarbeit anzutreten. Allerdings verlieren sich viele von ihnen oft in akademischen Sphären und sind viel zu sehr der islamischen Tradition entfremdet um hier noch auf die muslimische Mehrheit zurückwirken zu können. Sie sind eher für die westliche Öffentlichkeit und für die gebildeteren und säkularisierten Kreise unter den Muslimen interessant. Darum zeigt sich trotz vielen Reformern im Islam keine echte Reform. Aber das kann sich noch ändern. Noch hat aber kein Reformkonzept die Glaubwürdigkeit und Systematik des klassischen islamischen Rechts erreicht, weshalb man aus dieser Ecke keine Wunder erwarten darf. Aber Fakt ist: Es gibt sie - und sie wird besetzt von gläubigen Muslimen, die ihre Religion und Tradition kritisch aufarbeiten wollen. Zusammenfassend gesagt gibt es also unter den neuzeitlichen (progressiv orientierten) Neuzugängen solche, die im klassischen Rahmen bleiben (für das Volk verständlicher), und solche, die einen neuen, modernen Rahmen suchen (für das Volk meist unverständlich).
3) Schließlich gibt es da noch den pragmatischen Zugang der praktizierenden Muslime zum islamischen Recht. Meines Erachtens wird die Nachhaltigkeit dieses dritten Zugangs stark unterschätzt. Inbesondere die deutsche Öffentlichkeit interessiert sich in erster Linie dafür, was im Koran steht, oder was populäre Gelehrte so zu sagen haben. Doch ist es nicht entscheidender, was die Praktiker letztlich aus der Sache machen? Die meisten neueren Dialog- und Toleranzkonzepte in der muslimischen Community sind (leider) nicht der klassischen Fiqh entwachsen, aber auch nicht den modernistischen Neuzugängen. Dennoch entstammen sie dem konservativ-religiösen Milieu und sind ohne Zweifel in vielerlei Hinsicht als islamisch ausweisbar - man findet im Nachhinein überraschende Legitimationsmöglichkeiten für sie im Koran, und stellenweise auch in der islamischen Tradition. Der Ausgangspunkt für diesen pragmatischen Zugang und die damit einhergehende Quasireform ist die Lebenswirklichkeit der Muslime, und nicht zuerst das Votum der Rechtsgelehrten. Hier findet man z. B. sehr schnell Übereinkunft darin, dass Abtrünnige natürlich nicht wie Schwerverbrecher behandelt werden sollen.
Insofern ist es falsch, da undifferenziert, zu sagen: Der Islam sieht für Apostaten die Todesstrafe vor. Richtiger wäre es zu sagen: Im klassischen islamischen Recht ist für Apostaten die Todesstrafe vorgesehen. Und: In zahlreichen neuzeitlichen Zugängen zum islamischen Recht und nach Ansicht der meisten Muslime sieht der Islam keine Todesstrafe für Apostaten vor.
Natürlich kann man das noch viel weiter ausdifferenzieren, ohne dabei aber wirklich grundsätzlich Neues hinsichtlich des Endergebnisses gesagt zu haben. Ich persönlich argumentiere z. B. so, dass eine universale Todesstrafe für Apostaten sowohl dem Koran, als auch der Vernunft widerspricht, und dass hier darum alle anderen klassischen Argumente für die Todesstrafe zurücktreten müssen.
Im Türkischen sagt man, dass die Zeit der beste Koranexeget sei (”zaman en iyi müfessirdir”). Diese hat unsere Väter und Mütter nach Deutschland geführt. Sie hat hier für einen Neuanfang in ihrem Leben gesorgt. Sie ist dafür zuständig, dass wir in einem deutsch-türkischen Umfeld sozialisiert wurden. Und sie ist letztlich auch dafür verantwortlich, dass sich dadurch unsere Wahrnehmung von Religion und Tradition oftmals drastisch von der unserer Eltern unterscheidet. Ich meine damit nicht die jungen Leute, die sich von ihrer Religion ohnehin distanziert haben. Ich meine damit jene Muslime, die ebenso islamisch wie westlich leben wollen und Synthesen hervorbringen, die in keinem Lehrbuch der Fiqh oder in einem Konzept deutscher Leitkultur beschrieben sind. Um plakativ zu werden: Ich meine junge Frauen mit Kopftüchern, die beruflich aufsteigen wollen, sich in Gesellschaft und Wissenschaft engagieren und problemlos und selbstbewusst mit Männern umgehen können. Und ich meine junge Frauen mit T-Shirt und ohne Kopftuch, die das rituelle Gebet verrichten und im Ramadan fasten - diese Identitäten werden in keiner reinen Theorie wirklich erfasst, was im Übrigen ein Hinweis auf die Weltfremdheit jener Theorien ist. Und doch hat die Zeit gezeigt, dass solche Identitäten möglich sind - vielleicht unter Abstrichen in manchen traditionellen Tugenden, aber dafür unter Zugewinn und Stärkung anderer, nicht minder wertvoller Tugenden. Ich glaube, dass der Kern des Islam flexibel und universal genug ist um in all dem Wandel im Gläubigen eine bleibende islamische Grundessenz zu ermöglichen.
Wenn also Muslime sagen, der Islam sei eine friedliche oder eine tolerante Religion - dann ist das vielleicht aus der Warte der klassischen Fiqh nicht uneingeschränkt sagbar. Wenn dies jedoch aus der Perspektive des pragmatischen, gelebten Islam gesprochen wird - und das wird es meistens auch - dann ist dies in der Regel richtig und den Urhebern dieser Aussagen muss Aufrichtigkeit zugestanden werden. Ich sage nicht, dass alles, was Muslime sagen oder tun, als islamisch gelten soll. Ich behaupte nur, dass die Einsichten, die aus der Lebenspraxis gläubiger und praktizierender Muslime resultieren, oftmals schneller und direkter zum Kern des Islam vordringen als die träge Deduktionsmühle der Fuqaha (der Rechtsgelehrter) oder die oftmals konturlos wirkende Reformbemühung muslimischer Islamwissenschaftler und Theologen. Im Nachhinein findet man oft völlig verblüffende Möglichkeiten die liberaleren und humaneren Deutungen mit dem Koran in Einklang zu bringen. Aber am Anfang scheint die Lebenspraxis zu stehen, die erst auf diese Erfordernisse aufmerksam macht. Mit pragmatisch meine ich also nicht beliebig oder opportun, sondern der unhintergehbaren Lebenswirklichkeit entwachsen. Unter gläubigen und praktizierenden Muslimen verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht verwöhnte Paschas und selbstherrliche Patriarchen - auch nicht naive Nationalisten und ausgestoßene Jugendliche, die sich an eine einfache Vorstellung von radikal eindeutiger Religion zu klammern versuchen (obwohl natürlich auch diese uneingeschränkt gläubig und praktizierend sein können). Sondern ich meine jene Muslime, die im Rahmen des Islam ein ernsthaftes, aufrichtiges und aktives Verhältnis zu Gott pflegen und sich, ihren Familien und ihren Nächsten durch weltlichen Erfolg und Aufstieg würdige Lebensbedingungen zu verschaffen versuchen. In diesem Sinne scheint mir heute der pragmatische Zugang zum Islam viel klarer den Weg zu einem humanen Islamverständnis aufzuzeigen, als die bisweilen umständlichen Formalismen der Gelehrten des klassischen oder neuzeitlichen islamischen Rechts - also jene Formalismen, auf die wir trotz ihrer Trägheit immer wieder angewiesen sind…
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Kurzgeschichte: Der Langstreckenläufer
10.9.2009 von Hakan Turan.
Der Langstreckenläufer ist eine Kurzgeschichte, die ich zu einer sehr belastenden Zeit im Studium geschrieben habe und die vielleicht dem Bedürfnis erwachsen ist zu verstehen, wozu ich mich eigentlich Tag und Nacht abmühe, und was davon wirklich die Mühe wert ist. Sie handelt von Ehrgeiz und Endlichkeit und wühlt mich persönlich immer wieder neu auf. Im Grund geht es in der Geschichte um Unmöglichkeiten und um die besonders hartnäckige Unmöglichkeit diese Unmöglichkeiten als solche anzuerkennen, ehe sie einem über den Kopf wachsen. Mittlerweile glaube ich jedoch, dass das Ende der Geschichte eigentlich ein positives ist. Auf die Idee zu dieser Parabel bin ich übrigens durch den Song “The Loneliness of the Long Distance Runner” aus Iron Maidens “Somewhere in Time” gekommen. Wie ich später erfahren habe, haben Iron Maiden den schönen Titel ihres Songs wiederum der gleichnamigen Erzählung von Allan Sllitoe aus dem Jahre 1959 entnommen.
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Essay: Der Ramadan
9.9.2009 von Hakan Turan.
Mein Text Der Ramadan, nunmehr eingestellt unter den Essays, ist einer meiner ältesten Texte - die erste Fassung stammt aus dem Jahr 2000. Seitdem ist er an mehreren Stellen veröffentlicht und verlinkt worden. Wer mag, kann sich den Aufsatz auch als Word-Dokument runterladen.
In diesem Text wird das Fasten sowohl hinsichtlich der Ilmihal-Aspekte (Wie fastet man?) und des historischen Hintergrundes betrachtet, als auch hinsichtlich seiner spirituellen Seiten (Warum fastet man? Was für innerliche Entwicklungen kann das Fasten auslösen?). Während die erstere Seite das äußere des Ritus behandelt, geht es im zweiten Aspekt um die innere Seite. Das mit der äußeren und inneren Seiten des Islam ist so eine Sache für sich. Während wir von den Nichtmuslimen oftmals erwarten, dass sie sich mit dem eigentlichen Kern des Islam befassen sollen, ehe sie über ihn urteilen, pflegen wir selbst kaum die Auseinandersetzung mit diesem eigentlichen Kern. Ein großer Teil der Aufmerksamkeit der Muslime richtet sich auf die formalen Aspekte des Fastens und überhaupt der Religion, sodass vor allem für die junge Generation der Muslime in Deutschland die emotionale (türkisch: hissi oder duygusal) und spirituelle (türkisch: manevi) Seite der islamischen Religion nur schwer einsehbar ist. Aber dabei ist dies doch das eigentlich Entscheidende: Wenn die Religion gerade für die Jugendlichen eine Quelle von Sinnstiftung, seelischer Reifung, innerer Harmonie, und Glückseligkeit sein soll, dann darf religiöses Fühlen und Erleben auf keinen Fall auf das Einhalten von Regeln beschränkt werden. Aber letzteres geschieht meinem Eindruck nach in traditionellen Kreisen allzu oft - sicherlich ohne bewussten Vorsatz. Das wird ein Stück weit dadurch wettgemacht, dass der Ramadan für viele Fastende zu einem intensiven sozialen Ereignis wird. Aber nochmals zum Formalen: Regeln sind natürlich wichtig - sie geben einen gewissen Rahmen vor und spielen im Islam ohne Zweifel eine wichtige Rolle. Aber dieser Rahmen ist kein Selbstzweck, sondern dient seinerseits höheren, moralischen und spirituellen Zwecken. Wenn letztere ausgeblendet werden, stuft dies auch den Wert der Einhaltung von formalen Regeln ab. Und dies hinterlässt den Eindruck einer Religion, der mehr an Formen, als an Inhalten und Bedeutungen liegt. Eine solche Verengung der Sicht können wir uns nicht leisten, gerade in der heutigen Zeit nicht. Auch dürfen die zahlreichen Anfragen der Nichtmuslime an den Islam nicht dazu führen, dass man nach außen hin einen theologisch und philosophisch tiefgründigen Islam darzustellen lernt, während man quasi ‘intern’ dann doch wieder nur auf die exakte Einhaltung von Regeln fixiert bleibt ohne sich Zeit für die zugehörige Meditation bzw. das tafakkur (arabisch: sinnieren, nachdanken) zu nehmen. Hier ist also - wie auch sonst immer - der Weg der Mitte einzuschlagen.
Der vorliegende Text ist unter anderem ein Versuch diese nur nach innen sichtbaren Seiten des Fastens darzustellen. Hilfreich waren mir dabei zahlreiche Gespräche mit Fastenden, eigene Erfahrungen und nicht zuletzt Said Nursis Ramazan Risalesi.
Entstanden ist der Text übrigens im Vorfeld eines interreligiösen Fastenbrechens im sozialen Brennpunkt Hallschlag, einem Vorort der wunderschönen Stadt Stuttgart. Das Fastenbrechen war von der ansässigen katholischen Gemeinde und muslimischen Bürgern der Stadt organisiert worden. Dort war ich eingeladen etwas über das Fasten im Ramadan zu erzählen und etwas Schriftliches zum Mitnehmen zu verfassen. Nach zwei Tagen stand der Text und ich hatte die Ehre an diesem Abend am Tisch mit der Prominenz sitzen zu dürfen. Da unterhielt ich mich nun mit dem Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart Herr Gebhard Fürst über das Christentum, den Islam und die quinqe viae des Thomas von Aquin (das sind die fünf berühmten Gottesbeweise aus dem Anfang seiner Summa Theologica), während neben dem Bischof ein gut gekleideter Mann saß, der uns geduldig und sichtlich interessiert zuhörte. Nach einigen Minuten wendete ich mich zu ihm und fragte höflich: “Und was machen Sie eigentlich so?” Er antwortete mit bewundernswerter Gelassenheit: “Ich bin der Oberbürgermeister von Stuttgart, mein Name ist Wolfgang Schuster.” Das war an Peinlichkeit wohl kaum zu überbieten…
Ich hoffe, dass der Text dem einen oder anderen nützt, wo wir uns gerade in der zweiten Hälfte des diesjährigen Ramadan befinden.
In diesem Sinne noch einen gesegneten Ramadan…
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Zur Kommentarfunktion
9.9.2009 von Hakan Turan.
Ich habe erst kürzlich festgestellt, dass es in diesem Blog nicht möglich ist bzw. war Kommentare zu schreiben - das hat sich somit geändert! Ich war mir dessen nicht bewusst, da vom Editor aus nicht zu erkennen war, dass man sich gar nicht registrieren kann. Das ist natürlich peinlich - und für mich ein weiterer Grund in absehbarer Zeit einen besseren Editor für meinen Blog aufzusuchen. Dann wird sicherlich auch das Design und die Navigation besser… Wer also noch etwas kommentieren wollte, aber aus besagtem Grunde nicht konnte, ist hiermit eingeladen es nachzuholen.
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Zur Kategorie ‘Geisterstunde’
8.9.2009 von Hakan Turan.
Unter dieser Kategorie steht eine Art von Texten, mit denen ich gerne innerlich aufräume. Sie erheben keinen Anspruch auf Sachlichkeit oder Objektivität, geschweige denn auf maßvollen Stil oder erlesenen Geschmack. Außerdem strotzen sie vor martialischen Metaphern, Übertreibungen und Pathos. Wer so etwas nicht mag, muss sich diese Texte nicht antun.
Im Grund geht es in meiner ‘Geisterstunde’ um Psychologie und um Selbstreflexion - quasi als Auseinandersetzung mit jenen inneren Stimmen, die mal dies wollen, mal jenes, aber selten das, was man selbst gerne will bzw. wollen würde, wenn man wollen könnte, wie man wollte…
Es geht also um Motivation, Klarheit der Gedanken und Selbstvertrauen…
Wem all dies nicht zu psycho ist, sondern vielleicht sogar bekannt vorkommt, wird diese Texte sicherlich verstehen. Er wird auch verstehen, warum ich gerne mit diesen ‘Geistern’ in mir kommuniziere und sie sogar lieb gewonnen habe, seit ich sie besser kenne und einen Teil ihrer Sprache zu sprechen gelernt habe. Das ist mir am besten mittels Schreiben gelungen, weshalb mein erster Text in dieser Kategorie auch genau davon handelt.
Ja, ich glaube an die klärende Macht des Schreibens, auch wenn mir hier und da trotzdem immer wieder ein Dämon zwischen den Tasten entwischt, oder gar neue aus der Dunkelheit mutieren, die ich eben noch für bezwungen hielt. Aber das ist immer noch besser als in einem Dämonenzirkus zu leben und sich ständig einzureden, dass dies doch bestimmt die ‘Normalität’ sei, da ja alle anderen Menschen auch ‘normal’ seien und nichts anderes im Kopf hätten als ihr ‘normales’ Leben - dass man bloß nicht an der ‘Normalität’ des Status quo zweifeln dürfe, den so viele Menschen wider besseren Wissens auszuhalten versuchen… da man sonst den Anschen erwecken könnte, dass man eventuell nicht ‘normal’ sei… dass man jeden Anflug von Bedürfnis danach sich in sich zu kehren und dort aufzuräumen unterdrücken müsse, da ‘normale’ Menschen dies ja auch nicht täten… Mit solchen Lügen werden die ‘normalen’ Generationen von heute groß gezogen - ein Drama, wenn man sich überlegt, wie glücklicher die Menschen und die Gesellschaft sein könnten, wenn man ihnen auch das Selbstbewusstsein gäbe sich mit sich selbst und mit ihrem innersten Wesen gründlich und ein Leben lang auseinanderzusetzen… ohne den ständigen Druck den Mitmenschen die Fassade eines ‘normalen’, gefühlskalten und nach DIN-Norm funktionierenden Menschen vorheucheln zu müssen.
Verstehen, was ich meine?
Wer A will, aber dabei immer B macht, sollte sich mal auf die Suche nach diesen Geistern, d. h. nach den längst ins Unterbewusstsein abgewanderten Suggestionen und Botschaften unserer frühen Umwelt machen. Gegen diese Botschaften ist der Wille machtlos, sofern er sich diese Botschaften und die daraus resultierenden Handlungsmuster nicht bewusst macht. Es ist in der Tat wie verhext: Man handelt selbst als erwachsener Mensch oft nach einem Schema, das uns sehr früh im Leben eingeprägt wurde und dessen ursprünglichen Motive wir längst vergessen haben. Suchen wir also diese versteckten Programme in uns, versuchen wir sie zu verstehen, und sie behutsam umzuprogrammieren. Kurzum: Erklären wir den Geistern in uns den Krieg… einen erbarmungslosen Krieg…
In diesem Sinne…
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Die Macht der Feder
8.9.2009 von Hakan Turan.
Ungerecht ist die Welt immer wieder mal. Und wenn man dann nicht gerade in euphorischer Stimmung ist und meint dem Treiben draußen die Stirn bieten zu können, öffnet sich Frust und mieser Laune Tür und Tor. Wenn sich dann auch noch die ruhenden negativen Stimmen in dir zu Wort melden und meinen auch ihren Senf beigeben zu müssen, müssen die Alarmglocken läuten: Ein Down bahnt sich an! Hier gelten nicht mehr die Gesetze der Logik oder der Vernunft, sondern hier öffnet sich Pandora’s Box und die Geisterstunde beginnt. Wer sich jetzt nicht schnell in sein Bett flüchtet und einschläft, oder sich durch Musik und Koffein in eine Art intellektuellen Stand-By-Modus versetzen lässt, der hat alle Hände voll zu tun. Eine Stimme in dir schreit. Sie zeigt dir ein Ziel auf und macht dir sogleich klar, dass dieses Ziel nicht zu erreichen ist – zumindest nicht für dich. Denn du bist genau der, den das Schicksal sich ausgesucht hat um seine Experimente an dir durchzuführen. Du bist es, der für die Fehler anderer leiden muss. Du bist es, der trotz gigantischem Potenzial dazu auserkoren ist in existenziellem Elend einzugehen. Ach, wie schön war die Zeit, wo du noch dumm, aber glücklich warst. Wie schön war die Zeit, als du noch meintest, die Welt ließe sich verstehen und bezwingen. Ein Wicht bist du jetzt. Aber dein Dasein hat dennoch einen Sinn: Irgendwer muss ja für die Fehler anderer geradestehen – und in diesem Fall bist du das! Gratulation, Alter!
Well then, der Hokuspokus entfaltet sich in atemberaubendem Tempo – ehe du dich versiehst, bist du nicht mehr Teil eines einzigen schicksalhaften Szenarios, sondern du bist plötzlich in allen möglichen Szenarien gefragt, in denen der Looser, Sündenbock und Fußabtreter noch fehlt. Du kommst echt wie gerufen! Aber, aber, warum so zynisch? Du hast endlich die Bestätigung dafür, dass du gleich mehrfach einsetzbar bist. Welch vorzügliche Ehre!
Es zieht mich dem Strom der Zeit entlang. Vielleicht habe ich zu früh begonnen mir Gedanken über mir noch verschlossene höhere Sphären zu machen. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur zu lange darauf Warten lassen. Vielleicht bin ich aber auch nur versehentlich an Pandora’s Box gestoßen und all das Chaos war nur eine Panne. Frieden im Geiste im Einklang mit der Welt… Was steckt eigentlich hinter diesen Gedanken?
Die Revolte der Geister! Mein Krieg hat begonnen – verdränge die Coautoren aus deinem Drehbuch. Lass Gesindel nicht länger Schabernack treiben. Verjage sie aus deinem Felde, denn du bist es, der hier denkt und lenkt. Kein Schwert und auch kein Feuer – greife zum Stift und schreibe. Schreibe auf, was sich da tut. Schreibe auf, wohin du willst. Schreibe sie nieder, die Taktik des Mieslings. Ein Ende dem Down, her mit der Orientierung. Balsam für mein Hirn. Spucke es aus, Buchstabe für Buchstabe. Definiere deine Ziele, vernichte den Pessimisten in dir! Ein Flächenbrand, Schutt und Asche, fruchtbare Erde, ein geistiges Erwachen und das wahre Ich ergreift wieder die Macht. Weggeblasen ist der Dreck, vertrieben der geistige Dämon. Das Gegengift des Irrsinns: ein Stift, etwas Vernunft und ein Glaube, der nicht versiegt! Triumph und Segen auf all deinen Wegen! Triumph!!
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Kurzgeschichte: Das neue Freibad
7.9.2009 von Hakan Turan.
Ich habe unter Essays & Kurzgeschichten eine Geschichte namens Das neue Freibad reingestellt. Es handelt von Freundschaft, Leichtsinn und grundsätzlichen Unterschieden in der Beurteilung dessen, was das Leben lebenswert macht. Auf die Idee zu dieser Geschichte bin ich gekommen, als einige mir sehr teure Menschen auf Wege gerieten, auf denen sie viel Gesundheit und wertvolle Jahre verloren haben, und sich auch von ihren besten Freunden nichts mehr sagen ließen. Zu groß war ihre Angst etwas in diesem kurzen Leben zu verpassen. Für das zweifelhafte Glück brachten sie große Opfer - zu große, wenn es nach mir ginge. Aber: Sie konnten sich Gott sei Dank wieder gut erholen…
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“Ez jı te hez dıkım” - oder die türkisch-kurdische Tragödie
3.9.2009 von Hakan Turan.
Manchmal gelingt es Kolumnisten mir völlig unerwartet ein schlechtes Gewissen zu machen - zuletzt ist dies Ihsan Dağı von der türkisch-konservativen Tageszeitung Zaman gelungen. Der für mich absolut nichts sagende Titel “Ez jı te hez dıkım” hat mich, der ich mich eigentlich für tolerant, weltoffen und emfindlich gegenüber jede Form chauvinistischer Diskriminierung halte, auf einen peinlichen blinden Fleck - genaugenommen: einen blinden Fleck der Türken überhaupt - aufmerksam gemacht.
Der Autor hebt hervor, dass seit gut tausend Jahren Kurden und Türken zusammenleben - doch obwohl man in der Türkei den Kurden selbstverständlicherweise ein Beherrschen der türkischen Sprache abverlangt, würde sich so schnell kaum ein Türke finden, der auch nur einen Satz kurdisch spricht. Darum könne man seinen kurdischen Mitmenschen weder auf Kurdisch einen guten Morgen wünschen, noch ihm sagen, dass man ihn liebt - genau letzteres ist übrigens die Bedeutung der Überschrift von Dağıs Text. Zumindest behauptet er, dass dies die Bedeutung sei und ich glaube ihm das einfach. Denn auch ich verstehe kein Wort Kurdisch, und ganz wie es Dağ pauschal den Türken unterstellt, trifft es auch auf mich zu, dass ich nicht im Traum daran denken würde mal ein paar Worte Kurdisch zu lernen.
Wozu denn auch - nicht wahr?
Dies ist meines Erachtens ein Paradebeispiel für einen anerzogenen blinden Fleck. Die Gründer der Republik wollten das Volk unter einem staatlich definierten Türkentum vereinen. Für die Kurden hatte das zur Folge, dass sie im Gegensatz zu den Armenieren und Griechen nicht einmal einen Minderheitenstatus zugeschrieben bekamen. Sie waren in Wirklichkeit Türken - zumindest laut Gesetz. Ebenso definiert dieses, dass die Muttersprache aller türkischen Bürger türkisch ist. Insofern ist das Türkentum der Republik nicht biologistisch zu verstehen, sondern als homogenisierte kulturelle Identität, deren Details staatlich vorgegeben wurden. Das hat zur Folge, dass Kurden alle Bürgerrechte wahrnehmen und bis in die höchsten Ämter aufsteigen können - allerdings zum Preis weitgehender Assimilation. Bis vor einigen Jahren war es sogar noch verboten auf Kurdisch zu publizieren. Hier sind auch die Ursachen der Fremdheit der Türken gegenüber dem Kurdischen zu suchen. All dies hat in den letzten Jahren jedoch angefangen sich grundsätzlich zu verändern.
Die konservative AKP-Regierung unter Erdoğan hat nun einen größeren Schritt gewagt und versucht sich offiziell an einem ”kürt açılımı”, was man etwas frei als Öffnung gegenüber den Kurden übersetzen könnte. Damit soll unter anderem eine Beseitigung von Benachteiligungen der Kurden und eine Aufwertung der kurdischen Sprache in der Türkei einhergehen. All dies ist ein Bestandteil des Demokratisierungskurses der Regierung. Doch der Widerstand der Oppositionsparteien ist immens. Daher hat man den Titel mittlerweile auf “demokratik açılım” heruntergekocht. Der Widerstand liegt zum einen daran, dass der Innenminister Beşir Atalay trotz mehrfacher Ankündigung den Inhalt der geplanten Öffnung immer noch nicht transparent gemacht hat und somit die öffentliche Skepsis befördert. Zum anderen steht da ein reflexhaftes, gerdazu programmatisches Festhalten mancher Kreise am Status Quo. Wenn Erdoğans Regierung es tatsächlich schaffen sollte das nicht mehr abgeleugnete Kurdenproblem zu lösen, dann drohen den ohnehin handlungsunfähigen Oppositionsparteien massive Stimmeneinbrüche. Scheitert das Projekt jedoch an der zunehmenden Kritik seiner Gegner, könnte dies für die ins Kreuzfeuer geratene AKP vergleichbare Folgen haben.
Sowohl in den konservativen, als auch in den liberalen Kreisen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass das Kurdenproblem nicht identisch ist mit dem PKK-Problem. Das ist die Legitimation dafür, dass die Regierung sich überhaupt an das heiße Eisen wagen kann. Denn die terroristische PKK ist und bleibt als Gesprächspartner ausgeschlossen. Vielmehr möchte man die Diskriminierung der Kurden bekämpfen um so letztlich auch der PKK ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Den militärischen Konflikt im Südosten, der zehntausende Menschenleben gefordert hat, endgültig zu beenden ist letztlich das ehrgeizige Endziel der Öffnung.
Selbst der berühmte kemalistische Nationalist und AKP-Kritiker Hıncal Uluç hatte in einem überraschenden Beitrag in der Tageszeitung Sabah angekündigt, dass er das nächste Mal Erdoğan wählen würde, wenn dieser es schafft das Kurdenproblem zu lösen und für anhaltenden Frieden zu sorgen. Allerdings droht die Chance auf eine Lösung unter den jetzigen Umständen wieder in die Ferne zu rücken - nicht zuletzt auch deshalb, weil die politische Repräsentanz der Kurden seit den letzten Debatten ihren Ton dem der unversöhnlichen Nationalisten angenähert hat.
Für Ihsan Dağı besteht die Lösung des Kurdenproblems zu einem großen Teil in einer Anerkennung der kurdischen Sprache. Solange das Kurdische von den Türken nicht als normale, natürliche und auch der Türkei zugehörige Sprache anerkannt wird, könne das Zusammenleben zwischen Türken und Kurden nicht die stabile Grundlage finden, die sie braucht. Wenn man bedenkt, dass die Sprache das kulturelle Gedächtnis einer Nation darstellt, wird man ihm wohl Recht geben müssen.
Ich finde es erfreulich, dass der progressive Versuch die Kurden auch in ihrer Kultur gleichzustellen gerade von konservativer Seite vorangetrieben wird. Dieser Kurs wird von Seiten der EU und der USA zwar unterstützt und gefordert, was der Regierung seitens der Kritiker oft zum Vorwurf gemacht wurde. Dennoch kann man die jetzige Politik nicht allein auf die Erwartung des Auslandes reduzieren - denn zu oft schon hat die Türkei diesen Prozess hinausgeschoben, von dem der zermürbte innere Frieden und damit auch der Wohlstand des Landes abhängt. Es bleibt abzuwarten, ob die Konservativen ihren egalitären Kurs durchsetzen können, oder ob ihr Projekt inmitten von selbstverschuldeter Unbestimmtheit und der Skepsis der Kritiker bald schon zu Grabe getragen werden muss.
Auch die Religion spielt im ideologischen Kontext dieses Prozesses eine zwar weniger offensichtliche, aber dennoch prägende Rolle. So hat der konservative Intellektuelle Ali Bulaç darauf hingewiesen, dass der Islam die Vielheit von Kulturen und Sprachen als einen gottgegebenen Reichtum in der Schöpfung ausgewiesen habe. In seiner Kolumne in der Zaman mit dem Titel ”Die Rechte der Völker und der Kurden” zitiert er den Koranvers: “Zu Seinen Zeichen gehört auch die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit euerer Sprachen und euerer (Haut-)Farben.” (30:22) Man kann und sollte diesen Vers in der Tat als Manifest gegen kulturellen und biologischen Rassismus lesen. Bedeutung gewinnt dieses Manifest allerdings erst dann, wenn es Menschen gibt, die dies von der Ebene der Theorie in ihren eigenen Alltag holen…
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Türkisch-islamische Kultur und Heavy-Metal?
31.8.2009 von Hakan Turan.
Dies ist eine sehr persönliche Geschichte über einen praktizierenden Muslim, der Heavy-Metal-Musiker aus Leidenschaft war. Also:
Als diesem Muslim und zweien seiner Kumpels in jungen Jahren im Englischunterricht in der neunten Klasse mal langweilig war, kamen sie auf die Idee eine Heavy-Metal-Band zu gründen. Die großen Vorbilder hießen Manowar, Blind Guardian, Iron Maiden und Metallica. Sie brachten sich selbst das Musizieren bei: Der Muslim schnappte sich eine E-Gitarre, der Österreicher (zugleich Atheist) sang und der Deutsche (Christ) setzte sich an die Drums. Gemeinsam schrieb man in stundenlangen Songwriting-Sessions lange und komplizierte Lieder, die so kompliziert waren, dass ihre ungeübten Finger es kein einziges Mal schafften einen Song fehlerfrei zu spielen. Aber die Songs hatten auf sie eine geradezu magische Wirkung auf sie, so blickte man über technische Probleme vorerst bereitwillig hinweg…
Man traf sich wöchentlich im Proberaum des örtlichen Jugendhauses, musizierte, sprang durch die Gegend und träumte von ersten Auftritt, der dann tatsächlich auch stattfand, auch wenn sich Lead-Sänger und Gitarrist einen Tag zuvor einen roten Ausschalg zuzogen und nunmehr gepudert spielen mussten…
Der Muslim hatte glücklicherweise niemanden in seinem Umfeld, der ihm diese Musik hätte ernsthaft ausreden wollen - bis auf einen Cousin, der ihm aus der Türkei einen Brief schrieb, er möge doch bitte dieses imitierende Gehabe sein lassen, einem Osmanenenkel stünde das nicht. Imitation? Was für eine Imitation? Das war schon längst ein fester Bestandteil seiner Kultur, seines Denkens, seiner ganzen Emotionswelt geworden. Religiös gesehen war die Sache aber den meisten Büchern zufolge in der Tat zumindest mal ambivalent…
Also haram (verboten)? Oder vielleicht doch halal (erlaubt)? Oder einfach nur indifferent (mubah) - oder vielleicht gar empfohlen (mustahab)? Eine fundierte Entscheidung musste her. Aber das Ilmihal (der Katechismus im Regal) gab nur Antworten, die ihm nicht so schmecken und einleuchten wollten. Antworten, die nach einer weiteren Auseinandersetzung schrien.
Ob es wohl auch andere Antworten gab? Von zeitgenössischen Theologen, Mystikern, oder gar praktizierenden Musikern? Ob er es evtl. sogar in Kauf nehmen sollte sich unter Berufung auf die Barmherzigkeit Allahs und das eigene Unvermögen über ein eventuelles Musikverbot - da nicht so zentral - sanft hinwegzusetzen? Schließlich war man ja auch sonst nicht immer der ideale Muslim. Und es gab ja viel Schlimmeres als Musik, Dinge, von denen er sich ja stets fernzuhalten versuchte. Zudem war er ja einigermaßen praktizierend und betete fünfmal am Tag (naja, eher viermal oder weniger, da zumindest das Morgengebet aufgrund Tiefschlafes öfters auf eine lichtere Stunde verschoben werden musste), und das sprach doch sicher für ihn, gilt doch das rituelle Gebet als Dreh- und Angelpunkt islamischer Religiösität schlechthin…
Der Muslim musste die Antwort offensichtlich sich selbst geben, einzig und allein verantwortet vor seinem Gewissen und Allah. Ja, das schien es zu sein…
Nach einer langen Rechnung kam er zum Ergebnis, dass er die Musik fortführen würde. Die haram-Argumente schienen ihm irgendwie schwach und quellenmäßig nicht sicher genug. Auch wenn die religiöse Legitimität nie ganz gesichert war: Für ihn stand fest, dass er dieser Musik, die er ja schon vor der Band seit Jahren konsumierte, sehr viel verdankte. Sie war für ihn ein wirksames Mittel zu einem höheren Zweck, nämlich zur Auseinandersetzung mit sich selbst, Gott und der Welt, in einem Schloss, weit jenseits des Eingriffs von unerbetenen Eindringlingen… Und sie bereitete große Freude… Und sagte nicht auch der Koran irgendwo “Sucht Wege zu Allah”? So ähnlich argumentieren ja auch die islamischen Mystiker. Diese Musik, so schloss er weiter, war für ihn offensichtlich unschädlich, oder zumindest nicht in bemerkbarem Ausmaß gefährlich (die Hauptsorge der Haram-Vertreter)…
Er sah, dass der Rock’n'Roll ihn weder zu Unmoral, noch zu Alkohol anleitete… dass die Musik ihn womöglich vor Schlimmerem beschützte… dass es für sein Verständnis keine eindeutigen Quellen gab, die die Musik in der Intention, die er hatte, und für die Situation, in der er sich befand, definitiv verbat… erst recht nicht im Koran… dass diese Musik ihm vielmehr ein unterhaltsames kulturelles Korrelat zum tafakkur (Nachdenken über Gott und die Welt) bot… dass die Musik ihn nicht daran hinderte, sein geliebtes Gebet (allerdings in der orthodox gesehen kürzest möglichen Form) zu verrichten, das er in Absprache mit dem Jugendhaus in leeren Proberäumen oder im leeren Mädchenzimmer, so gut es halt ging, zu verrichten versuchte, ohne jemanden zu stören… dass die Musiker um ihn herum intellektuell mächtig war drauf hatten und man mit ihnen auch außerhalb der Musik stundenlang diskutieren und streiten konnte… dass diese Musik für ihn der perfekte Weg war innere und äußere Konflikte zu verarbeiten, und dass der Christ und der Atheist in seiner Band komischerweise sehr ähnlich zu fühlen schienen… Was wollte man mehr?
Die Schülerzeitung war auf die Band (die übrigens ‘Pandemonium’ hieß) aufmerksam geworden. So wurden Pandemonium interviewt und sie erzählten der Zeitung lang und ausführlich von den Hintergründen der Texte, die sich zwischen Fantasy- und Philosophiethemen hin- und herbewegten… Um die ganze Schule zu beeindrucken posierten die drei mit bösem Blick und mit der Hand zum Metalzeichen geformt für eine Foto, das die ganze Schule sehen sollte - das Dumme war nur, dass dieses ‘Metalzeichen’ in Wirklichkeit der Satansgruß war! Nur wusste die drei das nicht. Noch nicht.Eines Tages kam die Lateinlehrerein zum Muslim… sie erzählte ihm, dass sie sich Sorgen mache, dass sie das Foto in der Schülerzeitung gesehen habe… dass sie der Auffassung sei, dass die drei sich auf einem gefährlichen Weg befinden würden… dass sie womöglich in den Satanismus abdriften könnten…
Sata-was!?
Ja, Satanismus!
Sie wies den verwirrten Muslim auf den Satansgruß hin, mit dem sie ja für die Schülerzeitung abgebildet wurden. Völlig beschämt erklärte der Muslim, dass sie die Bedeutung dieses Zeichens nicht gekannt hätten, dass sie dachten, dies wäre nur das Zeichen für die Musik, die sich machen… dass er doch ein gläubiger Mensch, und Satan doch sein größter Feind sei… Sie glaubte es ihm - und die Musik ging weiter… ab jetzt aber ohne ‘Satansgruß’…
Die Musik der drei braven Buben war in der Tat mehr als Zeitvertreib. Sie war hoch ernste Mystik, gesamtheitliche Selbst-und Welterschließung, die Transzendierung alles Materiellen, kurzum der totale Kick…
Am unspektakulärsten fiel in der Band der Kampf der Kulturen aus (der damals noch nicht so populär war)… Der Muslim hatte mal in einem religiösen Moment einen Song namens “The Secret Book of Endless Knowledge” geschrieben und wollte diesen nun zum Bandgut machen. Der Atheist fragte skeptisch “Du meinst damit aber nicht ein bestimmtes Buch, oder?” Und der Muslim erwiderte (unter schelmischem Grinsen): “Nö, nö… Kannst jedes Buch reinsetzen, das dir gefällt” Der Atheist wusste natürlich, dass das nicht stimmte… Trotzdem sang er den Text munter und überzeugt… Und der Muslim sang dafür die background vocals zu einem Sauflied, das der Atheist geschrieben hatte… Das Lied nannte sich “The Drunken Druid Inn” Der Muslim hatte noch nie gesoffen. Soweit so gut. Doch auch der Atheist und der Christ hatten praktisch nie gesoffen! Dennoch sangen alle gemeinsam das Sauflied… eine echt harte Nuss war Pandemonium…
Was waren das für Zeiten! Sie hielten sich insgeheim für die Kings of Metal, fast noch einen Schritt vor Manowar - bis sie von einigen älteren Bands darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie den einen oder anderen Riff (z. B. aus dem Sauflied) von Pandemonium aus ihren eigenen Songs kannten… naja gut, aber waren nicht alle großen Bands, war nicht jede Musik, ja überhaupt jede Idee durch irgendwen inspiriert? Man deutete den Songklau dankenswerterweise als Anerkennung, und so war die Sache geregelt…
Die Metaller, Punks und Hardcore-Leute im Jugendhaus waren eine eingeschworene Gemeinde, die trotz unterschiedlichster Weltanschauungen durch eine laute, für Außenstehende schier unerträgliche Musik zusammengehalten wurde. Ein zehnköpfiger Vorstand, zu dem der Muslim auch gehörte, organisierte Konzerte, und sie wurden in der lokalen Szene schon bald sehr bekannt. G.R.U.N.Z. hieß die Musikerinitiative - und ihr Maskottchen war eine dicke fette Rock-Sau mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren.
Aber wie in jeder großen Band kam es nach paar Jahren zu musikalischen Reibereien zwischen dem Leadsänger und dem Gitarristen… Der Leadsänger wollte softere Songs schreiben, da dies mehr Mädchen auf die Konzerte ziehen würde… Der Muslim sah dies als Stilverrat und wollte lieber bei den düster-melancholischen Hymnen bleiben… Der Stern von Pandemonium war am sinken…
Auf einem ihrer letzten Konzerte standen die Jungs auf einer Bühne im Stadtzentrum. Ein gefährlicher Ort, zumindest insofern, als dass sich der Muslim hier dem Blick aller Passanten darbot, auch wenn diese zufällig aus dem türkisch-religiösen Umfeld kamen, die ihn womöglich als den braven Buben kannten, der ihren Kindern Nachhilfe erteilte und selber fleißig in der Schule war…
Nun stand er da, der muslimische Rocker, und griff mit seinen Jungs in die Saiten, und sie sangen im Chor “On a ship of glory, sailing far away, into glorius times, we’re sailing night and day… we shall never fail”. Hinter ihnen prangte die fette Rock-Sau von G.R.U.N.Z., mit Sonnenbrille und Ledermanschetten an allen Vieren. Ausgerechnet in diesem sensiblen Moment lief Ibrahim abi mit seiner Frau, die ein Kopftuch trug, und den Kids an der Bühne vorbei - ein religiöser Muslim mit Bart war das, der seine Kinder zum Metaller in die Nachhilfe schickte. Nicht, dass die Muslime in seinem Umfeld das Doppelleben des Gitarristen nicht kennen würden, aber so in Montur mit Gitarre und Sau hatte ihn bis dato wohl keiner von ihnen gesehen. Auf der Bühne wurde es dem muslimischen Gitarristen langsam eng. Er versuchte den Blickkontakt zu vermeiden, doch schwupp - war es schon geschehen, und man hatte sich mit einem höflichen Kopfnicken aus der Weite gegrüßt: “Selamun aleyküm”, “Aleyküm selam”. Schluck. Hoffentlich, dachte sich der Muslim, war wenigstens die fette Sau hinter ihm nicht so deutlich zu sehen. So drehte er ich sich langsam um, doch was musste er erblicken: Die fette Rock-Sau mit der Sonnenbrille und den Ledermanschetten an allen Vieren grinste im hellen Bühnenlicht gemeiner als je zuvor…
Zeiten vergingen. Nachdem die Band sich in gegenseitigem Einvernehmen bis auf Weiteres aufgelöst hatte, ging die Musik jedoch weiter. Der Muslim wurde nunmehr auch zu türkischen Hochzeiten eingeladen, um mit einem Sazspieler Sketche vorzuführen, und einmal erschien er sogar mit einem kleinen, spontan zusammen gewürfeltem Knabenchor auf einer religiösen Veranstaltung zum Geburtstag des Propheten, diesmal aber ohne die fette Rock-Sau…
Interessanterweise wurde der Muslim in der türkisch-islamischen Community auch während seiner Bandzeit nie wegen seiner E-Gitarre oder seinem Metal-Tick persönlich kritisiert, auch wenn sich der eine oder andere mal über die Sinnlosigkeit weltlicher Musik mokierte. Immer, wenn er sich im muslimischen Kreis rechtfertigen wollte, hieß es, “Ist schon gut, ich habe kein Problem damit, mach ruhig weiter, es gibt bei uns eh viel zu wenig Musiker” Leicht machte man es ihm. Was sie sich wohl dachten? Wenn es nach der orthodoxen Theorie ging, war Musizieren zumindest mal etwas Unübliches. Aber wenn es dann einer doch tat, ohne den Hurra-bin-endlich-auch-modern-Türken herauszuhängen, dann war das plötzlich toll und interessant und den Leuten fielen eine Menge Gründe dafür ein, warum es an sich gut ist Musik zu machen. Machten die Leute das, weil man ihn für unheilbar verrückt hielt? Oder weil er schon immer so komisch ‘deutsch’ war? Wussten sie vielleicht, dass er mit der Musik auch dann nicht aufgehört hätte, wenn die Leute ihn verurteilt hätten? Oder tolerierten sie sein Verhalten, weil er vieles aus beiden Kulturen auf relativ ungewöhnliche Weise verband, gar miteinander im Schmelztiegel vereinte, ohne sich in ein enges, monokulturelles Korsett zwängen zu lassen? Steckte hinter dieser Toleranz vielleicht die Sehnsucht vieler muslimischer Konservativer, eigentlich auch gerne so manches als gegensätzlich Wahrgenommenes miteinander verbinden zu wollen, während sie sich jedoch vor Kritik aus den Reihen der Vertreter der türkisch-islamischen und deutschen Monokulturen scheuten? Lag die Toleranz vielleicht daran, dass der Gitarrist demonstrierte, dass man sogar in der Metalszene seinen eigenen Weg gehen konnte, ohne die Grundfeste eines einigermaßen ‘islamischen’ Lebens gegen die “Ausschweifungen” des Rockerlifestyles (oder Möchtegern-Rockerlifestyles) austauschen zu müssen?
Denn eines war unübersehbar: Die Metal-Musik faszinierte ihn, und ihr Pathos und ihre Metaphern umgriffen sein ganzes Denken - er war jedoch nie ‘Metaller’ im klassischen Sinne (so mit Bier und so) geworden. Für die mystischen Freuden und die schöne gemeinsame Zeit unter den Musikern war das aber offensichtlich nicht nötig! Diese Einsicht war eine seiner wichtigsten Entdeckungen in diesen Jahren, eine Entdeckung, die ihn wohl ein für allemal von der Idee und Praxis Deutschland überzeugte… ein Deutschland, das einen Grundkonsens erzwingen konnte, aber darüber hinaus die verrücktesten Kombinationen ermöglichte - eine Entdeckung, die eindeutig mit noch mehr Metal-Musik gefeiert werden musste… Aber wer sollte all das religiös begründen, rechtfertigen und aus den Quellen herleiten? Wer sollte diesen Mischmasch in Einklang bringen mit der so überschaubaren Welt der Monokulturen? Oder war dieser Mischmasch vielleicht gar keiner, sondern eine eigene dritte Kultur, die Individuen unter günstigen Bedingungen hervorbringen können, und die einmal entstanden nie wieder den Weg zurück in die Zahnpastatube finden?
In jedem Fall waren die Fakten jeglicher Theorie zuvorgeeilt.
Das war gerade das Schöne an dieser Musik: Man konnte mittendrin sein, unter den Leuten aufgehen, aber sich trotzdem nur das herausnehmen, was einem gefiel. Hauptsache die Kommunikation stimmte und jeder wusste im Zweifel, woran er war. War das gegeben - und das war es in der Tat - dann sah man unter den Musikern über alle Differenzen hinweg. Und man mochte sich so sehr, dass man stolz auf die gemeinsame Teilidentität war…
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Islamisches Recht: richtig verstanden?
16.8.2009 von Hakan Turan.
Fast jeder muslimische Haushalt hat an irgendeiner besonderen Stelle in der Wohnung ein Buch stehen, das man Ilmihal (frei übersetzt: „Wissen(schaft) von der Situation“ oder Katechismus) nennt. Ein Ilmihal ist ein praktisches Handbuch, das in Kapiteln und oft in durchnummerierte Paragraphen gegliedert ist. In ihm kann man z. B. die Glaubensgrundlagen oder detaillierte Beschreibungen islamischer Praktiken nachlesen, z. B. des rituellen Gebets oder des Fastens. Manche Ilmihals umfassen darüber hinaus Kapitel zu fast allen Lebensbereichen, während andere sich auf einzelne Themen beschränken. Zu den Klassikern aus letzterem Bereich im türkischen Buchregal gehört ohne Zweifel das verbreitete „Namaz Hocası“ (zu deutsch: Gebetslehrer) von Yusuf Tavaslı, das eine für alle Alters- und Bildungsgruppen verständliche Einführung in die Praxis des rituellen Gebets, in die Regeln des Fastens im Ramadan usw. enthält und neben einer Reihe didaktischer Abschnitte auch aufzählende Passagen im Stil eines Ilmihals aufweist – so z. B. wenn aufgelistet ist, welche Handlungen während dem Fastentag im Ramadan das Fasten ungültig machen und welche nicht. Hierbei werden Begriffe des fiqh, d. h. der klassischen islamischen Rechtswissenschaft verwendet, z. B. auf Türisch „Vacip“ oder „Farz“ für Gebotenes, „Haram“ für Verbotenes, „Sünnet“ für empfohlene Praktiken des Propheten Muhammad etc.
Was haben aber Fasten und Beten bitte mit Rechtssprechung zu tun? Ganz einfach: Nach einer Unterteilung in der klassischen islamischen Rechtswissenschaft – namentlich al-fiqh (türksich: fıkıh) – die sich in den ersten Jahrhunderten des Islams entwickelt hat, kann die gesamte Sphäre der durch Koran und Sunna vermittelten Normen in verschiedene Bereiche eingeteilt werden. Zu den zentralen Bereichen gehören dabei der der ‘Ibadat (auf Gott bezogene Handlungen, also Gottesdienste) und der der Mu’amalat (Handlungen im Verhältnis zur Gesellschaft). In der islamischen Gelehrsamkeit werden die Gottesdienste also als ein Teil eines umfassenden islamischen Rechts aufgefasst. In den allermeisten Fällen meinen Muslime also nicht den Wortlaut von Koran und Hadithen, wenn sie von islamischen Geboten, Verboten, Gesetzen etc. sprechen, sondern Ergebnisse einer bestimmten Tradition innerhalb der Rechtswissenschaft al-fiqh, z. B. die Positionen der hanafitischen Rechtsschule, die unter den Türken weite Verbreitung hat. Diese Wissenschaft liefert Gebote und Verbote in erster Linie auf Basis der Primärquellen Koran und Sunna.
Wenn also von kodifiziertem islamischen Recht (einschließlich der Gottesdienste, Speisevorschriften, Strafrecht, Familienrecht etc.) die Rede ist, dann meint man stets das Recht, das die Rechtsgelehrten (also die fuqaha) per Interpretation aus Koran und Sunna abgleitet haben. Ihr Ideal war es aus Koran und Sunna das universelle, verbindliche Gesetz Gottes für alle Lebenssituationen, also die normative Shari’a, abzuleiten. Die Shari’ah im hier gemeinten Sinne (Vorsicht! Vieldeutiger und heiß umkämpfter Begriff!) liegt also nicht unmittelbar vor unserer Nase, sondern ist das Ergebnis der Interpretation in der fiqh-Wissenschaft. Selbst fundamentalistische Zugänge, wie die von manchen Salafiten und Wahhabiten, die Koran und Sunna möglichst unmittelbar umsetzen wollen, lesen diese im Lichte einer gewissen vorgeschalteten fiqh-Systematik. Diese Systematik ist nicht mit dem Text identisch – und das ist hier zunächst das Entscheidende.
Da die fiqh-Wissenschaft kompliziert ist, werden ihre Ergebnisse ohne Angabe der systematischen Herleitung und ausführlichen Begründung, und meist auch ohne Auflistung der Gegenmeinungen und Begründungsprobleme als endgültige Tatsache der breiten Bevölkerung in Form von Ilmihals, oder in Lesungen und Predigten verabreicht. Der Vorteil: Volk weiß genau, was zu tun ist. Der Nachteil: Volk weiß nicht, warum gerade dies zu tun ist. Anspruchsvollere Werke weisen auf die Herleitung und alternative Deutungen z. B. in den verschiedenen Rechtsschulen hin. Insofern ist islamisches Recht zwar methodisch aus Koran und Sunna abgeleitet. Es ist in seiner universalisierten Form jedoch stets das Ergebnis einer Interpretation ausgewiesener Gelehrter – von der Beurteilung der Authentizität von Hadithen, über die Frage nach der Allgemeingültigkeit koranischer Aussagen bis hin zur Priorisierung koranischer Normen. Und es ist pluralistisch, insofern als dass die Muslime bereits seit der Zeit der Prophetengefährten unterschiedliche Auslegungen kannten und gebilligt haben. Das Problem ist heute: Fast alle breiten fiqh-Traditionen haben den größten Teil ihrer inhaltlichen Ausgestaltung schon seit über tausend Jahren hinter sich. Diesen Boden möchte man heute jedoch nur ungern verlassen, da die Wortführer der praktizierenden Kreise den heutigen Gelehrten nicht viel mehr als Fußnoten zu den Werken der klassischen Gelehrten zutrauen. Sie bevorzugen im fiqh den taklid, d. h. die (bisweilen selektive) Übernahme der Meinungen der klassischen Gelehrten. Darum reichen vielen traditionell orientierten Muslimen Ilmihals, wenn sie wissen wollen, was im Islam nun Sache ist. In den allermeisten Fällen gibt man sich sogar schon mit einem Hörensagen im vertrauten Umfeld zufrieden. Von der fiqh-Wissenschaft kommen auf der Stufe des alltäglichen Islams daher meist nur selektive Endergebnisse, sozusagen Splitter von Ilmihal-Wissen an.
Aber es gibt noch eine Stufe vor fiqh. Die Prinzipien, nach denen die fiqh-Wissenschaft aus Koran und Sunna Normen ableitet, sind keine Selbstverständlichkeit – sie werden auch nirgends im Koran systematisch ausgeführt. Vielmehr sind diese Prinzipien Gegenstand einer Wissenschaft höherer Ordnung, also einer Wissenschaft über die fiqh-Wissenschaft, auf die alle muslimischen Autoren heute mit großem Stolz hinweisen und sie als den eigentlichen Kern der islamischen Rechtsphilosophie ausweisen, nämlich der usul al-fiqh (türkisch: fıkıh usulü), was Grundlagen (oder Methodologie) der Rechtswissenschaft bedeutet. Sie ist Rechtshermeneutik in vollstem Sinne, und ein großer Teil von ihr ist eine frühislamische Form elaborierter Sprachwissenschaft von beeindruckender Tiefe und Subtilität. Gelehrten wie Abu Hanifa hatten klare Vorstellungen von ihrem usul, jedoch wurde das erste eigenständige Werk über usul al-fiqh erst im zweiten islamischen Jahrhundert vom Rechtsgelehrten asch-Schafi’i verfasst.
Im usul al-fiqh wird geklärt wie überhaupt aus einem so vielfältigen Text wie dem Koran Normen abgeleitet werden können, wie man mit Deutungsvielfalt umgeht, welchen Stellenwert die Vernunft neben dem Wortlaut der Primärquellen bei der Aufstellung von Normen hat, was überhaupt die eigentlichen Zwecke des islamischen Rechts sind, wann koranische Aussagen als universelle Norm gelesen werden müssen, und wann sie nur eingeschränkt (oder gar nicht) gültig sind etc. Hier klärt man die Interessen, die im fiqh Vorrang genießen, den Umgang mit widersprüchlichen Quellentexten und auch die Frage, wann Normen als unbedingt gelten und wann sie ein Mittel zu einem höherstufigen Zweck darstellen. Usul al-fiqh thematisiert also das Verstehen und das Aufstellen von Normen überhaupt und ich persönlich glaube, dass jede ernsthafte Diskussion über islamisches Recht und islamische Weltanschauung(en), über Deutungsmöglichkeiten und über eine Integration von Islam und Moderne früher oder später auf dieser Ebene operieren muss, wenn sie nicht schnelle Lösungen will, sondern den Dingen auf den Grund gehen möchte.
Das Ilmihal-Wissen um den praktizierten Islam speist sich also aus der fiqh-Wissenschaft. Und die fiqh-Wissenschaft interpretiert Koran und Hadithe und gemäß Prinzipien höherer Ordnung, die in usul al-fiqh thematisiert und diskutiert werden. Auch die usul al-fiqh des klassischen islamischen Rechts ist wie das fiqh in sich selbst pluralistisch und war trotz breiter gemeinsamer Basis immer auch kontrovers und stellte so unter Beweis, dass genuin islamisches Denken immer auch hermeneutisches Denken ist, und dass keiner der großen Rechtsgelehrten das Verstehen als voraussetzungslos abgetan hätte.
Das macht mir Mut nachzufragen, wie es zur Etablierung universeller islamischer Normen kam, und unter welchen Bedingungen man eine Flexibilität des islamischen Rechts erwarten darf bzw. muss. Und es macht mir Mut, dass man islamisches Recht begreifen, unterschiedliche Positionen vergleichen und begründet Stellung beziehen kann, ohne den Anspruch erheben zu müssen selbst ein Rechtsgelehrter sein zu wollen. Sofern es in einer Wissenschaft mit rechten Dingen zugeht, muss jeder Mensch sich selbstständig über ihre populären Ergebnisse (Ilmihal), ihren Diskurs (fiqh) und ihre hermeneutische Selbstreflexion (usul al-fiqh) informieren können. Wer sich betroffener fühlt muss sich schließlich auch ein Bild von der Passung von Gegenwartsproblemen und traditionellen Lösungen machen können. Aber er muss dazu auch den entsprechenden Atem mitbringen.
Manches ist dabei ganz ähnlich wie in der Naturwissenschaft. Ich kann mich an populärwissenschaftlichen Darstellungen eines astronomischen Themas erfreuen (das ‚Ilmihal‘). Jedoch steckt hinter diesen Darstellungen die eigentliche Wissenschaft, nämlich das geduldige Beobachten und Protokollieren, der wissenschaftliche Diskurs und das Entwickeln und Verwerfen von Theorien (das ‚fiqh‘). Dieses muss ich nicht selbst durchführen – ich bin jedoch verpflichtet die wichtigsten Stationen in diesem Erkenntnisprozess nachzuvollziehen, wenn ich darüber urteilen will. Oder ich mache eine Form von taklid – das heißt, ich vertraue dem entsprechenden Wissenschaftlerteam, dass sie alles richtig beobachtet und beurteilt haben und überantworte die Stichhaltigkeit der Beweise gänzlich ihrer eigenen Kompetenz. Habe ich jedoch das dringende Interesse den endgültigen Geltungs- und Gewissheitsanspruch dieser Wissenschaft überhaupt zu beurteilen, dann muss ich früher oder später die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen astronomischer Theorien soweit es möglich ist analysieren und beurteilen (das ‚usul al-fiqh‘). Die Alternative mündet in blinde Autoritäts- bzw. Wissenschaftsgläubigkeit, die ihren Meistern eventuell Dinge zutraut, die sie mit menschlichen Mitteln nicht einlösen können.
Viele Wissenschaftler – gleichgültig ob in Naturwissenschaft oder Theologie – setzten ihre Methoden kritiklos voraus. Sie handeln dabei nicht etwa frei von ‚usul‘, also von Grundannahmen über die Prinzipien ihrer Wissenschaft überhaupt, sondern sind sich derer lediglich nicht bewusst. Reflektierte Menschen hingegen können wenigstens ansatzweise Rechenschaft über ihre Prinzipien und Methoden abgeben oder wissen zumindest, dass sie nicht voraussetzungslos handeln, sondern, dass ihre Methodologie hinterfragbar ist, Vieldeutigkeiten nicht ausschließen kann und in vielen Fällen gar keine absoluten und notwendig wahren Gewissheiten liefern kann. Nicht weil es keine Wahrheit gäbe, sondern weil sie mit unseren endlichen Erkenntnismitteln nie mit absoluter Gewissheit sichergestellt werden kann. Und wer das Gegenteil behauptet, der trete bitte vor. Sehr wohl kann aber eine vermutete Wahrheit innbrünstig geglaubt werden. Und vermutlich ist kein Glaube vollkommen, der nicht auch im bewussten Zweifel noch Liebe und Leidenschaft bewahren kann. Weise ist jedoch der, der dabei nicht vergisst, dass er letztlich glaubt, wenn auch mit bestem Gewissen und aus guten Gründen.
In einer Reihe von Fällen wird man kein Schütze sein müssen um zu erkennen, ob der Meister mit dem selben Bogenschuss auch unter den gewandelten Bedingungen von heute noch ins Schwarze treffen würde, sprich, ob das vor langer Zeit Dargebotene auch unter unseren Verhältnissen das halten kann, was es verspricht, nämlich Gottesnähe, Gerechtigkeit und Glückseligkeit – oder ob man darauf bestehen muss, dass andere Bedingungen eventuell modifizierte Zugänge zur Tradition und zur Gegenwart erfordern, und dass blinder Dogmatismus dem Islam und den Muslimen langfristig immer geschadet statt genützt haben. Jedoch gilt es gerade bei diesem heiklen und dringenden Thema auch tiefe Bescheidenheit zu üben und den altehrwürdigen Meistern geduldig zuzuhören, denn sie haben uns womöglich auch heute noch mehr zu sagen, als manchmal durch die getrübte Oberfläche der Tradition durchscheint…
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Hello World!
14.6.2009 von Hakan Turan.
Herzlich willkommen auf meinem Blog andalusian.de!
Hier möchte ich mit euch Gedanken und Erfahrungen zu Themen teilen, die mir sehr am Herzen liegen, für die ich jedoch bislang keinen passenden Rahmen gefunden habe - Themen, die mich tagein und tagaus beschäftigen, und von denen ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der über sie nachdenkt. Es geht um Fragen der Identität, des Glaubens und der Werte - konkret: um Fragen der Stellung muslimischer und insbesondere türkischstämmiger Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, also auch um mich…
Gerade die junge Generation von Türkinnen und Türken tut es sich oft schwer mit ihrem Leben zwischen zwei - oder mehr - Kulturen und es gibt eine ganze Reihe ungeklärter Fragen und Probleme, zu denen noch keiner eine schlüssige Theorie entwickelt zu haben scheint. Die Paradoxie startet bereits damit, dass Türken die Probleme, die ihr Türke-Sein betreffen am liebsten auf Deutsch diskutieren. Ich bin da gewiss keine Ausnahme - und vielleicht ist das gerade ein Hinweis darauf, dass Leute wie wir nicht nur formal, sondern auch tief in uns eine deutsch-türkische Identität aufweisen. Das ist etwas Neues, das wir unseren Mitmenschen oft mühsam plausibel machen müssen.
Noch anspruchsvoller wird die Frage nach der Identität, wenn man den Faktor Religion in Betracht zieht. Wenn jemandem wie mir und den meisten türkischstämmigen Bürgern in Deutschland der Islam am Herzen liegt, dann eröffnet sich dadurch eine weitere Dimension in der Identität - aber damit auch eine weitere Dimension an Problemfeldern und entsprechendem Gesprächsbedarf. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass dieser Bedarf gerade bei der jungen Generation immens ist, aber dass ihnen in diesem Punkt noch niemand wirklich die Hand reichen konnte. Denn fast immer sind es Außenstehende, die sie über die Treue zur türkischen Kultur, über den Glauben, oder über Integration zu belehren versuchen. Was wir jedoch brauchen, ist eine Reflexion von innen heraus, aus der Sicht der Betroffenen selbst. Denn auch wenn es viele nicht gerne aussprechen, oder wahrhaben wollen: Wir haben deutsch-türkisch-islamische Identitäten entwickelt, und das auf eine einzigartige und nicht mehr rückgängig machbare Weise. Statt dies zu ignorieren, möchte ich mir dessen bewusst werden, und darüber nachdenken, was dies für die Zukunft in unserer pluralistischen Gesellschaft bedeutet.
Dies ist auch von Wichtigkeit für die Mehrheitsgesellschaft, da auf Seiten der Deutschen eine zunehmende Verunsicherung hinsichtlich der Situation der Migranten, bzw. des neuen, kulturell und religiös gemischten Deutschlands besteht. Es gibt zahlreiche schwierige Fragen, zu deren Klärung wir aufeinander angewiesen sind, was freilich einen Dialog auf Augenhöhe voraussetzt. Hierbei darf es auch kein Hindernis sein, dass manche Deutsche und auch manche Türken weder an einem solchen Dialog, noch an einem respektvollem Umgang mit der Kultur des anderen interessiert sind. Ich vertrete bei all dem eine positive und optimistische Position, die sich bislang bestens bewährt hat, und glaube, dass es mit einer intellektuell und emotional gereiften Haltung sehr wohl möglich ist, sich sowohl mit Deutschland, als auch z. B. mit türkisch-islamischer Kultur zu identifizieren. Ich glaube ferner, dass man mit Vernunft, respektvoller Kommunikation und der Bereitschaft zur Selbstkritik die teilweise nicht abzuleugnenden Spannungen zwischen der muslimischen Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland abbauen kann, aber eben unter der Voraussetzung, dass es da Leute gibt, die mutig, motiviert und einfühlsam genug sind hier für Klärung und Transparenz zu sorgen.
In diesem Sinne hoffe ich, dass dieser Blog sowohl mir, als auch meinen Lesern eine kleine Hilfe bei dieser Auseinandersetzung sein kann und zum Weiterdenken und Weiterhandeln inspiriert. Noch schöner wäre es, wenn Diskussionen zustande kommen, wobei ich nicht weiß, ob ich die Zeit finde diese zu moderieren. Falls die Kommentarfunktion mal nicht aktiviert ist, bitte ich dies mir nachzusehen und freue mich - wie freilich auch sonst immer - über eure Mails unter andalusian@gmx.net. Derweil sei noch betont, dass dieser Blog weder ausschließlich an Türken oder an Muslime gerichtet ist - nur ist mein Hauptthema hier eben das Leben als türkischstämmiger Muslim bzw. als türkischstämmiger Deutscher in Deutschland, wobei die meisten Beiträge hier sicherlich auch auf andere Hintergründe verallgemeinert werden können. Außerdem will ich auch Abschweifungen von diesem Inhalt ganz und gar nicht ausschließen, was bei so einem ernsten Thema sicherlich nicht schadet, sondern eher nützt und aufheitert.
In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß auf andalusian.de!
Grüße & Selam,
Hakan
Geschrieben in Identität, Integration, Allgemeines | Drucken | 3 Kommentare »